|
Leitverse: Hiob 37,14-16; 38,1
Hiob 37,14-16: Nimm dieses zu Ohren, Hiob; stehe und betrachte die Wunder Gottes! Weißt du, wie
Gott sie beladet und leuchten lässt den Blitz seines Gewölks? Verstehst du dich
auf das Schweben der Wolke, auf die Wundertaten des an Wissen Vollkommenen?
Hiermit kommen wir zu einem sehr wichtigen Punkt, was den Charakter des
Buches Hiob betrifft. Gott würde sich noch weiter offenbaren und würde das tun
in »Heiligen Schriften«, auf geistliche Weise, sodass wir jetzt, obwohl
wir Gott nicht sehen, doch Seine Gedanken kennen dürfen. Die Schrift ist für uns
die vollkommenste und unbedingt zuverlässige Quelle der Kenntnis und Einsicht.
Daneben aber haben wir, auch jetzt noch, Seine Offenbarung in der Natur. Da die
ganze Schöpfung durch die Sünde verdorben ist (Röm 8,20-22), fehlt dieser
Offenbarung die herrliche Vollkommenheit und Sicherheit, die uns auf das Wort
bauen lässt wie auf einen Felsen.
Daher kommt es, dass sie für uns nicht mehr die Bedeutung hat, die sie
für die Gläubigen der alten Tage hatte. Je weniger weit aber Gottes Offenbarung
in der Schrift fortgeschritten war, desto mehr finden wir, auch in der
Geschichte der Schrift, dass Gott durch die Natur zu den Seinen spricht.
In Psalm 19 finden wir beide Offenbarungsformen, und wir fühlen, wie der
Psalmist durch beide zur Anbetung gebracht wird. Und in Römer 1, wo von den
Nationen die Rede ist, die gar keine Schriftoffenbarung hatten, werden sie
dennoch für das Nicht-Tun des Willens Gottes verantwortlich gemacht, »weil das
von Gott Erkennbare unter ihnen offenbar war«, aus den Werken Seiner Hände. Nun,
wir haben bereits bemerkt, dass die Geschichte Hiobs sich in den
allerfrühesten Zeiten der Offenbarung Gottes abspielt. Und es verwundert uns
infolgedessen auch nicht, dass wir so viel und in so besonders erhabener
und ergreifender Weise in diesem Buch über die Schöpfung sprechen hören. Gott
hatte Hiob heimgesucht, Elihu hatte den großen Grundsatz aufgezeigt, dass
Gott über die Seinen Zucht ausübt und, wenn sie abgewichen sind, als ein Lehrer
mit Unterweisung zu ihnen kommt. Aber wir könnten sagen, dass die Sprache,
die dieser Lehrer gebrauchte, die Sprache der Natur war.
So stellt Elihu es am Schluss seiner Rede vor (Kap. 36,23; 37,24), und auch
hierin stimmt er ganz mit Gottes Gedanken überein. Denn so wird auch Gott selbst
zu Hiob sprechen. Gewiss, später würde Er durch den Dienst der Propheten zeugen,
vielfältig und auf vielerlei Weise, noch später (Heb 1) würde Er reden »im
Sohn«, und das Evangelium der Gnade Christi würde überall gepredigt werden;
aber hier gefiel es Gott, Seine Gedanken in einer Sprache kundzutun, die Himmel
und Erde Tag für Tag zu allen Menschen redeten und die sie damals wahrscheinlich
auch besser verstehen konnten als heute.
Elihu hatte nach seiner ernsten Rechtfertigung Gottes Hiob darauf
vorbereitet. Sein Dienst war vollbracht. Er hatte seine Aufgabe in Treue
erfüllt: als »Einer aus Tausend« war er wahrlich ein Ausleger, ein Gesandter
Gottes gewesen. Aber nun war der Augenblick gekommen, dass der Gott des
Himmels und der Erde Selbst das Wort an Hiob richten wollte. Wir dürfen
annehmen, dass Gott den Dienst Elihus benutzt hat, um den von der Wahrheit
abgeirrten Hiob zu unterweisen (Jak 5,10.20) und aus seinem Herzen die
unrichtigen Gedanken in Bezug auf Gott und auf sich selbst wegzunehmen, sodass
er nun recht vorbereitet war, der Stimme des Lehrers Selbst zu lauschen.
Die Stimme Gottes
Hiob 38,1: Und der HERR antwortete Hiob aus dem Sturm
…
So sind wir nun dem gewaltig ergreifenden Augenblick nahegekommen, in dem
Gott Selbst Seine Stimme hören lässt. Mit Wieviel himmlischer Weisheit hatte Er
diesen Augenblick gewählt! Lasst uns, sowohl in unserem eigenen Leben als auch
bei dem Überdenken der lehrreichen Geschichte Hiobs, doch stets tief
durchdrungen sein von der Allgegenwart Gottes. Er war, wiewohl unsichtbar, bei
all den Beratungen der Freunde zugegen. Er hörte alles, was über Ihn gesagt
wurde, die vielen Äußerungen, sowohl von Hiob als auch von den drei Freunden, in
denen Er auf eine unwürdige und unrichtige Weise vorgestellt wurde. Wie
sind wir Menschen bei der ersten ungerechten Beurteilung unserer Person sofort
geneigt, dagegen aufzutreten, uns zu verteidigen, uns selbst zu rechtfertigen.
