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Leitverse: Matthäus 18,15-20
Mt 18,15-20: 15 Wenn aber dein Bruder gegen dich
sündigt, so geh hin, überführe ihn zwischen dir und ihm allein. Wenn er auf dich
hört, hast du deinen Bruder gewonnen. 16 Wenn er aber nicht hört, so nimm noch
einen oder zwei mit dir, damit durch den Mund von zwei oder drei Zeugen jede
Sache bestätigt werde. 17 Wenn er aber nicht auf sie hört, so sage es der
Versammlung; wenn er aber auch auf die Versammlung nicht hört, sei er dir wie
der Heide und der Zöllner. 18 Wahrlich, ich sage euch: Was irgend ihr auf der
Erde binden werdet, wird im Himmel gebunden sein, und was irgend ihr auf der
Erde lösen werdet, wird im Himmel gelöst sein. 19 Wahrlich, wiederum sage ich
euch: Wenn zwei von euch auf der Erde übereinkommen werden über irgendeine
Sache, welche sie auch erbitten mögen, so wird sie ihnen zuteil werden von
meinem Vater, der in den Himmeln ist. 20 Denn wo zwei oder drei versammelt sind
in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte.
Der Verfasser ist in der Lehre der nachstehenden Gedanken aufgewachsen. Aus
aktuellem Anlass war er vor einigen Jahren gezwungen, sich mit diesen Versen
eingehend zu beschäftigen, um nachzuforschen, ob die ihm überlieferte Lehre auch
dem Wort Gottes entspricht. Die folgenden Zeilen sind das Ergebnis dieser
Untersuchung. Bevor wir uns mit den Versen 15 bis 20 im 18. Kapitel des
Matthäusevangeliums beschäftigen, müssen wir uns überlegen, in welchem
Zusammenhang diese Verse stehen. Das ist umso wichtiger, weil gerade Matthäus
sich bei seiner Darstellung des irdischen Lebens unseres Herrn im Allgemeinen
nicht nach der chronologischen Reihenfolge richtet. Das heißt, der Heilige Geist
hat ihn bei der Inspiration so geführt, dass er die Erlebnisse des Herrn Jesus
anders anordnete. Es ist selbstverständlich, dass der Heilige Geist nicht ohne
Absicht so handelt. Und wenn dem so ist, dann ist gleichfalls
selbstverständlich, dass der Heilige Geist die Ereignisse auf diese Weise
zusammenstellt, damit Er damit etwas aussagen kann. Insofern ist es nicht
unwichtig, in welchem Zusammenhang die Zentralverse unseres Kapitels stehen.
Wenn man die ersten 14 Verse sorgfältig liest und überdenkt, erkennt man
recht schnell, dass das Reich der Himmel hier im Blickfeld steht. Das Reich der
Himmel stellt das Reich Gottes dar, wie es nach der Verwerfung seines Königs
geworden ist. Es ist nicht das Reich in Herrlichkeit, wie es im Tausendjährigen
Reich verwirklicht wird, sondern ein Reich, in dem die Himmel für den Menschen
unsichtbar hinter den Kulissen wirken. Aus den Kennzeichen, die in den
Gleichnissen vom Reich der Himmel im Matthäusevangelium gegeben werden, erkennen
wir, dass es sich um die heutige Zeit des Christentums handelt. Aber das Reich
ist etwas Äußerliches und nicht das, was für Gott den Kern der jetzigen
Gnadenzeit ausmacht, nämlich die Kirche oder Versammlung. Es ist das, was die
Welt von der Herrlichkeit Gottes — und es handelt sich in diesem Fall um eine
moralische Herrlichkeit, weil äußerlich nichts davon zu sehen ist bzw. zu sehen
sein sollte — erkennen kann. Dass eine äußere pompöse Herrlichkeit durch das
Versagen der Menschen (vgl. Mt 13,31-32) und gegen die Gedanken Gottes sowie als
Gegenstand Seines Missfallens entstanden ist, sei zugegeben. Moralische
Herrlichkeit soll das Kennzeichen der Gläubigen der gegenwärtigen Zeit sein;
denn durch sie werden aufrichtige Herzen angezogen und zu Gott geführt. Äußerer
Pomp führt im Allgemeinen nur zur Sammlung von toten Bekennern. Aus dem Gesagten
geht schon hervor, dass das Reich unbedeutend und klein sein sollte in den Augen
der natürlichen Menschen.
