Attraktive Gemeinde – für wen?
Kennt die Bibel die attraktive Gemeinde für Außenstehende?

Johannes Pflaum

© kfg.org, online seit: 20.03.2002

Einleitung

„Wir brauchen anziehende und attraktive Gemeinden.“ Dieser Slogan ist zu einem regelrechten Dogma geworden. In diesem Zusammenhang geht es meistens um „attraktive Gemeinden“ für Menschen, die dem Glauben fernstehen. Das Gemeindeleben und die Veranstaltungen sollen so ausgerichtet sein, dass sich möglichst jedermann in der Gemeinde wohl fühlen und wiederfinden kann. Alles, was einem „Fernstehenden“ dabei vor den Kopf stoßen könnte, soll vermieden werden. Statt einer intensiven Wortauslegung oder Predigt als bestimmender Hauptteil des Gottesdienstes braucht man verschiedenste Elemente, die sowohl vom Unterhaltungswert wie auch auf der emotionalen Ebene die „Kirchenfernstehenden“ abholen und begeistern sollen. Ganze Gemeinden werden durch diesen Trend umgekrempelt. Was früher als geistliche Tabuzone galt, ist heute gerade noch gut genug, um Außenstehenden die „Schwellenangst“ zu nehmen. Kennzeichen geistlichen Lebens aus der Vergangenheit werden dagegen als heute unbrauchbar und hinderlich auf dem Müllhaufen der Kirchengeschichte entsorgt. Die attraktive Gemeinde für Außenstehende wird mit dem Gehorsam gegenüber dem Missionsbefehl (Mt 28,18-20) begründet. Damit ist doch von der Bibel her alles klar – oder etwa doch nicht?

Kennt die Bibel die „attraktive Gemeinde“ für Außenstehende?

Sehen wir nun einmal die Apostelgeschichte und die Lehrbriefe des Neuen Testaments nach „attraktiven Gemeinden für Außenstehende“ durch, kommen wir zu einer interessanten Feststellung: Es gibt keine einzige Belegstelle in der Heiligen Schrift, nach der die örtlich versammelte Gemeinde aufgefordert ist, sich „attraktiv für Außenstehende“ darzustellen und dies, obwohl die Apostelgeschichte wie auch die Lehrbriefe vom Missionsauftrag und der Liebe zu den verlorenen Menschen durchzogen sind. In Apostelgeschichte 5,13 lesen wir im Bezug auf die Urgemeinde in Jerusalem: „Das Volk rühmte sie.“

Dazu müssen wir zwei Dinge beachten. Einmal berichten uns die ersten Kapitel der Apostelgeschichte von dem Gehorsam der Apostel gegenüber ihrem HERRN in der Evangeliumsverkündigung trotz der Leiden und Unannehmlichkeiten, die damit für sie verbunden waren. Somit war dieses Ansehen in den Augen der Bevölkerung nicht ein Ziel, auf welches die Apostel hingearbeitet hätten, sondern Gott schenkte dies der Gemeinde als Folge ihres kompromisslosen Gehorsams. Zum anderen lesen wir im Textzusammenhang nichts von einem „attraktiven“ oder „unterhaltsamen“ Gemeindeleben für Außenstehende. In Verbindung mit dem Gericht über Hananias und Sapphira wird uns das Gegenteil berichtet: „Und es kam eine große Furcht über alle, die es hörten … Von den Übrigen aber wagte keiner, sich ihnen anzuschließen“ (Apg 5,5.13). Ein „Sich-Wohlfühlen“ für außenstehende und verlorene Menschen war damit in den Zusammenkünften der ersten Gemeinde unmöglich. Im Folgenden können wir dann aber lesen, wie Menschen durch Gottes Handeln gerettet wurden und nicht etwa durch „attraktive“ oder „besucherfreundliche“ Gottesdienste: „Aber umso mehr wurden solche, die an den Herrn glaubten, hinzugetan, Scharen von Männern und auch Frauen“ (Apg 5,14).

Attraktive Gemeinde – für wen?

Nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift hat die Gemeinde nur einem zu gefallen: Christus ihrem Herrn und Haupt. Es soll deshalb unser höchstes Anliegen und Ziel sein, dass die Gemeinde „attraktiv“ für Christus ist, wie Paulus in 2. Korinther 11,2 schreibt: „Denn ich eifere um euch mit Gottes Eifer; denn ich habe euch einem Mann verlobt, um euch als eine keusche Jungfrau vor den Christus hinzustellen.“ Dieses Bild von Braut und Bräutigam, bzw. von zwei Eheleuten und ihrer Liebe zueinander, greift Paulus auch in Epheser 5,22-33 auf, um das Verhältnis zwischen Christus und Seiner Gemeinde zu verdeutlichen.

