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Leitvers: Maleachi 3,16
Mal 3,16: Da unterredeten sich miteinander, die den
Herrn fürchteten, und der Herr merkte auf und hörte.
Inhalt
Einleitung A:
Persönlicher Hintergrund Brüder ohne geschichtliche Wahrnehmung Wir sind immer unterschiedlich gewesen Universitätszeit in London Vorbereitung für den missionarischen Dienst Eine Enttäuschung und eine gute Lektion B:
Ein Blick auf unsere Versammlungen gegen Ende 2001 (1) Der "Wir müssen allein bleiben"-Typ (2) Der "Alter Weg – gib an, wo du stehst"-Typ (3) Der "Alter Weg – gemäßigter"-Typ (4) Der "Realität um jeden Preis"-Typ (5) Der "Wir haben genug davon"-Typ Geografische Verteilung C:
Trends und ernste Sorgen Ernste Sorgen zu Typ-(2)-Versammlungen Ernste Sorgen zu Typ-(3)-Versammlungen Ernste Sorgen zu Typ-(4)-Versammlungen D:
Einige Ideen und Anregungen (1) Der "Wir müssen allein bleiben"-Typ (2) Der "Alter Weg – gib an, wo du stehst"-Typ (3) Der "Alter Weg – gemäßigter"-Typ (4) Der "Realität um Jeden Preis"-Typ (5) Der "Wir haben genug davon"-Typ E:
Punkte, die es wert sind, überdacht und erörtert zu werden Autorität Versammlungsbeschlüsse Die Einheit des Leibes des Christus: Verbindung (Umgang) und Verunreinigung E:
Schluss
Nachdem wir acht Jahre lang versucht
hatten, dem Herrn in Kolumbien zu dienen, kehrten wir im Dezember 2000 zu einem
zwölfmonatigen Urlaub nach England zurück. Eine Anzahl von Brüdern zeigte
Interesse an unseren Reisen in Europa in dem sich anschließenden Jahr. Wir
hatten Gelegenheit, sieben Konferenzen und etwa fünfzig verschiedene Versammlungen zu
besuchen, verstreut über England, Deutschland, Frankreich, Holland, Italien,
Spanien und die Vereinigten Staaten. Wir hatten das Vorrecht, vielen
liebenswürdigen Gläubigen zu begegnen und ihre warme Gastfreundschaft zu
genießen. Sie alle befanden sich in "glücklicher geschwisterlicher
Gemeinschaft", als wir 1992 nach Kolumbien aufbrachen. Nun sind Disharmonie,
Misstrauen und sogar Spaltungen unter sie gekommen. Einige fragten: "Wo stehst
du?" Hier will ich nun versuchen, ehrlich zu beschreiben, was ich gesehen habe
und was mir auf meinen Reisen berichtet worden ist. Alles stützt sich klar auf
Gläubige und die besuchten Versammlungen, doch ist der Querschnitt umfassend
genug, um ein angemessenes, objektives derzeitiges Bild abzugeben. Ich lasse
einige Überlegungen, unsere persönlichen Sorgen und einige Anregungen folgen.
Wir übernehmen die volle Verantwortung für irgendwelche sachlichen Irrtümer.
Wenn solche vorkommen sollten, so sind sie nicht beabsichtigt, und ich wäre
glücklich, sie zu berichtigen. Wir setzen Vertrautheit mit den Teilen der
Schrift voraus, die sich auf die behandelten Fragen beziehen, deshalb fehlen
Stellenhinweise. Unsere Absicht ist, zu informieren und an unseren persönlich
empfundenen Sorgen teilhaben zu lassen, in der Hoffnung, eine gesunde Diskussion
anzustoßen und unter Führung des Herrn zu mutigem Handeln anzuspornen.
Der Vater meines englischen Großvaters
schloss sich im Osten Londons in den späteren 1800er Jahren der Brüderbewegung
an. Die Tunbridge-Wells-Spaltung in den frühen 1900er Jahren trennte seine fünf
Söhne. Mein Großvater ging mit den Kelly-Versammlungen in der Wiedervereinigung
1938. Einer seiner Brüder blieb in der Tunbridge-Wells-Versammlung in Essex, die
anderen drei Brüder verließen die Brüderbewegung vor vielen Jahren. Zu meiner
Überraschung klagen die Tunbridge-Wells-Brüder "unsere" Versammlungsgruppe heute
noch an, dass sie die "Einheit des Leibes Christi2 verleugne, da wir einen
Versammlungsbeschluss verwarfen (den unsere Vorväter als fragwürdig ansahen) und
bis heute noch nicht eigentlich bereut haben!
Meine Eltern, Peter Nunn (England) und Anne Marie Wilts (Holland), fühlten eine
Berufung vom Herrn, ihr Leben dem missionarischen Werk in Südamerika zu widmen.
Als Familie verließen wir England 1967, lernten für ein Jahr Spanisch in Costa
Rica. Ich wuchs hier in Kolumbien auf. Hier übergab ich auch dem Herrn mein
Leben und begann, Ihm in der Kinderarbeit und in Jugendgruppen zu dienen. Im
Alter von 17 Jahren verließ ich mein Zuhause in Kolumbien, um in England zu
studieren. Das Einleben war nicht leicht. Die Sprache meiner Gemeinschaft mit
dem Herrn war Spanisch, nun versuchte ich, für mich persönlich auf Englisch zu
beten. Ich fand es besonders schwierig, mich an die King-James-Bibelübersetzung
zu gewöhnen. Englische geistliche Lieder standen in starkem Gegensatz zu
kolumbianischen Liedern. Irgendwie hatte ich die Erwartung an meine englischen
Brüder in den Versammlungen, sie möchten dieselbe Begeisterung und Frische
zeigen, wie ich sie in Kolumbien erlebt hatte. Wir Menschen sind meist kritisch
und widerstrebend gegenüber Veränderungen, und im Alter von 18 und 19 Jahren
fand ich mich sogar recht urteilsbereit über beobachtete oder gefühlte
Unterschiede.
Es war bald nach meiner Ankunft in
England, als ich entdeckte, dass ich zu den sogenannten "Brüdern" gehörte. Bis
dahin hatte ich mich einfach als Christ gesehen, der Versammlungen nach Art des
Neuen Testaments besuchte, von denen jede gesunde biblische Prinzipien
praktizierte. Als Kind hatte ich mit meinen Eltern mehrmals Europa und
Nordamerika bereist, und wir hatten Versammlungen besucht. Aber selbst damals
fielen uns Kindern Unterschiede zwischen Versammlungen auf, und wir sprachen
darüber mit unseren Eltern. Manchmal mussten vor einer Abendpräsentation noch
Dias herausgenommen werden, um nicht ein potenziell anstößiges Bild zu zeigen.
Ich erinnere mich noch an die fesselnde Lektüre des Buches "Eine historische
Skizze der Brüderbewegung" von H. J. Ironside. (Ich war so vertieft in das Buch,
dass mir mein Koffer gestohlen wurde, der nahe bei mir stand, während ich mit
der Untergrundbahn fuhr, um meinen Großvater im Osten Londons zu besuchen! – ein
Erlebnis, das man nicht vergisst.) Eigenartig war für mich zu entdecken, dass
zwischen den verschiedenen Netzwerken von Brüderversammlungen mannigfaltige
Unterschiede bestanden, wobei jede Gruppe glaubte, dass sie die "echte"
Darstellung des einen Leibes Christi auf der Erde sei. In Kolumbien wird das
Evangelium mit Begeisterung gepredigt, Gaben entfalten sich, Versammlungen
werden gebildet, Probleme angesprochen, ohne dass man ausdrücklich Darby, Kelly
oder die Geschichte der Brüder heranzieht. Wir fördern das, was der Herr uns in
einfacher Weise gegeben hat: Wir sagen, wir sind eine Versammlung der wahren
Gläubigen am Ort, die die Schrift festhalten und lehren, und zwar als einzige
Basis von Autorität. Wir genießen das Vertrauen und damit die freie Gemeinschaft
einer Anzahl (derzeit etwa sechzig) von Versammlungen im ganzen Land. Nützlich sind
der Austausch auf Konferenzen, Jugendlagern, evangelistischen Einsätzen,
Schulungsprogrammen usw.
Vielleicht war es die Frische der frühen Brüder, die meine Einbildungskraft
beflügelte: der Auszug von Gläubigen aus strengen mechanisch-hierarchischen
kirchlichen Strukturen hin zu der Freiheit eines Zusammenkommens, einfach
geschart um unseren teuren Herrn Jesus. Ihre Bewegung weg von Formenwesen,
menschlich gemachten Traditionen und Gewohnheiten hin zu der herrlichen Freiheit
des Geistes Gottes. Sie scheinen die Schriften studiert zu haben mit einem
Gefühl der Erwartung, ja, der Spannung und des Staunens, was für neues Licht der
Herr erwählen möge, um Sein Wort zu beleuchten. Ihre Entdeckungen tauschten sie
ungezwungen aus auf Konferenzen und in Zeitschriften, indem sie einander
berichtigten und im weiteren Verlauf anglichen. Man kann nur fragen, wo sind
diese Freiheit und diese Frische geblieben?
In jenen Tagen kam mir ein klärender
Gedanke in den Sinn: Unsere weltweite Gemeinschaft der Brüderversammlungen ist
in Lehre, Form und Praxis niemals einheitlich gewesen. Jede Versammlung hat
einen gewissen Charakter angenommen nach den Familien, die sie bildeten oder die
später zu ihr stießen. Versammlungen, die mit vielen ehemaligen Quäkern,
Anglikanern oder Baptisten anfingen, behielten manche Ursprungsmerkmale.
Versammlungen, die sich in Deutschland oder in der Schweiz bildeten, indem sich
frühere Lutheraner wieder gruppierten, brachten in ihre neuen Versammlungen ihre
Art geistlichen Lebens und ganz klar einige ihrer alten Gewohnheiten. Das
erklärt unsere widersprüchliche Einstellung zur Taufe. Dieselbe Erscheinung kann
man hier in Kolumbien beobachten bei der Bildung von neuen Versammlungen aus
hauptsächlich früheren Katholiken. Unter keinen Umständen werden beispielsweise
Versammlungen hier die Kindertaufe anerkennen. Sie sähen darin eine Verbindung
mit der verdorbenen katholischen Kirche, die sie ausdrücklich hinter sich
gelassen haben (dies ist die Lehre). Die vielfache Übersetzung und Verbreitung
von Büchern der Brüder, zusammen mit Konferenzen und der Erarbeitung gemeinsamer
Liederbücher, haben eine gewisse Annäherung gefördert, aber tief empfundene
Differenzen verlieren sich nicht so bald. Das erklärt, warum mein Großvater,
Harm Wilts, viele Jahre lang ein vollzeitlicher Arbeiter unter den Versammlungen
weltweit, mehrmals von einigen deutschen Brüdern besucht wurde, die ihm mit
ziemlich strengen Worten nahelegten, die Arbeit in Jugendlagern zu beenden, die
er in Holland förderte. Es überrascht nicht, Unterschiede auszumachen (manche
sind bedeutsam, andere werden tief empfunden), wenn man zwischen Versammlungen
unterwegs ist oder, noch auffallender, zwischen Gebieten verschiedener Sprache.
Zwischen 1981 und 1985 erwarb ich einen
akademischen Abschluss in Mathematik und einen Master-Titel in Statistik am
Imperial College London. Das Leben in den Brüderversammlungen musste ich nach
meiner Erfahrung nach und nach nüchterner betrachten. Selten versäumte ich einen
Sonntag in einer der Londoner Versammlungen (Upminster, Portobello, Oake Room,
Sutton) und pflegte häufig in einer dieser Versammlungen am Sonntagabend zu
predigen. Doch während der Woche fand ich Anschluss an eine christliche Gruppe
an der Universität, den "Navigatoren". In den vier Jahren, die ich mit ihr
verbunden war, gewann mein persönliches Leben als Christ wieder an Disziplin;
und ich erlebte es wieder als eine Freude, meinen Glauben nach außen zu
bezeugen, führte Mitstudenten zu Christus und verhalf ihnen zu Wachstum in
Jüngerschaftsgruppen. Bei einem Besuch in den Vereinigten Staaten reiste ich mit
Bruder Grant Steidl (ein Diener des Herrn unter den Versammlungen in den USA) zu
einer Konferenz. Ich erfuhr, dass er auch unter den "Navigators" in den USA
arbeitete. Er ließ mich um die Krise in seinem Leben wissen, als er fühlte, er
müsse wählen zwischen der Arbeit unter den Navigatoren und dem Dienst in der
Versammlung. Wir verfügen einfach nicht über die Kraft und die Zeit, um beidem
angemessen zu genügen.
Irgendwie fielen mir einige Bücher von Watchman Nee in die Hände. Der Herr
benutzte sie, mich für eine neue Sicht zur Schlüsselrolle der Kirche in den
Plänen Gottes zu begeistern ("Ich werde meine Versammlung bauen").