Und damit kommen wir zum zweiten Kennzeichen dieser ersten Verse des
Kapitels. Neben dem Reich der Himmel geht es hier um Niedriggesinntheit bei
denen, die wirklich zu diesem Reich gehören. Darin unterscheidet es sich von
allen anderen Reichen auf der Erde, die danach streben, groß und herrlich zu
sein. Und warum ist das so? Weil Gott will, dass in dieser Welt der Sünde und
der Herrschaft des Teufels keiner der Seinen groß werde; denn es ist in sich
selbst ein Widerspruch, wenn jemand, der zum Reich Gottes gehört, im Reich des
Widersachers Gottes groß ist. Deshalb drückt der Herr Jesus in diesen Versen
immer wieder das Wohlgefallen Gottes an den Kleinen und Geringen aus.
Zusammenfassend kann man also zu diesen Versen sagen, dass wir hier die
Gesinnung der Niedriggesinntheit finden, die für das Reich der Himmel in einer
Gott feindlichen Welt angemessen ist.
Die folgenden Verse 15 bis 20 sind nicht so leicht zu verstehen — jedenfalls,
wenn es uns darum geht, für uns selbst die Gedanken Gottes zu erkennen und nicht
das, was andere dazu gesagt haben, ungeprüft zu übernehmen (Apg 17,11). Aber
schon ein flüchtiger Blick zeigt uns, dass es hier um Autorität geht, deren
Beschlüsse von Gott anerkannt werden. Des Weiteren handelt es sich hier um eine
Kette von Gedanken, deren innewohnende Logik schwieriger zu erkennen ist, weil
manches nicht direkt gesagt wird, sondern erst aus anderen Stellen der Bibel
hergeleitet werden muss. Dabei ist es gut — wie immer bei der Beschäftigung mit
dem Wort Gottes — daran zu denken, dass keine „Weissagung der Schrift von
eigener Auslegung ist“ (2Pet 1,20). Das heißt, jeder Gedanke, den wir aus einer
Stelle des Wortes Gottes entnehmen, muss in seinem Inhalt von wenigstens einer
anderen Bibelstelle bestätigt werden. Das Zweite, was uns in diesem Abschnitt
auffällt und das auch ausdrücklich genannt wird, ist der Begriff „Versammlung“.
Wenn wir schon vorwegnehmen, dass unsere weitere Untersuchung zeigen wird, dass
es sich um eine christliche Versammlung handelt, dann erkennen wir in diesen
Versen die Autorität, die Gott einer Versammlung in den göttlichen Dingen auf
der Erde gegeben hat. Wir sehen also: Im Reich der Himmel gilt es,
niedriggesinnt zu sein und nichts aus sich selbst zu machen. Das sehen wir in
den ersten vierzehn Versen. In der Versammlung dagegen ist Autorität vorhanden,
um bei bestimmten Fällen im Auftrag Gottes zu handeln. Niedriggesinntheit und
Autorität schließen sich also nicht aus. Während wir in der Welt nicht nach
Großem streben sollen, braucht es doch nicht der Niedriggesinntheit zu
widersprechen, wenn wir in der Versammlung nach einem Aufseherdienst trachten
(1Tim 3,1) oder um die größeren Gnadengaben eifern (1Kor 12,31). Entscheidend
ist die demütige innere Haltung.
