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Leitvers: Jesaja 66,2
Jes 66,2: Hat doch meine Hand dieses alles gemacht, und alles dieses ist
geworden, spricht der HERR. Aber auf diesen will ich blicken: auf den Elenden und
den, der zerschlagenen Geistes ist, und der da zittert vor meinem Worte.
Einführung
Kurz vor Weihnachten erschien die "Volxbibel", die mit dem Anspruch auftritt,
in "moderner Jugendsprache" geschrieben zu sein. Die besondere Schreibweise des
Namens ist von einer Küche für Obdachlose in Hamburg übernommen, "Volxküche"
genannt. Der Name soll für "von unten" stehen, von "Leuten von der Straße, eben
vom Volk" (so der Autor).
Die Volxbibel ist "die erste Bibelübersetzung des Neuen Testaments in
moderner Jugendsprache", in der auch von "Rollstühlen, Mopeds, Pennplätzen und
McDonald's die Rede" ist (so in einer Pressemeldung der Initiatoren). Der
Hauptinitiator und Autor der Volxbibel, Martin Dreyer, nahm zunächst die
Elberfelder und die Luther-Übersetzung sowie eine moderne und fragte sich dann,
"wie man dasselbe heute in meinem Jugendzentrum erzählen würde, wo ich abends im
Spätdienst arbeite. Manchmal zog ich auch ein griechisches Neues Testament
hinzu. Alle Texte wurden dann von jungen Menschen gelesen und abgecheckt. Am
Ende hat auch noch ein Theologe alles durchgearbeitet", so berichtet er.
Im "Exposé Volxbibel" auf seiner Homepage heißt es:
Das Volk, besonders das
junge Volk, redet heute nicht mehr so, wie es in den existierenden
Bibelübersetzungen der Fall ist. Die Übersetzungen gehen am Leben heutiger
junger Menschen total vorbei. Worte wie "super" oder "toll" waren vor 10 Jahren
noch aktuell. Heute spricht man von "krass" oder "geil".
Als Ziel der Volxbibel
wird genannt, dass die "vielen Pastoren ... ihren langweiligen Konfirmanden- und
Kommunionsunterricht mit einem radikaleren frischen Bibeltext aufpeppen"
könnten; außerdem könnten sich "andere jungen Leute" und "jeder, der sonst noch
nie Kontakt mit dem christlichen Glauben hatte, ... auf diese Art einmal neu damit
beschäftigen".
Zur Umsetzung heißt es dann:
Die Formulierungen sind so geschrieben, als
wenn sie ein junger Mensch im Jugendzentrum heute erzählen würde. Die Bilder und
Gleichnisse, die in der Bibel benutzt werden, sind zum Teil durch Bilder und
Gleichnisse aus der heutigen Zeit übersetzt und ergänzt worden. So wird aus dem
"Gleichnis vom Sämann und der Saat" die "Story von der guten Software und der
schlechten Hardware".
In Zukunft soll es für alle Leser die Möglichkeit zum Mitübersetzen geben.
"Die Übersetzungsvorschläge werden von einem Team bestehend aus Theologen, dem
Autor und Jugendlichen ausgewertet und in der nächsten Ausgabe der Volxbibel
umgesetzt." So würde die Volxbibel "das erste Buch der Welt werden, an dem
wirklich alle Welt mitschreiben und mitgestalten kann".
Bewertung
Was ist von der Volxbibel zu halten? Zunächst muss betont werden, dass der
Initiator schon seit einigen Jahren jungen Menschen das Evangelium in ihrer
Sprache erzählt. Jugendliche für Christus zu gewinnen, die von der biblischen
Botschaft noch nie etwas gehört haben und vielleicht Mühe haben, sich
standardsprachlich zu verständigen, ist nicht leicht und erfordert auf jeden
Fall Ideen und Energie. Da nun die Volxbibel erschienen ist und ein breites Echo
in der Öffentlichkeit gefunden hat, muss darüber nachgedacht werden, ob dieser
Weg nachahmenswert oder vielleicht bedenklich ist.
Bedenklich dürfte zunächst sein, dass Begriffe und Sachverhalte herangezogen
werden, die der ursprüngliche Bibeltext nicht meint. Ein "Sünder" (Lk 5,8) ist
etwas anderes als ein "Dreckskerl", die "Auferstehung" etwas anderes als ein
"fettes Comeback", "glückselig" etwas anderes als "gut drauf sein",
"Trauernde"
etwas anderes als "Depressive", Beten mehr als ein respektloses "Labern mit
Gott" (Mk 6,46) und das Gleichnis vom Sämann (Mt 13) etwas anderes als eine
"Story von der guten Software und der schlechten Hardware".
Weiterhin ist zu fragen: Welche Jugendsprache soll es in der Volxbibel denn
sein? Jugendsprache ist zunächst einmal gesprochene Sprache, sie lebt von
Verkürzungen und teilweise einer eigenwilligen Satzstellung; zudem ist sie kein
einheitliches Gebilde, sondern in hohem Maße von Faktoren wie Region, sozialer
Gruppe und natürlich Alter abhängig. Bisher gab es noch nie den Fall, dass
Bibelübersetzungen ausschließlich der mündlichen Sprache nachgebildet wurden,
und letztlich ist dies auch nicht möglich, da gesprochene Sprache eben
grundsätzlich anderen Prinzipien folgt als geschriebene. Auch Luthers
vielzitiertes Wort, man müsse "dem Volk aufs Maul schauen", hilft in diesem
Zusammenhang nicht weiter, denn zum einen hatte Luther die Sprache der
Gesamtbevölkerung im Blick und nicht nur die einer besonderen Gruppe, zum
anderen trug seine Bibelübersetzung zur Vereinheitlichung der deutschen Sprache
bei und nicht zu ihrer Zersplitterung. Die Volxbibel dagegen festigt letztlich
kommunikative Barrieren innerhalb der Sprachgemeinschaft.