Evangelistische Verkündigung und Jüngerschaft sind wichtig, aber Gottes
Strategie der Ausbreitung vollzieht sich durch Wachstum und ständige Bildung
neuer Versammlungen. Für mich war die Zukunft klar. Eine neue Sicht trieb mich
an und nicht die Furcht vor Verunreinigung. Ich dankte den Navigator-Freunden
für die guten Jahre und richtete meine Energie auf die Versammlungen im Londoner
Bereich.
Nach der Promovierung arbeitete ich drei
Jahre als Statistiker für die britische Regierung. Während dieser Zeit begegnete
ich Anneke Lemkes aus Alphen (Holland) und heiratete sie. Nachdem wir einen Ruf
zu missionarischem Werk "irgendwo" vernahmen, schien es uns unerlässlich, uns so
gut wie möglich vorzubereiten. Natürlich gehört aktives Versammlungsleben zu den
besten Vorbereitungen. Wir folgten dem Beispiel von Geschwistern wie Schwester
Heleen Voorhoeve (noch in Ägypten) und Bruder Cor Bruins (war in Ägypten, dann
im Libanon, jetzt in Großbritannien) und belegten ein Studienjahr in einem
Seminar in Toronto (Kanada). 1988 verließen wir England. Beachte: In jenen Tagen
war man frei, das zu tun. Es war ein interessantes Jahr fortschreitender
Ausbildung, ernster Studien der Grundlagen des Griechischen, systematischer
Theologie, der alttestamentlichen Propheten und mehr. Auch eine Zeit, in der wir
christliche Gemeinschaft genossen, vornehmlich in den Versammlungen von
Mississauga und Willowdale. In nordamerikanischen Versammlungen ergaben sich
Differenzen, historisch gegeben aus dem Zusammenkommen von Emigranten aus
Holland, Deutschland, Ägypten, Italien und anderen Ländern, die ihre
Besonderheiten mitbrachten.
Wir kehrten für weitere drei Jahre nach England zurück. Ich arbeitete als
Statistiker in der Handelsabteilung einer großen Elektrogesellschaft. Der Herr
schenkte uns die beiden ersten Kinder. Ermuntert von zwei "Gideon"-Brüdern in
unserer Versammlung, schlossen Anneke und ich uns für ein Jahr den Gideons an.
Wir empfanden es als eine Aufforderung, und auch war es eine Freude, Bibeln in
Schulen und Krankenhäusern im Süden Londons zu bringen. Viele Male sind wir auch
hier in Kolumbien der Gideonbund-Strategie gefolgt, "Gute Saat"-Kalender zu
verteilen. 1992 legte unsere Versammlung es uns auf, dem Herrn vollzeitlich zu
dienen, und wir brachen auf nach Pereira in Kolumbien. Der Rat und die
Unterstützung vieler Gläubigen, die Interesse zeigten, war uns wertvoll, aber
nie fühlten wir uns unter der Aufsicht einer zentralen Körperschaft. So weit wir
es am besten vermochten, wünschten wir, dem Herrn zu dienen und von Ihm geführt
zu werden.
Wir hatten ein gutes Gehalt, als wir in
London arbeiteten, doch in Kolumbien erlebten wir während der ersten ein oder
zwei Jahre finanziell enge Durchgänge. Meine Frage war diese: Wieso konnte der
Herr uns in England durch eine weltliche Gesellschaft reichlichen und sicheren
finanziellen Rückhalt geben und jetzt eine solche Ungewissheit vonseiten des
Volkes des Herrn? Wir lernten es so anzunehmen, und die Lage verbesserte sich.
Als wir dahinterstanden, lernten wir eine wichtige Lektion: Die
Elektrogesellschaft gab mir vorhersehbare finanzielle Sicherheit, aber im
Austausch dafür war sie mein Chef. Die Gesellschaft kontrollierte meine
Arbeitsstunden. Vielleicht ist die Unvorhersehbarkeit beim Warten auf den Herrn
in geldlicher Hinsicht der Preis, den der Diener des Herrn zahlen muss, um für
sich selbst von möglicher Kontrolle und dem Druck irgendwelcher Geber Abstand zu
gewinnen. Es ist mir aufgegangen, dass Geld einen traurigen, aber wirkungsvollen
Weg bedeutet, das Werk des Herrn zu beeinflussen. Es ist gesagt worden, dass
"das Werk des Herrn, wenn es im Weg des Herrn geschieht, niemals der
Unterstützung des Herrn ermangelt". Wenn das wahr ist, lieber Mitarbeiter, dann
lass uns nie die Autorität des Herrn und Seine Führung in unserem Leben um
finanzieller Sicherheit willen aufs Spiel setzen.
Unser weltweites Netzwerk von
Versammlungen, von Historikern bezogen auf die KLCG Gruppe (Kelly-Lowe-Continental-Glanton),
kann gegenwärtig, wie ich vorschlage, in fünf unterschiedliche Typen oder
Kategorien aufgegliedert werden:
Es handelt sich gewöhnlich um Familien
oder kleine Gruppen von Familien, die sich von allen früheren Kontakten
zurückgezogen haben und für sich allein zu Hause bleiben oder in kleinem
Netzwerk (Verband) (z. B. die Den-Helder-Gruppe). Einige haben das Vertrauen zu
allen bekannten Christen verloren, andere sind einfach verwirrt. Einige brechen
Brot allein, andere nur wenn sie eine "vertrauenswürdige Versammlung" in einer
anderen Stadt oder einem anderen Land besuchen; wiederum andere tun auch das
nicht. Ich vermute, einige sind in Verlegenheit und betrachten ihre Stellung als
vorübergehend, indem sie darauf warten, dass der Staub sich setzt, um zu
erkennen, welcher Versammlung oder welchem Netzwerk von Versammlungen sie sich
nach dem Willen des Herrn anschließen sollen. Dieser Typ stellt eine Minderheit
dar.
Diese lieben Gläubigen sind überzeugt,
dass sie an der Wahrheit festhalten, wie sie von den frühen Brüdern entdeckt und
praktiziert worden ist. Sie fühlen, dass diese alten Pfade (wie sie sie
verstehen) "dem Angriff neuer Lehren" ausgesetzt sind und es an jetzt an der
Zeit ist, die "brüderliche Gemeinschaft" zu säubern. Sie empfehlen, sich von all
jenen Gläubigen zurückzuziehen oder zu trennen, die nicht gegen die "neuen
Lehren" klar "Stellung beziehen". Dies ist für alle Betroffenen ein
schmerzlicher Prozess. Die Schlüsselfiguren (maßgeblichen Brüder) reisen viel
und schreiben viel. Sie haben die Kühnheit, von Versammlungen, die sich "erklärt" haben, Listen aufzustellen und zirkulieren zu lassen, und dann andere
zu ermutigen, nur aus diesen Versammlungen Gläubige zu empfangen. Solche werden
besonders von besorgten Brüdern der Dillenburger Gegend in Deutschland stark
unterstützt und finanziert. Sie beanspruchen, "ausgeglichene Mitte" zu sein. In
Nordamerika braucht eine Versammlung nur schriftlich zu erklären: "Wir wünschen
weder zur Rechten noch zur Linken abzuweichen", um dieser Gruppe zugerechnet zu
werden.
Diese lieben Gläubigen sind überzeugt,
dass sie an der Wahrheit festhalten, wie sie von den frühen Brüdern entdeckt und
praktiziert worden ist. Sie fühlen, dass diese alten Pfade (wie sie sie
verstehen) von zwei Seiten angegriffen werden: von wirkungsstarken Brüdern, die
versuchen, auf alle Versammlungen einen Druck zu engem, gesetzlichem Verhalten
auszuüben, und durch andere Brüder, die versuchen, die besonderen Merkmale
unserer Versammlungen aufzugeben. Gewöhnlich sind das friedliche Versammlungen.
Nur wenige eröffnen einen Briefwechsel, widerstehen aber dem Druck, Briefe zu
unterzeichnen, Erklärungen und Stellungnahmen abzugeben, die ihrer Ansicht nach
biblisch nicht gerechtfertigt sind. Äußerlich scheinen viele dieser
Versammlungen mit dem Versammlungstyp (2) eigentlich identisch zu sein. Einige
(nicht alle) dieser Versammlungen vollziehen geringfügige Veränderungen, z. B.
bei der zeitlichen Festlegung der Zusammenkünfte, oder sie erlauben den Gebrauch
verschiedener Bibelübersetzungen in den Zusammenkommen, lockern strenge
Vorschriften in der Kleidung oder der Länge der Haare, lassen die allgemeine
Verurteilung von Radio und Fernsehen fallen. Einige (nicht alle) dieser
Versammlungen, die ein Zusammensitzen von Männern und Frauen nicht zuließen,
erlauben es jetzt bei Familien. Vielleicht könnten wir diese Veränderungen den
Gewohnheiten zuordnen, sie berühren nicht die wirkliche Substanz.
Gleich den übrigen sind diese
Versammlungen von besorgten Gläubigen. Sie sind betroffen von unserer
zunehmenden Isolierung von der normalen Gesellschaft und von der schwachen
Darstellung des göttlichen Lebens Christi unter uns. Auch sie sind überzeugt,
dass Gott wirklich unter den frühen Brüdern war, dass aber die Bewegung ihren
scharfen Umrisse verloren hat. Christus baut noch Seine Kirche (nach Reife und
Anzahl), doch unsere Versammlungen in Europa und Nordamerika unterlagen seit
mehr als einem Jahrhundert (von wenigen Ausnahmen abgesehen) einem ständigen
Niedergang. Unsere periodischen internen Streitigkeiten und starren Traditionen
machen es uns sehr schwer, frühere Lebendigkeit zurückzugewinnen. Einige dieser
Versammlungen schätzen und bewahren noch ihre Wurzeln aus der Brüderbewegung,
andere haben ihr Interesse an historischen Brüderverbindungen verloren. Es ist
ihr Hauptanliegen, eine lebendige christliche Gemeinschaft zu werden, die Gott
benutzen kann, um in die reale heutige Welt hineinzuwirken.
Es ist traurig für unsere Versammlungen
überall, dass viele nun einmal genug haben von Jahren der Spannungen und
heftigen Kritiksucht, der Briefe und Anklagen (wir Brüder können manchmal
überaus hart sein!). Nicht viele haben die moralische, geistige und physische
Kraft, sich am Herrn zu erfreuen und unter solchen Bedingungen geistlich frisch
zu bleiben. Ohne Rücksicht darauf, wer zu tadeln ist, besteht die Tatsache, dass
viele andere christliche Gemeinden durch die Gegenwart vieler Familien
bereichert werden, die unter uns glückliche christliche Gemeinschaft genossen.
Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass zumindest in der englisch sprechenden
Welt seit 150 Jahren dieses ständige Ausbluten durch das Weggehen verletzter
Gläubigen unser Vermächtnis geworden ist.
Zum Nutzen für solche, die reisen, und
weil eine Anzahl von Brüdern Interesse an einer globalen Übersicht bekundete,
bringe ich hier einige grobe Verteilangaben. Ich hoffe, dass sich niemand an
diese Aufteilung gebunden fühlt. Sie ist nur beschreibend. Die Angaben beruhen
auf Unterredungen mit ernsten örtlichen Brüdern, und ich betrachte sie im Ernst
als ein angenähertes Spiegelbild der Lage, wie sie war, als ich diese Gebiete
während des zweiten Halbjahrs 2001 bereiste.
(1) Der "Wir müssen allein bleiben"-Typ
Die meisten Länder haben einige von diesem Typ. Von ihrer Existenz hörte ich in
England, Holland, Frankreich und Deutschland.
(5) Der "Wir haben genug davon"-Typ
Vielleicht haben alle Länder neuerlich traurige Geschichten von diesem Typ.
Persönlich hörten wir Berichte in Holland, USA und Kanada, England und der
Schweiz.
Großbritannien:
(2) Der "Alter Weg – gib an, wo du stehst"-Typ: 1/3
(3) Der "Alter Weg – gemäßigter"-Typ: 2/3
Die britische Situation wird noch komplizierter durch die Frage der "Ewigen
Sohnschaft". Ich hörte von einer Anzahl schädigender unkorrekter Gerüchte
darüber. Unumstritten ist in britischen Versammlungen: (1) Dass Christus ewig
der Sohn des ewigen Vaters ist, entspricht der natürlichen Schriftauslegung (das
zu leugnen ist ein Irrtum); (2) der Irrtum besteht nicht im Leugnen der
Präexistenz noch der Gottheit Christi; und (3) alle britischen Versammlungen
sagen, dass sie die ewige Sohnschaft festhalten und nicht zulassen würden, dass
jemand das Gegenteil lehre. Einige englische Versammlungen stimmen nicht darin
überein (und dies ist nicht neu), ob sie einen Gläubigen empfangen oder nicht,
der nicht ausdrücklich bestätigen kann, das "Christus in der vergangenen
Ewigkeit der Sohn Gottes war", mit der Begründung, dass die Schrift es nicht
eindeutig feststelle.
