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Rezension: Heilt die Kranken (von W.J. Ouweneel) - J.G. Fijnvandraat
      
Der Autor
Kurzbiographie
J.G. Fijnvandraat

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Rezension: Heilt die Kranken (von W.J. Ouweneel)
Teil 1
J.G. Fijnvandraat
© SoundWords    Zugriffe: 4280    seit: 05.03.2006  

Anmerkung der Redaktion
Nachdem nun auch das Buch "Geneest de Zieken" von W.J. Ouweneel in deutsch erschienen ist ("Heilt die Kranken" - 2005, Asaph - Lüdenscheid), wollen wir eine kritische Analyse hierzu von J.G. Fijnvandraat vorlegen. Bruder Fijnvandraat beschränkt sich dabei nicht nur auf das Zitieren von kritischen Passagen, sondern bestätigt auch Punkte, die durchaus für unsere Zeit erwähnenswert und auch überdenkenswert sind. Auch wenn man die Kritik unseres Bruders vielleicht nicht in allen Punkten nachvollziehen kann, so halten wir sie doch in vielen Punkten für bedenkenswert, so wie auch viele Punkte aus dem Buch von W.J. Ouweneel überdenkenswert erscheinen. Besonders freut uns, dass der vorliegende Artikel nicht einfach pauschal etwas ablehnt, sondern sehr differenziert vorgeht. Aufgrund der vielen ausführlichen Kommentare über Gedanken und Bibelstellen zum Thema Heilung ist dieser Artikel nicht nur für solche lesenswert, die das Buch "Heilt die Kranken" gelesen haben.

Die Seitenzahlen wurden entsprechen der deutschen Ausgabe korrigiert.


Inhalt

Vorurteile überwinden

Weitere Gründe für meine Skepsis

Ein wichtiger Unterschied

Über das Buch im Allgemeinen

Besprechung der Einzelheiten

Das Problem (Kapitel 1)

Heutige "Heiler"

Auswüchse und Einseitigkeiten

Wunderheilungen in der Kirchengeschichte (Kapitel 2)

Heilungen zur Zeit des heidnischen Römischen Reiches

Heilungen nach der Christianisierung des Römischen Reiches

Die Reformation

Der Protestantismus

Die Brüderbewegung

Wodurch werden Menschen krank? (Kapitel 3)

Schwierig zu kommentieren

Die Leib–Seele–Problematik

Der Leib als eine Hütte

Sterben ist ein Bruch

Die Erlösung des Leibes

Die Ergebenheitslehre

Krankheit und Glaubensprüfung durch Trübsal

Keine zufriedenstellende Erklärung

1. Thessalonicher 5,23 – eine andere Auslegung

Zurechtbiegen eines Bibeltextes

Zeichen, die den Gläubigen folgen (Kapitel 4)

Drei Auffassungen

Der Heilungsdienst

Gottes Erbarmen

Markus 16

Was sagt die Apostelgeschichte?

Die Zeichen eines Apostels

Was ist mit 1. Korinther 12?

Europa als Missionsfeld?

Größere Werke als diese

Die neuen Wundergaben (Kapitel 5)

Eine andere Auffassung

Nuancierung ...

Was sagt die Schrift?

Krankheitsmächte (Kapitel 6)

Allgemeine Vorbemerkungen

Zehn biblische Beispiele für eine Verbindung zwischen Krankenheilung und dämonischem Einfluss (S.167-170)

Krankheit und Sünde (Kap. 7)

Wunderheilungen und die Kraft Gottes (Kap.8)

Denkmodelle über Heilung (Kap.9)

Krankensalbung (Kap.10)

Gesamturteil

Vorurteile überwinden

Gleich zu Beginn möchte ich sagen, dass ich die Schriften von W.J. Ouweneel in früheren Jahren mit großer Wertschätzung gelesen habe. Seine klare Schriftauslegung in einfacher, eingängiger Sprache hat mich stark angesprochen. Dies um so mehr, seit er das Schwarz-Weiß-Denken seiner frühen Jugendjahre abgelegt hatte. Mit seiner abgeklärten Interpretation der Grundsätze des Zusammenkommens der Gläubigen - die im Grunde eine Rückkehr zu dem war, was die Brüder um 1830 bewegt hatte - konnte ich mich von Herzen identifizieren, nicht zuletzt weil ich die späteren Entwicklungen innerhalb dieser Bewegung nicht immer gutheißen konnte, obwohl ich darin in gewissem Umfang mitgegangen bin.

Ouweneel schreibt in seinem Buch, dass er mit vielen Vorurteilen aufgewachsen ist, und er bedauert die Bemerkungen, die er in seinem Buch "Das Reich der Schlange" über verschiedene Heiler und Befreiungsdiener geschrieben hat. Die Leser seines Buches "Heilt die Kranken" bittet er um die Bereitschaft, ihre Vorurteile ebenso rigoros der Schrift zu unterwerfen, wie er es selbst zu tun versucht habe (siehe S. 13–15).

Wer mich kennt, der weiß, dass ich eben diese Bereitschaft auch aufgebracht habe in Bezug auf das Ablegen bestimmter Vorurteile, soweit es um gewisse Ideen geht, die in späteren Jahren der Brüderbewegung hinsichtlich des oben erwähnten Zusammenkommens der Gläubigen lanciert worden sind. Hierin habe ich Bruder Ouweneel zur Seite gestanden, habe ihn sogar verteidigt gegenüber Brüdern, die ihn nach meiner Überzeugung falsch beurteilten im Blick auf die Wende in seinem Denken über solche Fragen.

Die vorliegende Aufstellung meiner Gedanken aus den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat bei vielen die Frage aufkommen lassen, ob ich Ouweneels Auffassungen über Krankheiten und Heilungen teile, wie er sie in verschiedenen Vorträgen und Artikeln der letzten Jahre geäußert hat. Nun, dies ist ganz entschieden nicht der Fall.

Trotzdem bin ich natürlich bereit, meine evtl. Vorurteile aufzugeben, aber dazu müsste Ouweneel dann schriftgemäße Argumente bieten, die deutlich aufzeigen, dass meine bisherige Auffassung über Krankenheilung falsch ist! Bei der Durchsicht von "Heilt die Kranken!" sind mir solche Argumente nicht begegnet. Meine Sichtweise konnte deswegen auch nicht verändert werden.

Ich muss nun dazu sagen, dass ich mir schon früher Sorgen gemacht habe über bestimmte Auffassungen, die Bruder Ouweneel in den letzten Jahren veröffentlicht hat. Ich erwähne in diesem Zusammenhang das Buch "Nachtbuch der Seele", das ich in seiner Karriere als Autor bis dahin als einen Tiefpunkt ansehe. Aber das ist ein Kapitel für sich. Ich erwähne es nur, um damit anzudeuten, dass ich auch an dieses neue Buch mit einer gehörigen Portion Skepsis herangegangen bin.

Weitere Gründe für meine Skepsis

Vor etwa einem halben Jahrhundert habe ich das Auftreten von Zaiss und Osborn miterlebt. Das Auftreten dieser 'Heiler' und vieler, die nach ihnen gekommen sind, hatte nach meiner Überzeugung nichts gemein mit den Heilungen, von denen uns die Bibel berichtet; und das gilt auch für das, was viele andere heutzutage präsentieren. Ich sage damit nicht, dass ich nicht an wunderbare Heilungen glaube. Ich weiß von einem Gläubigen in der Umgebung von Leeuwarden, der so schwer unter Rheumatismus litt, dass er seine Feldarbeit nicht mehr ausführen konnte. Während der Arbeit auf seinem Acker berief er sich im Gebet zu Gott auf Seine Macht, ihm jetzt zu helfen, und er flehte zu Gott, das jetzt zu tun. In demselben Augenblick wich das Rheuma und er konnte seine Arbeit, die Kartoffeln aus dem Acker zu buddeln, unbehindert fortsetzen. Dies ist aber etwas ganz anderes als das, was heute so oft propagiert wird.

Als Reaktion auf das Buch von Osborn "Sieben Schritte, um von Christus Heilung zu erfahren" habe ich damals die Broschüre geschrieben "Die sogenannte Gebetsheilung - geprüft an der Schrift". Darin habe ich Osborns Argumente an der Heiligen Schrift geprüft; nach meiner Einsicht konnte kein einziges davon dieser Prüfung standhalten.

Nun muss ich zwar sagen, dass Ouweneel einige dieser Argumente in seinem Buch "Heilt die Kranken!" zurückweist. Er geht dabei allerdings so nuancierend vor, dass er sich letzten Endes doch in demselben Fahrwasser bewegt.

Ein wichtiger Unterschied

Nun zur Sache: Es ist sicher von Nutzen, wenn ich hier eine wichtige Unterscheidung in der Frage der Krankenheilung hervorhebe, auf die ich schon in der genannten Broschüre über Gebetsheilung eingegangen bin: gemeint ist die Unterscheidung zwischen

  1. Heilung aufgrund von Gebet und
  2. Heilung aufgrund der Ausübung der "Gabe der Heilungen"

Dieser Unterschied ist m. E. von fundamentaler Bedeutung. Wenn man diesen Unterschied aus dem Auge verliert oder ihn sogar zurückweist - was leider sehr oft geschieht - ist absolute Verwirrung die Folge. Ouweneel verwirft diese Unterscheidung, weil er eine völlig andere Sichtweise über den Besitz von Gaben hat und weil er glaubt, dass die Ausübung der Gabe der Heilungen mit Gebet verbunden ist. Darauf gehe ich später noch genauer ein.

Auf den oben in Fettdruck erwähnten Unterschied möchte ich nun näher eingehen, und zwar ausführlicher, als ich das in der Vergangenheit getan habe.

Zu I. Heilung aufgrund von Gebet

Dieser Aspekt wird in Jakobus 5,13-16 näher beleuchtet. Es geht in diesem Abschnitt um einen Kranken, der die Ältesten der Gemeinde zu sich rufen soll. Diese Ältesten sollen dann über ihm ein Gebet sprechen und ihn dabei im Namen des Herrn mit Öl salben. Dieses gläubige Gebet würde dann den Kranken gesund machen.

Natürlich ist es möglich, dass Gläubige persönlich oder auch als Gruppe - z.B. als örtliche Gemeinde - für einen Kranken bitten. Wir finden dafür zwar kein direktes Vorbild im Neuen Testament, aber wir können dies einbegriffen denken in solchen Stellen, die die Notwendigkeit und den Wert des Gebets (der Fürbitte) vorstellen, wie auch in den Anweisungen, dass wir füreinander Sorge tragen sollen (vgl. Apg 12,5). Nun aber geht es darum zu untersuchen, was die Vorschrift in Jakobus 5 beinhaltet. Hier nun können wir Folgendes bemerken:

  1. die Bitte um das fürbittende Gebet geht von dem Kranken aus;
  2. die Ältesten der Gemeinde sollen gefragt werden;
  3. sie salben den Patienten mit Öl, und es ist ihr gläubiges Gebet, das Heilung bewirkt;
  4. für dieses Bitten um Heilung ist nicht eine Gabe erforderlich, sondern Glaube.

Mit Nachdruck betone ich, dass die Schrift nicht über Gebetsheiler spricht. Einen solchen Ausdruck oder eine solche Funktion kennt die Bibel nicht. Ebenso wenig finden wir in diesem Abschnitt oder sonst wo in der Schrift, dass Kranke zu jemandem gehen sollen, der sich auf das Gebet mit Kranken spezialisiert hat. Das würde nämlich bedeuten, dass das Gebet einer solchen Person mehr Gewicht bzw. mehr Wirkung haben würde als das Gebet der Ältesten einer Gemeinde oder von Christen überhaupt.

Ich persönlich glaube übrigens, dass diese Verse in Jakobus 5 sich auf Krankheiten beziehen, die die Folge von Sünde sind. Welche Gründe ich dafür habe, werde ich bei der Besprechung von Kapitel 10 darlegen.

Zu II. Heilung aufgrund der Ausübung der "Gabe der Heilungen"

Für das Ausüben der Gabe der Heilungen gibt es in der Schrift ziemlich viele Beispiele. Kennzeichnend für alle diese Fälle ist Folgendes:

  1. Es wird der Auftrag erteilt, Kranke gesund zu machen, nicht aber ein Befehl, mit ihnen zu beten;

  2. Es ist nicht die Rede von einem Gebet mit dem oder für den Kranken. Oft wird stattdessen dem Kranken selbst ein Befehl gegeben (s.u.a. Apg 3,6). Es kann in diesem Fall also nicht von Gebetsheilung gesprochen werden;

  3. Es wird von einer Gabe und einer Kraft der Heilungen gesprochen;

  4. Die Heilungen und andere Zeichen geschehen in Zusammenhang mit der Verkündigung des Evangeliums und dienen der Bestätigung und Unterstützung des Zeugnisses der Predigt (s. Mk 16,15-18; Heb 2,3-4).

Wenn wir der Apostelgeschichte folgen, dann bemerken wir, dass die Jünger durchaus keine Genesungskampagnen durchgeführt haben, sondern ausgingen, um das Evangelium zu predigen, wobei Heilungen als Begleiterscheinungen stattfanden.

Nützlich ist sicher noch der Hinweis, dass, wenn in unserer heutigen Zeit die Gabe des Heilens ausgeübt wird, ein eventueller Misserfolg nicht etwa dem Kranken angelastet werden darf. Im Gegenteil, wer diese Gabe ausüben möchte, müsste sich in einem solchen Fall die Frage stellen, ob er selbst denn wohl genug Glauben dafür hat. Auch sollte er sich dann selbst die Frage stellen, ob er denn die Gabe der Heilungen überhaupt besitzt. Oft wird dagegengehalten, dass in der Bibel auch nicht alle Kranken gesund gemacht worden sind. Das stimmt natürlich, aber wir lesen niemals von einer versuchten Heilung, die etwa missglückt sei.

