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Leitvers: Psalm 22,2
Ps 22,2: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich
verlassen?
Im Wort Gottes gibt es keinen anderen Satz, der eine ebenso tiefgründige und
wunderbare Bedeutung hat wie Psalm 22,2 (vgl. Mt 27,46; Mk 15,34). Niemals zuvor
und niemals seitdem hat jemand eine solche Frage gestellt, und niemals wieder
wird jemand eine solche Frage stellen. In
den Annalen der Ewigkeit ist diese Frage einzigartig.
Wer hat diese sonderbare
Frage gestellt? Der ewige Sohn Gottes, der Eine, der vor Grundlegung der
Welt „im Schoß des Vaters“ war [vgl. Joh 1,18], der Gegenstand der grenzenlosen Liebe des Vaters.
Doch Er war noch mehr: Er war selbst Gott über alles, gepriesen in alle Ewigkeit, der Schöpfer
aller Dinge, der allmächtige Erhalter des weiten Universums. Und
Er war ein Mensch, ein makelloser, heiliger, vollkommener Mensch, ein
Mensch, der weder jemals gesündigt hatte noch sündigen konnte, weil Er „Sünde
nicht kannte“ [2Kor 5,21]. Und dennoch war Er trotz allem ein Mensch, ein wahrer Mensch, der
von einer Frau geboren war und in allem war wie wir, bis auf eine Ausnahme — Sünde:
„Christus …;
der keine Sünde tat, noch wurde Trug in seinem Mund gefunden“ (1Pet 2,22). Er
tat immer das, was Gott wohlgefiel. Von der Krippe in Bethlehem bis zum Kreuz
auf Golgatha stimmte sein Leben mit dem Willen Gottes vollkommen überein. Mit
seinem ganzen Leben verherrlichte Er Gott. Aus all seinem Denken, aus jedem
Wort, aus jedem Blick, aus jeder Bewegung stieg ein Wohlgeruch unvorstellbarer Lieblichkeit
zum Thron auf und erfreute das Herz Gottes. Immer
wieder waren die Himmel über dem Gesegneten geöffnet, und die Stimme des
ewigen Vaters bezeugte: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich
Wohlgefallen gefunden habe“ (Mt 3,17; 17,5; Mk 9,7; Lk 9,35; 2Pet 1,17).
Christus also war der Eine, der diese Frage stellte: „Mein
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Ist es wirklich wahr, dass
Christus von Gott verlassen war? Verließ Gott wirklich seinen
eingeborenen, vielgeliebten Sohn? Verbarg Gott wirklich sein Angesicht vor dem einzigen sündlosen, makellosen, vollkommenen Menschen, der
jemals in dieser sündigen Welt gelebt hatte? Verschloss Er sein Ohr vor dem
Schrei des Einen, der nur lebte, um den Willen Gottes zu tun und den Namen
Gottes zu
verherrlichen? Ja, Gott tat es. Gott, der seine Augen nicht vom Gerechten abwendet, dessen Ohr für den Schrei des
Notleidenden immer offen ist, dessen
Hand zur Rettung des Schwachen und Hilflosen immer ausgestreckt ist — ja, Gott
wandte sein Angesicht von seinem eigenen geliebten Sohn ab und weigerte sich in
diesem Augenblick, seinen Schrei zu hören.
Wir können uns mit diesem tiefen Geheimnis nicht genug beschäftigen. Dieses
Geheimnis enthält das Wesen des Evangeliums, die große
grundlegende Wahrheit des Christentums. Je mehr wir über die Herrlichkeiten des
Einen nachdenken, der diese Frage stellte — wer Er war, was Er war, was Er
in
sich selbst war und was Er für Gott war —, desto mehr sehen wir die
unergründlichen Tiefen dieser Frage. Und je mehr wir den betrachten, an den diese
Frage gerichtet war, desto mehr erkennen wir seine Eigenschaften und seine Wege,
desto mehr erkennen wir die Macht und den Wert der Antwort.
Warum also verließ Gott seinen Sohn? Weißt DU warum? Weißt du, welche
Bedeutung es für dich persönlich hat, dass Gott seinen Sohn verließ?
Kannst du aus tiefstem Herzen sagen: „Ich weiß, warum Gott seinen Sohn
verlassen hat. Gott hat seinen Sohn deshalb verlassen, weil Er meinen
Platz einnahm, weil Er an meiner Stelle am Kreuz hing und all meine
Sünden auf sich geladen hatte. Er wurde für mich zur Sünde gemacht.
Alles, was ich war, alles, was ich getan hatte, alles, was mich
als Sünder betraf, wurde auf Ihn gelegt. Gott handelte mit mir in der
Person meines Stellvertreters. Die Sünde meiner Natur, meines
Wesens, und alle Sünden meines Lebens — alles, was ich bin, und
alles, was ich jemals getan habe, wurde Ihm zugerechnet. Er hat mich
vertreten und wurde dementsprechend behandelt.“
Lieber Leser, hat der Heilige Geist dich dies gelehrt? Weißt du dies, weil
du an die Autorität des Wortes Gottes glaubst? Wenn ja,
dann wirst du einen festen Frieden haben, den keine Macht der
Erde oder der Hölle, kein Mensch oder Teufel, jemals stören kann. Dieses
Wissen ist die
wahre und einzige Grundlage für den Frieden der Seele. Ein Mensch kann erst
dann wahren Frieden mit Gott haben, wenn er weiß, dass Gott selbst die Frage
der Sünde und der Sünden auf dem Kreuz seines Sohnes beantwortet hat. Gott
wusste, was nötig war, und Er hat es bereitgestellt. Die ganze Schwere unserer
Ungerechtigkeiten legte Er auf Christus. Gott und die Sünde begegneten
sich am Kreuz. Dort wurde die ganze Frage göttlich geklärt und ein für alle
Mal beantwortet. Die Sünde wurde verurteilt und beseitigt. Der Sündenträger
ging unter die Wogen und Wellen des göttlichen Zorns. Gott legte Ihn in den
Staub des Todes. Die Sünde wurde entsprechend den
unendlichen Forderungen des Wesens Gottes, seines Charakters und seines Thrones
behandelt;
und nun ist der Eine, der für uns zur Sünde gemacht und an unserer Stelle
verurteilt wurde, zur rechten Hand Gottes erhöht und mit Herrlichkeit und Ehre
gekrönt. Und gerade diese Krone ist der Beweis
dafür, dass die Sünde für immer weggetan ist. Wenn dem Gläubigen jemals
eine einzige Sünde zur Last gelegt werden könnte, müsste zuvor diese Krone vom Haupt
des Heilandes weggerissen werden.
Doch in der Antwort auf das geheimnisvolle „Warum?“ dessen, der verlassen
wurde, sehen wir noch etwas anderes unbeschreiblich Kostbares: die
überwältigende Liebe Gottes zu uns elenden Sündern. Diese Liebe trieb Gott
nicht nur dazu, sich seinen Sohn vom Herzen zu reißen, sondern sie trieb Ihn
auch dazu, seinen Sohn auf dem Kreuz zu verlassen. Warum tat Gott das? Weil es keinen anderen Weg gab, auf dem wir
entfliehen könnten: entweder die ewige Hölle für uns oder der grenzenlose Zorn für den
Sündenträger. Gott wählte Letzteres; und von nun an ist der
Platz, den Christus jetzt einnimmt, auch der Platz all derer, die an Ihn glauben!
Übersetzung: G. Naujoks
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