Ostdeutschland:
(2) Der "Alter Weg – gib an, wo du stehst"-Typ: 1/4
(3) Der "Alter Weg – gemäßigter"-Typ: 3/4
Westdeutschland:
(2) Der "Alter Weg – gib an, wo du stehst"-Typ: 7/10
(3) Der "Alter Weg – gemäßigter"-Typ: 2/10
(4) Der "Realität um jeden Preis"-Typ: 1/10
Französische Schweiz:
(2) Der "Alter Weg – gib an, wo du stehst"-Typ: 2/3
(3) Der "Alter Weg – gemäßigter"-Typ: 1/3
Deutsche Schweiz:
(2) Der "Alter Weg – gib an, wo du stehst"-Typ: 2/3
(3) Der "Alter Weg – gemäßigter"-Typ: 1/3
Frankreich:
(1 und 2) Der "Wir müssen allein bleiben"-Typ und der "Alter Weg – gib an, wo du
stehst"-Typ: 1/3
(3) Der "Alter Weg – gemäßigter"-Typ: 2/3
Der Versuch, die Annahme einiger unweiser Versammlungsbeschlüsse zu erzwingen,
war die Ursache zu einer Polarisierung der französischen Versammlungen. Es wurde
mir berichtet, dass sich etwa zehn Versammlungen hinter einen sehr engen
"Positionsbrief" stellten, dass aber die meisten dem Druck widerstanden, eine
fragwürdige Entscheidung anzuerkennen und sich ihr anzuschließen. Einige
Versammlungen haben sich gespalten.
USA und Kanada:
(2) Der "Alter Weg – gib an, wo du stehst"-Typ: 9/10
(3) und (4) Der "Alter Weg – gemäßigter"-Typ und der "Realität um jeden Preis"-Typ: 1/10
Von vielen amerikanischen Brüdern, die ich kenne, würde ich erwarten, dass sie
natürlicherweise am meisten in Typ (3) passten. Ich finde es seltsam, wenn sie
in Europa ausschließlich mit Typ (2) in Gemeinschaft sind. Ich vermute, dass der
"Lake-Geneva-Report" (Typ (4)-Diskussionspapier) die meisten Versammlungen
erschreckt hat, sodass sie einer drohenden Aufforderung nachkamen und Stellung
bezogen. Typ (2) wurde dabei als Mittelweg dargestellt, sodass er die meisten
Versammlungen miteinander verband.
Holland:
Ausgehend davon, das viele Versammlungen sich gespalten haben, fand ich es
besonders schwierig herauszufinden, was vor sich geht. Ich schätze, es besteht
eine breite gleichmäßige Verteilung zwischen den Typen (2), (3) und (4). Die
Angabe mag hier ungenau sein.
Italien:
Einige der führenden Brüder unterzeichneten 2001 eine Stellungnahme, die sie
unter Typ (2) verbindet. Von der Praxis her (z. B. erfreuliche Lagerarbeit,
Freiheit zur Mitarbeit im Gideonbund, Schwestern schneiden ihr Haar) würde ich
eher annehmen, dass sie natürlicherweise mehr dem Typ (3) entsprechen.
Spanien:
Die kleinen Versammlungen hier werden durch Typ (2) von Deutschland und der
französischen Schweiz her beherrscht (Besuche, Gelder). Französische Brüder vom
Typ (3), die Spanien zu besuchen pflegten und, wie ich empfand, dort sehr
geschätzt waren, sind gebeten worden, sich draußen zu halten. Die Spanier haben
sich dem Typ (2) verbunden.
Wenn ich nachdenke und über diese
Situation bete, sehe ich nicht einfach Recht und Unrecht, es ist keine leichte
Wahl. Wir möchten deshalb nicht zu Gericht sitzen über euch oder irgendeinen
lieben Gläubigen, der gewählt hat, dazu getrieben wurde oder, ohne selbst etwas
zu tun, in einen bestimmten Versammlungstyp geriet. Obgleich ich unsere Art und
Weise, mit diesen Problemen umzugehen, vielfach inkonsequent, manipulierend,
politisch und manchmal auch grausam und heuchlerisch finde, möchte ich keinen
teuren Bruder in Christus mit Tadel belegen (der Herr Selbst wird zur rechten
Zeit aussondern). Doch fühle ich eine Last der Verantwortung, einige
schadenstiftende und gefährliche Trends freizulegen. Wenn da, wo ihr euch
versammelt, keine dieser Trends spürbar sind, lobt den Herrn und haltet eure
Augen offen. Wenn ihr nicht zustimmt, mag es euch nicht länger bekümmern, legt
dieses Papier einfach beiseite. Die Zeit wird sprechen. Falls ihr indessen
wahrnehmt, was ich tue und einige meiner Sorgen mitfühlt, lasst uns Sein
Angesicht suchen und Seine Ermutigung, um zu widerstehen und, wenn möglich,
ungesunde Trends umzukehren.
In diesen Versammlungen sind sehr
warmherzige, liebenswürdige und gastfreundliche Gläubige. Großzügig unterstützen
sie das Werk des Herrn im eigenen Land wie auch draußen. Sie halten zusammen und
helfen einander. Sie sind aufrichtig in dem, was sie der Schrift gemäß
verstehen, mit großer Liebe zu Detailarbeit und Ordnung. Einmal überzeugt, dass
ein Weg biblisch ist, zeigen sie Festigkeit, den "Grundsatz" durchzuführen. Sie
schrecken nicht zurück, selbst bei der Weigerung, das Brot mit gottesfürchtigen
Gliedern der eigenen Familien zu brechen, die sich nicht frei fühlen, Briefe zu
unterzeichnen, ziehen sich von lebenslangen Mitarbeitern und aus Freundschaften
zurück oder spalten anderweitig glückliche junge Gemeinschaften auf
Missionsfeldern und dergleichen. Ich bin überzeugt, dass diese lieben Brüder den
Schmerz genau empfinden, den ihr Verhalten anderen zufügt. Doch das Blut, das
sie gleichsam um sich herum fließen sehen, scheint sie keineswegs aufzuhalten,
um noch einmal ihre Grundsätze zu überprüfen, ob ihr Verständnis und dessen
Umsetzen in die Tat nicht ein Unrecht sein könnte. Das Vorgehen anzuzweifeln,
bedeutet ihnen Schwäche zu zeigen, es an Überzeugung fehlen zu lassen, Menschen
mehr zu lieben als Gott. In der Treue zu ihren "Grundsätzen" knirschen sie mit
ihren Zähnen und machen weiter.
Bei ihrem starken Wunsch, Ordnung zu halten und mögliche Verunreinigungen zu
vermeiden, fürchte ich, die "Alter Wege – gib an, wo du stehst"-Haltung wird
zunehmend enger und hat sich klar von dem entfernt, was die meisten von uns
unter "Alter Weg" verstanden. Diese Gemeinschaft nähert sich gefährlich dem
Gebaren einer Sekte. Überdenke die folgenden kürzlichen Entwicklungen:
-
Trends zur Zentralverwaltung:
– Konferenzen: Früher waren unsere Konferenzen
offen für alle, die die Schrift liebten. Konferenzen wie die in Dillenburg in
Deutschland verlangen jetzt von den Versammlungen, eine Namenliste zu senden.
Einige der Organisatoren von Konferenzen fordern jetzt Gläubige auf, "Stellung
zu beziehen", um bei der Konferenz willkommen zu sein.
– Finanzen: Ein
erschreckend hoher Anteil der Gelder, die inländische Arbeiter, Missionare,
Konferenzen, geistliche Dienste unterstützen, wird in Deutschland von einem
Komitee verwaltet. Ob diese kleine Gruppe es wahrnimmt oder nicht, weltweit
beeinflusst sie Versammlungen, indem Gelder zugestellt oder zurückgehalten
werden.
– Missionsfeld: Nach allgemeiner Praxis hatten neue Missionare drei
Bedingungen zu erfüllen: 1. eine Berufung des Herrn, 2. die Unterstützung ihrer
Heimatversammlung, 3. ein willkommener Empfang von der Versammlung auf dem
Missionsfeld (wenn dort eine war). Jetzt wird in einigen Bereichen zusätzlich
die Zustimmung eines Komitees verlangt, eines Komitees, das in einigen Fällen
auch den Diener anzuweisen wünscht, wohin er ihres Erachtens gehen soll (wenn
überhaupt irgendwohin).
-
Die neue Funktion von Adressenlisten:
– Vor einem Eintrag werden Antworten verlangt. Wir Brüder sind immer gegen die Idee der Mitgliederliste einer
Versammlung oder einer offiziellen Liste von Gliederversammlungen gewesen. Ich
liebe die Formulierung einer Auflistung unserer amerikanischen Brüder: "Liste
von Versammlungen und einzelnen Christen ..." Sie gibt einige Versammlungen an
(eine Gruppe von einzelnen Gläubigen, nicht eine formale Autorität), die die
Verfasser kennen und zu empfehlen sich frei fühlen. Im Grundsatz ist jeder
einzelne Christ oder jede einzelne Versammlung frei, eine eigene Liste von
Freunden oder Versammlungen anzubieten. Eine Liste ist so vertrauenswürdig wie
ihr Verfasser. Jede Liste ist nützlich für solche, die die Verfasser kennen und
ihnen vertrauen. Neuerlich sind schriftliche Antworten von möglicherweise
einzufügenden Versammlungen verlangt worden. So ist das Verfahren, eine Liste zu
erstellen, benutzt worden, einen Kreis der Gemeinschaft festzulegen und nicht
einfach zu beschreiben wie in der Vergangenheit. Dies ist für mich eine neue
Entwicklung.
– Verlust der örtlichen Freiheit, unter Christus Besucher zu
empfangen: Obgleich wir beanspruchen, einige Versammlungen aufzulisten, und
diese Listen nicht offiziell sein sollen, sind sie in der Praxis für die meisten
offiziell geworden. Versammlungen sind jetzt ängstlich, gottesfürchtige Besucher
aus nicht aufgelisteten Versammlungen zu empfangen. Der Verlust der Freiheit zu
praktizieren, was amerikanische Brüder "gelegentliche Gemeinschaft" nennen, ist
eine traurige, ungesunde, verengende Entwicklung. Einige unserer Versammlungen
sind schon immer an dieser Stelle hart gewesen. Aber viele haben bis vor kurzem
sich frei gefühlt, gottgemäß zu unterscheiden.
-
Zusammenarbeit mit Christen aus nicht aufgelisteten Versammlungen, die jetzt als
verunreinigt angesehen werden:
Als einzelne Gläubige haben wir unterschiedliche
Gewissen. Das wird immer so sein. Einige mit einem weiteren Herzen fühlen sich
frei vor dem Herrn, Dinge zu tun, derer sich andere Gläubige vorzugsweise
enthalten. Einige Versammlungen haben das immer wohlwollend gebilligt, und in
gewissem Maß wird in den meisten Ländern zwischen Versammlungen Toleranz geübt,
und diese Freiheit ist international ausdrücklich respektiert worden. Jetzt
ordnen einige der die "Stellung" festlegenden Briefe alle Formen von Kontakten
oder Zusammenarbeit mit Gläubigen aus nicht listenmäßig erfassten Versammlungen
als verunreinigend ein. Sind wir sicher, darauf bestehen zu müssen, dass alle
Brüder bereuen und sich trennen müssen von Mitarbeit im oder Verbindungen zum
Gideonbund, den Wycliff-Bibelübersetzern, der New-Tribes-Mission, Begegnungen
mit Christen auf Schulen, Universitäten und bei der Arbeit und dergleichen? Dies
ist eine neue Entwicklung.
-
Der Versuch, unsere übrigen Differenzen zuzudecken:
Bei dem Wunsch,
Versammlungen und einzelne Christen anzuhalten, ihre "Stellung" zu einer oder
zwei Fragen anzugeben, scheinen wir zu vergessen, dass wir viele andere ernste
Unterschiede in unserer Mitte haben. Was hat denn unsere Versammlungen über
viele Jahre zusammengehalten? Unsere Zusammengehörigkeit war stärker als die
einer Adressenliste. Einige gemeinsame Liederbücher haben dazu beigetragen.
