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Leitvers: Römer 11,16
Röm 11,16: Wenn aber der Erstling heilig ist, so auch die
Masse {o. der Teig}; und wenn
die Wurzel heilig ist, so auch die Zweige.
Um zu verstehen, wer die Wurzel ist, müssen wir kurz sehen, wer die Zweige sind.
Manche haben vorgeschlagen, dass die Wurzel das Volk Israel ist, doch die
Israeliten sind in der Folge die „natürlichen Zweige“ (V. 21.24). Das Volk
Israel ist in der Schrift auch oft ein Bild des Ölbaumes (Jer 11,16; Hos
14,6; Off
11,4 — lies hierzu den unten angegebenen Artikel über die Bedeutung des
Ölbaumes). Andere haben vorgeschlagen, dass Christus die Wurzel ist, Er habe als
der gute Hirte sowohl die „Schafe des Hofes“ als auch die „anderen Schafe“
herzugebracht (Joh 10). Man sieht dann eine Parallele zwischen den natürlichen
Zweigen („Schafe aus dem Hof“) und den Zweigen aus dem wilden Ölbaum („anderen
Schafe“). Doch handelt es sich in Johannes 10 um wahre Schafe aus Israel und um
wahre Schafe aus den Nationen. In Römer 11 hingegen geht es um das Bekenntnis,
das jemand trägt. Wenn der Herr seine Schafe herzubringt, dann kennt Er sie mit
Namen, und sie gehen nicht verloren ewiglich. Niemand würde sie aus der Hand des
Vaters rauben können, so heißt es in Johannes 10. In Römer 11 hingegen gibt es
sowohl ein Einpfropfen als auch ein Ausbrechen. Leblose Bekenner können zwar so
aussehen, als hätten sie Anteil an den Verheißungen Gottes, und es mag auch
tatsächlicher Segen für sie vorhanden sein, doch wenn sie nicht wirkliches Leben
aus Gott haben, würden sie am Ende wieder ausgebrochen werden (siehe auch Heb
6). Johannes 10 ist also eine schlechte Parallelstelle für unser Thema.
Aber wer könnte denn nun die Wurzel sein? Wir glauben, dass die Väter (s.
Röm 11,28b „um der Väter willen“) und hier speziell Abraham die Wurzel ist.
Von Abraham heißt es in Kapitel 4,11, dass „er Vater aller wäre, die in der
Vorhaut glauben … und Vater der Beschneidung“ wäre. Und gerade um diese beiden
Gruppen von Menschen geht es ja in Römer 11. Abraham ist der Vater aller
Glaubenden (Vorhaut und Beschneidung; natürliche Zweige und Zweige aus dem
wilden Ölbaum). Kein AT-Name wird so oft im Neuen Testament erwähnt wie der
Name Abrahams; er ist die Wurzel. Aufgrund seines Glaubens — als er Isaak
opferte — sollten alle Nationen gesegnet werden (1Mo 22,18). Und die Wahrheit
ist, dass wir in dem wahren Samen Abrahams, in dem wahren Isaak — dem Herrn
Jesus — gesegnet werden. Der Herr Jesus ist eben nicht die Wurzel, sondern das
große Ziel aller Verheißungen und allen Segen Gottes.
Das AT gibt uns aber noch eine weitere sehr deutliche Stelle in Bezug auf
unseren Gegenstand. Es heißt in Jesaja 51,1-2: „Höret auf mich, die ihr der
Gerechtigkeit nachjaget, die ihr Jahwe suchet! Blicket hin auf den Felsen,
aus dem ihr gehauen, und auf die Höhlung der Grube, aus welcher ihr
gegraben seid. Blicket hin auf Abraham, euren Vater, und auf Sara, die euch
geboren hat; denn ich rief ihn, den einen {eig. als einen od. als einzelnen;
vgl. Hes 33,24}, und ich segnete ihn und mehrte ihn.“ Dieser Vers passt hervorragend zu dem Gegenstand in Römer 11, wo es um die
Wurzel geht, aus der wir entsprosst sind — buchstäblich oder geistlich (wenn wir
das einmal auf uns anwenden wollen).
