|
Eine junge Christin war entschlossen, sich mit einem ungläubigen Mann zu
verheiraten. Ihr Gewissen mahnte sie klar, dass sie gegen den Willen Gottes
handelte. Doch da sie den Gedanken an eine Heirat nicht sofort als Ungehorsam
und Sünde verwarf, fehlte ihr nachher die Kraft, ihn aufzugeben. So war Gott in
diesem besonderen Fall genötigt, sie aus dieser Welt wegzunehmen, um sie vor
einer Sünde zu bewahren, die sie nicht zu tun wünschte, der zu widerstehen sie
aber keine Kraft hatte. O, wie schwer ist es anzuhalten, wenn wir solch einen
Weg erst einmal beschritten haben!
Jeder, der die Gläubigen in ihren Wegen genau beobachtet hat und sich um sie
kümmert mit einem Herzen, das für die Herrlichkeit des Herrn und das
geistliche Wohl der geliebten Kinder Gottes besorgt ist, hat sicher
wahrgenommen, welch einen verhängnisvollen Einfluss die Welt ausübt, wenn sie
Eingang in ein Herz gefunden hat. Gott allein weiß, mit welch feinen Methoden
und unter welch liebenswürdigem Vorwand die Welt oft in das Herz des Christen
eindringt. Auch der, der darunter gelitten hat, weiß etwas davon. Doch wenn
Christus vor den Blicken einer Seele steht und sie in der Kraft seiner Gegenwart
vorangeht, kann sich die Welt niemals in das Herz einschmeicheln. Daher sind
diejenigen, die durch Gnade nahe bei Christus gefunden werden, vor dem Einfluss
solcher Gefühle abgeschirmt. Sie können Gefühle und Wünsche, die mit der
Welt in Verbindung stehen, verurteilen und alles abweisen, was der Welt einen
Weg in das Herz bahnen könnte.
Hierin befinden wir uns im Krieg mit dem Feind. Er sucht uns zu überrumpeln,
sobald wir nicht wachsam sind. Um seine Ziele zu erreichen, kann er sich in
einen Engel des Lichts verwandeln. Wenn wir uns nicht nahe bei Christus
aufhalten und nicht mit der ganzen Waffenrüstung Gottes bekleidet sind, ist es
unmöglich, seinen Listen zu widerstehen. Es geht nicht in erster Linie darum,
der Macht Satans zu widerstehen, denn Christus hat diesen schrecklichen Feind
für uns besiegt, sondern wir müssen die Fallstricke entdecken, die er vor uns
legt. Vor allen Dingen müssen wir erkennen, dass es Satan selbst ist, der
tätig ist.
In unserem Kampf mit dem Feind ist es nötig, den Zustand unserer eigenen Herzen
zu kennen. Das einfältige Auge (d.h. das Herz, das mit Christus erfüllt ist)
erkennt die List und flieht zum Heiland, um geschützt zu werden. Ebenso ist es,
wenn die Zuneigungen auf Christus gerichtet sind: Die Bemühungen des Feindes
haben dann keinen Erfolg. Ein schlichtes Herz, das mit dem Herrn beschäftigt
ist, entgeht vielen Dingen, die den Frieden derer stören, die nicht nahe bei
Ihm sind. Aber Gott sei gepriesen, dass auch die bekümmerte und gebeugte Seele
Zuflucht und völlige Wiederherstellung in der Gnade dessen findet, den sie
vergessen hatte. Doch sie genießt die Früchte der Gnade erst nach vielen
Nöten und Übungen des Herzens. Dennoch lasst uns Mut fassen! Er weiß sowohl
zu befreien als auch Mitleid zu haben. Diese beiden Grundsätze regeln die Wege
Gottes mit uns. Einerseits führt Gott das Herz so, dass es seine eigenen
Absichten erkennt, andererseits verwendet sich Christus für uns wegen unserer
Schwachheiten.