Eines ist jedenfalls sicher: Es bestand nie lehrmäßige Übereinstimmung. Einige
Glaubensgemeinschaften haben sich wegen der Taufe gespalten. Wir erlauben, wie
es scheint, jedem Bruder, sie nach eigenem Verständnis zu sehen und zu
praktizieren. (Historiker wissen, dass die frühen führenden Brüder Spaltungen
dadurch vermieden, dass sie über diesen Punkt schwiegen – ein Kompromiss, den
wir von ihnen geerbt haben. Einige Versammlungen schließen Schwestern vom Tisch
des Herrn aus, die ihr Haar abgeschnitten haben oder die nicht versprechen
können, es nie abzuschneiden (beachte: dies ist eine Zulassungsfrage!) Einige
sind vom Dienst in der Versammlung ausgeschlossen, wenn ein Fernseher in ihrer
Wohnung entdeckt wurde. Andere raten zur Mäßigung und machen hieraus kein
Problem. Einige Versammlungen sind streng in der Kleidervorschrift, bei Männern
wie bei Frauen. Andere sehen das lockerer. Wir sind unterschiedlich im Umgang
mit Scheidung und Wiederheirat. Wir denken nicht einheitlich über den Gebrauch
von Musikinstrumenten, Videos, Filmen, Schauspiel oder andere evangelistische
Hilfsmittel. Wir denken verschieden über Dämonen, einige meinen, dass sie heute
nicht mehr aktiv sind! Einige Versammlungen gestatten den mäßigen Genuss von
Alkohol und Rauchen, andere weisen solche, die das tun, zurück. Einige sind der
Ansicht, dass der Zehnte mit der Versammlung nichts zu tun habe, andere regen
an, ihn zu beachten, andere sehen darüber hinweg. Einige Versammlungen fühlen
sich befleckt durch einen Gläubigen, der mit seiner Familie zu Hause Weihnachten
feiert. Einige Versammlungen hatten sogar einen Weihnachtsbaum in ihrem
Versammlungsraum. Solche unter euch, die oft reisen, haben wahrscheinlich eine
Anzahl dieser Dinge erlebt und wissen, dass diese Unterschiede wirklich
vorhanden sind. Sind Verbundenheit und Harmonie zwischen unseren Versammlungen
dadurch gestützt worden, dass wir diese Dinge verbargen? Müssen wir dafür
kämpfen, Unterschiede zu beseitigen? Obgleich einige dieser Differenzen
unangenehm sind, sie zu verbergen, könnte Intoleranz entstehen lassen.
Vielleicht ahnen solche, die gegenwärtig anführen, um ein "Sich-Zurückziehen"
durchzudrücken, dass, wenn eine Stellungnahme zu einigen unserer deutlich
empfundenen Unterschiede gefordert wird, wir allen Ernstes weltweit zersplittert
würden. Wird eine weitere Welle der "Verengung" kommen, wenn die gegenwärtige
Einstellung einmal verhärtet ist? Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis wir
ersucht werden, unser Verhältnis zu einer anderen Angelegenheit darzulegen und
so ein weiteres Schisma erleben?
- Begrenzte Weitergabe von Information:
Wir sahen es immer so, dass Brüder für den
Herrn arbeiteten und nicht für irgendeine besondere Benennung oder Untergruppe.
Briefe und Berichte über dieses Werk fanden unbehinderte Verbreitung unter
solchen Geschwistern, die für das Werk des Herrn zu beten wünschten. Das ändert
sich, und ich sehe es mit Sorge. Einige wünschen, dass Missionsnachrichten nur
in gewissen Zeitschriften gebracht werden sollten. Kürzlich wurden wir gefragt,
warum einer unserer Briefe in einer Zeitschrift erschienen sei, die außerhalb
der Typ-(2)-Versammlungen erarbeitet und verbreitet wird. In vergangener Zeit
haben wir umlaufenden Briefen und Artikeln nie eine Beschränkung auferlegt.
Solange der Sinn unserer Schriften nicht verändert ist, warum kann sie irgendein
interessierter Gläubiger nicht lesen, dadurch ermuntert werden und dafür beten?
Unsere Sicht als Brüder war immer, für den Herrn zu arbeiten und von Ihm
in
finanzieller Unterstützung abhängig zu sein. Der Diener des Herrn sollte Gelder
zurückweisen, wenn ihre Geber ihn zu beaufsichtigen wünschen, das heißt,
zwischen ihm und dem Herrn zu stehen. Ich denke, die meisten von uns, wenn nicht
alle, stimmen dem noch zu. Kürzlich bin ich jedoch gefragt worden, ob ich
finanzielle Gaben von den Versammlungen X und Y empfangen hätte. Dahinter stand
die Ansicht, dass wir Missionare nur Gaben von Typ-(2)-Versammlungen annehmen
sollten und von außenstehenden Einzelpersonen, aber nicht von nicht in der
Liste angegebenen Versammlungen. Das ist mir neu, und ich halte es für ungesund.
Gerechterweise muss gesagt werden, dass
die Brüder und Schwestern der "Alter Weg – gemäßigter"-Typ-(3)-Versammlungen eine
tiefe Wertschätzung der Wahrheiten bewahren, die von den frühen Brüdern
wiederentdeckt wurden. Sie halten entschieden an der einen Einheit des Leibes
Christi fest, sie anerkennen alle Versammlungsbeschlüsse, die Gottes Siegel
anzeigen. Sie schätzen Gemeinschaft zwischen Versammlungen und suchen, einander
zu stützen. Indem sie gemäßigt sind, möchten sie keine kostbare Wahrheit
preisgeben, noch über ihre Gewissen hinaus verengt sein. Wir Menschen neigen
dazu, extrem zu sein, darum ist diese schwierige gemäßigte Ausgeglichenheit zu
respektieren.
-
Die Gefahr, auf von Menschen gemachten Traditionen zu beharren:
Wir alle finden
es schwierig, eine Veränderung anzunehmen, sei es ein neues Nahrungsmittel oder
eine neue Haarmode. Veränderungen im wirksamen Ablauf unserer Zusammenkünfte als
Versammlung berühren uns empfindlich, seien es einfache Dinge wie eine
Veränderung der Sitzordnung, der Zeit einer Zusammenkunft oder der Gebrauch
eines neuen Liederbuches. Brüder in Typ-(3)-Versammlungen sind unter viel
Kritik geraten und angeklagt worden, zu "liberal" zu sein, zu "offen", zu
"unabhängig", zu "schwach in Überzeugungen" und anderes mehr. Das ist
schmerzhaft und hat einige Versammlungen veranlasst, sich zu wandeln und Typ-(4)-Versammlungen zu werden. Die entgegengesetzte Gefahr, wie ich es sehe, ist
ein Versuch zu zeigen, dass wir an dem "alten Weg" festhalten und nicht
"liberal" sind; wir halten fest an den äußerlichen, von Menschen gemachten
Traditionen, die zu den alten Wegen gehören. Wie ein lieber Schweizer Bruder in
einer Typ-(2)-Versammlung mir während eines letztjährigen Besuches erklärte:
Wenn wir erlauben, dass Brüder und Schwestern zusammen sitzen in den
Zusammenkünften, wird das der Anfang von den "neuen Lehren" sein, es würde nach
seinen Worten "der Kopf des Kamels" sein. Diese übertriebene Furcht vor
Veränderungen findet sich offensichtlich auch in vielen Typ-(3)-Versammlungen.
Die meisten menschlichen Traditionen haben edle Ursprünge, aber wenn man nach
Ablauf ihres "Mindesthaltbarkeitsdatums" noch darauf besteht, verlieren wir für
Außenstehende zunehmend an Anziehung und enttäuschen auch die nächste Generation
in unserer Mitte.
-
Die Gefahr einer Lähmung durch Furcht:
Viele liebe Gläubige in diesen
Versammlungen wissen nicht, ob andere sie als "in" (drinnen) oder
"out"
(draußen) ansehen. Die Furcht davor, die Gemeinschaft (geschwisterliche
Beziehungen) zu verlieren oder sich zu verunreinigen oder vielleicht noch mehr
Probleme zu verursachen, bedingt, dass manch einer an Feiertagen einer
Zusammenkunft fernbleibt oder Wochenendbesuche vermeidet. In einigen Gegenden
sind Besuche zwischen Versammlungen, die so ermunternd sein können, so selten
geworden wie nie zuvor. Menschenfurcht bewirkt Lähmung, sie trennt Geschwister,
die sich der Gemeinschaft erfreuen sollten. Sogar der Apostel Petrus glitt hier
einmal aus. Wenn sich das nicht ändert, wird zunehmende Vereinsamung einsetzen.
-
Die Gefahr, in passiver Weise Führerschaft zu verletzen:
Die Spannungen und
Anklagen unter sonst gottesfürchtigen älteren Brüdern haben Wertschätzung und
Achtung untergraben, die wir unseren führenden Brüdern innerhalb der
Versammlungen entgegenbrachten. Es ist jetzt schwerer, "verlässliche Berichte"
für bare Münze zu nehmen. Es ist nun schwieriger zu führen, zu motivieren,
anzuspornen. Ebenso ist es schwieriger, mit gutem Gewissen zu folgen.
Führerschaft in Typ-(2)-Versammlungen tritt geschlossen auf und bewahrt
relativ guten Mut. Im Gegensatz dazu ist Führerschaft in Typ-(3)-Versammlungen
stark verletzt durch Anklagen und den Abbruch lebenslanger Freundschaften.
Energiereserven scheinen geschwächt, zusammen mit wenig offensichtlicher
Begeisterung, nach neuen, vom Herrn gegebenen Visionen auszuschauen und neue
günstige Gelegenheiten zu ergreifen. Wenn die führenden Brüder es nicht
anstreben, zusammenzustehen, einander zu ermutigen und den Willen des Herrn für
kommende Tage zu suchen, so fürchte ich, dass eine sich hinziehende Erstarrung
einen allmählichen Tod herbeiführen wird.
Man kann nicht anders, als den eifrigen
Wunsch der Brüder in "Realität um jeden Preis"-Typ-Versammlungen zu bewundern.
Unter einer guten Führung, hat dieser Typ das Potenzial, vom Herrn gebraucht zu
werden, die nächste Generation zu inspirieren (beleben). Er spiegelt
wahrscheinlich die Haltung der frühen Brüder wieder, die willig waren, jeden
Preis zu zahlen, um wirklich und radikal biblisch zu sein und verschieden von
allen bestehenden religiösen Strukturen. Meine Sorge ist, dass einige wohl in
Gefahr sein mögen, "das Kind mit dem Bad auszuschütten", d. h., dass wichtige
nützliche, wertvolle biblische Merkmale, von den frühen Brüdern wiederentdeckt,
vergessen oder absichtlich beiseitegesetzt werden.
-
Die Gefahr, Modeströmungen zu folgen:
Es ist kein Geheimnis, dass die
christliche Welt und die evangelikale im Besonderen durch Modeströmungen geht.
Zeitweise diente eine gewisse Art und Weise dazu, christliches Leben als das
eines Soldaten mit Zucht, Ordnung, Tapferkeit usw. zu verstehen. Aus dieser Ära
stammt die Formation der "Heilsarmee", und wir haben eine Anzahl Lieder geerbt,
wie "Vorwärts, Christi Streiter". Während des letzten Jahrhunderts lag der
Schwerpunkt stark auf dem Heiligen Geist. Einige Jahrzehnte lang wurde
Heiligkeit sehr betont, bekannt gemacht durch die Heiligkeitsbewegung. Vor ein
oder zwei Jahrzehnten war "Macht" die Mode, machtvolle Evangeliumsverkündigung,
kraftvolle Lobeserhebungen, vollmächtiger Dienst. Die meisten Modeströmungen
überbetonen ein oder zwei Lehren oder Aspekte des christlichen Lebens.
Gewöhnlich ist diese Überbetonung eine Reaktion auf Erscheinungen, die der
Korrektur bedurften. Es mögen wohl zu bejahende Elemente in einigen Strömungen
sein, aber wir müssen widerstehen, wenn der Trend uns mitreißen will.
Die Riesenkirche ist nun in Mode. Übergroße Kirchen erfordern berufsmäßige
Teams, um den Erwartungen der Zuhörer gerecht zu werden. Echte gemeinschaftliche
Beteiligung geht in der Regel zurück. Dies ist ein ungesunder Trend. Eine
Theorie geht um, dass, wenn alle Kirchen einer Stadt sich vereinigten, dann solche Städte für Christus umgestaltet
werden
würden. Als ich in London weilte,
sah ich ein beliebtes Video, betitelt "Umwandlungen", in dem [die
Stadt] Cali (Kolumbien)
benutzt wurde, diesen Punkt zu "beweisen". Ich zweifle nicht, dass Christus
Menschenleben, Familien und Städte umzuwandeln vermag. Der Herr tat es mit
Ninive. Er kann es wiederum tun. Zweifellos wirkt Gott in Cali, aber es ist noch
eine der gefährlichsten Städte in Kolumbien. Mir wurde berichtet, dass es dort
zwischen diesen großen Kirchen häufig ein "Schafe-Stehlen" gibt (besonders
talentierte und musikalische Schafe). Üben wir etwas gesunden Skeptizismus!
Gleicherweise sind jene "verlässlichen Berichte" manchmal gar nicht so
verlässlich; dergleichen kann auch draußen geschehen! Nicht jedes Modell, das
zum Datum passt, ist verlässlich für Voraussagen. Nicht alles ist Gold, was in
der christlichen Welt glänzt!
Letztes Jahr nahm ich einige Kurse am Spurgeon's College im Süden Londons. Das
Kolleg selbst ist eine Ausbildungsschule für Pfarrer in baptistischen Kirchen.
Zu meiner Überraschung war unter zehn Studenten eine Schwester, die sich zur
Pastorin in Baptisten-Kirchen ausbilden ließ. Ich kann mich nicht erinnern, dass
dies vor fünfzehn Jahren bei den Baptisten allgemein so gewesen wäre. Nicht alle
baptistischen Kirchen billigen dies. Heute gibt es einen Trend in der
Christenheit, Männern und Frauen in der Kirche die gleichen Rollen zuzuweisen.