Das Buch Ouweneels trägt den Titel "Heilt die Kranken". Dieser Ausdruck hat also nicht mit Heilung auf Grund von Gebet zu tun, sondern mit der Ausübung der Gabe der Heilungen. Dies sollte vorweg bedacht werden.

Über das Buch im Allgemeinen

Bevor ich im Einzelnen auf das Buch eingehe, möchte ich zuerst etwas über das Buch in seiner Gesamtheit sagen, und zwar:

Erstens geht es mir bei dieser Beurteilung nicht um Unterschiede in bestimmten Detailfragen der Krankenheilung, sondern vielmehr um eine unterschiedliche Gesamteinschätzung - insbesondere angesichts dessen, was Ouweneel in früheren Jahren zu diesem Thema geäußert hat.

Zweitens möchte ich auf etwas hinweisen, was H. P. Medema kürzlich in der Einleitung zu Ouweneels 115. Buch geschrieben hat: "Dieser Autor schreibt nicht auf, was er schon weiß, sondern er geht, indem er schreibt, auf die Suche nach etwas, das er noch nicht weiß." Diese Worte geben genau meine Empfindungen wieder, die ich beim Lesen verschiedener Ouweneel-Schriften habe. Ich gehe sogar noch ein Stück weiter als Medema: Nach meiner Einschätzung fehlt es so manchem Werk Ouweneels an Abgeklärtheit; das gilt auch für das vorliegende Buch über Krankenheilung.

Ein dritter Punkt ist, dass Ouweneel in seinem Buch die Namen verschiedener Personen aus charismatischen Kreisen nennt, die vielen Lesern, wie auch mir, völlig unbekannt sind. Was diese berichten, müssen wir ... einfach akzeptieren, nachprüfen können wir es nicht. Er gibt auch die literarischen Quellen an, aber wer hat schon die Gelegenheit, diese Quellen zu durchforsten, um sich zu vergewissern, ob sie ansonsten zuverlässig und lehrmäßig einwandfrei sind?

Hiermit eng verbunden ist ein vierter Punkt: Sein ganzes Leben lang hat Ouweneel sich an bestimmte Personen gehängt und ist dabei manchmal auch peinlich auf die Nase gefallen. Danach hat er sich meistens mit großem Enthusiasmus auf neue Ideen gestürzt, mit denen sein Geist in Berührung kam. So hat er seinerzeit die zweibändige "Geschichte der Brüder" veröffentlicht - auf der ersten "Bettelkonferenz" allerdings distanzierte er sich von dem Inhalt dieses Werks mit den Worten, es sei "his master's voice" (= die Stimme seines Herrn) gewesen. Was er damit sagen wollte, war klar: Er hatte darin die Auffassungen seines damaligen Lehrmeisters H.L. Heijkoop zu Gehör gebracht. Ouweneel ist ein gewaltiger Gelehrter; drei Doktortitel zu erwerben, ist keine Kleinigkeit. Deshalb skizziere ich seinen Charakter hier auch keineswegs, um ihn etwa herabzuwürdigen, sondern nur, um seine Leser zu warnen, damit sie nicht alles für bare Münze nehmen, was er schreibt, sondern es gründlich unter die Lupe zu nehmen. Das gilt natürlich für alles Geschriebene, auch für das, was ich geschrieben habe, aber es gilt wohl ganz besonders für dieses Buch über Krankenheilung. Insbesondere ist es nötig, darauf zu achten, auf welche Weise Ouweneel Schlussfolgerungen zieht. Das nämlich geschieht nicht immer sauber und sorgfältig.

Besprechung der Einzelheiten

Das Problem (Kapitel 1)

Wenn ich nun zur Besprechung der Einzelheiten des Buches komme, benutze ich um der Kürze willen häufig die Initialen des Verfassers: WJO. Manchmal macht Ouweneel Anmerkungen und erwähnt dabei, dass er in einem späteren Kapitel ausführlicher auf den betreffenden Punkt eingehen wird. In solchen Fällen warte ich, bis der betreffende Paragraph dran ist, es sei denn, dass ein direkter, knapper Kommentar wünschenswert ist.

Heutige "Heiler"

Nachdem er seine Wertschätzung verschiedener "Heiler" zum Ausdruck gebracht hat, beruft sich WJO auf S. 16 auf die Bedeutung seiner persönlichen Erfahrung und nennt in diesem Zusammenhang die Namen von T.B. Joshua, Jan Zijlstra und und Viktor Emenike. Das Wort "Heiler" [im Niederländischen eigentlich: Heilungsdiener] kommt in der Heiligen Schrift nicht vor. An sich habe ich mit diesem Ausdruck keine Mühe, wenn er nur deutlich definiert wird, aber gerade das vermisse ich hier. Meint WJO damit Menschen, die mit Kranken beten, oder denkt er an Personen, die die Gabe der Heilungen ausüben? Wegen des oben von mir beschriebenen Unterschieds der Heilungsdienste ist Klarheit diesbezüglich sehr wünschenswert! Auch in Bezug auf die Beurteilung der Vorgehensweise der von WJO genannten Personen wäre das wichtig.

WJO beruft sich also auf seine Erfahrung und sagt, dass eine Theologie der Krankheit und ihrer Heilung bedeutungslos sei, wenn sie nicht an der Praxis gemessen werde. Ich selbst würde mich zwar viel lieber auf die Lehre beschränken und auf die Erscheinungsformen gar nicht eingehen, aber angesichts des Nachdrucks, den WJO gerade auf die Erscheinungen legt, kann ich mich kaum auch deren Beurteilung entziehen.

Meine Erfahrungen in der Vergangenheit mit solchen, die einen 'Heilungsdienst' (um dies Wort dann doch mal zu benutzen) für sich in Anspruch nehmen, waren, wie schon angedeutet, nicht gerade sehr ermutigend, und von daher stehe ich auch den gegenwärtigen Vorkommnissen skeptisch gegenüber. Aber davon allein darf ich mich nicht leiten lassen. Anderseits erkenne ich durchaus nicht, dass ich bestimmten‚ 'Heilungsdiensten' nachgehen oder etwa gar eine Reise nach Nigeria unternehmen soll.

Trotzdem bin ich sehr wohl darüber auf dem Laufenden, was andere beschrieben haben, die das doch als ihre Aufgabe angesehen haben. Das Wenigste, was ich darüber sagen kann, ist, dass die Berichterstattung nicht einhellig positiv ist. Und das betrifft nicht etwa nur die Beurteilung derer, die solchen Sachen sowieso kritisch gegenüber stehen; nein, auch aus charismatischen Kreisen höre ich kritische Stimmen. Was ich von Gemeindeleitern gehört und was ich im Fernsehen gesehen habe, hat bis heute meine Skepsis nicht verringern können, im Gegenteil. So ist also klar, dass ich nicht ohne Weiteres 'abfahre' auf die begeisterte Beurteilung, die WJO in seinem Buch bietet, wobei ich selbstverständlich die Aufrichtigkeit seines Urteils nicht bezweifle. Dabei will ich es vorerst belassen.

Auswüchse und Einseitigkeiten

Auf den Seiten 17–32 gibt unser Bruder eine ausgewogene Beschreibung der Auswüchse und Einseitigkeiten, die sowohl bei Gegnern wie auch bei Befürwortern der Heilungslehre zu finden sind. Er gibt dazu einige wertvolle Hinweise, zu denen ich etwas anmerken möchte. Zu Recht bemerkt WJO, dass nach der Bekehrung oft besondere Erfüllungen mit dem Heiligen Geist stattfinden, und er beruft sich dazu auf verschiedene Schriftstellen (Anm. 7 auf S. 31). Anschließend sagt er auf S. 17, dass es nicht die geringsten Bedenken dagegen gibt, wenn hierbei das Handauflegen der Diener Gottes eingesetzt wird. Er führt dazu wiederum zwei Beispiele aus der Schrift an (Anm. 8). Diese Beispiele sind aber sehr speziell und können nicht verwendet werden, um die allgemeine Gültigkeit seiner Aussage zu stützen. Darüber hinaus liegt eine Gefahr in dem Handauflegen, wenn nämlich die ausübende Person okkult behaftet oder belastet ist.

Auf Seite 18 unten beruft er sich auf eine Aussage von Wimber, dass alle Gläubigen, die einen Heilungs- oder Befreiungsdienst ausüben, in Sprachen reden, und er findet, dass diese Aussage sehr vielsagend sei. Aber reden diese Menschen wirklich in Sprachen? Eine solche isolierte Aussage erfordert nämlich eine sorgfältige Untersuchung, was die Bibel eigentlich unter 'Reden in Sprachen' versteht. Hierüber habe ich eine ausführliche Abhandlung geschrieben und empfehle diese zu lesen: siehe www.jaapfijnvandraat.nl unter der Rubrik artikelen/discussies (Webseite in niederländischer Sprache; Anm. d. Übers.).

Auf Seite 22 lobt WJO Kathryn Kuhlman und spricht über Tausende, die durch ihren Dienst zur Bekehrung gekommen sind, wie auch über Tausende, die durch sie gesund geworden sind. Tausende ... was für eine Zahl! Ich frage mich allerdings, auf welche Quelle sich WJO hierbei beruft. Ich komme auf sie zurück, wenn ich den Abschnitt 2.2.2 bespreche.

Auf der selben Seite kritisiert WJO den Einwurf von 'konservativer' Seite, dass wir doch nicht die Gabe suchen sollen, sondern den Geber. Ich kann seiner Kritik wohl zustimmen, allerdings spricht er nur über Gaben; meine Frage ist, ob wir 'Heiler' demnach als 'Diener mit einer Gabe' ansehen müssen. Wenn ja, dann muss ich sie auch als solche beurteilen. Ich stimme auch überein mit seiner Kritik an der Formulierung "niemand stirbt vor seiner Zeit"; ich habe darüber im Jahre 1989 einen ziemlich ausführlichen Artikel im 'Bode van het Heil' geschrieben (Jahrg. 132, S. 116f).

Ich teile auch Ouweneels Kritik an solchen, die allzu flott alle Heilungen dem Teufel zuschreiben. Diese Leute denken, Heilungen könnten nur entweder von Gott oder vom Teufel sein, und wenn man nicht überzeugt ist, dass eine bestimmte Heilung von Gott bewirkt wurde, dann schreibt man sie dem Teufel zu. Man vergisst dabei, dass eine Heilung auch auf Placebowirkung beruhen kann. Somit erhalten wir drei mögliche Quellen für eine Heilung:

  • sie ist von Gott
  • sie ist vom Satan
  • sie ist eine Folge von Placebowirkung im Seelenleben des Patienten.

Unter einem Placebo verstehen wir ein Schein-Heilmittel. Die Worte eines Heilers können nämlich als ein Placebo wirken. Der Missionsarzt Nolle beschreibt diese Wirkung etwa folgendermaßen: Man kann das Seelenleben eines Patienten mit einem Meer vergleichen, auf dessen Grund sich Felszacken befinden. Bei hohem Wasserstand bereiten diese Zacken einem Schiff keine Schwierigkeiten, wenn aber der Wasserspiegel immer tiefer sinkt, wird die Sache gefährlich. So kann jemand, der mit sich selbst beschäftigt ist, verschiedenste Beschwerden und Schmerzen empfinden oder sogar selbst hervorrufen, während er bei positiver Einstellung sich einfach darüber erheben kann. Deshalb spricht man auch von Leiden, die 'zwischen den Ohren liegen' und meint damit eingebildete Leiden. Solche Leiden gibt es tatsächlich, aber es gibt auch Fälle, wo zwar Leiden vorhanden sind, die aber auf die Person keine Auswirkung haben, weil sie sich einfach darüber erhebt.

Ich will noch auf die zweite Ursache eingehen, und zwar mit der Frage: Kann Satan wirklich jemanden gesund machen?

In den Evangelien oder in den Briefen finden wir das nirgendwo. Als (einziges?) Beispiel wird Offenbarung 13,3 angeführt, wo wir lesen, dass die tödliche Wunde des Tieres, das aus dem Meer aufgestiegen ist, geheilt wurde. Hier sind allerdings zwei Dinge dagegen zu sagen: Erstens steht dort nicht, dass es der Satan war, der die Wunde geheilt hat, und zweitens – und das ist wichtig! – wird hier gesagt, dass einer der Köpfe des Tieres wie zum Tode geschlagen wurde; mit anderen Worten: Es geht hier nicht um das Tier als eine Person, sondern um das Reich, das in dem Tier vorgestellt wird.

Auf S. 25 schreibt WJO über das Bitten nach Gottes Willen (Punkt 2). Ouweneel stellt fest, dass man nirgendwo lesen kann, dass der Herr einem um Heilung bittenden Menschen gesagt habe: 'Ich will nicht'. Das ist also eine Bemerkung über etwas, das nicht geschrieben steht; solche Hinweise kommen in dem Buch mehrfach vor. Aber was ist damit gesagt?! Hätte das Gegenteil denn unbedingt vermerkt werden müssen? Auf jeden Fall lesen wir, dass Gott auf das Gebet des Paulus, von dem Dorn in seinem Fleisch befreit zu werden, nicht etwa sagt: 'Ich will es und werde es tun'.