Es gibt auf unserem Weg echte Schwierigkeiten, und auch in uns finden sich
Schwachheiten und — leider! — ein Wille, der es nicht liebt, gezähmt zu werden.
Er zeigt sich auf tausenderlei Weise in Gedanken und Taten. Sowohl unsere
Schwachheiten als auch unser Eigenwille behindern uns auf dem Weg zum Ziel
unserer Pilgerreise. Und doch besteht ein großer Unterschied zwischen dem
Handeln Gottes bezüglich unserer Schwachheiten einerseits und bezüglich
unseres Willens und der Gedanken, die daraus hervorkommen, andererseits. „Das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes
zweischneidige Schwert, und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist,
sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Beurteiler der Gedanken und
Gesinnungen des Herzens“ (Heb 4,12). Gott richtet unsere Gedanken und
unsere Absichten durch sein Wort. Nichts entgeht Ihm; Er ist treu gegen uns.
Sein Wort ist in unserem Herzen wie ein Auge, vor dem nichts verborgen ist: „Alles ist bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun
haben“ (V. 13).
Verstehst du das, törichte Seele, die du dich gern mit den Einbildungen deines
Herzens beschäftigst? Nichts ist verborgen! Nicht einer deiner Gedanken oder
Pläne ist verborgen vor den Augen dessen, mit dem du es zu tun hast. Doch das
ist noch nicht alles. Sein Wort ist einfach, deutlich und klar. Es spricht zu
deinem Gewissen: Hörst du es? Bist du dir darüber im Klaren, dass du es, wenn
Gott spricht, sowohl mit Ihm selbst zu tun hast als auch mit dem, was Er sagt?
Willst du dich Ihm widersetzen und Ihn zur Eifersucht reizen? Du kannst Ihm
nicht entfliehen: Er wird seinen Einfluss auf dein Gewissen niemals aufgeben.
Willst du wider den Stachel ausschlagen (Apg 26,14)? Bedenke lieber das Ende,
das Gott im Auge hat. Er könnte dich dir selbst überlassen. Er könnte dich in
Dinge fallen lassen, die die ganze Wüstenreise schmerzhaft und demütigend für
dich machen, wenn seine Gnade nicht dazwischentritt. Er könnte zu dir dasselbe
sagen, was Er zu seinem geliebten Volk Israel gesagt hat: „Ephraim ist mit
Götzen verbündet; lass ihn gewähren!“ (Hos 4,17). Schreckliches
Gericht! Es ist schwerwiegender als die meisten äußeren Züchtigungen. Doch
unser Gott möchte uns das Licht seines Angesichts und die Lieblichkeit seiner
Gemeinschaft nicht entziehen. Er züchtigt nicht gern; es ist für Ihn einbefremdendes
Werk“ (Jes 28,21). Doch Sünde bleibt in seinen Augen
immer Sünde. Er kann sie nicht erlauben.
Auf welche Weise wirkt denn Gott nun in unseren Herzen? Er erreicht sie durch
sein Wort, damit unser Gewissen alles so sieht, wie Er selbst es sieht. Sein
Auge ruht auf uns, auf unserem Herzen. Unser Gewissen wird durch das Wort, das
Er uns zeigt, erleuchtet, um die Vorgänge in unserem Herzen zu beurteilen.