Die Anglikanische Kirche, Versammlungen Gottes und viele andere Gruppen fördern
Schwestern, um Führungsstellen in der Kirche einzunehmen. Aus dem, was ich lese,
entnehme ich, dass praktizierende Homosexuelle zunehmend in kirchlichen Diensten
angenommen werden. Wenn wir die Sichtweise der Belehrung des Apostels Paulus als
"kulturbedingt" einfach abtun, öffnen wir die Tür zu subjektiver Auswahl. Meine
teuren Brüder und Schwestern, seht ihr die Gefahr?
- Die Gefahr bei dem Versuch, beliebt zu sein:
Meine persönliche Ansicht ist die,
dass Typ-(4)-Versammlungen aufgrund eines Mangels eine Tendenz haben, moralisch
lockere und ichbezogene Personen anzuziehen. Das sind die Gläubigen, denen an
biblischen Einsichten nicht so sehr gelegen ist, solange "Ich kann ich sein"
gilt, es geht ja, wir haben eine gute Zeit. Diese lieben Gläubigen machen es
schwieriger, solche Versammlungen zu führen, da sie manchmal eine einflussreiche
Minderheit darstellen.
Gewiss, die meisten sind nicht so! Die Gefahr kann bestehen, dass man um jeden
Preis eine Auseinandersetzung vermeidet. Manche fühlen, dass sie unter dem
"Druck" einer harten und bisweilen dogmatischen Führerschaft gelitten haben und
möchten jetzt eine neue Freiheit genießen. Manche scheinen irrigerweise zu
denken, die Versammlung sei eine Demokratie. Wesentliche Beschäftigung dieser
Versammlungen ist zu reagieren: Es war uns nicht erlaubt, eine Gitarre zu
benutzen, also machen wir es jetzt. Wir durften nicht andere Lieder singen, so
wollen wir das jetzt tun. Veränderungen sollten eingeführt werden, wenn sie
überzeugend sind, sie sollten einen Sinn haben, d. h., dass wir das dem Herrn
Wohlgefällige tun. Nützliche Veränderungen können falsche Beweggründe haben, und
das stiftet Schaden. Es kann eine Kultur befördern, wo man meint, die
Versammlung sei zu unserem Wohlergehen da und nicht so sehr um Seiner
Verherrlichung willen.
-
Die Gefahr der Auflösung infolge Vereinsamung:
Wenn Überdruss aufkommt bei allen
Nachrichten und der Aufforderung, Probleme anderer Versammlungen zu beurteilen,
und das sogar in anderen Ländern, ziehen einige es vor, zu anderen Versammlungen
auf Abstand zu gehen. Das zeigt sich in geringem Interesse an Konferenzen, an
Lagerarbeit, an neuen Briefen und Zeitschriften. Es sei denn, eine Versammlung
sei groß und hat viele Gaben und Familien, sonst fehlt es an mannigfaltigem
Dienst, an Freundschaften und an Gemeinschaft, was zu einem Gefühl, isoliert zu
sein, führt. Junge Familien und die Jugend werden dann bald ausschauen im Umfeld
nach eigenen Lagern, Seminaren und Gelegenheiten zur Mission. Der begabte Bruder
wird einen weiteren Bereich seines Dienstes suchen, und das mag wohl das Ende
der kleinen vereinsamten Versammlung herbeiführen.
-
Die Gefahr der Auflösung wegen mangelnder Identität:
Einige dieser Versammlungen
sind in Gefahr, sich von den Wurzeln der Brüderbewegung zu entfernen, so weitgehend, dass sie sie völlig verleugnen. Dies zusammen mit dem Wunsch bei
einigen, derzeitige "erfolgreiche" evangelikale Gruppen nachzuahmen, mag sehr
wohl zu einer Auflösung führen, wenn noch ein paar Jahre vergehen.
Da ich die meiste Zeit meines Lebens im
Missionsdienst verbrachte, weiß ich sehr wohl, dass es leichter ist, Fehler zu
entdecken und zu kritisieren als zu fördern und zur Auferbauung beizutragen.
Ich sehe die offenkundige Hand Gottes, die um Seiner Herrlichkeit willen unter
Gläubigen wirkt, die Dinge tun, denen ich persönlich nicht zustimme. Für mich
ist deutlich zu sehen, dass das Leben des Christus und Seine Macht in
geistlichem Dienst sich kundtut durch unvollkommene Christen und unvollkommene
Versammlungen. Wenn unser teurer Herr nur Vollkommenheit segnen würde, könnte
Er
keinen von uns je gebrauchen! Ich schlage vor, dass wir auch bei drängendem
Eifer nicht versuchen, ein etwaiges goldenes Zeitalter unserer vergangenen
Geschichte (wenn ein solches denn nach unserer Annahme in Form und Lehre ein
vollkommenes war) wiederaufleben zu lassen, sondern dass wir uns selbst in einen
Stand bringen, um nützliche und kraftvolle Werkzeuge in Seiner Hand heute zu
sein, sowohl einzeln als gemeinsam. Mose diente seiner Generation, Luther der
seinen, Darby der seinen, du und ich sind berufen, unserer Generation zu dienen.
Wir können uns nicht hinter vergangener Herrlichkeit und alten Büchern
verstecken. Dem stimmen wir vermutlich alle zu. Hier nun einige persönliche
Anregungen:
Da habe ich wenig zu sagen. Ich wüsste
nicht, dass ich irgendeine Versammlung dieses Typs letztes Jahr besucht hätte.
Wenn du jüngere Kinder hast, isoliere dich schon um ihretwillen nicht mehr, als
unumgänglich ist. Vermeide sorgfältig einen überkritischen Geist, der es dir
selbst schon sehr schwierig macht, dich glücklich in eine Versammlung
einzufügen, die von zukünftigen Menschen gebildet wird.
Vielleicht darf es mir erlaubt sein, die
folgenden Anregungen an Führende und Geführte in diesem Versammlungstyp zu
richten.
-
Bring deine Sorgen zum Ausdruck:
Die meisten Sekten werden allmählich so. Es
vollziehen sich Serien kleiner Veränderungen, jede ist zu geringfügig, um
Aufhebens davon zu machen. Nach und nach werden persönliche Freiheiten
ausgemerzt, eine zentrale Autorität wird gestärkt, ungesunde Verfahren werden
eingeführt. Äußere deine Meinung, jedoch in liebenswürdiger, aber fester Form.
Für eine Versammlung ist es nicht normal, aber möglich, zu einem falschen
Beschluss zu kommen. Du hast vor Gott die Pflicht, deine Stimme zu erheben.
Widerstehe dem Druck, Briefe zu unterschreiben, die dein Gewissen belasten. Wenn
du es getan hast, hab den Mut, deine überdachte Ansicht auch öffentlich bekannt
zu machen. Ein klares Gewissen ist unerlässlich für eine glückliche Gemeinschaft
mit dem Herrn.
-
Fördere Harmonie und Duldsamkeit:
Vielleicht könnten wir uns selbst erziehen
durch Missionsberichte, Zeitschriften, inländische und internationale
Konferenzen, um einander auch mit unseren unterschiedlichen Ansichten
anzunehmen. Vielleicht könnten wir öffentlich darüber im Licht der Schrift
sprechen, ohne einander anzuklagen, jedoch die wirkliche Grundlage unserer
Einheit (Eintracht) zu betonen. In einigen Versammlungen ist Händeklatschen
während des Singens kulturgebundenes Gegenstück zu vierstimmigem Gesang nach
Melodien von Bach und Beethoven. Wir brauchen unsere Weisen andern nicht
aufzuzwingen. Könnte es sein, dass beides dem Herrn wohlgefällig ist?
-
Versammlungslisten:
Wenn du dem wirklich zustimmst, dass diese Listen "auf
keinen Fall offiziell" sind, bestehe darauf, dass deine Versammlung sie auch
praktischerweise nicht als offiziell handhabt. Listen sind nützlich, aber wir
werden Christus Rechenschaft ablegen und nicht denen, die die Listen
aufgestellt haben, hinsichtlich derer, die wir aufnehmen oder zurückweisen.
-
Komitees zur Verwaltung der Gelder:
Ein einziges Brüder-Komitee zur Verteilung
der Gelder, die von vielen Versammlungen eingesammelt werden (oder allen
Versammlungen eines Landes), ist sehr leistungsfähig. Aber es ist gefährlich,
weil unverhältnismäßig Einfluss und Handlungsvollmacht in die Hände von ein paar
Brüdern gelegt sind. War das nicht eine Angelegenheit, derentwegen frühe Brüder
sich trennten? Auf die Gefahr hin, dass die Leistung ein wenig zurückgeht,
schlage ich die Bildung mehrerer Geldsammelstellen in einem Land vor, von denen
jede für eine große Versammlung oder einige kleine zuständig ist, und jede legt
klar dar, welche Vorhaben sie unterstützt, indem sie die Verantwortlichkeit der
Brüder, die geben, erhöht. Besser ist noch, dem Beispiel unserer amerikanischen
(The Fund For Christian Service: FFCS) und holländischen (Nehemia Fund) Brüder
zu folgen. Sie handeln als Verteilstellen für Gaben an einzelne Gläubige und an
Versammlungen. Dies ermuntert Einzelne und Versammlungen, die Berichte zu lesen
und sorgfältig zu erwägen, wohin etwas zu geben der Herr sie leitet, statt dass
sie es automatisch in die "schwarze Schachtel" des nationalen Missionswerks tun.
Die Leistung wird davon abhängen, inwieweit die örtlichen Gläubigen von der
Führung des Herrn abhängig sind. Vielleicht könnten wir dieses Risiko auf uns
nehmen.
-
Bedachtsame Rede:
Die lieben Brüder, du und ich mögen im Augenblick nicht einer
Meinung sein, wir sind aber noch sehr wohl Teil Seines Leibes. Indem wir die
lehrhafte Bedeutung einiger unserer Unterschiede überziehen und unsere Brüder
mit harten Worten anklagen, verletzen wir den Leib und auf die Weise Christus Selbst. Paulus hätte Barnabas anklagen können, dass er zu liberal sei, zu lasch
im Werk des Herrn, Familienbeziehung sei ihm wichtiger als die Achtung vor der
Heiligkeit der Dinge des Herrn. Er hätte ihn beschuldigen können, das Werk
Gottes zu beflecken dadurch, dass er den unzuverlässigen Johannes Markus
überhaupt mitnahm. Paulus hätte Barnabas anklagen können, es mangle ihm an
Unterwürfigkeit, er sei unwillig, den ihm geziemenden Platz im Leib Christi
einzunehmen. Briefe hätten an die Gläubigen geschrieben werden können, um
mitzuteilen, dass Barnabas offensichtlich unabhängig sei und die Einheit des
Leibes des Christus verleugne. Barnabas hätte Paulus leichthin beschuldigen
können, gesetzlich zu sein und die Leitung des Heiligen Geistes an sich zu
reißen, usw. Vielleicht wurden einige dieser Anklagen ausgesprochen; wir wissen
ja, dass eine "Erbitterung" entstand und das Missionsteam sich aufspaltete. Aber
nichts wird davon berichtet, dass einer dem anderen die Gemeinschaft entzog, und
es gibt keine Hinweise, dass Druck auf alle Gläubigen ausgeübt worden wäre, den
Vorfall zu beurteilen und eine Wahl zwischen Paulus und Barnabas zu treffen.
Klar ist, dass aus irgendeinem Fehler oder einer Differenz ein "grundlegender"
Gegensatz gemacht werden kann. Wir werden Rechenschaft geben müssen wegen der
Worte, die wir sprechen, die wir schreiben, die wir unterzeichnen. Verschaffen
wir uns Gewissheit, dass unsere Gewehre auf den wirklichen Feind gerichtet sind.
-
Gespräche aufrechterhalten:
Suche Gelegenheiten zu offenen und
freundschaftlichen Aussprachen mit unseren Brüdern außerhalb unseres eigenen
Versammlungstyps. Eben durch diese offenen und vertraulichen Gespräche kann der
Herr uns helfen, Ausgewogenheit zu suchen und zu behalten. Widersprechende
Stimmen unterdrücken oder ausschließen erzeugt ein falsches Gefühl für Frieden.
Sogar die Sekte der Zeugen Jehovas genießt diese Art internationaler Harmonie.
Doch gottgemäß ist sie nicht. Auch die frühe Kirche hatte ihre gesunden und
manchmal auch scharfen Auseinandersetzungen. Lasst und Diskussionen und
Austausch nicht scheuen.
Wenn du dich in einer dieser Versammlungen
befindest, magst du finden, dass einige der vorstehenden Anregungen zu Typ (2)
ebenso anwendbar sind. Ich möchte jedoch einen Aufruf an alle Typ-(3)-Versammlungen hinzufügen, besonders an ihre Führerschaft:
-
Richte deine Gedanken darauf, zu handeln:
Nach meinem Gefühl sind einige dieser
Versammlungen in einer Krise. Dringend gefragt ist visionäre Führerschaft, um
das viele Reden über Versammlungsspannungen und Ungerechtigkeiten zu beenden und
erneut Freude am Herrn zu gewinnen, Türen zu suchen, die der Herr von neuem
öffnet, junge Leute und Familien anzuspornen, ihre Begabungen zu entfalten und
sie auf schöpferische und biblische Weise zu gebrauchen sowohl in den
Versammlungen als in der verlorenen Welt.