Kommen wir nun zu den einzelnen Versen! Die Verse 15 bis 16 sind eigentlich
so klar, dass man nichts dazu sagen muss. „Wenn aber dein Bruder wider dich
sündigt, so gehe hin, überführe ihn zwischen dir und ihm allein. Wenn er auf
dich hört, so hast du deinen Bruder gewonnen. Wenn er aber nicht hört, so nimm
noch einen oder zwei mit dir, damit aus zweier oder dreier Zeugen Mund jede
Sache bestätigt werde.“ Es handelt sich hier um einen göttlichen Grundsatz, der
eigentlich für alle Zeiten gilt, obwohl er häufig nicht praktiziert wird. Diese
Aufforderung scheint auch die einzige Wahrheit in diesem Teil der Rede des Herrn
zu sein, die von Petrus verstanden worden ist. Denn darauf bezieht sich die
Frage des Petrus, die den Herrn im letzten Teil unseres Kapitels veranlasst,
darzulegen, welch ein Geist der Vergebung von Gläubigen praktiziert werden muss.
Dann sagt unser Herr im 17. Vers: „Wenn er aber nicht auf sie hören wird, so
sage es der Versammlung; wenn er aber auch auf die Versammlung nicht hören wird,
so sei er dir wie der Heide und der Zöllner.“ Hier finden wir also die beiden
schon erwähnten Begriffe zusammengestellt. Der eine, „Versammlung“, wird direkt
genannt, der andere, „Autorität“, liegt im Sinn des Verses verborgen. Es war
bisher alles vergeblich, um den sündigen Bruder mit sozusagen privaten Mitteln
wieder zurechtzubringen. Um diesen auf seinem verderblichen Weg, wenn möglich,
aufzuhalten, lässt der Geschädigte in seiner Liebe nicht nach. Er will den
fehlenden, geliebten Bruder nicht aufgeben. Dazu hat Gott in Seiner Gnade eine
übergeordnete Instanz eingesetzt, die den Fall endgültig klären muss. Gegen
diese Instanz gibt es kein Einspruchsrecht; ihr Beschluss ist verbindlich sowohl
für den Sünder als auch für den Geschädigten. Wenn der sündige Bruder
uneinsichtig ist, dann kann man ihn nur Gott überlassen. Man selbst als
Geschädigter muss die Konsequenzen ziehen und jeden Kontakt mit dem
uneinsichtigen Bruder abbrechen und ihn wie einen abscheulichen Menschen meiden.
Es ist wichtig, festzuhalten, dass es sich dabei nicht um eine Zuchthandlung
seitens der Versammlung handelt wie in 1. Korinther 5. Eventuell macht der Geist
Gottes der Versammlung später klar, dass ein solcher Schritt zu folgen hat. Doch
das ist nicht der Gegenstand dieser Stelle. Hier wird ausschließlich dem
Geschädigten die gottgemäße Handlungsweise vorgeschrieben.
Schwieriger wird es mit der Identifizierung dessen, was hier als
„Versammlung“ bezeichnet wird. Die Jünger werden zunächst an die Versammlung
Israels gedacht haben nach Psalm 22,22 u. 25 und Psalm 35,18. Aber seit wann war
diese Versammlung eine Art Schiedsstelle von höchster Autorität bei Problemen
zwischen Brüdern? Ich wüsste nicht, dass die Schrift an irgendeiner Stelle so
etwas sagt. Für derartige Streitfälle waren die Richter zuständig (5Mo 16,18;
17,8-13; u. a. m.). Es muss sich demnach um eine andere Versammlung handeln als
diejenige Israels. Für uns, die Gläubigen der Gnadenzeit, ist es natürlich klar,
welche Versammlung gemeint ist, nämlich eine Versammlung im christlichen Sinn.