Entspricht das, was sich in deinem Herzen vorfindet, deiner Stellung als
Fremdling auf dieser Erde? Ist es angemessen für jemand, der Gott liebt? Stimmt
es mit dem Willen Gottes überein? Ist es passend für jemand, den Christus so
geliebt hat, dass Er sich für ihn bis zum Tod am Kreuz erniedrigt hat? Halte
ein, törichte Seele, und frage dich, ob du den Gedanken, der dich beherrscht,
duldest, weil er zur Ehre Christi ist. Ist er zur Ehre dessen, der sich selbst für dich gegeben hat, um dich zu erretten? Ihm liegt an deinem Wohl. Er liebt
dich. Er weiß, was dir schaden könnte, was dich zu Fall bringt. Er wird nach seinen eigenen Grundsätzen — denen der Heiligkeit
— regieren, nach den
Grundsätzen, die zur Freude des neuen Menschen sind und der göttlichen Natur
entsprechen. „Er kann sich selbst nicht verleugnen“ (2Tim 2,13). Er
möchte nicht, dass du die schweren Züchtigungen erleidest, die den erwarten,
der sich abgewandt hat. Er möchte dir den Verlust ersparen, in den deine
Torheit dich treibt, wenn du dir erlaubst, deinem eigenen Willen zu folgen. Er
möchte, dass du die Freude der Gemeinschaft mit Ihm nicht verlierst und dein
Herz die Beweise seiner Liebe dir gegenüber ungehindert genießt.
Er spricht zu dir durch sein Wort und Er beurteilt die Gedanken und Absichten
deines Herzens. Soll Er als Richter zu dir sprechen oder willst du Ihn nicht
lieber bitten, dich von dem zu befreien, was dir zu stark ist? Oder sagst du,
wie einst Israel: „Ich liebe die Fremden, und ihnen gehe ich nach“? Du
weißt genau, dass dieser Gedanke nicht von Christus kommt. Du hast Ihn nicht
gefragt, obwohl du vielleicht gewagt hast, Ihn zu bitten, deine Absichten zu
segnen und dich zu leiten. Du weißt ja, dass das Wort Gottes auch das
beurteilt, was du noch in deinem Herzen verborgen hältst, was dich aber
trotzdem beherrscht. Du bist nicht Herr, sondern Sklave deiner Gedanken. Nein,
dieser Gedanke ist nicht von Christus, und wenn du ihn duldest, beachtest du
Gott und sein Wort nicht. Damit bringst du die Zucht Gottes auf dich. Gott ist
sehr gnädig und hat Mitleid mit uns und unseren Schwachheiten. Er ist liebevoll
und barmherzig in seinen Wegen, doch wenn wir entschlossen sind, unserem eigenen
Willen zu folgen, weiß Er ihn zu brechen. Er regiert alles, besonders aber seine Kinder. Er lässt sich nicht spotten, und was irgend ein Mensch sät, das
wird er auch ernten (Gal 6,7). Die schlimmste aller Züchtigungen jedoch ist es,
wenn Er uns unsere eigenen Wege gehen lässt.
Der zweite Punkt, auf den ich dich aufmerksam machen möchte, ist die Regierung,
die Gott in Bezug auf seine Kinder ausübt. Er warnt sie durch sein Wort, doch
wenn sie nicht hören, greift Er in seiner Macht ein, um ihnen Einhalt zu
gebieten, damit Er sie wieder segnen kann (vgl. Hiob 36,5-14; 33,14.30). Die
Regierungswege Gottes dürfen nicht mit der Tatsache der Errettung verwechselt
werden. Er sieht auf seine Kinder und züchtigt die, die Er liebt (Heb 2,6).
Diejenigen, von denen der Heilige Geist im Buch Hiob spricht, werden Gerechte“ genannt (Hiob 36,7). Gott wendet
sein Auge nicht von ihnen
ab, wie Er auch zu Israel durch den Propheten Amos sagt: „Nur euch habe ich
von allen Geschlechtern der Erde erkannt; darum werde ich alle eure Missetaten
an euch heimsuchen“ (Amos 3,2).
