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Leitverse: Hebräer 5,8-9
Heb 5,8-9: … obwohl er Sohn war, an dem, was er
litt, den Gehorsam lernte; und, vollendet worden, ist er allen, die ihm
gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden.
In der Heiligen Schrift gibt es ein Wort, auf das ich die Aufmerksamkeit des
Lesers richten möchte. Wir finden es in Hebräer 5,8: „Der … obwohl er Sohn war,
an dem was er litt, den Gehorsam lernte.“ Es ist sicher nichts Neues, von Jesus
zu hören, dass Er ein gehorsamer Mensch war, und dennoch ist es etwas
Wunderbares, dass Er diesen Platz eingenommen hat. Dies ist ein so großes
Wunder, dass die Engel sich in Anbetung niederbeugen und begehren, das große
Geheimnis zu verstehen. „Der … obwohl er Sohn war, … den Gehorsam lernte.“
Was wollen uns diese Worte sagen?
Lieber Leser! Zeigen uns diese Worte nicht den unendlichen und unermesslichen
Unterschied zwischen Christus und uns? Wir sind Gehorsam schuldig. Wenn wir
nicht gehorsam sind, dann versäumen wir unsere Pflichten gegenüber denen, die
über uns gestellt sind und das Recht haben, Vorschriften und Befehle zu geben,
die zu befolgen wir verpflichtet sind. Wenn ein Vater seinem Kind einen Auftrag
erteilt, ist es dann in deinen Augen etwas Seltsames oder Wunderbares, wenn das
Kind gehorsam ist? Keineswegs. Das Kind tut, was es tun muss; man erwartet
nichts anderes. Würde es aber dem Befehl des Vaters nicht nachkommen, dann wäre
das nur ein Beweis von dem Geist des Ungehorsams, der leider bei den Menschen so
natürlich ist. Es ist ganz ordnungsgemäß, dass ein Vater gebietet und das Kind
gehorcht. Ebenso wenn eine Frau ihrer Haushaltshilfe Anweisungen erteilt und ihr
die tägliche Arbeit vorschreibt, dann würden wir es doch sicher tadelnswert
finden, wenn die Haushaltshilfe nicht gehorchte. Es ist ihre Pflicht, gehorsam
zu sein. Wie es sich nun mit den Kindern gegenüber den Eltern und mit den
Dienstboten gegenüber ihren Herren verhält, so verhält es sich mit allen
Menschen Gott gegenüber. „Ein Sohn soll den Vater ehren, und ein Knecht seinen
Herrn. Wenn ich denn Vater bin, wo ist meine Ehre? und wenn ich Herr bin, wo ist
meine Furcht? spricht der HERR der Heerscharen“ (Mal 1,6). Es liegt in der
Natur der Sache, dass Gott gebietet und die Menschen gehorchen.
Welch ein Unterschied besteht nun zwischen Christus und uns? Die soeben
angeführten Worte reden zu uns von Ihm, dessen Stellung es war, über alles zu
herrschen. Er war kein Knecht, nein, Er war der Herrscher über alles. Er
brauchte nicht zu gehorchen, denn Er war der Gebieter über alle, sowohl über die
Engel als auch über die Menschen. Er ist der eingeborene Sohn Gottes, „der
Abglanz seiner Herrlichkeit und der Abdruck seines Wesens“. Er ist der Schöpfer
aller Dinge und trägt „alle Dinge durch das Wort seiner Macht“. Er sprach: „Es
werde Licht! Und es ward Licht.“ Er ist aller Herr, und von Ihm wird gesagt,
dass alle Engel Gottes Ihn anbeten werden. Statt dass Er zum Gehorsam
verpflichtet war, waren alle verpflichtet, Ihm zu gehorchen. Dennoch erniedrigte
Er Sich, ein Kind, ein Jüngling und ein Mann zu werden. Der Gebieter wurde
Knecht und lernte aus Erfahrung, was Gehorsam ist. Obwohl Er Sohn war, lernte Er
an dem, was Er litt, den Gehorsam! Unbegreifliche Erniedrigung! Wunderbare
Gnade!