Natürlich kann falsche Beruhigung bei einem Patienten eine Rolle spielen, aber ich denke an einen Bruder, der vielen Älteren sicher noch bekannt ist (Ravensberg). Dieser Mann, der viel unter Kranken gearbeitet und auch in dem Bibelkiosk in Amsterdam gedient hat, hatte zwei Leiden; das eine war, soweit ich weiß, ein Magenleiden und das andere war Asthma. Er bat Gott um Genesung von dem ersten Leiden und wurde gesund. Auch wegen des Asthmas hat er zuerst gebetet, hörte dann aber damit auf, weil er verstand, dass es für seinen Dienst unter den Kranken nützlich sei, wenn er dieses Leiden behielt.

Auf S. 26 beruft sich WJO auf Dinge, die im Text nicht angegeben sind (u.a. bei Jak 5,15), aber müssen die Aussagen denn dabei erwähnt werden? Es ist ein billiges Argument, wenn man sich dafür auf Aussagen beruft, die eben nicht geschrieben stehen. Siehe dazu auch den folgenden Abschnitt.

Haben die Gaben nach der apostolischen Zeit aufgehört (S. 26, Punkt 3)? Mit dieser Aussage müssen wir allerdings vorsichtig sein. Wir dürfen Gott in Seiner Allmacht und Souveränität nicht beschränken. Die Argumente für diese zurückgewiesene Aussage werden in Kapitel 4 näher besprochen; hier will ich nur darauf hinweisen, dass die Befürworter dieses Standpunkts sich oft darauf berufen, dass etwas Bestimmtes nicht geschrieben steht - in diesem Fall: dass nirgendwo geschrieben steht, dass die Gaben für immer bleiben werden. Das ist ein schwaches Argument, aber darf WJO seinerseits sich denn wohl darauf berufen, dass etwas in Jakobus 5,15 nicht geschrieben steht? Und sie dürfen das nicht - im Blick auf Markus 16,17?

Über die Punkte 4 und 5 (S. 28-29) kann ich mich kurz fassen. Ich bin mit WJO einig, dass wir nicht alles von vornherein abweisen müssen, wofür es kein direktes biblisches Beispiel gibt; und ich unterstreiche auch, was er dann am Ende von Punkt 5 sagt, dass wir dies sehr wohl müssen, wenn es um sonderbare Lehren geht, die zu klaren biblischen Grundsätzen ausdrücklich im Widerspruch stehen. Ich füge hinzu: und zur biblischen Moral.

Auch die Punkte 6 und 7 kann ich kurz behandeln. Es kommt vor, dass sonderbare Szenen eine Heilung begleiten. Aber dann sollen es wirklich teuflische Manifestationen sein, z.B. beim Austreiben von Dämonen. Das ist etwas völlig anderes als wilde Begleiterscheinungen, die dem Geist Gottes zugeschrieben werden. In der Heiligen. Schrift finden wir keine solche Szenen anlässlich von Heilungen.

Über das unmittelbare Eintreten einer Heilung will ich bemerken, dass Heilungen in der Bibel sofort stattfanden und nur ein einziges Mal aus besonderem Grund eine Wiederholung nötig war, die dann auch unmittelbar nach der ersten Behandlung folgte (Mk 8,24). Niemals brauchte ein Geheilter nach Verlauf einer gewissen Zeit zum Herrn oder zu den Aposteln zurückzukehren, um wegen desselben Leidens ein zweites Mal 'behandelt' zu werden, wie dies bei heutigen Heilern oft wohl der Fall ist. Auch dieser Punkt kommt später noch zur Sprache.

Wunderheilungen in der Kirchengeschichte (Kapitel 2)

In Kapitel 2 spricht WJO über das interessante Thema "Wunderheilungen in der Kirchengeschichte". Er beginnt das Kapitel allerdings mit den Argumenten, die vorgetragen werden, um den Dienst moderner Heiler in Misskredit zu bringen.

Zuerst erwähnt er die Angriffe auf die Lebenspraxis und den Predigtdienst heutiger Heiler. Ich meine, dass WJO diesen Sachverhalt nicht ehrlich darstellt. Man denke beispielsweise an Luther: Über seine Vorgehensweise und seine Ansichten über die Juden könnte man einiges anmerken. Das ist auch (von Freund und Feind) mit Recht vorgetragen worden; aber haben orthodoxe Christen das jemals benutzt, um den Dienst dieses Reformators anzugreifen? Niemals!! Gleiches gilt von Calvin und andere Männer der Reformationszeit.

Warum geschieht dies dann doch bei den Gebetsheilern der Gegenwart? Weil bei einigen von ihnen Zweifel an ihrer Vertrauenswürdigkeit und an der Korrektheit ihrer Handlungen aufkommen, und weil es um die Prüfung der Lehre geht, auf der das ganze Gebäude ihres Dienstes basiert. Man schießt ja nicht einfach so jemanden ab! Meine Erfahrung ist jedenfalls, dass, wenn man auf Dinge hinweist, die irgendwie nicht stimmig sind, sämtliche Bedenken einfach wegräsoniert werden.

Als zweiten Punkt nennt WJO das Argument, dass wir in der Endzeit leben und nur noch die Zeichen des Antichristen zu erwarten hätten. Seiner Kritik an diesem Argument stimme ich unbedingt zu. Die Zeichen des Antichristen sind 'Wunder der Lüge'. Das bedeutet nicht, dass es Tricks sind, sondern dass sie dazu dienen, der Lüge Gehör zu verschaffen (vgl. 5Mo 13,1-2). Dem gegenüber stehen die Zeichen der Wahrheit, die die zwei Zeugen in Jerusalem in der Nachfolge von Mose und Elia vollbringen (vgl. Offb 11,1-13). Eine ganz andere Sache ist, dass sowohl in der Vergangenheit, wie auch heute und in der Zukunft Zeichen vollbracht werden konnten und können, die den 'Diener' vor Gott eben nicht bestätigen, weil der geistliche Zustand der betreffenden Personen nicht in Ordnung war bzw. ist (vgl. Mt 7,22).

Drittens kritisiert WJO die Auffassung, dass Heilungswunder auf die Zeit der Apostel beschränkt gewesen seien. Mit Recht sagt er, dass diejenigen, die diesen Gedanken befürworten, zwar nicht bestreiten, dass auch heute noch Heilungswunder geschehen, wohl aber, dass sie von 'Heilungsdienern' vollbracht werden. Und doch trifft Ouweneel damit nicht den Kern der Sache, und das ist unter anderem dadurch verursacht, dass er - wie schon bemerkt - nicht klar definiert hat, was er unter einem 'Heilungsdiener' versteht.

Heilungen aufgrund von Gebeten (wie in Jak 5 beschrieben) haben führende Personen des 19. Jh. (u.a. J.N. Darby) nicht zurückgewiesen. Viele seiner Nachfolger haben das später allerdings getan; das ist zwar bedauerlich, aber dennoch hat es gegen Heilungen aufgrund von Gebet nicht eine solche Aversion gegeben, wie häufig behauptet wird.

Beim Ausüben der Gabe der Heilungen liegt der Sachverhalt etwas anders.

Diese Gabe soll im Zusammenhang mit der Verkündigung des Evangeliums ausgeübt werden, sozusagen als Teil davon, und zwar dann, wenn eine Bestätigung des Evangeliums durch Zeichen angebracht ist.

Dem hat man Raum gegeben – z.B. in Missionsgebieten. Der Ausübung dieser Gabe auf dem Boden des Christentums stand man sehr skeptisch gegenüber, unter anderem weil von Zeichen in biblischem Sinn wenig zu merken war. Ouweneel und andere schreiben das einem Mangel an Glauben zu, aber auch bei denen, die wohl genügend Glauben zu haben bekennen, ist trotz dieser ihrer Erklärungen wenig von echten Zeichen zu spüren.

Heilungen zur Zeit des heidnischen Römischen Reiches

Die von WJO genannten Beispiele machen nicht klar, dass es um Zeichen anlässlich der Verkündigung des Evangeliums bzw. um die Ausübung der Gabe der Heilungen geht. Dennoch spricht Ouweneel von 'Wundergaben', während es bei den von ihm genannten Beispielen um Gebetsheilungen geht. Hier sehen wir das Auftreten der Verwirrung, vor der ich zu Beginn gewarnt habe.

Dieser Punkt 2.1.2 macht nicht den Eindruck, dass Wundergaben so allgemein verbreitet waren, wie WJO es darstellt. Seine Frage "Warum können sie es dann nicht auch in späteren Jahrhunderten gewesen sein?" bleibt eine offene Frage; aber vielleicht darf ich die Sache einmal umdrehen: Wenn durch den Dienst einer einzigen Frau, Kathryn Kuhlman, Tausende gesund geworden sind, wie Ouweneel angibt, dann müssen in der Zeit von 100 bis 300 n. Chr. doch sicher Zehntausende gesund geworden sein? Davon schweigt er allerdings. Anders gesagt: Er macht sich in diesem Abschnitt selbst etwas vor.

Man kann natürlich sagen, dass wegen der Sünden der Christen die Heilungen in späterer Zeit seltener wurden. Das ist eine Meinung. Der kann man eine andere gegenüberstellen, nämlich dass Gott es nicht mehr für nötig hielt, auf dem Boden des Christentums noch wunderbare Heilungen zu schenken.

Heilungen nach der Christianisierung des Römischen Reiches

In Paragraph 2.1.3 schreibt unser Bruder, dass nach der dramatischen Wende die Heilungswunder nicht unmittelbar ausblieben. Nun braucht das ja auch nicht unmittelbar zu geschehen, sie können auch allmählich aufhören. Aber gut, auch in diesem Abschnitt geht es, soweit ich es beurteilen kann, wieder um Heilungen auf Grund von Gebeten.

Ouweneel nennt es einen großen Schlag für den Dienst der Heilungen, dass die Salbung mit Öl nicht mehr auf Kranke, sondern auf Sterbende angewendet wurde. Diese Kritik ist sehr berechtigt, jedoch weise ich darauf hin, dass nicht die Salbung an sich die Heilung bewirkt, sondern das Gebet des Glaubens. Das betont auch WJO. Letzten Endes ist es natürlich Gott, der die Heilung bewirkt, aber er tut dies auf Grund des gläubigen Gebetes derer, die in Fürbitte zu ihm kommen.

Die Reformation

Hier nun wird Luther zitiert, der nach Ouweneels Meinung eine neue und erfrischende Sicht auf den Heilungsdienst bewirkt hat. Aus dem Zitat, das er aus den Tischreden übernimmt, kann ich allerdings nur erkennen, dass Luther bei allen schweren Erkrankungen den Teufel als Verursacher und Bewirker ansieht. Im Blick auf 2. Mose 4,11 ist das aber, gelinde gesagt, eine sehr einseitige Darstellung; wichtiger ist aber, dass auch in in dem Fall der Heilung Melanchthons es sich um eine Gebetserhörung handelte.

Natürlich wäre es phantastisch, wenn wir voller Glaubenskraft wie Luther uns stark machten für Gebetserhörungen im Blick auf die Heilung von Kranken, aber darum geht es in diesem Abschnitt nicht. Wieder geht es ganz offensichtlich um Heilungen auf Grund von Gebeten. Es wird hier Jakobus 5,14 angeführt (s. S. 40 und vor allem 41 oben). Zu einer neuen Erkenntnis über Luthers Sichtweise zum Thema Heilungen trägt Ouweneel nichts bei.

Den Ergebenheitsgedanken von Calvin können wir auf sich beruhen lassen, dieser berührt nicht den Punkt, um den es mir geht. Es geht mir um die Frage, ob von Zeichen gesprochen wird, die die Verkündigung des Evangeliums unterstützen, oder von Heilungen auf Grund von Gebet.

Der Protestantismus

In diesem Abschnitt 2.2.2 nennt WJO viele Personen, von denen Heilungswunder berichtet werden. Es ist ermüdend, dass ich schon wieder in dieselbe Kerbe schlagen muss, aber hier rächt sich aufs Neue, dass Ouweneel nicht angibt, welcher Art die von diesen Menschen vollbrachten Heilungen sind.

Davon unabhängig ist die große Frage, wie vertrauenswürdig die Berichte über diese Heilungen sind. Viele der genannten Personen kenne ich nicht und gehe deshalb nicht auf sie ein; zu einigen aber möchte ich doch ein paar Bemerkungen machen.

Edward Irving: ein außergewöhnlich begabter Prediger, aber nicht frei von bedenklichen Lehren und sonderbaren Auffassungen über das Apostelamt, das wiederhergestellt werden müsse.

A. B. Simpson: von ihm werden viele Heilungswunder bezeugt; vor einigen Jahren aber las ich einen Bericht von einer Schwester, die dreißig Jahre mit ihm zusammen gearbeitet hatte. Diese Frau war schockartig zur Besinnung gekommen, als eine Patientin unter anderem auf ihr Anraten die notwendigen Medikamente nicht mehr eingenommen und ärztliche Hilfe zurückgewiesen hatte und danach starb. Sie ließ dann den dreißig Jahre währenden Dienst von Simpson an ihrem geistigen Auge vorübergehen und kam zu der Erkenntnis, dass sie in all den dreißig Jahren nicht eine einzige echte Heilung miterlebt hatte. War sie demnach eine Betrügerin? Nein, sondern sie glaubte die Aussage, dass Gott auch heute noch wunderbare Heilungen wirken will, und sie nahm (unkritisch) das, was sie vor ihren Augen geschehen sah, als Erfüllung dieses Glaubens an. So betrog sie sich selbst und dadurch auch andere.