Aber Elihu macht deutlich, dass Gott weder ein willkürlicher
Gewaltherrscher ist, noch dass Er nach einer strengen Vergeltungsregel das
Gute und Böse der Menschen belohnt oder bestraft. Wohl ist es wahr, dass
Er wundersam mit den Menschen handelt; aber dem Gläubigen, der auf Seine Wege
achtgibt, will Er doch auch deren Zweck und Ziel kundtun, mit dem Ergebnis, dass
Sein Name verherrlicht wird. So deutet Elihu an, dass Gott Wege der Gnade
und der Gerechtigkeit mit dem Menschen geht, deren Ziel einmal ist, einen
Unbekehrten zu demütigen und seine Seele zu erretten, und andererseits einen
Gläubigen, der abgewichen ist, zurechtzubringen. Auch Elihu rechtfertigt also
Gott gegenüber Hiob und tadelt dessen Selbstgerechtigkeit, Ungeduld und Mangel
an Ehrerbietung. Aber er hütet sich zugleich davor, Hiob zu beschuldigen, wie
die Freunde es taten. Auch sein Ton, wenn er Hiob tadelt, ist ganz anders als
der der Freunde. Wir haben gesehen, wie Hiob in der Not seiner Seele immer
wieder seinem Gefühl Raum gab, von Gott verlassen zu sein, und dann übereilt und
heftig sprach, aber auch, wie er nach jedem neuen Ausbruch gewissermaßen wieder
zur Einkehr kam. Die Ursache seiner Verzweiflung lag oft auch zu einem nicht
geringen Teil in den scharfen Worten seiner Freunde. Gerade weil sie, die das
Leid nicht persönlich getroffen hatte, so ruhig und anscheinend wohlüberlegt
sprachen, wurde Hiobs offenes und ehrliches Gemüt um so tiefer verletzt. Bei
Elihu finden wir aber sowohl eine andere Art zu urteilen als auch einen ganz
anderen Ton. Er entschuldigte das Ungebührliche in Hiobs Äußerungen nicht, im
Gegenteil, er spricht offen aus, zu welch schrecklichen Folgen solche Worte
führen. Aber was seine Person so anziehend macht, ist, dass er auch im
dunkelsten Leid noch sein Auge und das der anderen auf Gottes gnadenreiche
Absichten zu lenken weiß.
Was blieb denn nun noch übrig? Es ist klar, dass nur Einer da war, der
den Worten Elihus Autorität und Kraft geben konnte. Das war Gott Selbst.
Abgesehen von dem ungeheuren Eindruck, den es auf alle Anwesenden gemacht haben
muss, dass der Schöpfer von Himmel und Erde Sich persönlich in
verständlichen Worten an einen Menschen wandte, ist es für Hiob ohne Zweifel
noch von ganz besonderer Bedeutung gewesen. Hatte er diese Gunst nicht in
leidenschaftlichster Weise von Gott erfleht? Zuerst bat er um einen Mann, einen
Freund, der zwischen ihm und Gott stehen möge (Kap. 9,33), später wünschte er
eine unmittelbare Antwort von Gott Selbst (Kap. 31,35). Beides war der
aufrichtige Wunsch seiner Seele und ließ das brennende Verlangen in ihm
erkennen, dass doch alles zwischen ihm und Gott in Ordnung kommen möge.
Ist es nicht ergreifend, dass Gott ihn in beiden Anliegen erhört hat?
Obwohl Hiob doch, zugleich mit dem Darbringen seines Begehrens, sich selbst so
hoch stellte, dass er wie ein Fürst Gott nahen zu können meinte (Kap. 31,36-37).
Reden aus dem Sturm
So spricht nun, nachdem Elihus Wort sein Werk an Hiobs Herzen getan hat, der
Herr Selbst aus einem Sturm. Schon diese Art, sich zu offenbaren, vermittelt uns
einen Eindruck davon, was der Charakter und der Inhalt Seiner Worte sein wird.
Es war nötig, dass Hiob tief unter den Eindruck der Größe und Majestät
Gottes kam.