Wir dürfen diese Worte jedoch nicht in der Weise auffassen, als ob der Herr
Jesus wie wir, die wir von Natur ungehorsam sind, den Gehorsam lernen musste.
Als Er auf der Erde war, war Er stets der gehorsame Mensch. Er konnte nicht
anders als gehorsam sein. Allerdings musste Er den Gehorsam lernen, weil für
Ihn, der nur zu gebieten hatte, der Gehorsam etwas Neues war. Aber nachdem Er
sich Selbst erniedrigt hatte und Mensch und ein Knecht geworden war, war Er in
diesem Zustand ebenso vollkommen, wie Er zur Zeit Seiner Herrschaft über alles
auf dem Thron des Vaters vollkommen gewesen war. Freiwillig hatte Er Sich
erniedrigt, freiwillig hatte Er Knechtsgestalt angenommen, und freiwillig hatte
Er es auf sich genommen, zu gehorchen, anstatt zu gebieten. Wie treffend wird uns
dies in Philipper 2 gesagt, wo wir lesen: „Denn diese Gesinnung sei in euch, die
auch in Christus Jesus war, welcher, da er in Gestalt Gottes war, es nicht für
einen Raub achtete, Gott gleich zu sein, sondern sich selbst zu nichts machte,
und Knechtsgestalt annahm, indem er in Gleichheit der Menschen geworden ist,
und, in seiner Gestalt wie ein Mensch erfunden, sich selbst erniedrigte, indem
er gehorsam ward bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuze.“ — Er verließ die
Herrlichkeit, die Er vor Grundlegung der Welt beim Vater hatte, um hier auf der
Erde zu offenbaren, was Gehorsam ist, ein Gehorsam, der bis zum Tod, ja zum Tod
am Kreuz führte, weil es der Wille Gottes war, durch Seinen Tod verlorene Sünder
zu retten.
Es steht geschrieben, dass Jesus an dem was Er litt, den Gehorsam lernte. Wie
konnte Er in allem gehorsam sein, ohne sich dem Hass der Welt auszusetzen? Alle,
die Ihn umringten, taten ihren eigenen Willen und lebten nach dem Gutdünken
ihres eigenen Herzens. Er war der einzige gehorsame Mensch. Die natürliche Folge
davon war, dass Er gehasst, verfolgt und misshandelt wurde. Ein treuer Untertan,
der in der Mitte von Verrätern und Aufrührern lebt, wird sicherlich ihrem Hass
ausgesetzt sein, und wie sehr würde sich dieser Hass steigern, wenn man die
Entdeckung machte, dass dieser der Sohn des Königs und von ihm hergesandt sei?
So verhielt es sich mit Jesus. Er, der Sohn des Vaters, wurde von den
Weingärtnern ergriffen, aus dem Weinberg gestoßen und getötet, damit sie, wie
sie dachten, das Erbe in Besitz rahmen könnten. Und was tat der Herr inmitten
dieser Umstände? Er wandelte ununterbrochen auf dem Pfad des Gehorsams. Er ließ
sich durch keine Feindschaft oder Verfolgung in Seinem Lauf aufhalten. Gingen
andere ihren Weg, Er ging Seinen Weg; hatten andere ihre Speise, Er hatte die seinige. Dieser Weg und diese Speise waren, den Willen des Vaters, der in den
Himmeln ist, zu tun. Getrieben von Seiner Liebe zu Sündern, verließ Er den
Himmel und die Herrlichkeit, und von derselben Liebe getrieben ging Er inmitten
der Schmach und Verfolgung, der Leiden und Schmerzen den Weg des Gehorsams bis
zum Tod am Kreuz.
