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Leitverse: Matthäus 27
Danach sehen wir unseren Herrn nicht mehr bei Seinen versagenden, treulosen
oder verräterischen Jüngern, sondern, als Seine Stunde gekommen war, in der
Gewalt der feindlichen Welt der Priester, Landpfleger, Söldner und des Volkes.
Alles, was der Mensch versuchte, brach zusammen. Sie hatten ihre Zeugen; diese
stimmten hingegen nicht überein. Überall sehen wir Versagen, sogar in der
Bosheit. Nicht der Wille des Menschen versagte, sondern seine Ausführung.
Ausschließlich Gott leitete alles. So wurde Jesus nicht aufgrund ihres
Zeugnisses verurteilt, sondern Seines eigenen. Wie wunderbar! Sogar um Ihn zu
töten, benötigten sie das Zeugnis Jesu. Sie konnten Ihn nur wegen Seines guten
Bekenntnisses (1Tim 6, 13) zum Tod verurteilen. Sein doppeltes Zeugnis —
nämlich vor den Hohenpriestern und vor dem Landpfleger — von der Wahrheit
erlaubte ihnen, ihre böseste Tat auszuführen. Nachdem Pilatus durch seine Frau
gewarnt worden war, denn der Herr sorgte dafür, dass es einen Hinweis durch die
Vorsehung gab, und weil Ersterer zu weitblickend war, um die Bosheit der Juden
und die Unschuld des Angeklagten zu übersehen, erklärte Pontius Pilatus seinen
Gefangenen für schuldlos. Trotzdem erlaubte er, dass man ihn zwang, gegen sein
Gewissen und nach den Wünschen derer, die er von Herzen verachtete, zu handeln.
Noch einmal, bevor Jesus zur Kreuzigung hinausgeführt wurde, zeigten die
Juden ihren sittlichen Zustand. Denn als der rohe Heide sie vor die Alternative
stellte, ihnen Jesus oder Barabbas freizulassen, gaben sie unter priesterlicher
Anstiftung einem Schuft, einem Räuber und Mörder den Vorzug. Diese Gefühle
hatten die Juden, Gottes Volk, für ihren König, weil Er der Sohn Gottes,
Jehova, und nicht einfach ein Mensch war. Mit bitterer Ironie, doch nicht ohne
Gott, schrieb Pilatus die Beschuldigungsschrift: „Dieser ist Jesus, der
König der Juden“ (V. 37). Das war indessen nicht das einzige Zeugnis von
Seiten Gottes; denn von der sechsten Stunde an war eine Finsternis über dem
ganzen Land bis zur neunten Stunde. Und dann, als Jesus mit lauter Stimme Seinen
Geist aufgab, geschah das, was insbesondere das Herz eines Juden treffen musste.
Der Vorhang des Tempels wurde von oben bis unten in zwei Stücke zerrissen; die
Erde erbebte und die Felsen zersprangen. Was kann man sich ernster für Israel
vorstellen? Sein Tod war der Todesstreich für das jüdische System als Folge
eines Schlages Dessen, der unverkennbar der Schöpfer von Himmel und Erde war.
Nicht nur jenes System wurde aufgelöst, sondern sogar die Macht des Todes. Denn
die Gräber wurden geöffnet, und viele Leiber von entschlafenen Heiligen wurden
auferweckt und kamen nach Seiner Auferstehung aus ihren Grüften als Zeugen von
dem Wert Seines Todes. Allerdings wurde der Wert dieses Todes erst nach Seiner
Auferweckung verkündet.
Ich zögere nicht, es auszusprechen: Der Tod Jesu ist die einzige Grundlage
einer rechtmäßigen Befreiung von der Sünde. In der Auferweckung wird die
gewaltige Macht Gottes gesehen. Aber was bedeutet Macht für einen Sünder, dem
Gott vor seiner Seele steht, im Vergleich zur Gerechtigkeit? Im Vergleich zur
Gnade? Und genau das haben wir hier. Deshalb ist allein der Tod Jesu der wahre
Mittel- und Angelpunkt aller Ratschlüsse und Wege Gottes in Gerechtigkeit und
Gnade. Ohne Zweifel ist es die Auferstehung, welche alles offenbar und bekannt
macht. Sie verkündet hingegen die Macht Seines Todes, weil dieser allein Gott
sittlich gerechtfertigt hat. Ausschließlich der Tod Jesu hat bewiesen, dass
nichts Seine Liebe überwältigen konnte. Sogar Verwerfung und Tod waren nur die
Gelegenheiten, Seine Liebe bis zum Äußersten zu zeigen. Selbst in der Person
Jesu bietet nichts einen solchen gemeinsamen und vollkommenen Ruheplatz für
Gott und den Menschen wie Jesu Tod. Wenn wir uns jedoch mit den Begriffen Kraft,
Freiheit und Leben beschäftigen, müssen wir uns zweifellos zur Auferstehung
wenden. Deswegen wird sie notwendigerweise in der Apostelgeschichte besonders
herausgestellt. Denn hier ging es auf der einen Seite darum, einen Beweis von
der offenbarten und verworfenen Gnade zu liefern. Auf der anderen Seite erfahren
wir, wie Gott die Entehrung Jesu durch den Menschen in ihr Gegenteil umkehrte,
indem Er Ihn von den Toten auferweckte und zu Seiner Rechten im Himmel erhöhte.