Im ersten Korintherbrief sehen wir, wie Gott seine Hand auf die Gläubigen
legte, weil sie sich beim Mahl des Herrn zügellos verhalten hatten. Viele unter
ihnen waren schwach und krank, andere waren entschlafen (1Kor 11,30). Nachdem
der Apostel sie darauf aufmerksam gemacht hat, fügt er hinzu: „Wenn wir
uns selbst beurteilten, so würden wir nicht gerichtet. Wenn wir aber gerichtet
werden, so werden wir vom Herrn gezüchtigt, auf dass wir nicht mit der Welt
verurteilt werden“ (V. 31.32). Ein ernster Gedanke! Wir sind unter der Hand
des Herrn, der Sünde bestraft, wo Er sie findet. Er ist ein verzehrendes Feuer
(Heb 12,29), und wenn die Zeit gekommen ist, beginnt das Gericht an seinem Haus
(1Pet 4,17). Wie sehr unterscheidet sich solch eine Beziehung zu Gott von dem Genuss
seiner Liebe und Gemeinschaft, die wir genießen, wenn wir seinen Geist nicht
betrübt haben und vor Ihm in dem Licht seines Angesichts wandeln! Ich zweifle
nicht daran, dass viele Krankheiten und Prüfungen der Gläubigen Züchtigungen
sind, die Gott gesandt hat, weil Dinge auf dem Weg liegen, die übel sind in seinen Augen. Eigentlich hätte das Gewissen sie bemerken müssen, aber es hat
nicht darauf geachtet. So musste Gott in uns das bewirken, was eigentlich unser
Selbstgericht vor Ihm hervorbringen sollte.
Nun dürfen wir keineswegs denken, dass alle Schwierigkeiten Züchtigungen sind.
Manchmal sind sie es, aber nicht jede Prüfung wird uns wegen einer Sünde
gesandt. Es gibt Dinge in Verbindung mit unserem natürlichen Charakter, die
korrigiert werden müssen, damit wir mehr in Gemeinschaft mit Gott leben und Ihn
in allen Einzelheiten unseres Lebens verherrlichen. Wenn wir mit solchen
Eigenarten nicht fertig werden, kommt Gott uns zu Hilfe. Aber viele Kinder
Gottes begehen Fehler, die ihr Gewissen eigentlich fühlen müsste und die sie
bemerken würden, wenn sich ihre Seele in der Gegenwart Gottes aufhielte.
Jakob musste sein ganzes Leben hindurch gegen die Folgen seiner eigenen Wege
kämpfen, denn Gott hatte seine Beweggründe erkannt. Um ihn zu segnen, musste
Gott mit ihm ringen. Somit war Jakob nicht in einem Zustand, dass Er ihm seinen
Namen offenbaren konnte. In der Geschichte Abrahams war das ganz anders. Und
Paulus erhielt einen Dorn für das Fleisch, um einem Übel vorzubeugen. In
diesem Fall bestand die Gefahr nicht in Sorglosigkeit, sondern in der Größe
der Offenbarung, die ihm gegeben worden war.
Ein Christ, bei dem wahre Herzenszuneigung zu Gott vorhanden ist, eine
Zuneigung, die Gott und seine Rechte sowie alle Beziehungen, in die Er uns
gebracht hat, anerkennt, kann unmöglich einen Ungläubigen heiraten. Ein
solches Handeln würde alle seine Verpflichtungen gegen Gott und Christus
verletzen. Ein Kind Gottes, das sich mit einem Ungläubigen verbindet, handelt
bei dem wichtigsten Ereignis seines Lebens freiwillig unabhängig von Christus.
Gerade in diesem Augenblick hätte es die innigste Gemeinschaft in Gedanken,
Gefühlen und Interessen mit Christus haben sollen — stattdessen wird Er
vollständig ausgeschlossen! Der Gläubige ist mit einem Ungläubigen
zusammengejocht. Er hat gewählt, ohne Christus zu leben: Er hat es
wohlüberlegt vorgezogen, seinen eigenen Willen zu tun und Christus
auszuschließen, anstatt seinen Willen aufzugeben, um Christus zu erfreuen und seine Zustimmung zu haben. Er hat sein Herz einem anderen gegeben, hat Christus
verlassen und sich geweigert, auf Ihn zu hören. Je tiefer die Gefühle sind, je
mehr sich das Herz festgelegt hat, desto offener gibt man anderen Dingen den
Vorrang gegenüber Christus. Welch eine schreckliche Entscheidung: einen Feind
Christi als Gefährten für das ganze Leben zu wählen!