Kathryn Kuhlman: eine umstrittene Figur. WJO weist selbst darauf hin, indem er auf S. 46 eine Beschreibung ihres Autretens von John Wimber wiedergibt. Über sie hatte ich schon früher gelesen, und zwar dass, wenn sie das Podium betrat, die sie dort erwartenden Personen wie Streichhölzer rücklings zu Boden fielen, bevor noch ein einziges Wort gepredigt worden war! Dieses Rückwärtsfallen nennt man 'Fallen im Geist'; ich kann nun aber wirklich nichts daran erkennen, was zur Verherrlichung Gottes dient. Hierbei verweise ich auf meine Webseite (niederländisch: artikelen/discussies, 'Vallen in de Geest – is dat Bijbels?'), wo ich in zwei Artikeln die Argumente für meine Auffassung dargestellt habe (Anm. d. Red.: dieser Artikel ist auf SoundWords ins Deutsche übersetzt erschienen: "Ist Fallen im Geist biblisch?").

William Branham: mit Recht nennt Ouweneel ihn eine extravagante Figur, und dennoch erwähnt er ihn, obwohl dieser Mann eine flagrante Irrlehre vertrat!! Er nennt ihn sogar an mehreren Stellen seines Buches. Ich kann das absolut nicht verstehen und frage mich, inwieweit WJO durch seine Auffassungen über Krankenheilung verblendet ist, sodass er die Realität aus dem Auge verliert.

Hermann Zaiss: ihn habe ich schon früher erwähnt. Ich erinnere mich noch gut an seine Auftritte, aber von Heilungswundern in unserem Land habe ich nichts mitbekommen - eher vom Gegenteil. Jemand, den ich persönlich kannte, war durch ihn von einem Herzleiden geheilt worden. In einer damals bekannten Zeitschrift gab er Zeugnis davon, ist aber kurze Zeit danach an eben diesem Herzleiden verstorben, von dem er in Wirklichkeit nie genesen war.

Karel Hoekendijk: ebenfalls eine zweifelhafte Figur auf dem Gebiet der Heilungen. Mein Bruder hat einmal einen seiner Auftritte in Leeuwarden miterlebt und war – gelinde gesagt – nicht gerade entzückt.

Johan Maasbach: ein flotter Geschäftsmann, der es wohl verstand, seine Botschaft an den Mann zu bringen, wie auch beträchtliche Kollektensummen hereinzuholen, wozu er Eimer im Saal herumgehen ließ. Hierin war er übrigens nicht der Einzige; jemand hat es einmal so zugespitzt: Diese Menschen haben nach ihren eigenen Worten Glauben für gewaltige Dinge, außer für die finanzielle Kalkulation ihrer Kampagnen. Das ist krass formuliert, stimmt aber mit der Realität überein! Während einer seiner Rundfunkpredigten hörte ich, wie Maasbach seine kranken Zuhörer aufforderte, ihre Hand auf den Radioempfänger zu legen, er würde dann mit ihnen um Genesung beten. Hierdurch wurde der Eindruck erweckt, als bekämen die Kranken dann direkten "Ätherkontakt" mit ihm. Die Ausstrahlung dieser Aufnahme fand allerdings statt, nachdem seine Predigt längst vergangen war. Somit musste nicht nur die räumliche Entfernung überbrückt werden, sondern auch noch die Zeit! Es klingt zwar hart, aber ich neige dazu, dies als "Dummenfang" zu bezeichnen. Wir werden später sehen, dass WJO den Gedanken an eine derartige Kraftübertragung sogar unterstützt.

T. L. Osborn: im Radio und in der Zeitung habe ich Berichte über seine Feldzüge verfolgt, und ich darf getrost sagen, dass es "heiße Luft" war. In der Zeitung stand damals eine Klage des Pflegepersonals einer psychiatrischen Einrichtung in Zuid Laren, die darüber seufzten, dass Osborn in Groningen gewesen sei und sie nun das Nachsehen hätten, weil so viele Menschen geistlich völlig aus der Bahn gekommen waren.

In einem späteren Artikel aus Amerika wird berichtet, wie durch seinen Dienst jemand von den Toten auferstanden ist. Osborn ließ die Bretter, auf denen der "Tote" gelegen hatte, aus dem Podium herauslösen, in kleine Stücke zerteilen und als 'Heilungsreliquien' verkaufen. Mit Recht hat Dr. Hegger, der doch charismatischen Aktivitäten nicht gerade abweisend gegenüber steht, diese Anwendung scharf verurteilt.

Die bereits erwähnte Broschüre "Die sogenannte Gebetsheilung - geprüft an der Schrift", die ich zum Anlass des Auftretens und der Schriften Osborns verfasst habe, ist leider vergriffen. Hierin habe ich Osborns Lehrauffassungen unter die Lupe genommen; hinter dem Inhalt dieser Broschüre stehe ich im Großen und Ganzen noch heute.

Temilope Balogun Joshua: Dies ist auch eine sehr umstrittene Figur - sogar in charismatischen Kreisen. Ich sehe davon ab, dies näher darzulegen, denn es ist über diese Person so viel pro und contra geschrieben worden, dass jeder sich darüber wohl ein Bild machen kann.

Jan Zijlstra: Auch ihn erwähnt WJO. Er ist viel ausgeglichener als andere Heiler. Ich habe das Interview gesehen, das Andries Knevel mit ihm in der Sendung "Die elfte Stunde" geführt hat und das bei mir sehr gut angekommen ist. Es ist eine von Zijlstra bewirkte Heilung in Dokkum bekannt, die ziemlichen Eindruck gemacht hat. Eine Schwester, die gesundheitlich ein Wrack war, ist gesund geworden und heute sehr aktiv in geistlicher Arbeit. Und doch glaube ich, dass Zijlstra zwischen Heilung durch Gebet und Heilung in Anwendung der Gabe der Heilungen nicht immer klar unterscheidet. Jedenfalls las ich in einem Zeitungsartikel, dass Zijlstra mit einem Rheumapatienten betete und auch dem Rheuma befahl, den Patienten zu verlassen. Es ist zwar bedenklich, aufgrund eines Zeitungsartikels zu urteilen, aber es handelte sich hier um eine seriöse Tageszeitung. Es fiel mir auch auf, dass in der TV-Ausstrahlung eines Heilungsdienstes von Zijlstra keine Heilungen zu sehen waren. Eine Wiederherstellung deformierter Gliedmaßen oder Ähnliches fand nicht statt. Ich vermisse also für den Zuschauer verifizierbare Wunderheilungen. Aber gut, ich warte ab, wie sich dieser Bruder entwickelt und bin für eine positive Bewertung offen.

Indem man so bestimmte Personen kritisch beurteilt, kann man natürlich de facto seine eigene Meinung suggerieren. Diese Gefahr sehe ich sehr wohl. Anderseits ist natürlich die Frage, ob Gott Personen gebrauchen will, an denen kräftig Kritik zu üben ist. Anhänger solcher Personen sind dagegen in der Gefahr, jede Kritik unter den Teppich zu kehren. Ich habe es selbst erfahren, dass, wenn man vorsichtig auf manches Anfechtbare hinweist, dies beiseitegeschoben wird mit Einwänden wie etwa: "Es muss doch nicht alles genau so laufen, wie es in der Bibel steht!" Das braucht es auch wirklich nicht, denn die Beispiele in der Bibel beschreiben oft nur, was geschehen ist, schreiben aber nicht vor, wie es geschehen muss. Das Anstößige mancher Situationen kann damit aber nicht beseitigt werden.

Eine Frage am Ende dieses Abschnitts: Sind während der Kampagnen, die die von WJO genannten Personen durchgeführt haben, gewaltige Wunder geschehen - und zwar in dem Sinn, wie in der Apostelgeschichte beschrieben? Eben davon bin ich nicht überzeugt. Jemand hat darauf hingewiesen - ich glaube in Bezug auf Lourdes - dass wohl viele zurückgebliebene Krücken zu sehen waren, aber keine Beinprothesen. Diese Bemerkung trifft auch auf einen weltlichen Heiler zu, dessen Wartezimmer voller Krücken hing.

Ouweneel schreibt auch selbst, dass an einigen der erwähnten Personen Kritik zu üben ist, und dennoch führt er sie an, als ob die Anzahl überzeugen müsse. Hier drängt sich das bekannte Wort auf: Wer zu viel beweisen will, der beweist am Ende gar nichts. Ich hoffe, dass es keine Neuauflage von "Heilt die Kranken" geben wird, falls aber doch, dann sollte dieses Kapitel m. E. vom Verfasser saniert werden.

Die Brüderbewegung

Dies ist ein sehr interessanter Abschnitt. Für Jüngere, die mit dieser Bewegung verbunden sind, wird es wohl einigermaßen enthüllend sein, was WJO über J. N. Darby schreibt. Denn dieser Führer in der Bewegung stand der praktischen Anwendung von Jakobus 5 durchaus nicht ablehnend gegenüber. Mehr noch, er hat die Krankensalbung in einigen Fällen sogar selbst angewandt. Ebenso meinte Darby, dass Christen in der Lage sein müssten, im Namen Jesu Christi Dämonen auszutreiben. Dann aber schreibt Ouweneel auf S. 50, dass Darby selbst die nähere Ausarbeitung von 'Seitenlinien' seiner Lehre blockiert habe. Dabei weist er z.B. hin auf Darbys Auffassung, dass die 'Zeichengaben' nur zur Einführung des Christentums bestimmt gewesen seien und dass es für ihre Fortsetzung keine Hinweise gebe. Darauf reagiert WJO mit der Gegenfrage, ob es denn Hinweise für ihre Beendigung gebe, und unter Hinweis auf Kapitel 2.1.2 behauptet er, dass es allerdings Hinweise für die Fortsetzung dieser Gaben gebe. Diese Frage kommt in Kapitel 4 ausführlich zur Sprache; deshalb hier nur dieser Hinweis: Für die Beendigung der Zeichengaben (...) sind sehr wohl Argumente aus der Schrift anzuführen, und der Verweis nach Kapitel 2.1.2 besagt nicht sehr viel, weil über verschiedene der dort genannten Zeugnisse schwerwiegende Kritik zu üben ist und es dabei nicht klar ist, dass es dort um Zeichengaben geht, die im Dienst der Predigt des Evangeliums ausgeübt worden sind.

Wodurch werden Menschen krank? (Kapitel 3)

Schwierig zu kommentieren

Dieses Kapitel ist (wie auch einige der folgenden) schwierig zu besprechen, und zwar

  1. weil der Autor bei verschiedenen Bemerkungen auf eine spätere Behandlung verweist, wodurch die Besprechung erst einmal aufgeschoben ist. Auf dämonische Einflüsse und die Wirkungen von Verfluchungen komme ich ebenfalls später zurück.

  2. weil er eine sorgfältige Besprechung bietet, indem er auch solche Stellen anführt, die seiner Beweisführung widersprechen, dabei aber - bewusst oder unbewusst - die Bedeutung dieser Stellen zu Gunsten seiner eigenen Ideen umbiegt.

  3. weil er manchmal Gedanken vorträgt, wo man ebenso gut auch alternative Ideen vorbringen könnte.

Die Leib–Seele–Problematik

In Kapitel 3.2.1 geht WJO auf das problematische Verhältnis Seele – Leib ein und weist den so genannten Dualismus zurück. Demgegenüber stellt er fest, dass der Mensch in Bezug auf Seele und Leib eine Einheit ist. Man könne wohl Aspekte unterscheiden, nicht aber verschiedene 'Teile'.

Diese Auffassung wird vielen Lesern neu sein und sie vielleicht irritieren. Aber auch ich teile in gewisser Hinsicht diesen Gedanken und weise den so genannten Dualismus ab.

Wenn man die Einheit des Menschen so betont, liegt der Schluss nahe, dass auch mit dem Tod der ganze Mensch stirbt. Genau das sagt Ouweneel auf S. 88. Aus diesem Grund ist unser Bruder vor einigen Jahren (zu Unrecht) beschuldigt worden, er lehre die Vernichtung des Menschen beim Tode (Lehre der Seelenvernichtung). Dies ist einer der Fälle, in denen ich WJO gegen falsche Beschuldigungen verteidigt habe. Er lehrt nämlich sehr wohl, dass der Mensch nach dem Tod fortbesteht. Damals hat er es so formuliert, dass Gott den Menschen nach dem Tod mit einem zeitlichen Leib ausstattet. In "Heilt die Kranken" drückt er sich vorsichtig aus: "Es ist der ganze Mensch, der stirbt, und auf eine für uns unergründliche Weise den leiblichen Tod 'überlebt'" (S. 88).

Dies Letzte ist mir allerdings zu vage; ich tendiere, was das Sterben betrifft, zu einer anderen Sichtweise als Ouweneel. Dabei gründe ich mich auf die Art, in der die Schrift über den Leib des Menschen spricht.

Der Leib als eine Hütte

In einigen Schriftstellen wird der menschliche Leib nämlich mit einer Hütte bzw. mit einem Zelt verglichen. Das lässt die ganze Sache doch etwas komplexer erscheinen als wie WJO sie darstellt.

Ich verweise auf 2. Korinther 5,1.4. In Vers 1 spricht Paulus über den Leib als eine irdische Hütte, in der wir wohnen. Diese Wohnung wird abgebrochen. Ich lasse jetzt offen, wann das geschieht: beim Sterben oder bei der Wiederkunft des Herrn. Es geht mir nur um die Worte 'Hütte' und 'wohnen' in dieser Hütte.