Die Jünger hatten jedoch, soweit die Schrift uns das mitteilt, bisher nur ein
einziges Mal von einer neuen Versammlung, die der Herr erst später bauen wollte,
gehört, und zwar in Matthäus 16,18. Und wer könnte behaupten, dass die Jünger
bei dieser Gelegenheit alles verstanden haben? Doch es gab eine Zeit, in der die
Jünger diese neue Versammlung im strahlenden Glanz vor sich sahen. An dem Tag
der Pfingsten (Apg 2) hat Gott der Heilige Geist alle Erlösten zu einem Leib,
der Versammlung Gottes, getauft. Diese bestand damals ausschließlich aus
erlösten Gläubigen in Jerusalem, die alle gemeinsam in den Gebäuden des Tempels
versammelt waren. Es ist selbstverständlich, dass diese Versammlung, mit den
Aposteln und leiblichen Brüdern des Herrn unter ihnen, die außerdem noch zum
Namen ihres Erlösers und Herrn zusammengekommen war (vgl. Mt 18,20), im
umfassendsten Sinn den Charakter der Versammlung Gottes auf Erden erfüllte. Dass
eine solche Versammlung unbedingt die Stellung der obersten Autorität und der
höchsten Instanz unter erlösten Christen einnahm, kann darum wohl kaum
bezweifelt werden. Wir wissen aber, wie bald diese Einheit der Versammlung in
praktischer, sichtbarer Weise auf der Erde verschwunden ist. Die Versammlung in
Jerusalem wurde von den Feinden zersprengt (Apg 8). Das Evangelium breitete sich
nach den Anordnungen Gottes über die Erde aus. Überall entstanden entsprechend
den Gedanken Gottes neue örtliche Versammlungen, die in sich selbst Ausdruck der
einen Versammlung Gottes auf der Erde, dem Leib Christi, waren. Doch diese eine
Versammlung konnte schon aus praktischen Gründen nicht mehr verwirklicht werden;
denn dazu hätten die Gläubigen der ganzen Erde sich an einem Ort auf der Erde
zusammenfinden müssen. Außerdem trat schon bald ein Verfall auf, der dazu
führte, dass die Gläubigen sich in verschiedene Sekten (der Ausdruck Sekte =
religiöse Partei sei hier so verwandt, wie die Schrift ihn benutzt, und nicht
in der Bedeutung des heutigen Sprachgebrauchs, der ihm den Sinn von Irrlehre
zuschreibt) aufspalteten, die nichts mehr miteinander zu tun haben wollten und
einander bekämpften. Damit war die sichtbare Einheit der Versammlung Gottes auf
der Erde ein für alle Mal zerstört. War damit jedoch der Grundsatz Gottes, eine
höchste Instanz auf der Erde zu haben, die mit Seiner Autorität bekleidet ist, beiseitegesetzt? Die folgenden Verse geben die Antwort.
Mit dem 18. Vers des Kapitels vor uns beginnt eine neue Gedankenkette unseres
Herrn, die scheinbar mit dem vorhergehenden nichts zu tun hat. Das sehen wir
schon aus der unterschiedlichen Anrede des Herrn an Seine Zuhörer. Wir müssen
gut beachten, dass die Worte des Herrn Jesus durch den feierlichen Ausspruch
„Wahrlich, ich sage euch“ eingeleitet werden. Diesen Ausspruch gebraucht unser
Herr immer dann, wenn Er besonders wichtige Dinge vor unsere Augen stellen will,
die Er unserer sorgfältigen Beachtung empfiehlt. „Wahrlich, ich sage euch: Was
irgend ihr auf der Erde binden werdet, wird im Himmel gebunden sein, und was
irgend ihr auf der Erde lösen werdet, wird im Himmel gelöst sein.“ Der Herr
redet in unserem Kapitel zu Seinen Jüngern (vgl. V. 1). Es wird nicht gesagt, ob
noch andere Jünger als die Zwölf angesprochen wurden. Während Er sie in den
Versen 15 bis 17 mit „dein“, „dir“ und „dich“ anredet, spricht Er dieselben Jünger
in den folgenden Verse mit „ihr“ und „euch“ an. Wir sehen in Ersterem eine
persönliche Anrede an jeden einzelnen für sich allein, in Letzterem eine
gemeinsame, kollektive. Dieser Wechsel in der Anrede kann nicht ohne Bedeutung
sein. Sie deutet einen Wechsel der Gesichtspunkte in Seiner Rede an. Die
persönliche Anrede benutzt Er, wenn es darum geht, sich der übergeordneten
Autorität zu beugen. Dagegen verwendet Er die kollektive Anrede, wenn Er Seinen
Jüngern zeigt, dass sie selbst eine Autorität besitzen. Und darum geht es in
diesem Vers: Die Jünger besaßen eine Autorität, die im Himmel anerkannt wurde.