-
Gemeinschaftliche Beziehungen wieder auffrischen:
Es ist notwendig, jede Furcht
vor Abweisung zu überwinden und wieder einmal zu Besuchen zwischen den
Versammlungen zu ermuntern. Die Zeit ist gekommen, dass Gaben der Belehrung oder
der Verkündigung des Evangeliums (alt und jung) uneingeschränkt ausgeübt werden
zwischen den Versammlungen, um Wertschätzung der Versammlung als solcher,
praktische Frömmigkeit und schärfere Wahrnehmung und wechselseitige Begegnungen
mit der verlorenen Welt draußen anzufachen. Ladet begabte Brüder zu eurer
Versammlung ein. Beratet euch mit ihnen, um Seminare, Arbeitstreffen,
Ein-Tages-Konferenzen in eurem Bereich zu vereinbaren. Schafft Gelegenheiten für
sie, zum Segen zu sein. Sammelt Informationen und ermuntert die örtlichen
Gläubigen, aus näherliegenden oder internationalen Konferenzen Nutzen zu ziehen.
-
Zeitgemäßer Stil in Belehrung und Unterweisung:
Ich glaube, das, was die heutige
und kommende Generation anzieht und inspiriert, ist nicht "Wahrheit und Lehre",
sondern "Realität" – ein glaubwürdiges und radikales christliches Leben.
Natürlich gehen Wahrheit und Realität (Wirklichkeit) Hand in Hand, aber ohne
offenkundige Wirklichkeit wird es kein Interesse an der Wahrheit geben. Gerade
die frühen Brüder hatten Realität, und das war eine Sensation. Wir haben sie in
unseren Wurzeln. Lasst uns unsere Lehrer und Schreiber ermutigen und freimachen,
den anziehenden Versammlungsmerkmalen in kulturell annehmbaren Formen Ausdruck
zu geben. Verlasst euch nicht ausschließlich darauf, gute alte Bücher zu
verteilen. Ich fürchte, dass der Neudruck der alten Bücher der Brüder aufs Ganze
gesehen nur einer Minderheit willkommen ist, besonders Lesern mit akademischer
Bildung, historischen Interessen, Lesern mit einseitiger Veranlagung. Wir müssen
aber jeden erreichen! In einigen Kreisen richtet man das Augenmerk übertrieben
auf alttestamentliche Vorbilder, Gleichnisse, Schatten und Bilder. Wir erwecken
geradezu den Eindruck, die Bibel sei ein verschlüsseltes Buch. Gewiss, die Bibel
enthält symbolische Darstellungen und Vorbilder, aber wir machen zu viel daraus.
Die klare und praxisbezogene Darbietung des Wortes Gottes ist überzeugend,
herausfordernd und machtvoll.
-
Bleiben wir der Bibel und der Praxis verpflichtet:
Viele der gegenwärtigen
Enttäuschungen und der Ablehnung einiger der Wurzeln der Brüderbewegung haben
wahrscheinlich ihre Ursache hauptsächlich in der Abweisung unserer äußeren
Formen, Widersprüchlichkeiten und fremd anmutenden Traditionen. Wir lehren
mehrheitliche Führerschaft, doch viele Versammlungen sind jahrelang von einem
oder zwei "Diotrephes" gelenkt worden. Wir lehren, dass es unter Christus keine
höhere Autorität als die der Versammlung gibt, doch viele Versammlungen sind
gelähmt aus Furcht vor Kritik eines im Werk des Herrn arbeitenden Bruders oder
einer Nachbarversammlung. Wir lehren, dass jeder Gläubige wenigstens eine Gabe
hat und er sie zur Auferbauung des Leibes gebrauchen sollte, doch nur einige
wenige Führer wenden viel Zeit und Kraft dafür auf, Gläubigen zu helfen, dass
sie ihre Begabung erkennen und entfalten, indem sie ihnen Gelegenheiten zu
dienen verschaffen. Die wirksamste Weise, zu begeistern und solche drinnen wie
draußen zu beeinflussen, ist, ein glückliches, gesundes und gedeihliches
Versammlungsleben.
-
Ermuntert unsere Schwestern:
Die meisten christlichen Versammlungen haben mehr
Schwestern als Brüder. Das ist zum Teil so, weil Frauen länger leben als Männer,
aber ich glaube auch, es reflektiert die Tatsache, dass Frauen geistlicherweise
mehr wahrnehmen als Männer. Ich habe hier in Kolumbien seit 1992 am Evangelium
gedient, und bei der Bildung neuer Versammlungen kamen auf jeden interessierten
Mann gewöhnlich drei oder mehr interessierte Frauen. Wir müssen unseren vielfach
begabten Schwestern helfen, Bereiche zu finden, wo sie dienen können über den
Haushalt hinaus, und Kinderarbeit, Lokale putzen und Butterbrote bereiten für
Gemeinschaftstreffen (jedes gebührend belohnt, wenn es für den Herrn getan
wird). Es gibt so viel mehr, was sie innerhalb der Grenzen der Schrift tun
können. Zum Beispiel zu Hause, im Gefängnis und bei evangelistischen Besuchen im
Krankenhaus. Streckt die Hand aus nach Asylsuchenden. Verfasst Lieder, Artikel,
Bücher und Traktate. Wirkt mit dem Evangelium auf örtliche Schulen ein. Führt
Programme zur Jüngerschaft durch. Und vieles mehr! Wir sollten sie anspornen,
erfinderisch zu sein!
-
Schafft eine Wiederbelebung oder tretet ab:
Ich schreibe dies und bin dabei
bedrückt. Aber ich glaube, es ist wahr. Für einige mag es für eine Veränderung
zu spät sein, aber wenn Versammlungen nicht eine Reform in beglückender,
überzeugender und biblischer Weise annehmen, sieht die Zukunft düster aus.
Während wir entschieden festhalten, was die Schrift klar darlegt, müssen die im
19. und 20. Jahrhundert von Menschen gemachten Traditionen angepasst oder durch
kulturell einfühlsame äußere Formen ersetzt werden. An dieser Stelle brauchen
wir die Mitarbeit von Gläubigen, die sich kürzlich bekehrt haben (falls
verfügbar), und Familien mit Kindern, die wahrscheinlich mehr Kontakt zur
aktuellen Lebensweise (Kultur) haben. Sie können ein Schlüssel sein und der
Versammlung zur rechten Einstellung verhelfen, um unsere Generation in ihrer
kulturellen Prägung zu erreichen. Das ist, worum wir uns hier täglich auf dem
Missionsfeld bemühen. Wir wünschen in Kolumbien keine Nachbildung von
Versammlungen nach britischem, deutschem oder holländischem Muster. Wir halten
fest und lehren denselben lehrhaften Kerngehalt in einer kulturell annehmbaren
Verpackung. Wir möchten darauf hinwirken, dass Versammlungen nach echtem
kolumbianischem Stil entstehen, usw. Wir möchten, dass solche, die zu uns
kommen, sich in der Versammlung wohl fühlen, sei es durch die Art der Musik, der
Sprache, der Kleidung, der Sitzordnung, der Raumausschmückung, der Unterweisung,
usw. Es wäre doch sehr schade, wenn unsere "seltsamen Formen" es Nichtchristen
erschwerten, zu Christus zu kommen und in unseren Versammlungen glücklich zu
bleiben und zu wachsen. Der Apostel Paulus versuchte aus gutem Grund allen alles
zu sein. Er widerstand der strengen jüdischen Lobby, die dem christlichen Weg
wiederum jüdische Elemente hinzufügten und es dadurch den Heiden schwer machten,
zu Christus zu kommen.
Ohne Zweifel bewirkte Gott im frühen 19.
Jahrhundert eine interessante Bewegung, mit dem Beginn der heute sogenannten
Brüderbewegung (es war nicht die erste Bewegung, die Gott bewirkte, es ist auch
nicht die letzte, aber es war wirkliche eine). Ziemlich viele dieser
wiedergefundenen Lehren haben nun außerhalb der Brüdergemeinschaft ihren
Einfluss ausgeübt, ja, sind in einigen Fällen aufgesogen worden. Viele Pastoren
arbeiten nicht länger im "Ein-Mann-Dienst", die Teilnahme von "Nicht-Beruflichen" wird gefördert, mehrheitliche Führerschaft wird von vielen
anerkannt, Aufgeschlossenheit für den Leib Christi über Denominationen hinweg
verbreitet sich, eine Entwicklung ist da, die dem Heiligen Geist mehr Freiheit
einräumt in christlichen Zusammenkünften; eine vielfache Verwendung des
Dispensationsmodells ist zu beobachten (noch immer sehr stark vertreten in
evangelikalen Kreisen Nordamerikas), usw. Wie haben wir Einfluss ausgeübt? Zum
Teil durch Literatur und durch offene Konferenzen, zum Teil durch großmütige
Brüder, die gesunde Initiativen außerhalb der Brüderversammlungen finanzieren,
zum Teil durch so viele Gläubige, die die Brüderbewegung verlassen und viele
ihrer Lehren mit sich nehmen. Vielleicht könnten wir fragen: Haben wir noch
etwas, wofür zu kämpfen sich lohnt? Haben wir noch ein Unterscheidungsmerkmal,
dem wir gerecht werden und das so wertvoll ist, um es draußen anzubieten? Ich
glaube, das haben wir.
Wenn du selbst dich in einer dieser Versammlungen befindest, so kann ich dich
vielleicht ermutigen, abseits der zuvor umrissenen Gefahren klar zu steuern. Du
magst sehr wohl finden, dass einige der an die Typen (2) und (3) gegebenen
Empfehlungen auch auf deine Situation durchaus anwendbar sind.
Wenn du uns schon verlassen hast (und wenn
du jemals diesen Brief liest!) könnte ich dich vielleicht bitten, uns zu
vergeben, dass wir dir und deiner Familie Schmerz bereitet haben durch einige
unserer (nicht biblischen) Traditionen, unsere richtende Gesinnung, unsere
inneren Streitigkeiten. Löse dich bitte aus der Versuchung, bittere Erinnerungen
zu nähren. Sie richten nichts Gutes aus. Rufe die glücklichen Zeiten der
Gemeinschaft zurück, die Lagerfreizeiten, die Konferenzen, einige der guten
Lehren, die wir gemeinsam haben. Denke nicht zynisch über christliche
Gemeinschaft. Noch baut Christus Seine Kirche. Leiste einen aktiven Beitrag.
Falls dir das bisher niemand gesagt hat, danke ich dir für deinen Beitrag zur
Brüderbewegung. Mit unseren vielen "Warzen" hat der Herr uns dennoch benutzt zum
Segen des Volkes, ob zu Hause oder auf den Missionsfeldern. Vergiss nicht, dass
deine Arbeit im Herrn unter Brüdern nicht vergeblich gewesen ist.
Falls du fühlst, dass du auf dem Weg nach draußen bist, aber die Versammlung
noch nicht eigentlich verlassen hast, mag der Herr vielleicht etwas in diesem
Aufsatz benutzen, das dir behilflich ist, eine neue Sicht zurückzugewinnen, wie
Versammlungsleben sein kann. Ich bete dafür, dass etwas dich anspornen mag, mit
anderen zusammen für eine gesunde und schriftgemäße Entwicklung deiner
Heimatversammlung zu arbeiten.
Wir Brüder werden von einigen als der
arroganteste und spaltungsanfälligste Kreis von Gläubigen auf Erden eingeordnet.
Warum geben wir manchmal einen solchen Eindruck ab? Bevor ich heiratete,
richteten mein Bruder und ich in einem alten Haus, in dem wir wohnen wollten,
eine neue Küche ein. Da es unsere erste Küche war, folgten wir sorgfältig den
gesammelten Anweisungen. Wenn etwas nicht gut aussah, hielten wir an, studierten
erneut den Plan und diskutierten zusammen. Wenn wir schlossen, etwas falsch
gemacht zu haben, versuchten wir zu korrigieren. Wenn man die mehr als 150 Jahre
lange Geschichte der Brüder überblickt, kann man nicht anders empfinden, als
dass da etwas ernsthaft falsch gelaufen ist. Unsere Ehen haben ihre Probleme,
aber der Herr hat vorgesehen, dass wir zusammenbleiben. Warum sehen wir nicht
vor zusammenzubleiben? Im Ganzen gesehen lässt sich zutreffend sagen, dass wir
alle Gott fürchten, Christus und die Schriften innig lieben, eifrig sind, vor
allem dem Herrn zu gefallen. Wenn ich es so sagen darf, wir Brüder sind wirklich
ein recht freundliches und nettes Völkchen. Warum teilen wir uns wieder und
wieder? Warum verletzen wir einander so oft? Entsprechen wiederholte Spaltungen
im Gefüge dem göttlichen Plan, um die Heiligkeit des Hauses zu beschützen? Gibt
es keinen anderen Weg?
