Das Evangelium ohne die Gemeinde

James Butler Stoney

online seit: 06.07.2017

Es hat noch niemals einen Anfang gegeben, der keine Beziehung zu einem Ziel hatte; deshalb muss das Ziel den Charakter des Anfangs prägen. Es ist wahr, dass jemand nachher seine Pläne ändern mag; dann ist aber sein Ziel, das er nun vor sich hat, nicht mehr in Übereinstimmung mit dem Anfang. Nichts ist deutlicher, als dass ein Ziel bei jedem Anfang vorhanden sein muss und dass dieser mit dem vorgenommenen Ziel, mag es auch noch weit entfernt sein, übereinstimmt. Das Ziel mag sehr verschwommen gewesen sein, nichtsdestoweniger wurde das Werk in Beziehung zu ihm begonnen oder unternommen.

Der Diener des Herrn bekommt einen Auftrag von Ihm, eine gewisse Sache zu tun; es mag sein, dass er das volle Ergebnis seiner Arbeit nicht zu erfassen vermag; um aber dem Ergebnis treu zu sein, muss er dem Auftrag treu sein. Wenn er nicht weiß, was er tun soll, wird er notgedrungen in seinem ganzen Dienst mangelhaft sein.

Jeder wahre Diener wird vom Herrn berufen und mit Gaben ausgerüstet. Eine Gabe ist ein besonderer Dienst, und wenn jeder Diener auf den Herrn wartet, bekommt er Anweisungen von Ihm durch das Wort, um Dem zu gefallen, der ihn berufen hat.

Niemand ist ein Evangelist, es sei denn, dass der Herr ihn für diesen Dienst ausgerüstet hat. Das ist schon einmal der erste Punkt, und niemand, der im Wort unterwiesen ist, wird das leugnen. Das Nächste ist dann der Auftrag, den der Evangelist vom Herrn empfängt. Das ist die Ursache, aus der heute alle Unvollkommenheit und Schwachheit im Predigen des Evangeliums herrührt. Jeder Diener ist nur dann wirklich nützlich und wirkungsvoll, wenn er der Überbringer der Gedanken seines Meisters ist. Jedes Mal, wenn er versagt, die Gedanken des Herrn richtig darzustellen, versagt er in seinem Auftrag, wie groß seine Kraft als Verkündiger auch sein mag. „Damit er dem gefalle, der ihn angeworben hat“ [2Tim 2,4] – das ist die erste und wichtigste Eigenschaft eines Dieners. Seine Fähigkeit genügt nicht. Um es in einfachen Worten zu sagen: Ein Diener mag jede Fähigkeit haben und doch dem Dienst nicht genügen, weil er die Wünsche seines Herrn wenig beachtet. Der begabteste Evangelist, wie groß seine Kraft auch sei, wird in seinem Dienst versagen, wenn er nicht weiß, was der Herr durch seine Predigt bewirken möchte. Es ist deshalb sehr wichtig, dass er vom Herrn lernt, was er tun soll.

Beim Predigen des Evangeliums müssen wir Licht aus den Schriften für unseren Auftrag beziehen, entweder aus Schriften vor der Himmelfahrt des Herrn oder danach. Vor der Himmelfahrt gab es Errettung für die Seele, es war aber keine Gemeinde da, und der Evangelist, der sich jetzt allein von dem Maß des Lichtes, das vor der Himmelfahrt vorhanden war, leiten lässt, entspricht nicht seinem Auftrag. Wie begabt er auch sein mag, er kennt die Gedanken des Herrn nur mangelhaft und tut das Werk des Herrn nachlässig – es mag nicht seine Absicht sein, das gebe ich zu –, aber heute ist es überaus wichtig, den einen vollkommenen Weg zu erkennen. Es gibt nicht zwei Wege. Dem richtigen Weg nahe zu sein oder Eifer und Erfolg zu haben, ist kein Ersatz für die Missachtung des Willens Gottes oder der Unkenntnis seiner Wünsche. …