Der Herr Jesus hat Seine Gemeinde erwählt und selbstlos geliebt. Er hat sie mit Seinem heiligen Blut erkauft und damit den höchsten Preis für sie bezahlt, den es geben konnte. Darum sehnt Er Sich danach, dass die örtlich versammelte Gemeinde allein auf Ihn ausgerichtet ist und die Gestalt annimmt, die Er gerne in ihr sehen möchte und in Seinem Wort für sie vorgezeichnet hat. Eine Gemeinde, die sich attraktiv für Außenstehende gestaltet, mag beste missionarische Motive und eine brennende Liebe zu den Verlorenen haben. Dies ändert aber nichts daran, dass sie damit im Widerspruch zu dem eigentlichen Ziel des Herrn Jesus mit Seiner Gemeinde steht. Eine Gemeinde, die für außenstehende Menschen attraktiv sein möchte, bricht geistlich gesehen ihrem HERRN die Treue. Was wir heute brauchen, sind keine neuen Inspirationen und Konzepte für „benutzerfreundliche“ oder „attraktive“ Gemeinden. Wir brauchen dringend eine intensive Beschäftigung mit der Bibel und geöffnete Augen, um ganz neu das geistliche Wesen der Gemeinde Jesu zu erkennen und zu verstehen. Echtes geistliches Wachstum und Auferbauung der Gemeinde ist nur dann möglich, wenn sie allein auf Christus hin ausgerichtet ist und allein Ihm gefallen möchte, wie es in Epheser 2,20-22 steht: „Ihr seid aufgebaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten, wobei Christus Jesus selbst Eckstein ist. In Ihm zusammengefügt, wächst der ganze Bau zu einem heiligen Tempel im Herrn, und in ihm werdet auch ihr mitaufgebaut zu einer Behausung Gottes im Geist.“

„Geht hin“ statt „Kommt her“

Die Gemeinde hat nur ein Ziel: Christus zu verherrlichen und Ihn zu ehren. Ihr HERR hat der Gemeinde aber auch einen missionarischen Auftrag gegeben. Ihren missionarischen Auftrag erfüllt die Gemeinde durch eine klare Verkündigung des Evangeliums. Die Evangelisation darf aber niemals zu einer Anpassung des Gemeindelebens an Außenstehende führen. Eine Anpassung der Gemeindeveranstaltung an Außenstehende wird immer auch eine Veränderung des Evangeliums mit sich bringen. In der örtlich versammelten Gemeinde sollen die einzelnen Glieder auferbaut und zum Zeugnis für Christus ausgerüstet werden. Dazu gehört die missionarische Sendung der einzelnen Glieder in ihre Umgebung und die Welt. Aus diesem Grund hat der Herr Jesus im Missionsbefehl Seinen Jüngern geboten: Geht hin in alle Welt. Eine Gemeinde, die sich nur noch „attraktiv für Außenstehende“ gestaltet, mag einem evangelistischen Eifer entspringen. Aber ist sie dem Missionsbefehl wirklich gehorsam? Wird das „Gehet hin“ der Jünger nicht im tiefsten Grund zu einem „Kommet her“ für die Außenstehenden umfunktioniert?

Wolfgang Dyck schrieb in diesem Zusammenhang:

Ich weiß, dass ich damit nichts Neues sage. Aber das wäre etwas sensationell Neues, wenn die Christen endlich, anstatt auf ihre Unfähigkeit zu sehen oder auch anstatt nach neuen Methoden, neuer Musik und neuen Wegen Ausschau zu halten, endlich einen neuen Gehorsam praktizieren würden. Lasst uns neu lernen, im Gehorsam hinzugehen und das Evangelium von Christus in unserer Umgebung und Gesellschaft zu bezeugen. „Gehet hin …“ – der Gehorsam gegenüber diesem Befehl unseres Herrn wird zu jeder Zeit mit „schlotternden Knien“ und „Unbehagen“ verbunden sein im Gegensatz zu einem sorgsam inszenierten und entspannenden „Hollywood-Evangelium“. Aus diesem Grund richtet Christus den Blick Seiner Jünger am Anfang des Missionsbefehls auf Seine absolute Vollmacht und Souveränität (aus Der große Auftrag, Wuppertal 1979).