Solch eine Verbindung führt zwangsläufig dazu, dass der Christ in die Welt
zurückgezogen wird. Er hat das, was in der Welt ist, als Gegenstand für sein
Herz gewählt. Nur das, was in der Welt ist, gefällt den Menschen, die von der
Welt sind, obwohl die Frucht dieser Dinge der Tod ist (Röm 6,21-23). „Die
Welt vergeht und ihre Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit“
(1Joh 2,17). Welch eine furchtbare Stellung: entweder Christus
untreu zu sein oder dauernd Widerstand leisten zu müssen, oft gerade dann, wenn
in den zartesten Gefühlen völlige Übereinstimmung bestehen sollte! Wenn Gott
nicht in seiner unumschränkten Gnade einschreitet, muss der Christ ständig
Zugeständnisse machen. Sein Wandel wird nach und nach immer weltlicher. Das
kann gar nicht anders sein. Der Weltmensch hat nur weltliche Interessen; und der
Christ? Er hat außer seiner neuen Natur auch noch das Fleisch. Zudem hat er
seine christlichen Grundsätze schon aufgegeben, um sein Fleisch zu befriedigen,
als er sich mit jemand verband, der den Herrn nicht kennt. Das führt dazu, dass
er mit der Person, die ihm in dieser Welt am nächsten steht, weil sie ein Teil
von ihm selbst ist, keinerlei gemeinsame Gedanken haben kann über das Thema,
das seinem Herzen am kostbarsten sein sollte. Sie werden nur
Auseinandersetzungen haben, weil in Amos 3,3 gesagt ist: „Wandeln wohl zwei
miteinander, es sei denn, dass sie übereingekommen sind?“ Wenn das nicht
so ist, hat der Gläubige bereits mehr und mehr der Weltförmigkeit nachgegeben
und schließlich Gefallen daran gefunden. Doch dieses traurige Ergebnis verliert
er aus den Augen, sobald er sich auf den Weg begibt, der zwangsläufig zu diesem
Ende führt. Der Christ wird Schritt für Schritt abwärts gezogen. Er lebt
nicht in Gemeinschaft mit seinem Heiland. Stattdessen gefällt ihm die
Gesellschaft eines Menschen, der seine Interessen teilt, ohne an den Herrn Jesus
zu denken.
Wenn er allein ist, vergisst er zu beten. Wenn er dann mit dem einen, den er
liebt, zusammen ist, hat er keine Kraft, seine Gefühle aufzugeben, obwohl er
weiß, dass sie dem Herrn nicht gefallen. Auch wird er vielleicht durch sein
Gewissen oder durch christliche Freunde gewarnt. Doch Christus hat nicht
genügend Einfluss auf sein Herz, um ihn zur Umkehr zu bewegen. Er lässt sich
mehr oder weniger durch andere Beweggründe leiten — z.B. durch das Verlangen
nach Ehre oder sogar durch noch abscheulichere Motive wie Geldliebe. Dafür
opfert er sein Gewissen, seinen Heiland, seine eigene Seele, soweit dies von ihm
abhängt, und auf jeden Fall die Ehre Gottes. Das, was anfangs nur eine Laune
war, hat sich zu ungezügeltem Eigenwillen entwickelt.