In Vers 4 benutzt der Apostel das Bild, 'entkleidet' zu werden und bezieht dies offensichtlich auf das Ablegen des 'sterblichen Leibes'. Nach meinem Eindruck kommt die selbe Vorstellung, "in dem Leib zu wohnen", auch in Philipper 1,20 zum Tragen, wo Paulus die Formulierung "in meinem Leib“" benutzt, was er kurz danach mit 'Bleiben im Fleisch'’ wiedergibt.

Auch Petrus drückt sich sehr ähnlich aus: er gebraucht die Wendung "solange ich in dieser Hütte bin" (2Pet 1,13) und deutet auf sein Bleiben im Leibe. Im nächsten Vers spricht er über das "Ableben meiner Hütte" und zielt damit auf sein Sterben, das er in Vers 15 als "seinen Abschied" bezeichnet. Wenn aber der Mensch so gesehen wird - als in einem Leib wohnend - dann wird sein 'Ich' offenbar nicht mit seinem Leib identifiziert.

Sterben ist ein Bruch

Im Licht dieser Bibelstellen habe ich starke Bedenken, zu behaupten, dass der ganze Mensch stirbt. Dass der Mensch den Tod überlebt, schreibe ich dann doch der Tatsache zu, dass das 'Ich' des Menschen beim Tod bestehen bleibt. Beim Tod findet eine Trennung statt, eine unnatürliche zwar, aber doch eine Trennung zwischen dem Leib und dem 'Ich' des Menschen. Ich spreche hier am liebsten von einem Bruch. Was eine Einheit ist, kann man wohl ''zerbrechen', und ich glaube, dass eben dies beim Tod geschieht.

In diesem Zusammenhang können wir auch Matthäus 10,28 erwähnen, wo der Herr Seinen Jüngern sagt, sie brauchten sich nicht vor denen zu fürchten, die wohl den Leib töten können, nicht aber die Seele. Dem 'Ich' des Menschen kann man nicht ein Ende bereiten, so wie man das leibliche Leben beenden kann. Etwas ganz anderes ist, dass Gott - in Bezug auf die Ungläubigen – diesen Unterschied aufhebt und sowohl die Seele als auch den Leib in der Hölle verdirbt (V. 29). Der komplette Mensch in seiner 'Einheit' geht somit für ewig verloren - in der Tat eine schreckliche Sache! Nichtsdestoweniger ist aber die 'Einheit' durch den Tod schon zerbrochen gewesen. Für die Gläubigen dagegen gilt, dass sie als vollständige Menschen mit einem verherrlichten Leib die ewige Herrlichkeit ererben.

In diesem Zusammenhang ist es auch gut, an 1. Korinther 15,35 zu denken, wo zunächst die Frage gestellt wird, wie die Toten auferweckt werden, dann aber die Folgefrage: Mit was für einem Leibe kommen sie? Diese "sie" werden also von ihrem "Leib" unterschieden. Und in den nächsten Versen wird nicht vom Säen des Menschen als solchem gesprochen, sondern über das Säen des "Leibes". Der Mensch wird als "sterblich" bezeichnet, aber daneben ist auch die Rede von dem "sterblichen Leib" und von unserem "sterblichen Fleisch" (siehe Röm 6,12; 1Kor 15,53; 2Kor 4,11). Man denke auch an Philipper 3,21, wo von der Umgestaltung "unseres Leibes der Niedrigkeit ... zur Gleichförmigkeit mit seinem Leibe der Herrlichkeit" gesprochen wird. Hier heißt es nicht, dass wir verändert werden, sondern dass unser Leib verändert wird. Ebenso wenig wird gesagt, dass wir dem Herrn gleichförmig werden, sondern dass unser Leib dem Leibe Seiner Herrlichkeit gleichgestaltet werden wird. Diese Stellen zeigen m. E., dass in Bezug auf das Sterben zu unterscheiden ist zwischen dem Leib und dem 'Ich' des Menschen. Ich wiederhole: Das 'Ich' überlebt den Tod. Der Tod ist ein unnatürlicher Bruch in der menschlichen Existenz, wodurch das, was eigentlich nur Aspekte dieser Einheit sind, jetzt Teile mit (vorläufig) eigener Bestimmung werden.

Die Erlösung des Leibes

Nach dem oben Dargelegten kann ich die "Erlösung unseres Leibes", über die Römer 8,22 spricht, schwerlich ausdehnen auf die Erlösung des ganzen Menschen, wie WJO es tut.

Ich stimme also zu, dass dieses Bleiben im Leibe unsere ganze menschliche Existenz umfasst, und dass wir in dieser leiblichen Existenz Gott verherrlichen sollen (Röm 12,1). Alles, was wir tun, soll auf die Verherrlichung Gottes zielen. Meines Erachtens bezieht sich Römer 8,22 aber auf die Erlösung "des" Leibes (nicht "aus/von" dem Leib – das wäre heidnisch); damit ist dann nichts anderes gemeint als diese Hütte, in der wir jetzt wohnen.

In 1. Korinther 6,13-15.19ff geht es darum, dass wir unseren Leib nicht missbrauchen dürfen, um Hurerei zu begehen. Mag WJO nun denken, dass der Ausdruck "der Herr für den Leib" am besten im Heilungsdienst zum Tragen komme (S. 65) – das ist dann seine Auffassung. In diesem Abschnitt von 1. Korinther ist keine Rede von Krankheit oder Heilung, sondern von Hurerei und von deren Vermeidung.

Die Ergebenheitslehre

In Kapitel 3.3 schreibt WJO einiges Beherzigenswerte. In der Tat brauchen wir Krankheiten nicht als etwas Normales zu betrachten, das nun einmal zum Leben gehöre. Krankheit ist eine Folge des Sündenfalls, aber wir brauchen uns damit ebenso wenig einfach abzufinden wie damit, dass die Erde Dornen und Disteln hervorbringt (1Mo 3,18). Wir dürfen um Heilung bitten und dazu auch Hilfsmittel benutzen. Etwas anderes ist, dass wir auch bei Krankheiten die Hand Gottes nicht ausschließen sollten. Das tut Ouweneel auch nicht, aber doch betrachte ich diesen Gesichtspunkt differenzierter als er. Bei Hiob (s. S. 67b) können wir unterscheiden zwischen den Unglücken, die ihn durch die Aktivität Satans treffen, und der Krankheit, die dieser Widersacher Gottes ihm sendet; ein wesentlicher Unterschied besteht zwischen diesen beiden Tatsachen aber nicht. Hiobs Haltung kommt gleichermaßen zum Ausdruck in den Worten: "Der Herr hat gegeben, und der Herr hat genommen", wie auch in den Worten, die er seiner Frau entgegenhält, nachdem er mit Krankheit geschlagen wurde: "Wir sollten das Gute von Gott annehmen, und das Böse sollten wir nicht auch annehmen?" Auf diese Krankheit können wir m. E. auch die Worte anwenden, die Gott an Satan richtet: "...obwohl du mich gegen ihn gereizt hast".

Den Nachdruck auf die Zulassung Gottes zu legen, indem dieses Wort durch Kursivdruck hervorgehoben wird, richtet nach meinem Eindruck nichts aus, denn Gottes Zulassung können wir ohnehin niemals trennen von dem Willen Gottes. Das sagt WJO auf S. 83 sogar selbst. Gott hat Seine Hand also auch bei Krankheit im Spiel – und das nicht nur, um Heilung zu schenken.

Krankheit und Glaubensprüfung durch Trübsal

Ich stimme WJO zu, dass wir Krankheit nicht als Prüfung und Trübsal ansehen dürfen, die durch die Nachfolge Christi entstehen. Diese sind ja nur Trübsale um des Glaubens willen. Petrus spricht sehr eindeutig über das Leiden um Christi willen – und dabei geht es dann nicht um Krankheiten (s. 1Pet 3,14.17; 4,1.12-19). Oft wird über Krankheit als über ein Kreuz gesprochen, das der Herr uns auflege; aber unser Kreuz-Aufnehmen hat damit nichts zu tun. Letzteres wird ja nicht ohne Grund "Kreuz" genannt, sondern hat mit den Verfolgungen zu tun, die das Nachfolgen des Gekreuzigten mit sich bringt.

Auf S. 69 bemerkt WJO, es sei ein heidnischer Gedanke, dass alles von Gott komme. Auch zitiert er M. J. Paul, der (m. E. zu Recht) gemäßigter spricht. Gerne füge ich hier noch das Wort Aad van der Sandes hinzu: "Nicht alles kommt aus Gottes Hand, aber Gott nimmt doch alles in Seine Hand". Ein Christ nimmt alles, was ihn trifft, nicht aus zweiter Hand, aus der Hand Satans an, sondern aus erster Hand, der Hand Gottes. Genau das tut Hiob, gerade auch in Bezug auf das körperliche Leiden, das ihn betroffen hat.

Keine zufriedenstellende Erklärung

Nicht jeder Kranke wird geheilt, und WJO bietet hierfür als Erklärung: "... denn nicht jeder hat Ihn gebeten bzw. wurde zu Ihm gebracht" (S. 72, 2. Abschnitt). Eine zufriedenstellende Erklärung ist dies allerdings nicht. Tatsächlich weist unser Bruder sogar selbst darauf hin, indem er erwähnt, dass auch Kranke gesund wurden, ohne Jesus darum zu bitten (man denke an den Gelähmten in Bethesda, Joh 5,1-9). Damit relativiert Ouweneel glücklicherweise seine eigene Erklärung, zugleich aber entwertet er sie damit auch.

Im Weiteren zeigt der Autor auf, dass Jesus Seine Wunder nicht nur vollbracht hat, um zu beweisen, dass Er der Messias ist, bzw. um das Reich Gottes einzuführen, sondern aus Barmherzigkeit gegenüber dem Menschen insgesamt. Nun hat dieses Erbarmen sicher eine Rolle gespielt, in bestimmten Fällen sogar eine hervorragende, z.B. in Matthäus 14,14; was aber hat – aufs Ganze gesehen – den Vorrang gehabt? Es war doch schließlich kein Mangel an Erbarmen, dass Er in Bethesda nicht alle Kranken heilte? Der Hinweis auf Sein Erbarmen reicht also nicht aus. Aad v. d. Sande hat – wie schon gesagt – in Bezug hierauf die wichtige Bemerkung gemacht, dass Gott "alles kann, aber nicht alles tut, was Er kann". Die Frage, warum Er manches nicht will, müssen wir Ihm überlassen, ohne dabei eine mögliche eigene Verantwortung von vornherein auszuschließen.

1. Thessalonicher 5,23 – eine andere Auslegung

Im Hinblick auf 1. Thessalonicher 5,23 will ich neben der von WJO angebotenen Erklärung die folgende zu bedenken geben. Es heißt dort, dass Gott uns völlig "heiligen" möge, und danach folgt, dass unser Geist, unsere Seele und unser Leib tadellos bewahrt werden möge bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Nach meinem Verständnis ist dieses Letzte eine Fortsetzung des "Heiligens", bei der es um die drei Aspekte unseres Menschseins geht – und zwar auf folgende Weise:

Unser Geist deutet unsere Denkwelt an, die vor Verunreinigung durch verkehrte Lehren bewahrt werden möge; die fleckenlose Bewahrung unserer Seele weist auf die Heiligung unseres Gefühlslebens hin, indem wir vor Hass, Eifersucht, bösen Trieben u.Ä. bewahrt werden, und die Bewahrung unseres Leibes kann sich auf die Vermeidung von Hurerei beziehen. Diese ist nämlich eine Sünde, die in 1. Korinther 6,18 sehr kennzeichnend als Sünde gegen den eigenen Leib bezeichnet wird.

Zurechtbiegen eines Bibeltextes

In dem WJO-Kommentar über 2. Mose 4,10-12 auf S. 82 sehe ich ein Beispiel für das Zurechtbiegen eines Bibeltextes, das ich in der Einleitung zu diesem Kapitel erwähnt habe.

Ouweneel legt dar: Gott hat Mose stumm gemacht, um ihn auf diesem Wege zu einem großen Lehrer zu machen. Die Tatsache, dass Mose "schwer von Mund und schwer von Zunge" war, sei ein Teil seines Trainings gewesen, um aus ihm einen Helden des Mundes und der Zunge zu machen. Offensichtlich hat Ouweneel ein Problem mit der biblischen Aussage, dass Gott "stumm oder taub oder sehend oder blind" macht. Er erkennt wohl, dass Gott dies tut, aber er bietet eine großartige Erklärung dafür, bei der die Aussage selbst leider abgeschwächt wird. Dass Mose zu einem großen Lehrer und zu einem Helden des Mundes und der Zunge gemacht worden wäre, steht nirgendwo geschrieben!! Es ist reine Spekulation von WJO. Tatsache ist, dass Gott das Sprachdefizit Moses nicht wegnimmt. Im Gegenteil, Er fügt ihm Aaron hinzu, damit dieser das Wort führe, weil er nämlich "reden kann". Dass Gott mit dem Mund Moses sein will, bedeutet nicht etwa eine Verbesserung seines Sprechtalents, was Ouweneel mehr oder weniger suggeriert (auf S. 182 spricht er sogar von Heilung!), sondern nichts anderes, als dass Er mit ihm sein werde bei allem, was Mose dem Pharao zu sagen habe.

Im Übrigen übersieht WJO bei der Besprechung dieser Verse, dass hier nicht nur von Moses mangelndem Sprechvermögen gesprochen wird, dessen Gott Sich annimmt, sondern auch, dass Gott "stumm oder taub oder sehend oder blind" macht. Das wird an dieser Stelle ohne jede Diskussion Gott zugeschrieben, und das dürfen auch wir tun. Es ist also durchaus Gott, der jemandem eine Krankheit oder ein Handicap gibt und diese auch bestehen lässt.