Ein in dieser Hinsicht treffendes Wort finden wir in Jesaja 50, wo der
Heilige Geist den Herrn sprechen lässt: „Warum bin ich gekommen, und kein Mensch
war da? Habe gerufen, und niemand antwortete? Ist meine Hand etwa zu kurz zur
Erlösung? oder ist in mir keine Kraft, um zu erretten? Siehe, durch mein
Schelten trockne ich das Meer aus, mache Ströme zu einer Wüste: Es stinken ihre
Fische, weil kein Wasser da ist, und sie sterben vor Durst. Ich kleide die
Himmel in Schwarz und mache Sacktuch zu ihrer Decke.“ — Hier spricht Christus
von Seiner Macht und Herrlichkeit, jedoch fügt Er, vor dem die ganze Schöpfung
sich neigt, die Worte hinzu: „Der Herr, HERR, hat mir eine Zunge der Belehrten
gegeben, damit ich wisse, den Müden durch ein Wort aufzurichten. Er weckt jeden
Morgen, er weckt mir das Ohr, damit ich höre gleich solchen, die belehrt
werden.“ — Der Allmächtige ist Mensch geworden, und dieser Mensch ist demütiger
und gehorsamer als das gehorsamste Kind, das jeden Morgen von seinem Vater
geweckt wird, um zu hören, was es an jedem Tag zu lernen hat. Wer vermag dieses
Wunder zu fassen? Gott ist offenbart im Fleisch. Der Schöpfer des Himmels und
der Erde ein kleines, hilfloses, in der Krippe liegendes Kind, ein verachteter
Mensch auf der Erde inmitten der Feindschaft der Menschen! Herr, lass uns Deine
unbegreifliche Liebe mehr verstehen!
Hat der Herr Jesus Sich je geweigert oder auch nur gezögert, das zu tun, was
Ihm der Vater geboten hatte? Nein, niemals. Hören wir Seine Worte: „Der Herr,
HERR, hat mir das Ohr geöffnet, und ich, ich bin nicht widerspenstig gewesen,
bin nicht zurückgewichen“ (Jes 50,2-5). Nie war Er ungehorsam. Von der Krippe
bis zum Kreuz war Er stets der vollkommen gehorsame Mensch. Welche herrlichen
Beweise haben wir davon in Seiner Geschichte! „Das Kindlein aber“, so lesen wir,
„wuchs und erstarkte, erfüllt mit Weisheit, und Gottes Gnade war auf ihm“ (Lk
2,40). Welch ein schönes Bild zeigt uns der zwölfjährige Jesus! Wie vollkommen
war die Vereinigung Seines Gehorsams gegen Gott und gegen Seine Eltern! Als
Seine Eltern Ihn suchten, war Er in dem Werk tätig, das Gott, Sein Vater, Ihm
aufgetragen hatte. „Was ist es, dass ihr mich gesucht habt?“, fragt Er in
demütigem Ton. „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters
ist?“ (V. 49). Doch anstatt sich hiermit zu brüsten und sich Selbst in den
Vordergrund zu stellen, wie es junge Leute so gern tun, „ging er mit ihnen hinab
und kam nach Nazareth, und er war ihnen untertan“ (V. 51). — Welch ein Beispiel
von Gehorsam war Sein Leben vor seinem öffentlichen Auftreten als Lehrer! Der
Sohn Gottes, der Schöpfer und Erhalter des ganzen Weltalls wohnte dreißig Jahre
lang unbekannt und unbemerkt in dem verachteten Nazareth und verdiente als
Zimmermann Sein Brot. Welch eine Erniedrigung! Aber zugleich welch eine
unendliche Gnade! „Er ist in allem versucht worden in gleicher Weise wie wir,
ausgenommen die Sünde.“ Aber dies alles ist nichts im Vergleich zu dem, was der
Herr Jesus während der drei Jahre Seines öffentlichen Dienstes in Israel erfuhr.