Abraham ist die Wurzel, und der Ölbaum ist ein Bild des Segens und des Eingehens
in die Verheißungen Gottes. Israel stand unter den Verheißungen und dem Segen
Gottes. Jene Zweige aus dem wilden Ölbaum konnten diese Verheißungen und den
Segen nur bekommen, weil Israel gefallen ist und bis zur Zeit der
Wiederherstellung verworfen wurde. Ohne den Fall Israels wäre menschlich
gesprochen gar kein Platz für uns gewesen an diesem edlen Ölbaum. Deshalb
ergeht an uns die Ermahnung: „Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich; denn
wenn Gott der natürlichen Zweige nicht geschont hat, dass er auch deiner etwa
nicht schonen werde“ (V. 20-21), und: „Du trägst nicht die Wurzel, sondern die
Wurzel dich“ (V. 18). Erst durch den Fall Israels konnte „der Segen
Abrahams in Christus Jesus zu den Nationen kommen“ (Gal 3,14). An Abraham ging
die Verheißung, dass in seinem Samen alle Nationen gesegnet werden sollten (1Mo 22,18). Denn Abraham war zwar nicht der Erste, der glaubte, doch indem er
der Erste war, der aus einer götzendienerischen Umgebung herausgerufen wurde,
war er der Erstling, der für Gott abgesondert und damit geheiligt wurde. Seine
ganze Nachkommenschaft — die Masse — wurde damit geheiligt. Das wird dann auch
wieder besonders sichtbar, als die Israeliten aus Ägypten herausgeführt wurden,
so wie es auch von den Gläubigen heute heißt, „damit er uns herausnehme aus der
gegenwärtigen bösen Welt“ (Gal 1,4). Die Heiligung der Nachkommenschaft
Abrahams war natürlich nur eine äußere Heiligung (wie es das auch heute gibt;
siehe 1Kor 7,14). Es gab natürlich darin auch wahre Gläubige. Das sind die
natürlichen Zweige, die nicht ausgebrochen wurden.
Nebenbei ist es aus einem anderen Grund noch undenkbar, dass Christus die
Wurzel ist. In unserem Bild vom Ölbaum geht es um solche, die von Natur aus
mit der Wurzel verbunden sind (V. 21.24). Es geht um die „natürlichen
Zweige“. Jedoch lernen wir aus dem Neuen Testament, dass von Natur aus keiner mit Christus
verbunden ist. Nur durch die neue Geburt bekommen wir einen Teil an Christus. Im
Gegenteil sogar, es heißt in Johannes 12,24: „Wenn das Weizenkorn nicht in die
Erde fällt und stirbt, bleibt es allein, wenn es aber stirbt, bringt es viel
Frucht.“ Christus konnte also gar nicht die Wurzel sein, weil Christus erst
durch den Tod am Kreuz in die Lage versetzt wurde, Menschen mit sich zu
verbinden — ohne den Sühnungstod am Kreuz war es undenkbar, dass Personen mit
Ihm verbunden werden konnten oder der Fettigkeit der Wurzel teilhaftig hätten
werden können (vorausgesetzt Christus wäre die Wurzel!). Christus ist hingegen
nach Johannes 15 der wahre Weinstock, aus dem jeder Gläubige seine Kraft
bekommt. Deshalb kann man auch dieses Bild (vom Weinstock) nicht auf Römer 11
übertragen, denn am Weinstock gibt es nach einem Ausreißen nur ein Ins-Feuer-Werfen, im Ölbaum dagegen gibt es ein Wiedereinpfropfen.
In Römer 11 geht es um das
Empfangen oder Eingehen in die Verheißungen und den Segen, der dem Abraham
gegeben wurde, und in Johannes 15 um das Fruchtbringen durch das Bleiben in
Ihm. Um biblische Text miteinander vergleichen zu können, muss man zwingend auf
die Grundaussage des jeweiligen Bildes schauen. Was auf den ersten Blick als
Parallele erscheinen mag, stellt sich oft beim genaueren Studium schnell als
Gegenteil heraus.
Zur Bedeutung des edlen Ölbaumes und der Wurzel siehe auch den Artikel „Die Bedeutung des
edlen Ölbaumes“ von Ch. Briem.
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