Eine gleichlautende Autorisierung hatte der Herr schon im 16. Kapitel dem Petrus
gegeben (V. 19). Hier in Matthäus 18 wird sie auf die zuhörenden Jünger
erweitert. Es ist uns wohl allen klar, dass es sich dabei nicht um ewige Dinge
handeln kann, sondern um solche, die mit der Verwaltung Gottes auf der Erde zu
tun haben. Ewige, himmlische Dinge hat Gott in Seiner eigenen Hand. Aber
Verwaltungen auf der Erde hat Gott häufig in die Hand von Menschen gelegt; man
denke zum Beispiel an Adam, Israel, Nebukadnezar, usw.
Es mag nun dahingestellt
bleiben, ob man als „binden“ ein Aufbinden der Sünde und als „lösen“ ein Lösen
von der Sünde sieht oder eine Aufnahme in die Gemeinschaft der Versammlung oder
ein Lösen aus dieser Gemeinschaft — das Ergebnis der entsprechenden
Handlungsweise ist ähnlich. Diese Autorität war also zunächst einmal dem Petrus
übertragen worden, der von diesem Recht zum Beispiel bei dem Gericht über
Ananias und Sapphira (Apg 5) Gebrauch machte. Doch in unserem Vers erhalten auch
die übrigen Jünger dieses Recht und später der Apostel Paulus (vgl. 1Tim 1,20).
Derselbe Grundsatz gilt auch für Vers 19: „Wiederum sage ich euch: Wenn zwei von
euch auf der Erde übereinkommen werden über irgend eine Sache, um welche sie
auch bitten mögen, so wird sie ihnen werden von meinem Vater, der in den Himmeln
ist.“ Das Wort „wiederum“ drückt die enge Verbindung des Gesagten mit dem
vorherigen Vers aus, der Ausdruck „ich sage euch“ die große Bedeutung des
Vorgestellten. Auch hier sind primär zunächst die Zuhörer gemeint; und es ist
eigentlich nicht unverständlich, dass der Herr Jesus den Aposteln neben so
manchen anderen auch dieses besondere Vorrecht einräumt. Er gibt dann jedoch in
Vers 20 eine Begründung, die mit dem Wort „denn“ eingeleitet wird: „Denn wo zwei
oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte.“ Wir
hätten nach unseren Gepflogenheiten beim Darlegen unserer Gedanken zuerst die
Begründung oder Voraussetzung gegeben und danach die Konsequenz. Doch der Herr
handelt hier andersherum. Wie dem auch sei — warum kann Er die Verheißung einer
solchen Gebetserhörung geben? Weil Er in ihrer Mitte ist. „Denn … da bin ich
in ihrer Mitte.“ Wenn der Herr Jesus in der Mitte ist, das heißt, sich einsmacht mit den Bitten der
zwei und drei, dann ist es klar, dass der Vater erhören
wird. Damit allerdings der Herr Jesus in der Mitte der zwei und drei ist, muss eine
Voraussetzung unbedingt erfüllt sein. „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in
meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte.“ Die Versammlung muss in Seinem Namen
zusammentreten. Was heißt das, „in meinem Namen“ oder, wie die Fußnote besser
sagt, „zu meinen Namen hin“; denn das griechische Wort deutet eine Richtung an,
die in etwas hineinführt ( Rienecker, F. [1984]: Sprachlicher Schlüssel zum
Griechischen Neuen Testament, 17. Aufl., Brunnen-Verlag, Gießen, S. 48).