Die Gemeinde als Grundfeste der Wahrheit

Und noch etwas gibt es zu beachten. In 2. Timotheus 3,15 bezeichnet Paulus die Gemeinde als Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit. Zu dieser Grundfeste der Wahrheit gehört auch, dass die Gemeinde die Heiligkeit Gottes widerspiegelt (1Pet 2,9). Ihre Zeugniskraft wird umso stärker, je deutlicher in und an ihr die göttlich-biblischen Wahrheiten und Prinzipien sichtbar werden. Die Gemeinde Jesu wird dadurch aber in den Augen einer abgefallenen und gottlosen Gesellschaft mehr und mehr zu einem „unattraktiven Fremdkörper“ werden. Das Geheimnis der Salzkraft besteht nicht in Anpassung und Anbiederung an außenstehende Menschen, sondern in der Andersartigkeit und dem geistlichen Profil und Kontrastprogramm der Gemeinde Jesu.

Seenotrettungskreuzer in Seenot!

Wie schon erwähnt, entspringt die „attraktive Gemeinde für Außenstehende“ mancherorts einem echten missionarischen Anliegen. Viele übersehen jedoch dabei die akute Gefahr, dass nicht die Welt für die Gemeinde gewonnen, dafür aber die Gemeinde zur Welt wird. Um es in einem Bild auszudrücken: Man möchte mit einem Seenotrettungskreuzer Ertrinkende retten. Die Retter finden es äußerst unangenehm, von ihrem sicheren Schiff aus in die kalte und stürmische See zu springen. Außerdem hat man die Sorge, dass die Bordwand für die Ertrinkenden ein abschreckendes Hindernis bilden könnte. So beginnt man schließlich das Schiff zu fluten. Je tiefer der Rettungskreuzer sinkt, umso leichter können die Ertrinkenden an Bord kommen – und ohne es wirklich zu merken, ist der Seenotrettungskreuzer selbst in Seenot geraten!

Christus allein

Attraktive Gemeinde – für wen? Die Gemeinde soll sich nur nach einer Person ausrichten: Jesus Christus, ihr Haupt und ihr Herr. Ihm zu gefallen, Ihn zu verherrlichen, Ihn anzubeten und Seinem Wort gehorsam zu sein, soll ihr größtes Anliegen sein. Lasst uns für solche Gemeinden beten, die im biblischen Sinn „attraktiv für Christus“ sind, die als Licht inmitten der Finsternis unserer Zeit leuchten.


Dieser Artikel wurde in der Zeitschrift Gemeindegründung der www.kfg.org veröffentlicht.

 

Anmerkung der Redaktion
Dieser Artikel entspringt der großen Sorge, dass das eigentliche Wesen der Gemeinde Gottes hier auf der Erde nach und nach verlorengeht. Dies geschieht zum Beispiel, wie im Artikel erwähnt, durch eine „benutzerfreundliche“ Gestaltung des Gottesdienstes für Außenstehende. Dennoch gibt es auch die andere Gefahr, dass man unter dem Vorwand „allein für Christus“ an Traditionen festhält und Neuerungen jeglicher Art (z.B. Änderung des Liederbuches, Sitzordnung, Kleidungsordnung, Predigtvorbereitung) sofort als fleischlich abstempelt und man auf diese Weise die Gottesdienste sowohl für Außenstehende wie auch für Gläubige so langweilig macht, dass weder Gläubige erbaut werden noch Außenstehende hereinkommen und erkennen, dass Gott tatsächlich in unserer Mitte ist (siehe 1. Korinther 14). Viele Gemeinden kranken an einem krampfhaften Festhalten alter Traditionen, und es wäre sehr wünschenswert, hier auch den Menschen und seine Bedürfnisse von heute mehr im Blick zu haben. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Gemeinde Gottes z.B. auch eine Herberge für Verwundete und Gestrandete sein sollte, dass die Gemeinde aber auch eine Herberge für die Glaubensgeschwister sein sollte, schließlich hat der Herr seine Jünger auch in ein Gastzimmer (das gleiche griechische Wort wie „Herberge“!) eingeladen, das mit Polstern belegt war. Sie durften und sollten sich in Seiner Gemeinschaft wohl fühlen. Wird sich nicht jeder dort wohl fühlen, wo Christus sich wohl fühlen kann? Wenn wir zuerst nach dem Herrn Jesus fragen und seinen Interessen und dann auch den Menschen – den der Herr Jesus so sehr liebte, dass Er sein Leben für ihn gab – nicht vergessen, dann werden wir nicht schieflaufen. Beides ist an seinem Platz sehr wertvoll und wichtig.

Letzte Aktualisierung: 03.10.2016

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