Das zeigte sich nicht im Tod Jesu. Im Gegenteil! Im Tod Jesu schienen die
Menschen zu triumphieren. Sie waren Ihn losgeworden. Aber die Auferstehung
bewies, wie vergeblich und kurzlebig ihr Sieg war und dass Gott gegen sie
auftrat. Gott wollte deutlich machen, dass der Mensch sich in grenzenloser
Feindschaft gegen Ihn befand. Daraufhin erklärte Gott Sein Urteil darüber. Die
Auferweckung Dessen, den der Mensch erschlug, verkündet dies zweifelsfrei. Ich
gebe zu: In der Auferstehung Christi ist Gott für uns, die Gläubigen. Sünder
und Gläubige dürfen jedoch nicht verwechselt werden, da zwischen beiden ein
gewaltiger Unterschied besteht. Wie groß das Zeugnis von der vollkommenen Liebe
in der Gabe und dem Tod Jesu auch sein mag, für den Sünder kann in der
Auferstehung Jesu nichts als Verdammnis liegen. Ich weise um so nachdrücklicher
hierauf hin, weil die Wiederentdeckung der herrlichen Wahrheit von der
Auferstehung Christi manche in einer Art Reaktion dazu führt, den Wert, den
Sein Tod in den Augen Gottes hat und in unserem Glauben haben sollte,
abzuschwächen. Mögen also jene, welche die Auferstehung hochschätzen, darauf
achten, dass sie auch den rechten Wert des Kreuzes eifersüchtig festhalten!
Beide Gesichtspunkte werden hier in bemerkenswerter Weise beachtet. Nicht die
Auferstehung, sondern der Tod Jesu zerriss den Vorhang des Tempels. Nicht Seine
Auferstehung öffnete die Gräber, sondern Sein Kreuz, obwohl die Heiligen erst
nach Ihm auferstanden. Genauso ist es bei uns in praktischer Hinsicht.
Tatsächlich erkennen wir niemals den vollen Wert des Todes Christi, wenn wir
ihn nicht von der Macht und den Ergebnissen der Auferstehung her ansehen. Doch
wir betrachten von dort her nicht die Auferstehung selbst, sondern den Tod Jesu.
Folglich verkündigen wir in den kirchlichen Versammlungen und ganz besonders am
Tag des Herrn durch das Brotbrechen nicht die Auferstehung, sondern den Tod des
Herrn. Andererseits verkündigen wir Seinen Tod nicht an Seinem Todestag,
sondern an dem der Auferstehung. Wenn ich vergesse, dass es der Auferstehungstag
ist, dann verstehe ich meine Freiheit und Freude nur wenig. Wenn aber der
Auferstehungstag nicht mehr vor mich bringt als die Auferstehung, dann zeigt das
nur zu klar, dass der Tod Christi seine unendliche Gnade für meine Seele
verloren hat.
Auch die Ägypter wollten das Rote Meer passieren. Sie sorgten jedoch nicht
dafür, dass ihre Türen mit dem Blut des Lammes besprengt waren. Sie versuchten
an den Wasserwällen vorbeizuziehen, um Israel zur anderen Seite zu folgen. Wir
lesen indessen nicht, dass sie jemals Schutz hinter dem Blut des Passahlammes
gesucht hatten. Zweifellos ist das ein extremer Fall und entspricht der
Urteilsfähigkeit des natürlichen Menschen. Wir dürfen nichtsdestoweniger
sogar von einem Feind lernen, dass wir die Auferstehung nicht geringschätzen
sollen. Noch größer ist dagegen der Wert des Todes und des Blutvergießens
unseres kostbaren Heilandes. In Hinsicht auf Gott und den Menschen ist nichts so
bedeutungsvoll wie der Tod Christi.
Im Gegensatz zu den armen, aber hingebungsvollen Frauen aus Galiläa, die das
Kreuz umgaben, sehen wir die Befürchtungen, die berechtigten Befürchtungen
derer, die den Tod Jesu herbeigeführt hatten. Diese schuldigen Männer gingen
voller Angst zu Pilatus. Sie fürchteten „jenen Verführer“ und
bekamen ihre Wache, ihren Stein und ihr Siegel — aber alles vergeblich! Der
Herr, der im Himmel sitzt, spottete ihrer. Jesus hatte die Seinen darauf
vorbereitet (und Seine Feinde wussten es), dass Er am dritten Tag auferstehen
würde.
Aus Lectures Introductory to the
Study of the Gospels
Heijkoop, Winschoten, NL, 1970
(im Deutschen herausgegeben und übersetzt von J. Das)
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