Selbstverständlich achten Übersetzer immer wieder darauf, wie eine
Sprachgemeinschaft etwas ausdrückt, und richten sich dann – auch bei anstehenden
Revisionen – in gewissem Maße danach. In der Volxbibel scheint es aber darauf
angekommen zu sein, Begriffe und Sachverhalte um jeden Preis zu "verjugendlichen".
Wenn Peter Schlobinski, Sprachwissenschaftler und Forscher über Jugendsprache
und Jugendkultur, mit seiner Behauptung Recht hat, dass jugendliches Spiel mit
Sprache "Teil einer durch Medien geprägten Kultur des Spaßes und der
Zerstreuung" ist, "der Anregung in der Gruppe, in der es um Vergnügen,
gelegentlich um den 'Kick' geht", dann darf doch bezweifelt werden, dass diese
Sprache in der Lage ist, biblische Inhalte angemessen wiederzugeben. In der Tat
trifft man immer wieder auf Stellen, an denen die Volxbibel sprachlich an ihre
Grenzen stößt; auch sie kommt letzten Endes nicht ohne Formulierungen aus, die
wohl kaum der Jugendsprache angehören (z. B. "zuschulden kommen lassen"
- Mt
6,12; "Gefangenschaft von dunklen Gedanken und Taten" - Mt 6,13;
"verordnen" - Lk
2,1; "für einen besonderen Anlass aufbewahren" - Lk 15,23).
Zu bezweifeln ist auch, dass es das Ziel einer Bibelübersetzung sein kann,
"langweiligen Konfirmanden- und Kommunionsunterricht" "aufzupeppen“", wie es im
"Exposé Volxbibel" heißt. Was schließlich die Voraussetzungen der Übersetzer
betrifft, so muss man zum einen von ihnen erwarten können, dass sie gläubige
Christen sind, die sich bei ihrer Arbeit vom Heiligen Geist leiten lassen, und
zum anderen, dass sie eine hervorragende Kenntnis sowohl der Ausgangs- als auch
der Zielsprache besitzen. Unter diesem Aspekt kann das Unterfangen, dass die
Volxbibel "das erste Buch der Welt werden [soll], an dem wirklich alle Welt
mitschreiben und mitgestalten kann", nur fehlschlagen.
Bereits vor ihrer Veröffentlichung stieß die Volxbibel auf Kritik. Stefan
Felber und Herbert Klement vom "Arbeitskreis für evangelikale Theologie"
schrieben in einer Stellungnahme: "Diese gotteslästerliche 'Bibel' entspricht in
keiner Weise dem, was von der Schrift als Orientierung für Christen und
Nichtchristen zu erwarten ist … Sie baut nicht auf, sie zersetzt." Die
"theologische und geistige Erosion" dringe immer weiter vor und zersetze den
Respekt "nicht nur vor einer gepflegten Sprache, vor dem Alter, tiefer: vor
Gottes Wort und schließlich vor Gott selbst". Die Christliche Bücherstuben GmbH
verkauft in ihren 31 Filialen die Volxbibel nicht. In einem Informationsblatt
weist sie für die Kunden unter anderem auf eine zum Teil "unflätige Sprache
einer christlichen Subkultur" bzw. auf "Gossensprache" hin und rät dringend von
der Verbreitung ab. Wenn schließlich Hans-Georg Wünch zu bedenken gibt, dass es
"z. B. weder inhaltlich noch vom Verständnis her notwendig [ist], den verlorenen
Sohn als 'Toilettenmann bei McDonald's' landen zu lassen", kann man dem nur
zustimmen. Zwar beteuert der Geschäftsführer des herausgebenden Verlags:
"Bei
der Volxbibel handelt es sich um ein rein missionarisches Projekt für Gruppen,
die man mit dieser Sprache erreichen kann. Sie ist eine freie Übertragung und
deshalb kein Ersatz für eine 'normale' Bibelübersetzung". Doch ist zu
befürchten, dass durch die Entfernung vom Originaltext und durch die
Verarbeitung von Ausdrücken, die Leute einfach vorschlagen, Jugendliche einen
Text lesen, der nicht so ist, wie Gott ihn haben möchte, sondern so, wie er
Menschen gefällt.
Vielleicht sollte uns diese neuerliche Diskussion zum Nachdenken darüber
bringen, was uns persönlich das Wort Gottes wert ist, wie viel Zeit wir in es
investieren, ob wir versuchen, das Gelernte umzusetzen und welche Energie wir
einsetzen, um Jugendlichen die Bibel verständlich zu machen.
"Denn das Wort
Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert
und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als
auch des Markes, und ein Beurteiler der Gedanken und Überlegungen des Herzens;
und kein Geschöpf ist vor ihm unsichtbar, sondern alles ist bloß und aufgedeckt
vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben" (Heb 4,12-13).
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