Warum
sagt der Herr Jesus nicht: „Versammelt zu mir hin“? Der Name einer Person besagt
in der Bibel mehr als einfach die Person selbst in ihrer Leiblichkeit. Deshalb
spricht Gott sehr häufig in der Bibel nicht von Sich selbst, sondern von Seinem
Namen. Bei Gott bedeutet ein Name nicht bloß eine Chiffre, wie in unserer
Gesellschaft, die eine Person unverwechselbar kennzeichnet. Ein von Gott
gegebener Name stellt eine Offenbarung dieser Person dar. Dabei ist ein einziger
Name nur in der Lage, ein oder wenige Kennzeichen einer Person auszudrücken.
Aber der Herr Jesus hat viele Namen, sodass alles, was Seine Person ausmacht,
durch irgendeinen Namen ausgedrückt wird. Wir müssen auch beachten, dass hier
nicht steht: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen Jesus.“ Es geht
hier um die Essenz, das Wesen, Seines Namens, man darf vielleicht sagen, die
Zusammenfassung aller Seiner Namen; denn der Ausdruck „Name“ steht in Vers 20 in
der Einzahl. Dieses Versammeln in Seinem Namen erfolgt also in der praktischen
Anerkennung alles dessen, was der Herr Jesus ist. Und da der Herr Jesus das Wort
Gottes ist, bedeutet es die Anerkennung des ganzen Wortes Gottes. Seine
Autorität, Seine Rechte, die Wahrheit über Seine Person, Seine Herrlichkeit,
Sein Werk, ja auch die Wahrheit über Seine Verbindung mit Seiner Versammlung
als dem einen Leib und was wir noch alles in der Bibel finden, muss voll
anerkannt werden. Wir finden etwas Ähnliches auch in unseren menschlichen
Gesellschaften. Öffentliche Amtshandlungen durch Behörden erfolgen „im Namen des
Gesetzes“, „im Namen des Königs“, „im Namen des Volkes“, usw.. Dabei ist
vorausgesetzt, dass die volle Autorität und die ganze Wirklichkeit (oder wie man
es sonst ausdrücken mag) der autorisierenden Person oder Sache hinter der
Amtshandlung stehen.
Der Herr Jesus erweitert im 20. Vers den Personenkreis. In
Vers 19 lesen wir noch „von euch“. Jetzt finden wir diese einschränkenden Worte
nicht mehr. Alle Gläubigen, die die Bedingungen von Vers 20 erfüllen, haben das
Vorrecht der Gegenwart des Herrn. Was sind aber diese Bedingungen? Es kann sich
natürlich nicht um ein x-beliebiges Zusammenkommen handeln, das wir als
Versammeln im Namen Jesu bezeichnen. Bei der richtigen Art des Zusammenkommens
ist der Herr Jesus der einzige Mittelpunkt. Nur Er hat die Autorität. Er wirkt
durch den Heiligen Geist, wie Er will. Wir Gläubige sind nur Gäste, die in der
angemessenen Bescheidenheit alle Ehre Ihm überlassen müssen. Solche
Zusammenkünfte sind insbesondere gottesdienstlicher Art, wie wir sie in
Apostelgeschichte 2,42 sehen. Es erheben sich nun zwei Fragen. Die erste lautet:
Bezieht sich die Bedingung des 20. Verses, nämlich dass man „in meinem Namen“
versammelt sein muss, auch auf die Verheißung in Hinsicht auf das Binden und
Lösen im 18. Vers? Ich denke ein Hinweis auf eine zustimmende Antwort finden wir
in dem Wort „wiederum“, welches den 19. Vers mit dem 18. verbindet. Der zweite
Beweis ist eigentlich mehr indirekter Art. [Anm. der Red.: siehe hierzu den
Artikel: Beginnt in
Matthäus 18,19 eine ganz neue Sache?] Sollte eine gemeinsame Gebetserhörung
von der Anwesenheit des Herrn Jesus abhängen, aber das viel wesentlichere Binden
und Lösen nicht? Wenn es auch nicht ausdrücklich gesagt wird, denke ich doch,
dass wir hier eine zusammenhängende Gedankenkette finden, die den 18.
unmittelbar mit dem 20. Vers verbindet.