Einige sagen, unser Problem ist, dass einige schwierige führende Brüder sich so
fleischlich verhalten. Ich möchte dem nicht zustimmen. Zweifellos gibt es da
fleischliches Verhalten, und das erschwert unsere Probleme. Aber auch wenn die
Heiligen hundertprozentig nicht-fleischlich wären, scheint unsere Theologie
wiederholte Spaltungen zu verlangen. Wenn du mir den Ausdruck erlaubst, so ist
unser Problem zuerst einmal nicht die "Hardware", sondern ein Lehrmäßiges der
"Software". Was offenbar und beobachtet wurde, lässt ein Virus vermuten, das alle
paar Jahrzehnte zu einer Spaltung zwingt. Irgendeine Versammlung fasst irgendwo
einen unvernünftigen Beschluss oder sucht sich einen unserer Streitpunkte aus,
erklärt ihn für "überlebenswichtig" und zwingt dann Versammlungen überall dazu,
"Stellung" zu nehmen. Wir spalten uns in zwei oder drei grob übereinstimmende
Versammlungsnetzwerke. Nach der Spaltung leckt jede neue Gruppe ihre Wunden, und
später preist sie dann den Herrn für Frieden und Harmonie, die wir dann ohne
jene schwierigen und weniger frommen Brüder genießen. Aber das historische
Zeugnis zeigt, dass der Friede nicht lange währt. Wenn wir diesen Spaltpilz in
unserer Software nicht identifizieren und ausmerzen, ist es nur eine Frage der
Zeit, bis wir uns alle wieder aufs Neue spalten. Warum nicht? Könnte es denn
möglich sein, dass wir einige der göttlichen Anweisungen für die Versammlung
missdeuten? Hier besteht Bedarf, einige Punkte ganz neu erforscht und erörtert
zu werden, örtlich und auch darüber hinaus.
Es ist klar, dass Christus Autorität
übertragen hat, in der Familie, in der Versammlung und in der Gesellschaft im Großen. Allgemein anerkannt wird, dass Christus das Haupt der Versammlung ist,
dem wir alle uns zu unterwerfen haben. Dies ist einfach, wenn wir alle
zustimmen. Hat jeder Bruder und jede Schwester etwas zu sagen? Nur die Brüder?
Nur einige wenige Brüder? Wie erkennen wir, welche Brüder? Erreicht jede
Versammlung immer Einigkeit? Ist Übereinstimmung der einzige Weg, um zu wissen,
dass wir das Urteil Christi über diesen Punkt haben? Ist das richtig, wenn eine
oder zwei Stimmen einen Versammlungsbeschluss blockieren? Wie sollen wir
verfahren, wenn dies geschieht? Welche Rolle spielen Außenstehende? Gibt es
irgendeine menschliche Autorität (ein Bruder oder eine Gruppe von Brüdern) über
der örtlichen Versammlung? Hier lohnt es sich, das Thema biblische Führerschaft
innerhalb der Versammlung, eingehend zu untersuchen.
Normalerweise lassen wir gelten, dass eine
Versammlung bei einem Beschluss für die ganze Kirche (oder den Leib des
Christus) handelt. Was eine Versammlung entscheidet (bindet), ist auch im Himmel
gebunden. Deshalb geht es jeden Gläubigen an allen Orten an. Mit diesem
Mechanismus, so sagen wir, vermeiden wir einerseits Unabhängigkeit von
Versammlungen, und andererseits menschliche Hierarchien. Solange wie Beschlüsse,
die den Versammlungen zugestellt werden, das Siegel Christi tragen, werden sie
glücklicherweise von allen angenommen. Das Verfahren läuft gut. Wenn allerdings
die ernste Sorge aufkommt, ein Beschluss sei zu Unrecht gefasst worden, dann
beginnt dieses Verfahren unerwünschte Folgen zu zeitigen. Kann eine Versammlung
einen unrechten Beschluss im Himmel binden? Sicherlich nicht. Selbst nicht
zeitweise. Wenn die Versammlung sich starrköpfig verhält, markiert das den
Beginn einer Spaltung.
Vielleicht können wir die Frage stellen: Was ist wesentlich bei einem
Versammlungsbeschluss? Was macht den Beschluss einer Versammlung zu einem
eigentlichen Versammlungsbeschluss? Ist es der Umstand, dass alle (oder
mindestens die führenden Brüder) zusammen zustimmen? Oder ist es die Tatsache,
dass sie einen unterzeichneten Brief versenden? Oder muss es gelten, dass ein
Versammlungsbeschluss nur in dem Maße gilt, wie er Christi Sinn entspricht?
Matthäus 18,18 bezieht sich auf das Binden auf der Erde und im Himmel. Matthäus
18,19 erklärt, dass der Vater im Himmel tun wird, worin zwei Gläubige
übereinstimmen hier unten. Wird der Vater wirklich eine Sache tun, in der zwei
von uns übereinkommen? Ganz sicher setzt sowohl das Binden auf der Erde (V. 18)
als das Gebet (V. 19) Einklang mit der Absicht Gottes voraus. Wenn wir nicht in
dem Willen Gottes stehen, sind das Gebet und der Versammlungsbeschluss leere
Worte. Der Vater fühlt Sich daran nicht gebunden noch sollte dies irgendeines
seiner Kinder tun.
Brüder in Typ-(2)-Versammlungen sind vorwiegend der Ansicht, dass
Versammlungsbeschlüsse unverzüglich weltweit binden und dass diese Bindung
bleibt, bis die betreffende Versammlung (den Beschluss) zurückzieht oder aus der
Gemeinschaft hinausgetan wird. Das mag Monate oder sogar Jahre dauern. Typ-(3)-Versammlungen sagen ja, alle Versammlungsbeschlüsse sind bindend, wenn die
Absicht Christi darin erkennbar ist. Die große Mehrheit der Beschlüsse hat
diesen Charakter. Im Kern sind diese Einstellungen nahe beieinander, ihr
Unterschied liegt in praktischen Verfahren. Aber wir haben so viel Gewicht auf
diese Verfahren gelegt, dass Entfremdung aufgekommen ist und sogar
kenntnisreiche Brüder und gute Freunde wie Darby und Kelly in den späten 1800er
Jahren getrennt worden sind.
Noch etwas anderes ist mir rätselhaft: Wenn eine Versammlung einer Schwester die
Gemeinschaft verweigert, weil sie ihr Haar abgeschnitten hat, wird ein solcher
Beschluss im Himmel bestätigt und bindet er alle und überall? Wenn diese
Schwester eine Versammlung in den USA oder in Italien besucht, werden wir eine
ernsthafte Unstimmigkeit haben, weil man sie dort gern empfängt. Oder sind
einige Versammlungsbeschlüsse in Fragen der Ordnung und der Zulassung nur von
örtlicher oder gebietsweiser Bedeutung?
Wenn eine Versammlung in Europa beschließt, einen Gläubigen aufzunehmen und
dabei seine katholische Taufe als eine gültige Taufe anerkennt, ist dann jener
Beschluss für alle Versammlungen überall bindend? Wenn ein solcher Bruder käme
und besuchte Kolumbien, sagt, würden die Versammlungen hier frei sein in der
Wahl, ob sie es als korrekt empfinden, ihn zuzulassen oder nicht? Ist es in
Ordnung, einen Bruder zuzulassen, der eine Irrlehre vertritt (zumindest, wenn
die aufnehmende Versammlung von der Irrlehre überzeugt ist), wenn der Bruder
zusagt, sie nicht zu lehren?
Wir Brüder neigen sehr dazu, mit dem
Finger auf andere Brüdergemeinschaften zu zeigen und sie zu beschuldigen, die
Einheit des Leibes Christi zu leugnen. Wir können besonders unerbittlich sein,
wenn solche, die uns am nächsten stehen, es abschlagen, sich durch einen unserer
Briefe oder Beschlüsse nicht gebunden zu fühlen. Der Bruder meines Großvaters
hatte seit 1938 Gemeinschaft mit lieben Gläubigen in der Tunbridge-Wells-Gruppe.
Sogar noch heute klagen sie uns KLCG-Brüder an, die Einheit des Leibes Christi
zu verleugnen, weil unsere Vorväter einen Beschluss verwarfen, der in der
Tunbridge-Wells-Versammlung in den frühen 1900er Jahren gefasst wurde (nach
ihrer Meinung haben wir nicht eigentlich bereut). Ist es möglich, einen unweisen
Versammlungsbeschluss zurückzuweisen und dennoch fest zu der Wahrheit von der
Einheit des Leibes des Christus zu stehen?
Neutestamentliche Schriftstellen, die den Leib des Christus betreffen, beziehen
sich auf die Sammlung einzelner Christen und deren Beziehung untereinander.
Jeder einzelne Gläubige hat eine besondere Gabe, eine Verpflichtung und seinen
Platz im Leib Christi. Die Bildersprache vom "Leib" hat anscheinend nichts mit
Handlungen zwischen verschiedenen Versammlungen zu tun und noch viel weniger mit
solchen zwischen Gruppen oder Konfessionen. Zwischen den Versammlungen besteht
Unabhängigkeit, doch der Herr als das Haupt lenkt jeden einzelnen Gläubigen. Die
Beziehungen zwischen verschiedenen Versammlungen passen besser zum Bild vom Haus
Gottes. Christus ist Herr über Sein Haus, und Er bestimmt die Ordnung darin.
Wenn ein einzelner Gläubiger oder eine Versammlung es vorzieht, einen
gottgemäßen Beschluss, den eine andere Versammlung gefasst hat, zurückzuweisen,
sollten sie nicht wegen Leugnung der Einheit des Leibes des Christus beschuldigt
werden, wohl aber der Ablehnung gottgemäßer Ordnung im Haus Gottes. Kelly sah
sich gezwungen, den Beschluss einer Versammlung nicht anzunehmen. Es erscheint
mir unvernünftig, ihm vorzuwerfen, die Einheit des Leibes des Christus
preisgegeben zu haben. Unsere Vorväter sahen sich aufgrund der Beweislage
gezwungen, den Beschluss von Tunbridge Wells abzuweisen. Besteht ein biblischer
Mechanismus, durch den wir einen örtlichen Beschluss abweisen und dennoch
darüber nicht auseinanderbrechen?
Verfahren und Anleitungen im Bereich der
Versammlungen, die auf den alttestamentlichen Unterweisungen beruhen, die der
jüdischen Nation über Verunreinigung gegeben waren, haben unter uns viel Kummer
verursacht. Bekannt sind die Schmerzen, die Trennungen, die
Widersprüchlichkeiten, die Absonderung, die die Folgen waren. Ich vermute, dass
unsere Auslegungen es wahrlich verdienen, sorgfältig überprüft zu werden. Man
kann nicht anders als zutiefst fühlen, dass hier etwas ernstlich falsch ist,
wenn man einen Schritt zurückgeht und auf die Wirkungen dieser Art von Anwendung
sieht.
Lasst uns eines unter vielen möglichen Beispielen aufgreifen. Letztes Jahr traf
ich unsere liebe alte australische Schwester Miss Beryl Harris in der Schweiz.
Sie ist eine altgediente Missionarin, die sich über ein halbes Jahrhundert dem
Werk des Herrn unter unseren Versammlungen in Zaire widmete. Sie ist nicht
bereit, einen die "Stellung" festlegenden Brief gegen ihr Gewissen zu
unterzeichnen. Die Brüder in dieser Gegend der Schweiz, die sie herzlich lieben
und sie während vieler Jahre unterstützt haben, unterrichteten sie, dass sie mit
ihnen am Tisch des Herrn nicht teilhaben könne. Sie zuzulassen würde gegen ihr
Gewissen sein. Sie ist jetzt nach Afrika zurückgekehrt. Ich frage mich, wie sie
empfinden mag in ihrem vorgerückten und verletzlichen Alter. Wie sieht der Herr
dies? Ist sie wirklich "böse"? Könnte sie wohl unsere lieben Schweizer Brüder
beschmutzen? Haben wir es wirklich nötig, sie so zu behandeln? Ihr werdet
bemerken, dass sie auch von der US "Versammlungsliste" gestrichen worden ist.
Ich bezweifle aufrichtig, dass unser himmlischer Vater sie ausgeschlossen hat.
Offensichtlich sieht Er die Dinge anders. So behandelt Er Seine Kinder und
Diener nicht. Du und ich wissen, dass wir, obschon mit Herzschmerzen, noch immer
einander ausschließen! Das hat mit unserem Verständnis über Verunreinigung zu
tun.