Auf S. 84 trägt der Schreiber zwar sehr nuanciert dem Werk Gottes Rechnung, aber de facto schwächt er damit seine (zu starke) Kritik an den Fragen 27 und 28 (= 10. Sonntag) des Heidelberger Katechismus.

Auf den folgenden Seiten bietet Ouweneel verschiedene Antworten auf die Frage, warum bestimmte Personen nicht geheilt worden sind, aber – wie schon gesagt – kann man diesen ebenso gut alternative Erklärungen gegenüber stellen. Es bleibt eine Tatsache, dass verschiedene Mitarbeiter von Paulus krank geworden sind und im Fall des Epaphroditus rechnet Paulus sogar damit, dass dieser möglicherweise sogar sterben würde. Seine Genesung betrachtet der Apostel nicht etwa als eine Selbstverständlichkeit, sondern ggf. als Beweis für Gottes Barmherzigkeit.

Auf S. 96 schreibt Ouweneel: "Es ist in der Bibel kein einziger unbezweifelter Fall zu finden, wo Gott gewollt hat, dass ein geistlicher Gläubiger ... krank bleiben sollte"; diese Aussage ist zu suggestiv. Ob eine Aussage bezweifelt oder nicht bezweifelt wird, hängt doch von deren Auslegung ab (vgl. hierzu noch einmal die Erklärung, die WJO zu 2. Mose 4,10-12 gibt)! Wenn wir annehmen dürfen, dass sich 2. Korinther 12,7 (auch) auf ein körperliches Leiden bezieht – und vieles spricht dafür – dann haben wir hier ein Beispiel für ein Leiden, das blieb und nicht aufgehoben wurde.

Zeichen, die den Gläubigen folgen (Kapitel 4)

Drei Auffassungen

In Kapitel 4 behandelt Ouweneel ein Thema, über das viel gesagt werden kann/muss, nämlich: Wann und wo fanden bzw. finden Zeichen und Wunder statt? Es bestehen hierüber grundsätzlich drei Auffassungen, und zwar:

  1. Zeichen und Wunder fanden nur zur Zeit der Apostel statt.
  2. Zeichen und Wunder sind bestimmt für 'Missionssituationen' heute und in der Vergangenheit.
  3. Zeichen und Wunder sind nicht auf bestimmte Zeiten oder Orte beschränkt.

WJO neigt zu der Auffassung c, ich selbst zu der Auffassung b.

Der Schreiber nimmt zunächst die Auffassung a unter die Lupe. Die Befürworter dieser Meinung führen Argumente aus dem AT an. Der im AT beschriebene Zustand unterscheidet sich aber grundlegend von dem des NT. So hatte Israel z.B. keinen Missionsauftrag. Aus dem AT sind deshalb m. E. keine Pro- oder Kontra-Argumente herauszudestillieren, die wirklich weiterführen. Ich lasse deshalb diese Argumente wie auch die von WJO angeführten auf sich beruhen.

Der Heilungsdienst

Ich möchte allerdings wohl eingehen auf die Kritik, die Ouweneel auf S. 101 an der Sichtweise von Richard Mayhue übt, die dieser in seinem Buch 'De belofte van genezing' (dt. üb.: 'Die Verheißung der Heilung'; [Anm. d. Red.: Das Buch ist im Deutschen unter dem Titel "Dein Glaube hat dich geheilt" im CLV-Verlag erschienen]) dargestellt hat. Leider verengt sich die Erörterung dabei auf die Frage der Heilungen.

Ich könnte diesen Abschnitt deshalb eigentlich überschlagen, möchte aber doch einen Punkt aus WJOs Widerlegung kurz unter die Lupe nehmen, weil die Art seiner Argumentation so kennzeichnend ist.

Mayhue schreibt, dass die von Jesus vollbrachten Heilungen immer unmittelbar stattfanden. Ouweneel wendet dagegen ein, dass das nicht ganz stimme und nennt folgende Beispiele:

  1. Die Heilung des Blinden (Mk 8,22-25) geschah in zwei Phasen.

    Kommentar: das ist aber auch das einzige Beispiel, wo dies zutrifft, und die zweite Behandlung folgte direkt auf die erste; dies zeigt nur, dass der Satan seine Beute nicht sofort loslassen wollte; seitens des Herrn war aber nur ein einziger Befehl nötig, um den Jungen zu befreien, und der Prozess dauerte nicht stundenlang!

  2. Bei der Befreiung des mondsüchtigen Knaben (Mk 9,25-27) schien sich dessen Zustand zuerst zu verschlechtern.

  3. Die Aussätzigen (Lk 17,14) wurden erst unterwegs geheilt.

    Kommentar: Geschah dies 'erst' nach Verlauf einer langen Zeit? Aber nein! Was Mayhue mit 'unmittelbar' zum Ausdruck bringen will, ist doch nicht mehr als: Es sind darüber keine Zeitabschnitte vergangen und es sind nicht mehrere Behandlungen erforderlich gewesen!

  4. In Lukas 11,14 steht, dass der Herr damit beschäftigt war, einen bösen Geist auszutreiben. Folglich geschah dies nicht einfach 'im Handumdrehen'

    Kommentar: Letzteres hat Mayhue auch sicher nicht behauptet! Als der Herr den Blindgeborenen behandelte, tat er einen Brei auf dessen Augen und befahl ihm, zum Teich Siloam zu gehen (Joh 9). Da könnte man auch sagen, der Herr sei 'beschäftigt gewesen', um ihn zu heilen. Aber als der Mann sich in Siloam wusch, wurde er augenblicklich gesund!

  5. WJO weist auf das von ihm so genannte Lazarusprinzip hin: Der Herr selbst erweckte Lazarus, aber alles, was die Menschen weiterhin an ihm tun konnten, hat Er ihnen auch überlassen.

    Kommentar: Dieses Argument greift überhaupt nicht, denn hier taten die Jünger gar nichts, was mit der Auferweckung des Lazarus oder mit der Beseitigung der Todesspuren zu tun hatte; sie sollten ihn nur aus den Grabtüchern auswickeln, damit er wieder frei laufen konnte.

Diese Art zu argumentieren finde ich Ouweneels wirklich unwürdig!

Wenn es heißt 'nicht immer unmittelbar', dann tut er so, als heiße es 'nie unmittelbar' und ignoriert damit vollends, was Mayhue mit dem Wort 'unmittelbar' sagen will.

Ich füge noch dieses hinzu: Der Knecht des Hauptmanns wurde aus größerer Entfernung geheilt, und es steht ausdrücklich dabei: "und sein Knecht wurde gesund in jener Stunde". Siehe auch Johannes 4,52, wo ausdrücklich erwähnt wird, dass der Knecht in derselben Stunde geheilt wurde, als der Herr über seine Genesung sprach!

Gottes Erbarmen

Ouweneel legt, wie schon erwähnt, Nachdruck darauf, dass der Herr nicht nur Kranke heilte, um zu beweisen, dass Er der Messias war, sondern auch, weil Er innerlich um sie bewegt war. Dabei vermengt er allerdings zwei Dinge, und zwar das innere Motiv des Herrn und die äußere Wirkung, die davon ausging, nämlich den Beweis, dass Er der Christus, der Messias war.

Auf S. 107 bemerkt WJO, dass Hebräer 13,8 nicht sagt, Christus handle immer gleich; wegen des Kommentars, den er hierzu gibt, weise ich darauf hin, dass Hebräer 11,32-38 zeigt, dass Gott in demselben Zeitabschnitt [derselben 'Haushaltung'] mit Gläubigen verschiedene Wege geht, siehe den Wendepunkt in Vers 36. Auch Gott ist gestern und heute derselbe und Sein Erbarmen ist für den einen nicht anders als für den anderen, und doch handelte Er damals nicht mit allen auf gleiche Weise; und das gilt genauso für Jesus Christus in dieser Zeit. Jakobus wurde mit dem Schwert getötet, Petrus wurde befreit (Apg 12,1-17; vgl. auch "Die sogenannte Gebetsheilung", S. 13f).

Markus 16

Mit Kapitel 4.2 auf S. 107 kommt WJO zur Sache und behandelt das, was er dem 4. Kapitel als Titel gegeben hat, nämlich "Zeichen folgen den Gläubigen" (s. S. 107).

Ouweneel schreibt einiges Gute in diesem Kapitel, wozu ich sage: 'O.k., schön!' Aber er macht auch Bemerkungen, zu denen ich sage: 'Ja, und?'

Ich gehe nicht weiter darauf ein und beschränke meinen Kommentar auf die Besprechung von Markus 16,14-20 sowie auf das, was damit zusammenhängt.

Bei der Behandlung dieses Themas müssen m. E. folgende Fragen gestellt werden:

  1. Was ist die Bedeutung von Zeichen und Wundern?
  2. In welchen Situationen lässt Gott Zeichen geschehen?
  3. Gehören Zeichen tatsächlich in unsere Zeit?
  4. Was lehrt die Schrift über diejenigen, die die Zeichen taten (tun)?

Auf die erste Frage gibt uns Markus 16 schon eine Antwort, denn wir lesen in Vers 20: "Jene aber gingen aus und predigten allenthalben, indem der Herr mitwirkte und das Wort bestätigte durch die darauf folgenden Zeichen."

Zeichen dienen also der Bekräftigung der Predigt. Eine gleiche Aussage finden wir in Hebräer 2,3-3. Dort heißt es, dass die große Errettung im Anfang von dem Herrn Selbst verkündigt worden ist und dass sie "uns von denen bestätigt worden ist, die es gehört haben, indem Gott außerdem mitzeugte sowohl durch Zeichen als durch Wunder und Austeilungen des Heiligen Geistes nach seinem Willen."

Dieses Mitzeugnis durch die Zeichen finden wir auch in Apostelgeschichte 14,3, wo Paulus und Barnabas predigten. Man beachte, dass hier von Zeichen und Wundern gesprochen wird, die durch ihre Hände geschahen.

Auch das Wort von Petrus darf hierbei wohl angeführt werden, das er am Pfingsttag in Jerusalem den Juden vorhielt: "Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus, den Nazaräer, einen Mann, von Gott an euch erwiesen durch mächtigen Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte tat ..." (Apg 2,22).

Zeichen dienen also der Bestätigung der Botschaft und der Verkünder dieser Botschaft. Dies werden wir bei der weiteren Besprechung gut festhalten müssen.

Die zweite Frage hängt eng mit der ersten zusammen. Wenn Zeichen als Bestätigung einer Botschaft und / oder des Verkündigers gedacht sind, dann dürfen wir Zeichen dort erwarten, wo Gott Menschen aussendet, um das Evangelium zu predigen. Dann geht es nicht um das Wirken von Zeichen um ihrer selbst willen, sondern um die Bestätigung der Predigt durch die Zeichen. Wir sprechen deshalb von Zeichen in 'Missionssituationen', wobei wir das Wort 'Mission' ziemlich weit verstehen wollen.

Die dritte Frage berührt die Aussage in Hebräer 6,5, wo von "Wunderwerken des zukünftigen Zeitalters" gesprochen wird. Es sind also Wirkungen, die in das zukünftige Zeitalter gehören, in dem Jesus Christus Sein Königreich aufrichtet; dann wird es diese Wirkungen geben. Es sind Kräfte, die zu diesem Königreich gehören. Mit Recht richtet WJO die Aufmerksamkeit auf diesen Gedanken und verweist auf Jesaja 29,18; 32,1.3; 35,5, verbindet damit allerdings keine weiteren Folgerungen ...

Und doch wurden (werden) diese Kräfte auch im gegenwärtigen Zeitalter ausgeübt - was bedeutet das? Als Johannes der Täufer auftrat, verkündigte er das Evangelium des Königreichs (ohne allerdings Zeichen zu tun), ebenso verkündigten der Herr und Seine Jünger dieses Reich. Die Botschaft bestand darin, dass das Königreich nahe gekommen war (s. die Verbindung mit dem Ausführen von Zeichen in Matthäus 10,7). Hätte Israel sich damals bekehrt, dann wäre das Königreich errichtet worden. Das galt sogar noch nach der Ausgießung des Heiligen Geistes am Pfingsttag, wie aus Apostelgeschichte 3,17-21 zu ersehen ist. In diesen Versen wird von der Wiederkunft Christi und von der Wiederherstellung aller Dinge gesprochen, von der die heiligen Propheten von alters her geredet hatten.

Dort, wo die Verkündigung des Königreichs stattfand, wurde sozusagen das künftige Zeitalter 'vorgezogen', indem Gott die Zeichen dieses Zeitalters geschehen ließ.

Wir wissen aus der Schrift, dass das Königreich in der heutigen Zeit eine verborgene Gestalt angenommen hat, wie es u.a. die Gleichnisse in Matthäus 13 zeigen.

Angesichts dieses Sachverhalts ist m. E. doch die Frage berechtigt, ob diese Zeichen denn wohl bis zum Ende dieses Zeitalters weiterhin zu erwarten sind, denn kennzeichnend sind sie nicht für das gegenwärtige, sondern für das zukünftige Zeitalter! Dieser Gedanke ist doch wohl der Erwägung wert!

Zur Beantwortung der vierten Frage müssen wir nachsehen, was die Schrift über das Ausführen der Zeichen sagt. Dies ist mit der Auslegung von Markus 16,15-18 eng verknüpft.