Es bleibt noch die zweite Frage übrig: Wenn der Herr Jesus in der Mitte von
zwei oder drei Gläubigen, die in Seinem Namen versammelt sind, ist, gilt dann
die Verheißung von Vers 18 nur den damaligen Zuhörern, den „ihr“, oder allen so
Versammelten? Auch bei der Beantwortung dieser Frage dürfen wir wohl die schon
erwähnte innere Gedankenkette voraussetzen. Es gibt jedoch auch Hinweise, die
wir an anderen Stellen der Bibel finden. Wir lesen in 1. Korinther 5,
geschrieben durch den Apostel Paulus, die Worte: „Ich … habe schon als
gegenwärtig geurteilt, den, der dieses also verübt hat“ — d. h. Hurerei
getrieben — „im Namen unseres Herrn Jesus Christus, (wenn ihr und mein Geist mit
der Kraft unseres Herrn Jesus Christus versammelt seid) einen solchen dem Satan
zu überliefern … Tut den Bösen von euch selbst hinaus“ (V. 3-5.13). Hier
steht zwar nicht „in meinem Namen“ oder „im Namen des Herrn Jesus versammelt“,
aber doch ein ähnlicher Ausdruck, der die Kraft oder Macht (dynamis) der also
Versammelten zeigt. Es ist nämlich die „Kraft unseres Herrn Jesus Christus“. Und
die Ausführung der Handlung erfolgt mit der Autorität und „im Namen unseres
Herrn Jesus Christus“. Darf man bezweifeln, dass es sich hier um vergleichbare
Gedanken zu denen von Matthäus 18,18-20 handelt? Nach den Versen 3 bis 5 könnte
man noch annehmen, dass die Autorität des Apostels — „wenn ihr und mein Geist …
versammelt seid“ — der Zuchthandlung ihre göttliche Billigung zuträgt. Aus
Vers 13, wo der Apostel Paulus nicht mehr erwähnt wird, erfahren wir jedoch
klar, dass die Gläubigen in Korinth aus sich selbst heraus die Verantwortung und
die Autorität hatten, den Bösen hinauszutun. Desgleichen ersehen wir aus 2.
Korinther 2,5-11, dass ausschließlich die Versammlung in Korinth die Autorität
und Aufgabe hatte, den wiederhergestellten „Bösen“ wieder aufzunehmen. Der
Apostel ermuntert sie zwar dazu; er gibt ihnen allerdings keinen Befehl
diesbezüglich.
Man mag sich nun fragen, ob das Binden und Lösen von Matthäus 18 und das
Hinaustun und Wiederaufnehmen bei den Korinthern dasselbe sei. Aber ich denke
doch, dass es sich hier um gleiche Gedanken handelt. Eine verbindende Aussage
zwischen diesen beiden Gesichtspunkten finden wir nämlich in den Worten des
Herrn an Seinem Auferstehungstag an die Jünger in Johannes 20,23: „Welchen
irgend ihr die Sünden vergebet, denen sind sie vergeben, welchen irgend ihr sie
behaltet, sind sie behalten.“ Dabei möchte ich noch einmal darauf hinweisen,
dass diese Autorität nur für Gottes Regierungswege auf der Erde Bedeutung hat
und keine ewigen Dinge der Herrlichkeit beinhaltet.
Wenn wir nun zu unserem Abschnitt zurückkehren, dürfen wir wohl sagen, dass
es auf den ersten Blick zwar so aussieht, als seien die Verheißungen der Verse
18 und 19 nur an die Jünger gerichtet. Ein Vergleich mit Stellen aus dem 1.
