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Kapitel
3
Inhalt
Die Predigt vom Reich
der Himmel (Verse 1-4)
Die Taufe Johannes des
Täufers (Verse 5-17)
Mt 3,1-4 In jenen Tagen aber kommt Johannes der Täufer und predigt in der Wüste von
Judäa und spricht: Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen.
Denn dieser ist der, von welchem durch den Propheten Jesaias geredet ist,
welcher spricht: "Stimme eines Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des
Herrn, machet gerade seine Steige." Er aber, Johannes, hatte seine Kleidung
von Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; seine Speise aber
war Heuschrecken und wilder Honig.
Wir kommen jetzt zu der Ankündigung Johannes des Täufers. Der Geist Gottes
überspringt mit uns eine lange Zeit, und wir hören die Stimme Johannes in seiner
Predigt. „Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen.“
„Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen.“ (V. 2).
Wir finden hier einen Begriff, den wir nicht übergehen dürfen, weil er von so
großer Bedeutung für das Verständnis des Matthäusevangeliums ist. Johannes der
Täufer predigte in der Wüste von Juda die Nähe dieses Königreiches. Es konnte
eindeutig aus der Prophetie des Alten Testamentes, insbesondere derjenigen
Daniels, entnommen werden, daß der Gott des Himmels ein Königreich aufrichten
würde. Und dieses Königreich sollte vom Sohn des Menschen verwaltet werden.
„Und ihm wurde Herrschaft und Herrlichkeit und Königtum gegeben, und alle
Völker, Völkerschaften und Sprachen dienten ihm; seine Herrschaft ist eine ewige
Herrschaft, die nicht vergehen, und sein Königtum ein solches, das nie zerstört
werden wird“ (Dan 7, 14). Das war also das Reich der Himmel. Es war nicht
bloß ein Königreich auf der Erde; es bestand auch nicht im Himmel; es war der
Himmel, wie er für immer über die Erde herrscht.
Es scheint so, daß zur damaligen Zeit
weder Johannes, obwohl er es predigte, noch irgend jemand sonst wußte, welche
Form das Reich durch die Verwerfung Christi und Seine Himmelfahrt annehmen
sollte. In dieses Verständnis wurden die Gläubigen erst später eingeführt. Unser
Herr selbst stellt es erstmals in Matthäus 13 besonders heraus. Ich verstehe
also unter diesem Ausdruck seitens Johannes das, was man richtigerweise aus den
alttestamentlichen Prophezeiungen entnehmen konnte. Und Johannes hatte zur
damaligen Zeit keine andere Vorstellung, als daß das Reich entsprechend den so
entstandenen Erwartungen eingeführt würde. Gläubige Israeliten hatten schon
lange danach ausgeschaut, daß die Erde nicht mehr sich selbst überlassen bliebe,
sondern durch den Himmel regiert würde. Sie erwarteten, daß der Sohn des
Menschen die Erde beherrschen und die Macht der Hölle aus ihr verbannen würde.
Dann sollte die Erde mit den Himmeln in Verbindung stehen. Die Himmel müßten
dann natürlich so verändert sein, daß sie die Erde direkt durch den Sohn des
Menschen, der außerdem der König des wiederhergestellten Israels ist, regieren
können. Ich denke, daß dies im wesentlichen die Ansicht des Täufers war.
Doch er predigte Buße als geistliche
Vorbereitung auf den Messias und das Reich der Himmel, und nicht, wie im
Lukasevangelium, in Hinsicht auf tiefere Dinge. Das heißt, er rief die Menschen
auf, ihren eigenen Ruin im Blick auf die Einführung jenes Reiches zu bekennen.
Folglich war sein eigenes Leben das Zeugnis davon, was er moralisch in Bezug auf
den damaligen Zustand Israels empfand. Er zieht sich in die Wüste zurück und
wendet auf sich die alte Weissagung Jesajas an: „Stimme eines Rufenden in der
Wüste.“ (V. 3). Jetzt kam die Wirklichkeit; aber er sollte nur das Kommen
des Königs ankündigen. Ganz Jerusalem kam in Bewegung; und Volksmassen wurden
von ihm im Jordan getauft. Das gab ihm Gelegenheit, ein ernstes Urteil über
ihren Zustand vor Gott auszusprechen.
Mt 3,5-17 Da ging zu ihm hinaus Jerusalem und ganz Judäa und die ganze
Umgegend des Jordan; und sie wurden von ihm im Jordan getauft, indem sie ihre
Sünden bekannten. Als er aber viele der Pharisäer und Sadducäer zu seiner
Taufe kommen sah, sprach er zu ihnen: Otternbrut! Wer hat euch gewiesen, dem
kommenden Zorn zu entfliehen? Bringet nun der Buße würdige Frucht; und denket
nicht bei euch selbst zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater; denn ich sage euch,
daß Gott dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken vermag. Schon ist
aber die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum nun, der nicht gute
Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Ich zwar taufe euch mit
Wasser zur Buße; der nach mir Kommende aber ist stärker als ich, dessen
Sandalen zu tragen ich nicht würdig bin; er wird euch mit Heiligem Geiste und
Feuer taufen; dessen Worfschaufel in seiner Hand ist, und er wird seine Tenne
durch und durch reinigen und seinen Weizen in die Scheune sammeln, die Spreu
aber wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer. Dann kommt Jesus aus
Galiläa an den Jordan zu Johannes, um von ihm getauft zu werden. Johannes aber
wehrte ihm und sprach: Ich habe nötig von dir getauft zu werden, und du kommst
zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Laß es jetzt so sein; denn
also gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Dann läßt er es ihm zu.
Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald von dem Wasser herauf; und siehe,
die Himmel wurden ihm aufgetan, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube
herniederfahren und auf ihn kommen. Und siehe, eine Stimme kommt aus den
Himmeln, welche spricht: Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich
Wohlgefallen gefunden habe.
In der Mitte der Volksmenge, die zu
ihm kam, war jedoch Jesus. Welch ein Anblick! Sogar Er, Emmanuel, Jehova, nahm
als Messias jenen Platz der Erniedrigung auf der Erde ein; denn alle Dinge waren
aus dem Kurs geraten. Und Er mußte durch Sein ganzes Leben, wie wir so nach und
nach sehen werden, aufzeigen, wie der Zustand Seines Volkes war. Tatsächlich ist
es nur ein weiterer Schritt der gleichen unendlichen Gnade und, darüber hinaus,
des gleichen sittlichen Gerichts über Israel. Aber gleichzeitig wird ein sehr
lieblicher Zug hinzugefügt: Er verband sich mit allen in Israel, die ihren
Zustand in den Augen Gottes fühlten und anerkannten. Darüber sollte kein
Gläubiger leichtfertig hinweggehen. Wenn ein Gläubiger dieses nicht richtig
erkennt, dann versteht er die Schrift nur unvollkommen. Ja, ich glaube sogar, er
muß notwendigerweise die Wege Gottes schmerzlich mißverstehen. Doch Jesus
blickte auf die, welche zu den Wassern des Jordan kamen, und sah, daß ihre
Herzen, wenn auch noch so wenig, von einem Gefühl ihres Zustandes vor Gott
getroffen waren. Und Sein Herz war wahrhaftig bei ihnen. Es ging jetzt noch
nicht darum, ein Volk aus Israel herauszunehmen und mit sich in Verbindung zu
bringen. Das werden wir später finden. Aber Er war der Heiland, der sich mit dem
Überrest, der gottgemäß empfand, eins machte. Wo immer es die geringste Wirkung
des Heiligen Geistes Gottes in Gnade in den Herzen Israels gab, damit verband Er
sich. Johannes erstaunte. Johannes der Täufer wollte Ihn zurückweisen. „Denn“,
sagte der Heiland, „also gebührt es uns“, indem Er, wie ich annehme, den
Johannes mit einbezog. „Denn also gebührt es
uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“
(V. 15).
Es geht hier nicht mehr um das
Gesetz, dazu war es zu spät. Außerdem ist das Gesetz für einen Sünder immer
verderblich. Es geht um eine andere Art von Gerechtigkeit. Wo auch nur im
geringsten die Wahrheit über Gott und den Menschen gesehen wurde – und sei es
auch nur ein Überrest unter den Israeliten, die letztlich die Wahrheit über
sich anerkannten –war Jesus bei ihnen in dem Bekenntnis ihres Ruins, den Er
vollkommen fühlte. Er selbst hatte jenes Bekenntnis nicht nötig – nicht im
geringsten! Doch wenn das Herz völlig frei ist und unendlich über dem Ruin
steht, dann kann es am tiefsten hinabsteigen und aus dem Herzen eines jeden das
annehmen, was von Gott ist. Jesus handelte immer so, und zwar öffentlich, indem
Er sich mit dem verband, was auf der Erde herrlich war (Ps 16, 3). Er wurde im
Jordan getauft – eine unverständliche Handlung für alle, welche damals wie heute
an Seiner Herrlichkeit festhalten, aber Sein Herz der Gnade nicht verstehen. Was
für peinliche Gefühle mochten da aufgestiegen sein! Hatte Er etwas zu bekennen?
Ohne einen einzigen Makel in sich selbst, beugte Er sich hinab, um das zu
bekennen, was in den anderen war. Er anerkannte wie niemand sonst in all seinen
Ausmaßen und in voller Wirklichkeit den Zustand Israels vor Gott und Menschen.
Er vereinigte sich mit denen, die ihn fühlten. Sofort, als Antwort auf jedes
unheilige Mißverständnis, das vielleicht entstehen konnte, öffnete sich der
Himmel; und über Jesus wurde ein zweifaches Zeugnis abgelegt. Die Stimme des
Vaters verkündete das Verhältnis des Sohnes zu Ihm und Sein Wohlgefallen,
während der Heilige Geist Ihn als einen Menschen salbte. So gab Gott in Seiner
vollen Persönlichkeit eine Antwort an all jene, die sonst den Sohn oder Seine
Taufe geringschätzig behandelt hätten.
aus:
Lectures Introductory to the Study of the Gospels
Heijkoop, Winschoten, NL, 1970
(im Deutschen herausgegeben und
übersetzt von J. Das)
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