Der eingangs erwähnte Vorfall mit einer jungen Schwester veranlasst mich noch
zu einer anderen Bemerkung. Eine jungbekehrte Seele, wie aufrichtig sie auch
sein mag, übt weder Selbstgericht aus noch verurteilt sie das Fleisch. Doch
gerade Selbstgericht bringt uns dazu, unsere Lasten zu den Füßen des Herrn
Jesus niederzulegen, da wir unsere ganze Schwachheit sehen. Wir suchen dann
unsere Kraft nur in Ihm und vertrauen uns Ihm allein an. Eine Seele, die das
weiß und sich selbst misstraut, besitzt eine Zuversicht, die ihr dauerhaften
und festen Frieden gibt. Sie hat dann mit dem Herzen erfasst (nicht nur mit dem
Kopf!), dass Er allein unsere Gerechtigkeit ist. Doch dahin kommen wir nur, wenn
wir uns in der Gegenwart Gottes aufgehalten und dort die Entdeckung gemacht
haben, dass wir in uns selbst nur sündig sind, dass Christus vollkommene
Gerechtigkeit und Gott vollkommen Liebe ist. Von dieser Zeit an stützen wir uns
nicht mehr auf uns selbst. Wir sehen dann, dass wir mit Christus gestorben sind;
das Fleisch und der Feind haben nicht länger die Macht, uns zu täuschen und zu
betrügen.
Ich glaube nicht, dass die junge Frau, von der hier die Rede ist, mit dem
eigenen „Ich“ gebrochen hatte. In diesem Zustand sind viele Christen.
Obwohl alle denselben Gefahren ausgesetzt sein mögen, müssen solche besonders
die Listen des Feindes fürchten. Sie haben ja nicht gelernt, wie sehr uns das
Fleisch täuscht, und wissen nicht, mit welch schrecklichem Verräter wir es zu
tun haben. Wenn wir das erfahren haben, hat Christus einen größeren Platz in
unserem Herzen, selbst wenn ein Mangel an Wachsamkeit da sein mag. Auch
genießen wir dann größere Ruhe und sind weniger von uns selbst erfüllt.
Beobachte einmal, wie trügerisch das Herz ist und wie es jede
Selbstbeherrschung verliert, wenn es sich von Gott entfernt. Als das arme junge
Mädchen nach und nach immer tiefer in den Sumpf geriet, an dessen Rand sie
leichtfertig gespielt hatte, bat sie die Freundin ihrer Mutter, alles zu tun,
was ihr möglich wäre, um jedes Hindernis zu beseitigen. Doch diese
gottesfürchtige Frau war ganz überrascht, dass A. bereit war, sich mit einem
weltlichen Mann zu verbinden.
Wie arglistig und verderbt ist doch unser Herz! Was für Sklaven macht ein
Götze aus uns! Obwohl wir uns bemühen mögen, der Gefahr zu entgehen, und
vielleicht sogar die Flucht ergreifen, benutzen wir andererseits jede
Möglichkeit, unser Ziel dennoch zu erreichen. Wie schrecklich ist es, sich von
Gott zu entfernen! Bevor die junge Frau sich in diese Verbindung verstrickt
hatte, wäre sie mit Entsetzen vor dem Gedanken zurückgeschreckt, so etwas zu
tun. Wenn das Herz Gott verlässt, fürchtet es sich mehr vor Menschen als vor
Gott. Gott, der A. liebte und der auch von ihr geliebt wurde, musste sie aus
dieser Welt wegnehmen, da sie nicht den Mut hatte, auf den richtigen Weg
zurückzukehren. Gott nahm sie zu sich. Sie starb in Frieden — durch Gottes
Gnade durfte sie triumphieren. Der Christ sollte sich stets bewusst sein, dass
die Hand Gottes über ihm ist, selbst wenn er in den letzten Augenblicken seines
Lebens Frieden genießt. Wie ernst ist diese Lektion für den, der sich von Gott
und seinem heiligen Wort entfernen will, um eine Neigung zu befriedigen! Anfangs
könnte er sie noch leicht beherrschen, doch wenn sie sich erst einmal fest in
seinem Herzen eingenistet hat, beherrscht sie ihn und stürzt ihn ins Unglück.
Möge Gott es dem Leser dieser Zeilen, ja allen seinen Kindern schenken, Tag
für Tag seine Gegenwart zu suchen!
|