Unwillkürlich denken wir hierbei an eine andere Offenbarung Gottes, wo Er
auch jemand entgegentrat, der gefehlt hatte. Aber wie ganz anders war da Seine
Handlungsweise! Elia, der große Prophet des Herrn, war schwach geworden,
gebrochen in seiner Geisteskraft und seinem Vertrauen auf Gott, und das wegen
der Drohung einer Frau. Durch besondere göttliche Vorsehung findet er seinen Weg
durch die Wüste zu dem Berg Gottes. Dort lässt Gott ihn sein Herz ausschütten,
zweimal. Aber als Gott Sich offenbaren will, dann geschieht es weder in dem Wind noch in dem
Erdbeben noch in dem Feuer, sondern in dem gnadenreichen Ton
eines leisen Säuselns. Dieser gebrochene Mann hatte, ebenso sehr wie Hiob, das
Wort der Ermahnung nötig. Aber wie handelt Gott stets auf wunderbare Weise mit
den Seinen nach dem Bedürfnis ihrer Seele! Der Niedergeschlagene wird mit Gnade
gestärkt, getröstet und aufgerichtet. Das Wort der Ermahnung — obwohl ich
bestimmt glaube, dass es für Elia an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig
ließ — ist ernst, aber gelinde und kurz. Es beschränkt sich auf eine zweimal
wiederholte Frage: »Was tust du hier, Elia?« Als der Prophet sich ausgesprochen
hat, wird ihm ein kurzer Auftrag gegeben. Sein Dienst war noch nicht abgelaufen,
wie er gemeint und gebeten hatte. Und zum Schluss die beschämende Mitteilung: »Ich habe siebentausend in Israel übriggelassen, alle die Knie, die sich nicht
vor dem Baal gebeugt haben« (1Kön 19,18).
Ganz anders ist es bei Hiob. Dieser musste niedergeworfen werden. In seinem
Wohlergehen war er in jeder Hinsicht ein Mann nach dem Herzen Gottes gewesen,
aber das Leiden hatte Aufruhr und Auflehnung bei ihm hervorgebracht. Der Hochmut
seines Herzens war offenbar geworden. Gott wollte ihn davon erlösen, um ihm
danach einen doppelten Segen schenken zu können. Und dazu war nötig, dass
der Allmächtige sich in all Seiner Kraft offenbarte.
Wie dies genau vor sich gegangen ist, werden wir kaum sagen können. Es
könnten auch nur Vermutungen sein, wenn wir es versuchen wollten. Worauf es
ankommt und wessen wir sicher sind, ist dieses, dass Gott vor den Ohren
Elihus und der Freunde zu Hiob auf deutlich verständliche Weise gesprochen hat.
Er schob die Klärung der Rätsel, die sie umfingen, nicht bis auf den Tag der
Ewigkeit auf, sondern schenkte ihnen deren Lösung in diesem Leben, damit sie in
diesem Licht umso mehr zur Verherrlichung Seines Namens und zur inneren Freude
des eigenen Herzens wandeln sollten. — Auch dies ist von Bedeutung für uns. Wenn
wir auch keine unmittelbare Gottesoffenbarung zu erwarten haben, so spricht Er
doch durch Sein Wort auf deutlichere Weise zu uns, als Er je zu Hiob sprechen
konnte. In diesem Wort finden wir einen Schatz von Anweisungen, durch die auf
die dunkelsten Wege unseres Lebens das erhellende Licht Gottes fällt. Wenn nur
Glauben gefunden wird, um Seiner Stimme zu lauschen. Zwar gibt es auch jetzt
Rätsel, von denen wir sagen dürfen, dass das vollkommene Licht darüber
erst in der Ewigkeit aufgehen wird. Aber lasst uns auf der Hut sein, dass
nicht Mangel an Interesse und Glauben an Gottes Wort uns in Finsternis lässt, wo
Licht sein könnte.
Der HERR redet
Bedeutsam ist auch, dass der HERR [Jahwe] es ist, der aus dem Sturm zu
Hiob spricht. Unter diesem Namen hat Gott Sich Israel zu Beginn seiner
Geschichte offenbart, als der Ewig-Getreue (2Mo 3,14). Vorher war Er unter
anderen Namen bekannt gewesen. Der älteste davon war der, der Ihn als Gott den
Allmächtigen (El, Mehrzahl Elohim) vorstellte. Als solchen finden wir Ihn in 1.
Mose 1,1 als Schöpfer von Himmel und Erde. Und mit diesem Namen wird Er auch
ständig in den Gesprächen der Freunde genannt (mit einer Ausnahme, nämlich in
Hiob 12,9, wo »Jahwe« gebraucht wird). Dies verwundert uns nicht, wenn wir
bedenken, wie das Buch Hiob voll ist von der Allmacht Gottes und von Gedanken,
die der Schöpfung entlehnt sind. Es beweist auch, dass die Geschichte
Hiobs sich außerhalb Israels abgespielt hat und sehr wahrscheinlich wohl vor
Israels Geschichte. Aber der Schreiber des Buches kannte Gott als Jahwe. Daher
kommt es, dass dieser Name in den ersten beiden Kapiteln vorkommt. Und als
Jahwe, als Israels Gott, antwortet der Herr auch Hiob, beschäftigt Er Sich mit
einem aus den Völkern, der in Aufrichtigkeit Ihn zu kennen suchte. Darum können
wir es auch verstehen, dass das Buch Hiob einen Teil der Israel
geschenkten Offenbarung ausmacht.
aus Ermunterung und Ermahnung
|