Korintherbrief zeigt jedoch, dass diese Autorität letztendlich einer jeden
Versammlung, die im Namen des Herrn Jesus versammelt ist, übertragen wird. Dabei
möchte ich nur beiläufig erwähnen, dass hier an keiner Stelle von einer
Unfehlbarkeit bei den Entscheidungen der Versammlung gesprochen wird sondern von
einer Autorität, die einer nach Vers 20 versammelten Versammlung von Gott
übergeben worden ist. Doch diese Autorität hat der Herr für die heutige Zeit
keinen Einzelpersonen — d. h. auch keiner Brüderversammlung — übertragen, sondern
nur einer Versammlung, die zu Seinem Namen und daher mit Ihm in der Mitte
zusammengekommen ist. Dabei muss diese sich unbedingt bewusst sein, dass sie bei
ihren Entscheidungen neben der Autorität auch eine Verantwortung trägt. Diese
besteht nicht nur vor Gott, sondern auch vor der ganzen Versammlung Gottes am
betreffenden Ort und überall auf der Erde; denn ihr Beschluss ist für die ganze
Versammlung auf der Erde verbindlich. Wenn diese Versammlung der zwei oder drei
im Namen Jesu Versammelten eine Autorität besitzt, die im Himmel anerkannt wird,
dann gilt das erst recht für diese Erde. Insofern ist eine solche Versammlung
auch die höchste Instanz bei Schwierigkeiten unter Brüdern. Damit haben wir dann
den Bezug zum eingangs betrachteten 17. Vers geknüpft.
Nur eine Versammlung, die
im Namen Jesu zusammenkommt, ist also dazu berechtigt, verbindliche
Entscheidungen zwischen Brüdern, gegen die es keinen Einspruch gibt, zu treffen.
Dazu sei jedoch gesagt, dass diese Versammlung nicht identisch ist mit dem, was
die Schrift als „Versammlung Gottes“ bezeichnet. (Als Ausnahme kann nur, wie
oben erwähnt, die erste Versammlung in Jerusalem gelten.) Es ist auffallend,
dass in diesem Abschnitt an keiner Stelle die Versammlung als „Versammlung
Gottes“ bezeichnet wird. Auch der Ausdruck „meine Versammlung“, wie in Matthäus
16, fehlt hier. Als „Versammlung Gottes“ gilt nach der Bibel nur die Gesamtheit
aller Erlösten auf der Erde oder in einer Stadt (bzw. als vollendet in der
Herrlichkeit). Wenn aber aus diesen eine Anzahl Geschwister sich an einem
bestimmten Ort „zu meinem Namen“ versammeln, dann sind sie eine Versammlung, wie
sie in Vers 17 erwähnt wird, aber nicht die Versammlung Gottes an diesem Ort, es
sei denn alle Gläubigen des Ortes haben sich eingefunden. Es ist natürlich
selbstverständlich, dass bei den Versammlungen entsprechend den Versen 17 und 20
die Wahrheit von der Einheit der Versammlung in ihrer weltweiten oder örtlichen
Ausprägung anerkannt wird; denn auch diese Wahrheit gehört zum Wesen und zur
Herrlichkeit des Herrn Jesus, die in dem Ausdruck „in meinem Namen“ enthalten
ist. Das Problem, das zu der Untersuchung geführt hat, die in diesen Zeilen
geschildert wird, bestand darin, herauszufinden, ob alle diese Verse (17-20) auf
eine Versammlung im Namen Jesu bezogen werden können. Während in den Versen 17
und 20 eine solche Versammlung, bzw. ein Versammeltsein, ausdrücklich erwähnt
wird, zeigen die hier dargelegten Gedanken, dass die dazwischenliegenden Verse
18 und 19 durch ein verborgenes gedankliches Band aufs engste mit den Nachbarversen
verbunden sind.
Fassen wir das Gesagte kurz zusammen, so sehen wir in Vers 17
die Versammlung als höchste Instanz auf der Erde bei Problemen zwischen Brüdern.
Das beruht nach Vers 18 und 1. Korinther 5, darauf, dass eine Versammlung im
Namen Jesu eine Autorität für Beschlüsse auf dieser Erde hat, die im Himmel
anerkannt werden. Vers 19 drückt die Zustimmung des Vaters zu dem
übereinstimmenden Wunsch von wenigstens zwei Gläubigen auf der Erde aus, sodass
Er ihre Bitte erfüllt. Doch die notwendige Bedingung für die Verse 18 und 19
gibt der 20. Vers: Diese Gläubigen müssen im Namen Jesu versammelt sein.
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