|
Leitverse: 2. Samuel 23
Nachdem David die völlige Unzulänglichkeit aller menschlichen und irdischen
Hilfsquellen erfahren hat, bleibt nur Gott allein als seine unfehlbare Hilfe und
Zuflucht übrig, wie wir dies bei allen wahren Knechten Gottes finden. Während
seines ganzen langen Lebens hatte er an der Wahrheit zu lernen, dass die
göttliche Gnade allein seine Bedürfnisse befriedigte; und am Ende seiner
irdischen Laufbahn gibt er dieser köstlichen Erfahrung in seinen „letzten
Worten“ Ausdruck: Die göttliche Gnade ist reich für alle und alles.
2Sam 23,1–3: Es spricht David, der Sohn Isais, und es spricht der
hochgestellte Mann, der Gesalbte des Gottes Jakobs und der Liebliche in
Gesängen Israels: Der Geist des HERRN hat durch mich geredet, und sein Wort war
auf meiner Zunge. Es hat gesprochen der Gott Israels, der Fels Israels zu mir
geredet: Ein Herrscher unter den Menschen, gerecht, ein Herrscher in
Gottesfurcht.
Das ist der Maßstab, den Gott an einen Herrscher legt. Aber wo würden wir
unter den menschlichen Herrschern einen finden, der diesem Maßstab entspräche
oder entsprochen hätte? Wir mögen die alte und neue Geschichte durchforschen
und die hervorragendsten Könige und Fürsten an unserem Geist vorbeiziehen
lassen, aber nicht einen Einzigen werden wir finden, der wirklich den beiden
großen Charakterzügen entspräche, die nach unserem Vers einen Herrscher
kennzeichnen sollten. Er muss gerecht sein und in Gottesfurcht herrschen. Aber
wo gibt es einen solchen, selbst unter den Besten der Menschen?
Wer ist denn dieser Gerechte, dieser Herrscher in Gottesfurcht, von dem David
hier redet? Es ist der wahre David, unser Herr Jesus Christus! Er, von dem es
heißt: „Ein Zepter der Aufrichtigkeit ist das Zepter deines Reiches.
Gerechtigkeit hast du geliebt und Gesetzlosigkeit gehasst“ (Ps 45,6–7); und
an einer anderen Stelle: „Er wird Recht schaffen den Elenden des Volkes; er
wird retten die Kinder des Armen, und den Bedrücker wird er zertreten“ (Ps
72,4). „Er wird sein wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein
Morgen ohne Wolken: Von ihrem Glanze nach dem Regen sprosst das Grün aus der
Erde“ (2Sam 23,4).
In allen diesen Stellen wird prophetisch gesprochen von dem Kommen des Sohnes
des Menschen und von der Herrlichkeit Seines Reiches auf Erden. Mit inniger
Freude wendet sich unser Herz von dem finsteren und mit Sünde erfüllten
Schauplatz, wo wir uns noch befinden, zu jenem „Morgen ohne Wolken“, der
einmal auf dieser Erde anbrechen wird als ein Ergebnis des Sühnungswerkes von
Golgatha.
Überall begegnen unseren Blicken jetzt noch Wolken und Finsternis. Eine
seufzende Kreatur, eine Gemeinde im Verfall, verderbte Grundsätze, leere
Bekenntnisse, Unglaube, Krankheit und Tod — alles dient dazu, unseren
Gesichtskreis zu verdunkeln und unseren Blick zu trüben. Wie sehnt sich da das
Herz nach der Aussicht auf einen Morgen ohne Wolken! Wohl mochte David diesen
Morgen mit „einem Glanz nach dem Regen“ vergleichen. Die Kinder Gottes haben
immer gefühlt, dass diese Welt eine Stätte der Wolken, ein Tal der Tränen
ist. Aber der Morgen des Tausendjährigen Reiches wird diesem allen ein Ende
machen: Die Sonne dieses Morgens wird bei ihrem Aufgang alle Wolken zerstreuen
und Gott selbst wird alle Tränen von den Augen der Gläubigen, die in dieses
Reich eingehen, abwischen. Gott sei Dank für diese Gnade und Liebe!
Wir haben schon bemerkt, dass kein menschlicher Herrscher jemals dem
göttlichen Maßstab entsprochen hat, den David hier in seinen letzten Worten
aufstellt. David selbst fühlte das. Darum hören wir ihn auch weiter sagen:
„… obwohl mein Haus nicht also ist bei Gott.“ Weder als Mensch noch als
König war er, was er hätte sein sollen. Aber gerade deswegen war die Gnade
seinem Herzen so köstlich. Wenn er in den Spiegel des vollkommenen Gesetzes
Gottes schaute, so sah er nur seine Unvollkommenheit und Mangelhaftigkeit. Aber
dann wandte er sich von diesem beschämenden Bild zu dem „ewigen Bunde“
Gottes, „geordnet in allem und verwahrt“, und darin ruhte er mit
Glaubenseinfalt, ohne jeglichen Zweifel. Obwohl Davids Haus nicht in allem
geordnet war, so war es doch der Bund Gottes, und David konnte sagen: „Dies
ist all meine Rettung und all mein Begehr.“
Er hatte gelernt, von sich und seinem Haus wegzublicken und sein Auge auf
Gott und seinen ewigen Bund zu richten. Und wir dürfen hinzufügen: So wirklich
und tief, wie er seinen Mangel als Mensch und König erkannte, so wirklich und
tief war sein Bewusstsein von dem, was die Gnade an ihm und für ihn getan
hatte. Die Erkenntnis dessen, was Gott war, hatte ihn gedemütigt, aber auch
erhoben. Es war seine Freude, als er sein Ende herannahen fühlte, in dem Bund
seines Gottes zu ruhen, in dem sein Heil gesichert war.
Wie gesegnet ist es auch für uns zu wissen, dass wir alles in Gott finden
und besitzen, nicht nur Ihn als Den zu kennen, der unseren ganzen Mangel und die
Unzulänglichkeit alles Irdischen ausfüllt, sondern als Den, der in unseren
Augen alles weit übertrifft. Gott muss stets den ersten Platz haben. Er muss
über allem stehen, nicht nur im Blick auf die Vergebung unserer Sünden,
sondern auch hinsichtlich aller unserer Bedürfnisse. „Ich bin Gott, und
keiner sonst.“ — „Wendet euch zu mir!“
Es gibt viele Gläubige, die Gott wohl vertrauen können im Blick auf ihre
ewige Errettung, die aber in den kleinen Einzelheiten des täglichen Lebens kein
Vertrauen zu Ihm zu haben scheinen. Und doch wird Gott gerade darin so sehr
verherrlicht, dass wir Ihn zum Vertrauten aller unserer Sorgen und zum Träger
aller unserer Lasten machen. Nichts ist so klein und geringfügig, dass wir es
nicht vor Ihn bringen könnten; aber auch nichts so klein, dass es nicht unsere
Kraft und Fähigkeit übersteigen könnte. Hätten wir nur ein tieferes
Bewusstsein von unserer Unfähigkeit, so würden wir reichere und gesegnetere
Erfahrungen von der Macht und liebevollen Fürsorge unseres Gottes und Vaters
machen.
aus der Monatszeitschrift Ermunterung
und Ermahnung, 1986, S. 353ff.
|