Das eingängige Motto "Verbindung mit Bösem verunreinigt" finden wir in der
Schrift nicht. In sich selbst ist das kein Problem. Es geht darum, wie wir dies
interpretieren und anwenden, woraus sich ein so unterschiedliches und manchmal
sektenhaftes, ja, überspanntes Verhalten unter uns ergibt. Die drei folgenden
Teilbereiche verdienen jeder für sich sorgfältige Aufmerksamkeit:
-
Böses:
Wir beziehen uns auf moralisch und lehrmäßig Böses. Aber was genau
sollten wir als böse einordnen? Das Neue Testament bietet ein paar Beispiele,
aber wir haben die Liste beträchtlich erweitert. Ist ein lehrmäßiger Irrtum über
die Taufe böse? Ist es böse, eine Schwester, die ihr Haar abgeschnitten hat, vom
Tisch des Herrn auszuschließen? Ist es böse, sie zuzulassen? Ist eine
Versammlung böse oder verunreinigt, wenn sie bei einigen Zusammenkünften
Musikinstrumente gebraucht? Ist ungerechtfertigte Verleumdung moralisch Böses?
Ist eine Verdrehung der Wahrheit moralisch Böses? In der Praxis können wir der
Tatsache nicht ausweichen, dass es unter uns eine Menge Subjektivität über
diesen Gegenstand gibt.
-
Verunreinigungen:
Unsere Gemeinschaft mit dem Herrn ist dauerhaft, aber doch
verletzlich. Eine geringfügige, verborgene Sünde, eine ungute, verbitterte
Haltung, ein beschmutztes Gewissen, ein unversöhnlicher Geist rauben dem
zartfühlenden Christen sehr schnell die Freude der Gemeinschaft mit Ihm und den
Mitgeschwistern. Verunreinigung und Unreinheit finden sich Alten Testament
hauptsächlich im Zusammenhang mit Hygiene, medizinischen und physikalischen
Gegebenheiten. Eine ganze Reihe zweckmäßiger Anweisungen sollte genau befolgt
werden (keine Gnade oder persönliche Subjektivität war zulässig), um das Volk
Israel vor Pocken, Diphtherie, Cholera und dergleichen zu schützen. Eine
verunreinigte Person war ein Überträger oder ein möglicher Überträger einer
ansteckenden Krankheit. Welche Umstände einen Juden verunreinigten, war klar
beschrieben. Wann ist ein neutestamentlich Gläubiger verunreinigt? Verunreinigen
einige Sünden und andere nicht? Verunreinigen alle Irrtümer (Irrlehren)? Wenn
nicht alle, wie sollen wir bestimmen, welche Sünden und welche Irrtümer es tun
oder nicht tun? Kann ein Christ jahrelang verunreinigt sein, ohne es zu wissen?
Wird er dadurch verunreinigt, dass er bestimmte Dinge tut oder sagt?
-
Verbindungen mit:
Diese, wie auch der Begriff "böse", erlauben in unseren
Kreisen eine betont subjektive Betrachtungsweise. Für den Juden, der die
Anleitungen empfing, war die Sache ganz klar: Es handelte sich um physikalisch
nahe Dinge, die berührt werden konnten. Wenn wir typologisch mit diesen
einfühlsamen jüdischen Vorschriften umgehen und versuchen, aus ihnen Verfahren
herzuleiten, die wir auf das Alltagsleben der neutestamentlichen Kirche
anwenden, bleibt uns die Aufgabe, die geistliche Ausdeutung "physikalischer Nähe
und Berührung" festzulegen. Wiederum wird das subjektiv sein. Einige in unserer
Gemeinschaft versuchen es wörtlich zu nehmen und tun ihr Bestes, nie einen
Besuch zu machen, ein Haus zu betreten oder mit irgendjemand aus einer nicht
listenmäßig erfassten Versammlung freundschaftlich zu verkehren (sie erlauben es
natürlich in möglichen besonderen Fällen, z. B wenn es sich um ein nahestehendes Familienglied handelt oder wenn ein Bruder aus einer nicht
aufgelisteten Versammlung sehr krank ist, usw., aber wenn sie es tun, folgen sie
einer persönlichen Beurteilung, was den Juden nicht erlaubt war). Die
Taylor-Brüder illustrieren die wörtliche physikalische Anwendung in
anschaulichen Bildern. Andere in unserer Gemeinschaft verstehen es so, dass
Verunreinigung durch Verbindung nur geschieht, wenn der Vorgang öffentlich ist.
Sie fühlen sich frei, Freundschaften mit Brüdern abseits der Listen zu
unterhalten. Finanziell unterstützen einige deren christliche Arbeit, einige
wagen sogar gemeinsame Familienfreizeiten (Ferien, Urlaub), aber sie würden nie
in Betracht ziehen, gemeinsam öffentlich zu predigen, Bibeln zu verteilen oder
sich irgendeiner anderen christlichen Tätigkeit anzuschließen, wobei die Welt
meinen könnte, wir gehörten "zusammen". Andere unter uns haben es so, dass die
zu vermeidende Gemeinschaft die des Brotbrechens ist. Sie verstehen, dass
dadurch möglicherweise der Tisch des Herrn verunreinigt werden kann. Solche
arbeiten mit "Gideon"-Geschwistern zusammen, besuchen ein christliches Konzert,
laden einen Freund zu einem in der Stadt bekannten evangelistischen Feldzug ein
und dergleichen. Andere sagen, dass es nicht verunreinigen würde, einen Besucher
aus einer nicht aufgelisteten Versammlung unter Sorgfalt zum Tisch des Herrn
zuzulassen, dass aber eine nicht aufgelistete Versammlung zu besuchen,
verunreinigen könnte. Bis etwa zur Mitte der 90er-Jahre wurden alle diese
Ansichten von verschiedenen Versammlungen in verschiedenen Teilen der Welt bei
"glücklicher Gemeinschaft" unter uns praktiziert.
-
Verunreinigungen in Kettenreaktion:
Dann ist da die Frage einer Kettenreaktion
durch Verbindung. Wir nehmen den großen psychologischen Schaden wahr, den diese
Lehre in einer Gemeinschaft verursachen kann. Einige sagen, dass nur die
verunreinigte Person die böse Person ist. Ihre Freunde und Mitgläubigen werden
nur verunreinigt, wenn sie ebenso böse werden, d. h., wenn sie die böse Lehre,
die Praxis ihrer bösen Moral annehmen oder sie noch ausdrücklich zu dem Bösen
ermutigen oder sich ihr auf dem bösen Weg anschließen. Andere lassen bei einer
Verbindung zwei Ebenen der Verunreinigung gelten: Erstens: die böse Person
selbst, und zweitens: solche, die sich in irgendeiner Weise mit dem ersten Bösen
identifizieren oder solche, die es versäumen, öffentlich dagegen Stellung zu
nehmen.
Die alttestamentliche Lehre über Verunreinigung ist jedoch weit radikaler als
dies. Weil jede verunreinigte Person ein Überträger (oder möglicher Überträger)
einer Infektion oder einer ansteckenden Krankheit ist, werden solche, die sie
berühren, "Risiko"-Fälle, und solche, die eine "Risiko"-Person berühren, werden
selbst "Risiko"-Fälle. Aus durchaus logischen Gründen kann die
Verunreinigungskette nicht auf ein oder zwei Übertragungen begrenzt werden. Sie
hat kein Ende. Wenn wir nicht ein streng geschlossenes und kontrolliertes
Netzwerk haben (gleich den Tayloristen), kann das praktisch nicht durchgeführt
werden. Brauchen wir das? Wollen uns einige dahin bringen? Was aber noch
wichtiger ist: Sind wir wirklich so sicher, dass ein solches Verfahren gottgemäß
ist, um auf die Versammlung des lebendigen Gottes angewandt zu werden? Die
Auslegung von Vorbildern, Schatten und Gleichnissen ist immer gefährlich gewesen
und auch etwas subjektiv. Könnte es möglich sein, dass einige der
alttestamentlichen Anweisungen zum ausschließlichen Gebrauch für die jüdische
Nation gegeben worden sind? Kann nur ihre Anwendung auf die Kirche die Tatsache
rechtfertigen, dass sie in der Schrift enthalten sind? Wenn die Versammlung ein
Geheimnis ist, das uns im Neuen Testament offenbart wird, finden wir dann nicht
vielleicht im Neuen Testament den ganzen Willen Gottes für ein glückliches,
schriftgemäßes und gesundes Versammlungsleben? Die alttestamentlichen Texte
würden dann als Illustrationen oder Gleichnisse der neutestamentlichen Wahrheit
von der Versammlung benutzt werden, aber nicht als deren Grundlage.
Der Ausdruck "Alter Weg" ist nicht sehr
nützlich, weil er nicht genau definiert ist. Er bedeutet Verschiedenes für
verschiedene Brüder. Frühe Brüder (Darby eingeschlossen) veränderten sich
während des 19. Jahrhunderts. Auf welches Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts sollte
sich "alter Weg" beziehen? Unsere weltweite Brüdergemeinschaft ist niemals in
Lehre, Format (Struktur, Aufbau) und Praxis übereinstimmend gewesen, deshalb
bedeutet "alter Weg" einem Teil von Versammlungen etwas anderes als anderen
Teilen. Es würde hilfreich sein, wenn wir dem zustimmten, dass "alter Weg" sich
auf die frühe Kirche im Neuen Testament bezieht. Das würde uns den Segen der
Objektivität einbringen und uns ein Ziel vor Augen stellen, für das zu kämpfen
sich lohnt.
Klar ist, dass unsere weltweite Gemeinschaft von Brüderversammlungen sich
wandelt. Wir alle verändern uns. Weil unser Band stark war und wohl gebündelt,
sind wir in der Lage, ein vernünftiges Maß von Unterschiedlichkeit unter uns zu
ertragen. Wir räumen dem persönlichen Gewissen eine gewisses Maß von Freiheit
ein. Wir lassen kulturelle und einige lehrmäßige Abweichungen zu. Wir billigen
Freundschaften und verschiedene Grade von Mitarbeit mit Gläubigen außerhalb
unserer Kreise. Das bedeutet einen Wandel.
Ich empfinde tief die Furcht, dass ein ziemlich großer Teil von Versammlungen,
in denen sich viele angenehme und fromme Gläubige befinden, auf die ich mich in
diesem Aufsatz als den "Alter Weg – gib an, wo du stehst"-Typ bezog, auf das
Verhalten einer Sekte zugehen. In einigen Teilen der Welt sind die Versammlungen
schon sehr eng geworden. Neu ist der Drang sicherzustellen, dass alle
Versammlungen so werden. Viele Gläubige empfinden diesen verengenden Wandel,
fühlen sich aber kraftlos, etwas dagegen zu tun.
Ferner beobachte ich, dass der andere beträchtliche Teil von Versammlungen, dem
viele nette und gottesfürchtige Gläubige angehören – in diesem Aufsatz
beschrieben als "Alter Weg – gemäßigter"-Typ – auf einen allmählichen Tod
zugehen. Solange unser gnädiger Herr Jesus Christus das Haupt Seiner Versammlung
bleibt, besteht noch Hoffnung. Ich fühle jedoch, dass ein Wandel in unserem
Denken notwendig ist: Wir müssen willig werden, einige unserer bequemen, aber
hinderlichen menschlichen Traditionen abzulegen; willig werden, mehr nach
draußen zu schauen, uns dringlicher (aggressiver) um Verlorene mit dem
Evangelium des Christus zu bemühen; willig werden, neue Weg zu erforschen, um
die alten Wahrheiten darzubieten.
Ein dritter Typ von Versammlungen, zu denen viele liebe und fromme Gläubige
gehören – in diesem Aufsatz unter dem "Realität um jeden Preis"-Typ erfasst –
steht in der Gefahr der Auflösung. Wenn nicht das uns Eigentümliche
wiederentdeckt und in anziehender Weise dargeboten wird, wenn nicht biblische
Grundsätze zum Versammlungsleben aufrechterhalten und in die Tat umgesetzt
werden, wird die neue Generation sie niemals kennenlernen, und solche
Versammlungen werden sich nach und nach den heutigen evangelikalen Trends
anpassen. Zur gewissen Zeit werden sie keinen Grund mehr sehen, noch zu
bestehen, und werden abtreten. Viele gottesfürchtige Männer und Frauen stehen
dort draußen. In der heutigen Christenheit gibt es auch viel Pragmatismus
(Orientierung am Nützlichen). Lasst uns nicht vergessen, dass der Herr uns etwas
gegeben hat, das wert ist, dass wir es miteinander teilen.
Es wäre unrealistisch, wollte ich erwarten, dass du (ihr) mit allem
übereinstimmst, was ich in diesem Aufsatz geschrieben habe. Aber wenn der Herr
etwas benutzt hat, um deine Aufmerksamkeit zu gewinnen, möchte ich dich
ermuntern, deine Sorgen mit anderen Mitgläubigen zu teilen. Diskutiert über
einige dieser Fragen in aufbauender Weise zu Hause, in euren Versammlungen,
vielleicht sogar auf örtlichen Konferenzen. Lasst uns den Herrn fragen, was Er
mit uns und durch uns tun will in dieser unserer Generation. Vielleicht wird der
Herr noch Erbarmen mit uns haben.
"Da unterredeten sich miteinander, die den Herrn fürchteten, und der Herr merkte
auf und hörte" (Mal 3,16).
von Philip Nunn
Apdo Aereo 122
Armenia, Quindio, Colombia
E-Mail: philipnunn@netxox.com.co
8. März 2002
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