Die Gaben wurden nach der Himmelfahrt unseres Herrn gegeben, und deshalb muss der Evangelist, wenn er vom Herrn, der ihm die Gnadengabe verlieh, belehrt worden ist, jetzt ein klares Ziel vor sich haben, das mit den Gedanken Christi übereinstimmt. Entweder greift der Evangelist allein auf das Licht zurück, das vor der Himmelfahrt Christi da war – dann verbindet er seine Gabe nicht mit ihrer Quelle und ist rückständig im Zeugnis. Oder er weiß, dass er ein Evangelist durch die Gabe von einem auf Erden verworfenen, aufgefahrenen Christus ist – dann bemüht er sich darum, Seelen „von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott“ zu führen, „damit sie Vergebung der Sünden empfangen und ein Erbe unter denen, die durch den Glauben an mich geheiligt sind“, d.h. an den verherrlichten Christus [Apg 26,18].

Wenn die Errettung der verlorenen Seele das einzige Ziel vor Augen ist, dann bringt jeder Teil des Dienstes des Evangelisten dieses Ziel mehr oder weniger zum Ausdruck. Wenn aber Christus und unsere Vereinigung mit Ihm in der Herrlichkeit das Ziel ist (wie es sicherlich sein muss, wenn der Evangelist weiß, dass er von einem zur Rechten Gottes aufgefahrenen Heiland gesandt worden ist, um die frohe Botschaft des vollbrachten Werkes zu predigen), dann trägt der Anfang und jeder Teil seines Werkes das Kennzeichen dieser Wahrheit, und die Seelen, die seine Botschaft annehmen, werden im Einklang damit erleuchtet. Wenn der Evangelist seine Gabe einem aufgefahrenen Christus entnimmt, so muss er, wenn er diese eine einfache Sache aufrichtig vor sich stehen hat, die Gedanken des aufgefahrenen Christus erforschen und Seelen suchen, die an einen aufgefahrenen Christus glauben. Und glaubend werden sie den Geist empfangen, der sie mit dem jetzt Abwesenden vereinigt.

Die Gemeinde kam infolge der Verwerfung Christi. Sie trat nicht hervor, solange ein Angebot vom Herrn in Herrlichkeit in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte an Israel bestand, bis Stephanus gesteinigt wurde. Doch die Gemeinde war die ganze Zeit der wahre Sammelpunkt.

Die Heiligen sind jetzt in der Kraft des einen Geistes zu einem Leib getauft; das schwächste Glied ist notwendig, und die Sicherheit der Seele ist jetzt nicht das einzige Ziel des Evangeliums, sondern dass Gläubige mit Christus, dem Haupt im Himmel, vereinigt werden und auch miteinander durch den Heiligen Geist auf der Erde. Es ist von größter Bedeutung, ob der Evangelist erfasst, was die Gedanken des Herrn sind, indem Er ihm die Gabe eines Evangelisten verliehen hat. Wie ernst und treu er auch sein mag, er kann sonst seine Pflicht an Seelen nicht erfüllen noch dem Herrn gefallen. Wenn er sich im Herzen vornimmt, das Ziel seiner Arbeit auf die Errettung der Seelen zu beschränken, so kann er nichts darüber hinaus tun, bis die Beschränkungen in seinem Sinn beseitigt sind. Wenn der Prediger in seiner Erkenntnis und in seinem Vorsatz nicht über die Vergebung der Sünden hinauskommt, mag es Bekehrte wie in Ephesus geben, die nicht weiter als Apollos waren, der ihnen gepredigt hatte und nur „die Taufe des Johannes“ kannte. Wenn der Geist Gottes das gesprochene Wort segnet, so ist der Segen in Übereinstimmung damit, wie es vorgestellt wurde. Das wird in 1. Korinther 3 als das Werk eines Menschen bezeichnet; es kann weise, töricht oder schlecht sein. Das getane Werk hängt von der Belehrung des Dieners ab. Seelen mögen Hilfe oder Licht auf andere Weise vom Herrn empfangen, immer aber wird eine Übereinstimmung mit dem Lehrer und den Belehrten sein. Deshalb waren die Jünger, die Paulus in Ephesus fand, die durch Apollos bekehrt worden waren, nicht weiter als ihr Evangelist. Ich erwähne das, um zu zeigen, dass es wichtig ist, einen richtigen Grund zu legen und die Zeit zu verstehen, sonst werden die Bekehrten behindert und es wird ihnen geschadet. Ich bin sicher, dass kein Prediger einen Grund legen kann, der die Welt ausschließt, wenn er nicht weiß, dass er mit Christus vereinigt ist und seine Gabe von einem aufgefahrenen Christus empfängt, auf den er wartet. Er muss wissen, wo Er ist, und Anweisungen von Ihm empfangen, die in Übereinstimmung mit dem Schauplatz sind, von wo aus Er sie mitteilt, dann bleibt er in Übereinstimmung mit dem gegenwärtigen Zeugnis des Herrn.