Vorab dazu eine Bemerkung über Auslegungen, die von dem ausgehen, was in diesem Abschnitt nicht geschrieben steht. Es steht dort allerdings nicht, dass das Nachfolgen der Zeichen auf eine bestimmte Zeit begrenzt ist, aber ebenso wenig, dass sie den Gläubigen immer folgen werden. Sich darauf zu berufen, dass etwas nicht geschrieben steht, ist spekulativ, und Spekulationen in beide Richtungen weise ich ab. Wir müssen von dem ausgehen, was die Schrift explizit sagt und was sie andernorts darüber weiter entfaltet.

"... werden denen folgen, die glauben"

Nun, es steht also dort, dass die Zeichen den Glaubenden folgen werden.

Aufgrund dieser Stelle meinen einige Ausleger, dass allen Gläubigen die Ausübung von Zeichen verheißen ist. Andere meinen, dass diese Verse nicht mehr besagen, als dass Gläubige die Zeichen miterleben werden, die von den Verkündigern ausgeübt werden. Ich lasse beide Gedanken zunächst nebeneinander bestehen und stelle sie nur der Beurteilung anheim. Wichtig ist, dass wir den gesamten Textabschnitt beachten. Er beginnt in Vers 15 mit dem Missionsauftrag "geht hin in die ganze Welt und predigt das Evangelium der ganzen Schöpfung". Dieser Auftrag wird den "Elf" erteilt (V. 14). Natürlich ist er nicht auf die "Elf" beschränkt, aber zur Auslegung der nachfolgenden Verse ist es wohl wichtig, diese Aussage erst einmal auszuwerten. Alle Gläubigen sind damit aufgerufen, Zeugen des Herrn Jesus zu sein, und wir sehen, dass selbst jene, die verfolgt wurden, diesem Auftrag Gehör schenkten (Apg 8,4; 11,19-21), aber nicht alle Gläubigen wurden zum Predigen ausgesandt.

Im Weiteren zählt der Herr die Zeichen auf, die den Gläubigen folgen würden, und wir lesen die Erfüllung Seines Auftrages in Vers 19-20: "Jene aber gingen aus und predigten allenthalben, indem der Herr mitwirkte und das Wort bestätigte durch die darauf folgenden Zeichen".

Wenn wir am Text bleiben, können nichts anderes sagen als dieses: Es gingen Prediger hinaus und Gott bestätigte ihre Predigt, indem Er Zeichen geschehen ließ. Die Zeichen sind verbunden mit der Predigt!

Was sagt die Apostelgeschichte?

Das Hinausgehen der Prediger fand erst statt, nachdem der Herr auferstanden war, in den Himmel aufgefahren war und den Heiligen Geist gesandt hatte (vgl. Joh 15,26). Die Erfüllung von Markus 16,15-18 werden wir deshalb zuallererst in der Apostelgeschichte berichtet finden.

Dem ersten Bericht begegnen wir in Apostelgeschichte 2,43, wo wir lesen:

"... es geschahen viele Wunder und Zeichen durch die Apostel."

Eine zweite Erwähnung in Apostelgeschichte 5,12:

"Aber durch die Hände der Apostel geschahen viele Zeichen und Wunder unter dem Volk."

Dies ist eine Erfüllung des Gebets in Apostelgeschichte 4,29-31. Dort bitten die Gläubigen, dass die Knechte des Herrn das Wort Gottes mit aller Freimütigkeit verkünden möchten; die Erfüllung finden wir dann in Vers 31. Danach bitten sie, dass Gott Seine Hand ausstrecken möge "zur Heilung, und dass Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus." Die Erfüllung hiervon finden wir in Kapitel 5,12; dort wird berichtet, dass die Apostel diese Zeichen bewirkten.

Eine besondere Erwähnung verdient Apostelgeschichte 5,15, denn dort steht, dass sogar wenn der Schatten von Petrus auf die Kranken fiel, diese gesund wurden. Es darf wohl auch darauf hingewiesen werden, dass Petrus einen Menschen aus den Toten auferweckt hat (s. Apg 9,32-41).

Die Bezeichnung 'Apostel' braucht nicht auf die Zwölf beschränkt zu werden; das können wir aus Apostelgeschichte 6,8 ableiten; dort lesen wir nämlich, dass Stephanus, voll Gnade und Kraft, große Zeichen und Wunder unter dem Volk tat. Stephanus war ein Gesandter für das Volk, der ein gewaltiges Zeugnis für den Herrn Jesus ablegte. Sein Zeugnis war auf Israel beschränkt und wurde durch seine Ermordung beendet.

Im weiteren Verlauf lesen wir, dass Philippus nach Samaria hinabzieht und den Samaritern das Evangelium verkündigt. Die Menschen hören seine Predigt und sehen die Zeichen, die er tat (Apg 8,6.13). Das Wort 'Apostel' bedeutet 'Gesandter'; in diesem Sinne können wir Stephanus und Philippus zu den Aposteln zählen.

Mit Recht verweist auch Ouweneel hierauf und erwähnt dazu das Beispiel der siebzig ausgesandten Jünger (Lk 10,1-20); seinen Hinweis auf das Sprachenreden der 120 Jünger am Pfingsttag halte ich aber nicht für sachdienlich. Dort geht es nicht um eine Predigt, die durch Zeichen bekräftigt wird, sondern um ein Zeichen, dessen Bedeutung Petrus anschließend erklärt. Nebenbei will ich bei dieser Gelegenheit noch erwähnen, dass hier in real existierenden Sprachen gesprochen wurde.

Auch das Beispiel von Ananias führt nicht weiter. Auch hier gab es keine Predigt, die durch ein Zeichen bestätigt worden wäre, sondern Ananias wirkt ein Zeichen, das ihm um Paulus' willen aufgetragen war. Auch dies ist ein Sonderfall, wobei es natürlich möglich ist, dass Ananias noch weitere Wunder bewirkt hat, was aber nicht berichtet wird. Und Sonderfälle sollte man nicht heranziehen, um eine allgemeine Lehre zu stützen.

Das Zeugnis der Apostelgeschichte geht weiter in Kapitel 13,4, wo Paulus und Barnabas durch den Heiligen Geist ausgesandt werden. Ihr Auftrag ist jetzt nicht mehr auf die Juden im Land oder auf die Samariter in ihrem Gebiet. Das Evangelium geht jetzt in die ganze Welt, um "dem Juden zuerst als auch dem Griechen" gepredigt zu werden.

Auf Zypern hat Paulus ein Zeichen getan, ohne dass es als solches bezeichnet wird. Durch die Hand des Herrn schlägt er nämlich Bar Jesus (auch Elymas genannt) mit Blindheit (Apg 13,10-12). Weiter lesen wir in Kapitel 14,8-11, dass Paulus einen Gelähmten heilt; zu beachten ist hierbei,

  1. dass er bei diesem Mann den Glauben erkannte, gerettet zu werden, und
  2. dass er ihm befahl, sich auf seine Füße zu stellen.

Paulus und Barnabas gehörten ebenso wenig wie Stephanus und Philippus zu den Zwölfen, die ausdrücklich Apostel genannt werden, aber in Kapitel 14,14 werden beide doch als Apostel bezeichnet (s. auch Kap. 14,3-4.). Von beiden heißt es in Kapitel 15,12, dass Gott "viele Zeichen und Wunder unter den Nationen durch sie getan hatte".

Erwähnenswert ist schließlich noch, dass von Paulus ebenso wie von Petrus bezeugt wird, dass er außergewöhnliche Wunderwerke tat, denn Schweißtücher oder Schürzen von seinem Leib ließen Krankheiten weichen und böse Geister ausfahren (s. Kap. 19,11-12). Auch weckte Paulus einen Toten auf, wie Kapitel 20,7-12 angibt. Man beachte, dass nicht irgendein anderer aus jenem Obersaal dies bewirkte, sondern ausgerechnet Paulus. Hiermit ist das Zeugnis der Apostelgeschichte zu Ende, aber es gibt noch mehr.

Die Zeichen eines Apostels

In 2. Korinther 12,12 steht ein wichtiges Wort des Apostels Paulus. Er schreibt dort: "Die Zeichen des Apostels sind ja unter euch vollbracht worden in allem Ausharren, in Zeichen und Wundern und mächtigen Taten." Dieses Wort würde allen Sinn verlieren, wenn jeder Gläubige solche Zeichen und Wunder verrichten könnte. Zeichen würden dann nicht mehr Kennzeichen der Apostelschaft sein ('als-Prediger-ausgesandt'), sondern von Christen allgemein.

Die Schrift zeigt in aller Deutlichkeit, dass die Zeichen auf die Verkündigung von Christen folgten, die ausgesandt waren, um die Botschaft des Evangeliums zu verbreiten, sich also in einer 'Missionssituation', einer Situation des 'Gesandt-Seins' befanden.

Nun kann man natürlich behaupten, dass der Ausdruck "die Zeichen des Apostels" nicht bedeuten muss, dass es nur den Aposteln vorbehalten war, solche Zeichen zu tun, dass es sie einfach nur kennzeichnete: Ohne Zeichen bist du kein Apostel. Man kann es aber ebenso auch umdrehen und sagen: Wer predigt und auch Zeichen tut, muss dann offenbar wohl ein Apostel sein. Dann müsste man das Wort 'Apostel', wie schon angedeutet, etwas weiter auffassen: Jemand, der ausgesandt ist, um zu predigen; demnach wären auch Philippus und andere darin eingeschlossen.

Wenn Ouweneel schreibt, dass Markus 16,17 eine Verheißung ist, die jeder Gläubige auf sich beziehen kann (s. S. 120f), dann löst er diese Stelle aus ihrem Zusammenhang und verfehlt die Belehrung der Apostelgeschichte und der anderen oben zitierten Schriftabschnitte. Auf S. 121 rückt er von dieser Aussage etwas ab: Zuerst sagt er, alle Gläubigen könnten Zeichen in ihrem Glaubensleben erfahren, wenig später heißt es, dass diese nur von einigen Gläubigen regelmäßig in ihrem Dienst eingesetzt werden. Er grenzt also das zuerst Gesagte ein und beachtet auch nicht den bestätigenden Charakter der Zeichen im Blick auf die Verkündigung.

Was ist mit 1. Korinther 12?

Auf diesen Bibelabschnitt geht WJO im nächsten Kapitel ein; ich möchte allerdings in Anbetracht der obigen Überlegungen etwas vorausschicken. Die soeben von mir verteidigte Position, dass nämlich die Zeichen von Aposteln (im weiteren Sinn: unabhängig von Ort und Zeit 'Ausgesandte') ausgeführt wurden und werden, scheint durch 1. Korinther 12 ausgehöhlt zu werden. In den Versen 28-30 werden nämlich Gnadengaben der Heilungen und Arten von Sprachen (beide werden in Markus 16 zu den Zeichen gezählt) neben der Gabe von Aposteln genannt. Damit bekommen wir ein Problem, allerdings nur ein kleines, denn wir brauchen nur die Unterschiede zu beachten, die Paulus macht: einerseits die Zeichen eines Apostels und andererseits die Gaben in der Versammlung, die er hier zum Thema hat.

Zum Ersten schreibt der Apostel in 2. Korinther 12,12 in der Mehrzahl über die Zeichen eines Apostels, die er präzisiert als 'Zeichen, Wunder und mächtige Taten'. Das entspricht völlig der Aufzählung in Markus 16,17-18.

Hier in 1. Korinther 12 spricht der Apostel über eine einzelne Gabe, die einer bestimmten Person zugeteilt ist, eine andere Gabe einer anderen Person, nicht über mehrere Gaben an eine einzige Person.

Zum anderen spricht Paulus in 1. Korinther 12 nicht über Zeichen, die die Verkündigung der Missionare begleiten, die in die Welt ausgesandt werden oder wurden, sondern über Gaben, die dem Aufbau bzw. der Erbauung der Versammlung dienen. Von Kapitel 11,17 bis Kapitel 14,26 (oder 34) geht es um das Zusammenkommen der Gläubigen als Glieder des Leibes Christi sowie um die gegenseitige Erbauung. Eine Ausnahme macht der Apostel höchstens in Kapitel 12,22 für das Reden in Sprachen; das ist nämlich normalerweise für Ungläubige gedacht, die die Verherrlichung Gottes in ihrer eigenen Sprache hören sollen. Das ist dann für sie ein Zeichen dafür, dass das Heil auch den Nationen (oder Heiden) angeboten wird (vgl. Apg 2). In der Versammlung soll nur dann in Sprachen geredet werden, wenn ein Ausleger da ist, denn es geht ja um die Erbauung der Versammlung.

Was ich über Markus 16,14-20 und über 2. Korinther 12,12 ausgeführt habe, wird also durch 1. Korinther 12 keineswegs entkräftet.

Europa als Missionsfeld?

Es gibt Ausleger, die wegen des Abfalls vom Christentum Europa wiederum als Missionsgebiet ansehen. Wir würden demnach auch hier wieder 'Zeichen, Wunder und mächtige Taten' erwarten oder gar beanspruchen dürfen. Zunächst müssen wir festhalten, dass in verschiedenen europäischen Ländern immer noch ein treues christliches Zeugnis besteht. Der Abfall ist deshalb nur ein teilweiser, nicht ein totaler. Außerdem gilt, dass man zwar so denken kann, entscheidend ist aber allein die Frage, ob auch Gott, unser Herr, so darüber denkt, und ob Er hier ein solches Mitzeugnis geben will durch Zeichen, Wunder und mächtige Taten wie in der Apostelgeschichte beschrieben.