Es ist unmöglich, sich von der Welt abzusondern, bis man weiß, was es bedeutet, himmlisch zu sein. Nichts kann das Herz von den irdischen Dingen ablenken als nur der Geist Gottes, der uns in die Gesellschaft Christi führt, dort wo Er ist. Wenn das Herz ein festes Band mit Christus gefunden hat, so wird es bald die richtige Zusammenkunft finden oder wie sich versammelt werden soll. Oft wird die Frage der Hölle oder des Himmels für die Zukunft geregelt, aber nicht gefragt, ob es jetzt die Erde oder der Himmel ist. Der wahre Grund – ob die Diener es sehen wollen oder nicht –, dass es so viele Verfechter des Evangeliums ohne die Gemeinde gibt, ist der, dass man ruhig in der Welt bleiben und irdischen Dingen nachstreben kann, aber dennoch eifrig Seelen vor der Hölle zu retten sucht. Das könnte aber niemals so sein, wenn man zum Ziel hätte, Seelen mit Christus im Himmel zu verbinden, damit sie nicht von der Welt sind, weil Er nicht von der Welt ist. Es ist praktisch so, dass die meisten anerkannten Evangelisten heute solche sind, die niemals mit der Welt gebrochen haben. Niemand kann aufrichtig die Wahrheit der Gemeinde bewahren, der nicht in gewissem Maß die irdischen Dinge aufgegeben hat. Die Verfassung der Gemeinde erfordert, dass ihre Hoffnungen himmlisch und ihre Kraft und Unterstützung geistlich sind. Es ist unmöglich, wahrhaftig und aufrichtig ein Glied des Leibes Christi auf der Erde zu sein, ohne zu sehen, dass man dieser erhabenen Berufung nur entsprechen kann, wenn man himmlisch und geistlich ist. Dieser höchste Grad gegenseitiger Beziehungen und diese völlig neue Art der Einheit, wo jedes Glied das andere beeinflusst, kann nur in der Gemeinde verstanden werden. Wenn dies verstanden wird, bewirkt es neue und besondere lebendige Gefühle in den Herzen für das Volk Christi hier auf der Erde, die anders nicht gekannt werden können.

Ich bin überzeugt und traurig darüber, dass die Ursache der Schwachheit bei Jungbekehrten heute hauptsächlich darin begründet ist, dass von den Predigern nicht genug auf den Herrn, wo Er jetzt ist, hingewiesen wird, von dem sie ihre Gaben empfangen haben. Aus diesem Grund suchen sie Unterweisung für ihren Auftrag aus Schriftstellen vor der Aufrichtung der Gemeinde, und alle ihre Arbeit trägt den Stempel ihrer Unwissenheit oder Gleichgültigkeit. Es ist sehr schmerzlich, dieses zu erwähnen, es ist aber sehr notwendig. Möge der Herr jeden erkennen lassen, was sich geziemt und dass man, wenn man vom Haupt der Gemeinde gesandt ist, deutlich und sorgfältig den Auftrag von einem aufgefahrenen Christus, den die Menschen verworfen haben, erfüllen muss.


Originaltitel: „The Gospel without the Church“
aus A Voice to the Faithful, Bd. 8, 1874,  S. 22-32

Letzte Aktualisierung: 28.06.2017


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