Größere Werke als diese

Nebenbei noch ein kurzes Wort über die Aussage des Herrn, dass die Jünger noch größere Taten vollbringen würden als Er Selbst (Joh 14,12). Manche Gläubige verstehen das Wort 'größer' so, dass solche Zeichen geschehen sollten, die noch größeres Aufsehen erregen würden als die des Herrn. Hat aber jemals jemand etwas getan, das größer war als die Auferweckung des Lazarus, dessen Körper schon in Verwesung übergegangen war??

Andere sehen die größeren Werke in dem Ergebnis der Verkündigung, wobei Tausende zur Bekehrung kamen (oder kommen), wie etwa am Pfingsttag.

Ich selbst gebe folgenden Gedanken zur Erwägung: Wir können an die besonderen Werke denken, die durch Petrus geschahen, dessen Schatten auf Kranke fiel, die anschließend gesund wurden; oder an Paulus, dessen Schürzen und Schweißtücher auf Kranke gelegt wurden und ihnen Heilung brachten. So etwas hatte es bei dem Herrn nicht gegeben.

Wie schon gesagt gebe ich zu Kapitel 4 keine weiteren Kommentare; sie könnten womöglich von meinen genannten Hinweisen zu Markus 16,14-20 ablenken. Diese allerdings gebe ich ernstlich zu bedenken.

Die neuen Wundergaben (Kapitel 5)

Eine andere Auffassung

In Kapitel 5 bespricht WJO die in 1. Korinther 12 aufgezählten Wundergaben. Dabei weist er auch auf die entsprechenden Stellen in Epheser 4,11, Römer 12,6-8 und 1. Petrus 4,10 hin.

Es fällt auf, dass er auf S. 133 eine völlig andere Auffassung verkündet als die, die er früher hinsichtlich der Gnadengaben hatte. Natürlich ist es möglich, dass jemand neue Gedanken entwickelt und so zu besserer Einsicht gelangt. Das Ändern der eigenen Auffassung verurteile ich nicht - das soll klar gesagt sein - aber ich möchte dann auch deutlich vernehmen, aus welchen Gründen man seine Ansichten revidiert.

Ouweneel formuliert seine neue Auffassung so:

Kein einziger Gläubiger 'besitzt' eine der neun Wundergaben von 1. Korinther 12 in dem Sinn eines stets vorhandenen Vermögens, jeder Gläubige kann aber für einen bestimmten Fall und für einen bestimmten Augenblick eine dieser neun 'Gaben' empfangen (S. 133).

Das ist eine deutliche Aussage, und ich möchte doch gerne wissen, worauf WJO diese Auffassung gründet. Zunächst erhalte ich hierfür aber keinen biblischen Beleg, sondern nur die Meinung gewisser Personen.

Ouweneel zitiert Duffield & Van Cleave, die behaupten, dass niemand die Gabe der Heilungen hat ... Niemand hat jemals die Gabe besessen, jede Krankheit zu heilen. Auch Jesus hat manchmal alle Kranken geheilt, die zu ihm kamen, zu anderen Zeiten aber wurde Er in Seinem Wirken gehindert, weil die Menschen zu wenig Glauben hatten (Mt 13,58).

Was ist das für ein nichtssagendes Argument! Hatte Christus zu gewissen Zeiten etwa nicht mehr die Gabe und Macht, um zu heilen - oder wurde Er nur gehindert, diese Macht auszuüben? Ich glaube das Letztere.

WJO zitiert auch einen Ausspruch von Wimber über die 'Offenbarungen' des Geistes. Diese Formulierung soll den 'Augenblickscharakter' der Gnadengaben betonen. Auch in diesem Wimber-Zitat vermisse ich eine saubere biblische Begründung.

Nuancierung ...

Nach dieser forschen Aussage über die fall- und augenblicksbezogene Erteilung einer Gabe auf S. 145 nuanciert Ouweneel weiter. Auch auf die Gefahr hin, dass dies unfreundlich klingt: Seine Aussage stimmt weder mit der Praxis noch mit der Schrift überein.

Hinsichtlich der Praxis sagt er also, dass manche Gläubige bestimmte Gnadengaben häufiger empfangen als andere. Seltsamerweise zählt er dann auf, es gebe Apostel und Propheten (Personen, die häufig Weissagungen empfangen), sodann Lehrer und Wunderkräfte (Personen, in denen sich Gottes Kraft häufig offenbart). Dies wendet er dann auch auf andere Gaben an.

Das ist aber pure Willkür. Von den Aposteln sagt er nämlich nicht, dass sie nur zu bestimmten Zeitpunkten und für bestimmte Dienste Apostel waren.

Für sie müsste aber doch das Gleiche gelten!? So konsequent ist WJO nun auch wieder nicht. Bezüglich der Heilungsgabe wiederholt er zunächst, dass niemand diese Gabe hat, schreibt dann aber weiter, es gebe aber solche in der Gemeinde, die viel häufiger Heilungsgaben empfangen als viele andere ... und diese seien besonders dazu berufen, sich dieser Aufgabe zu widmen.

Dies ist für mich reine Willkür und Spekulation. Wo lesen wir denn, dass jemand eine bestimmte Gabe häufiger bekommt als ein anderer? Nirgends! Auf diese Weise gelingt es Ouweneel aber, das Auftreten verschiedener Heiler zu rechtfertigen und sie zugleich dafür zu entschuldigen, dass sie in bestimmten Fällen die Heilung nicht vollführen können! Sie können sich dann hinter dieser Auslegung verstecken und sagen, sie hätten für diesen Moment und für diesen Fall die Gabe der Heilung eben nicht zugeteilt bekommen.

Ich berufe mich ungern auf Erfahrungen, aber ich könnte hier etliche Personen nennen, die sehr wohl eine bestimmte Gabe besitzen oder besaßen - und zwar nicht nur für einen Moment, sondern immer! Viele kennen, wie ich, Brüder in ihrer Gemeinde, die echte Lehrer waren, 'Vollblut-Hirten', Schwestern, die durch die Gabe der Barmherzigkeit gekennzeichnet waren usw.

Dessen ungeachtet kann es natürlich einen Gabenwechsel im Sinne des Wachstums geben. Ein Evangelist kann z.B. weiter wachsen zu einem Lehrer; er hat dann aber diese Gabe nicht nur für einen bestimmten Augenblick oder Fall bekommen.

Was sagt die Schrift?

Wie gesagt steht Ouweneels Auffassung auch im Widerspruch zur Schrift.

Auch hier bringt er Unterschiede an, und ich muss leider sagen, dass er sich die Schrift zugunsten seiner eigenen Darlegung zurechtbiegt.

Nachdem er dargelegt hat, dass es Personen gibt, in denen sich die Kraft Gottes häufiger offenbart, sagt er dann: "In diesem Sinn ist der eine ein Fuß, der andere eine Hand, ein Auge oder ein Ohr". Damit beschränkt er die Aussage der Schrift.

Beim Lesen von 1. Korinther 12,4-11 merken wir, dass Gott dem einen diese Gabe gibt, einem anderen oder dem nächsten eine andere Gabe. Nichts lesen wir von einem zeitlichen Charakter einer solchen Gabe bzw. dass eine Gabe nicht an eine Person gebunden wäre.

In Vers 12 wird das Bild des menschlichen Körpers vorgestellt und gesagt, dass der Leib viele Glieder hat. Danach wird die Betonung auf die Einheit dieses Leibes gelegt. Schließlich sagt der Apostel, dass dies genauso auch für den Leib des Christus gilt.

Im Weiteren arbeitet Paulus dieses Bild aus: Der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern. Er nennt den Fuß, die Hand, das Ohr und das Auge. Ist der Fuß etwa nur in einen bestimmten Moment Fuß, um laufen zu können? Und wie ist es mit dem Auge? Erhält es in einem bestimmten Fall die Sehfähigkeit und im nächsten Augenblick kann es hören? Niemals! Ein Fuß ist und bleibt ein Fuß, ein Auge ist ein Auge und bleibt ein Auge.

Dieses Bild eines gewöhnlichen Körpers überträgt der Apostel nun auf die Versammlung, den Leib Christi. Schon in Vers 25 wird das angedeutet, aber in Vers 27 wird klar gesagt: Ihr seid der Leib Christi und Glieder im Einzelnen. Was für den menschlichen Leib gilt, gilt deshalb ebenso auch für den Leib Christi. Wer dort ein Fuß ist, ist ein Fuß, ein Auge ist ein Auge usw.

Das Zurechtbiegen der Schrift zeigt sich bei WJO in seiner Aussage, dass jemand in diesem Sinn ein Fuß sei usw. So lässt er die Schrift etwas anderes sagen als das, was wirklich geschrieben ist!

Danach zählt der Apostel verschiedene Gaben auf und stellt fest, dass nicht alle Apostel, Propheten, Lehrer usw. sind. Wenn es nach Ouweneel geht, kann jeder Gläubige in einem bestimmten Augenblick Lehrer, Prophet usw. sein. Das widerspricht völlig dem, was der Apostel in den Versen 28-31 sagt.

Dass niemand aus sich selbst heraus einen bestimmten Dienst ausführen kann, ist natürlich vollständig klar. Auch dass es letzten Endes nur Gott ist, der eine Heilung bewirkt, ist ebenso eine Tatsache. Aber es ist auch ebenso eine Tatsache, dass Gott für bestimmte Dienste Menschen gebraucht und sie für diesen Dienst mit einer (bleibenden) Gabe ausrüstet.

Um seine Lehre der augenblicks~ und fallbezogenen Erteilung der Gaben zu beweisen, führt Ouweneel dann Beispiele aus dem Alten Testament an.

Hier gilt, was ich schon früher gesagt habe: bei manchen seiner Aussagen sage ich "o.k.", bei anderen aber "ja und?" oder "aha!?" Aufs Ganze gesehen enthält seine weitere 'Beweisführung' nichts wirklich Konstruktives.

Selbstverständlich kann Gott einem Gläubigen deutlich machen, was in einem bestimmten Moment getan werden muss (s. Kap. 5.2.1); ist das aber dasselbe wie "das Wort der Weisheit" zu geben? Oder geht es in dieser Stelle nicht eher um Gläubige, die in ihren Äußerungen durch Weisheit gekennzeichnet sind?! Bezüglich des 'Wortes der Erkenntnis' können wir ein Gleiches sagen. Es geht hierbei ja nicht einfach darum etwas zu kennen, zu wissen, was los ist, sondern darum, dass der Geist einer Person das 'Wort der Erkenntnis' gibt; damit ist der Dienst des Wortes gemeint, den jemand empfangen hat.

Zusammengefasst: Der Herr gibt uns in 1. Korinther 12 eine Belehrung und dabei entdecken wir nicht, dass es eine Mitteilung von Gaben in bestimmten Situationen gibt, sondern die Zuteilung bestimmter Fähigkeiten, die jeweils in Abhängigkeit vom Herrn ausgeübt werden sollen.

An dieser Stelle ist es wohl angebracht, etwas über die drei Arten zu sagen, in denen Paulus über Gaben spricht.

Im Römerbrief behandelt er die Rechtfertigung aufgrund des Glaubens. Ab Kapitel 12 spricht er über das praktische Leben der Gläubigen. Sie sollen ihre Leiber als lebende Opfer Gott darbringen und in ihrem Denken verändert werden. Sie sollen bescheiden denken und erkennen, dass sie Glieder eines Leibes sowie auch Glieder voneinander sind. In diesem Bewusstsein sollen sie ihre Gaben ausüben und sich auch klarmachen, dass die Glieder nicht alle denselben Auftrag haben. Der eine hat diese, der andere jene Gabe. Dieser Unterschied ist, ebenso wie in 1. Korinther 12, kennzeichnend für den Leib.

Bei der Aufzählung der Gaben werden hier nicht die 'Wundergabe' genannt, wie das Sprechen oder Auslegen von Sprachen, das Heilen usw., sondern solche Gaben, die im weiteren Sinn das Gemeindeleben betreffen, wie z.B. das Mitteilen oder das Erweisen von Barmherzigkeit. Wir müssen das im weitesten Sinn verstehen, es bezieht sich auf praktische Hilfeleistungen wie das Erledigen von Besorgungen für jemanden und dgl. ganz alltägliche Dinge. Zwar ermahnt Paulus die Jünger, aber seine Anweisungen sind in erster Linie erzieherisch gemeint.

In der Versammlung von Korinth musste der Apostel einiges zurechtrücken - auch bezüglich des Gebrauchs der Gaben. Sein Schreiben an diese Versammlung ist in dieser Hinsicht ebenfalls ermahnend, hier aber korrektiv. In Kapitel 14 kommt dies besonders deutlich zum Ausdruck. Viele übersehen das, wenn sie Stellen aus diesem Kapitel auslegen, indem sie positiv auffassen, was ironisch gemeint ist. Wir kommen darauf noch zurück.

Im Epheserbrief spricht Paulus wieder ganz anders über Gaben. In Epheser 4 geht es nicht um Gaben, die einer bestimmten Person in der Versammlung gegeben sind, sondern um Personen, die einer Gemeinde als Geschenk gegeben worden sind. Diese Gaben sind zur Auferbauung der Gemeinde notwendig. Es gibt solche, die grundlegende Arbeit tun (= Apostel und Propheten), solche, die zu der Gemeinde hinzufügen (= Evangelisten) und solche, die aufbauend tätig sind (= Hirten und Lehrer). Hier spreche ich deshalb von Gaben in konstruktivem Sinn.

Ich will diese drei Arten nicht weiter ausarbeiten, es geht mir jetzt nur um eine knappe Information über den Unterschied zwischen diesen drei Arten, die Gaben vorzustellen.

weiterlesen - Teil 2

 

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