Welch ein Weg der Erniedrigung, der Leiden und des Schmerzes! Er wurde in allem
versucht. Er stand dem Teufel, den gottlosen Pharisäern, dem blinden Volk und
Seinen schwachen, kleingläubigen Jüngern gegenüber. Und in allem zeigte Er Seine
Vollkommenheit: Er war immer gehorsam. Jeder Tag brachte neue Leiden, jeder Tag
neue Mühsale und Beschwerden; an jedem Tage lernte Er den Gehorsam an dem, was Er
litt. Wie anbetungswürdig ist es, den Mann der Schmerzen in Seinem vollkommenen
Gehorsam, in Seiner völligen Hingabe und Unterwürfigkeit unter den Willen des
Vaters zu betrachten!
Soll ich einige Beispiele geben? Betrachte Ihn in der Wüste, wo Er vom Teufel
versucht wird. Vierzig Tage und vierzig Nächte ist Er ohne Speise, und es
hungert Ihn. Der Teufel kommt und fordert Ihn auf, aus Steinen Brot zu machen.
Ja, der Herr Jesus brauchte nur ein Wort zu sprechen und die Steine wären in
Brot verwandelt worden; Er war der Allmächtige. Aber nein. Er will hier nicht
Seine Allmacht, sondern Seinen Gehorsam offenbaren. „Nicht von Brot allein soll
der Mensch leben, sondern von jedem Worte, das durch den Mund Gottes ausgeht.“ —
Betrachtet Ihn am Jakobsbrunnen. Ermüdet von den Anstrengungen der Reise,
hungrig und durstig, hat der Herr Jesus Platz genommen. Nur ein Wort brauchte Er
zu sprechen und Speise und Trank wären im Überfluss vorhanden gewesen. Aber
nein. Auf diesem Wege stillt Er Seinen Hunger nicht. Er sendet Seine Jünger zur
Stadt, um Speise zu kaufen, und Er Selbst bittet um einen Trunk Wasser. Ja, der
Schöpfer aller Wasserquellen bittet eine arme, ehebrecherische Frau: „Gib mir zu
trinken!“ Welch eine Erniedrigung! Welch ein Gehorsam! — Lest die Geschichte vom
Tod und von der Auferweckung des Lazarus. Die Botschaft kommt zu Jesus: „Herr,
siehe, der, den du lieb hast, ist krank.“ Jesus liebte Lazarus und seine
Schwestern Maria und Martha. Er war ihr Hausfreund. Er weinte am Grab des
Lazarus. Sicher würden wir meinen, dass Er nach Empfang jener Botschaft sofort
nach Bethanien gehen und Seinen kranken Freund wieder gesund machen würde. Doch
Er bleibt noch zwei Tage an dem Ort, wo Er war. Er war der völlig gehorsame
Mensch. „Meine Speise ist, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt
hat.“ — Noch ein anderes Beispiel. Der Herr Jesus war allwissend. Er kannte
Judas und Er kannte auch dessen Pläne. Nur ein einziges Wort hätte es Ihn
gekostet und alle Pläne des Verräters wären vereitelt gewesen. Aber nein. Er
lässt den Sohn des Verderbens seinen Weg gehen. —„Jesus ist allmächtig. Er
beweist dies sogar in Gethsemane. Auf Sein Wort stürzen die Kriegsknechte zu
Boden. Er hätte sie alle vernichten können; Er hätte die Hohenpriester und die
Schriftgelehrten, Pilatus und Herodes töten können; mehr als zwölf Legionen
Engel hätten Ihm zu Gebote stehen können. Aber nein. Er bedient sich Seiner
Macht nicht: Er lässt sie alle ihre Wege gehen; Er übergibt sich ihnen
freiwillig. Wie ein Schaf wird Er zur Schlachtbank geführt, wie ein Lamm, das
stumm ist vor seinem Scherer. „Ich bot meinen Rücken den Schlagenden und meine
Wangen den Raufenden, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel“
(Jes 50,6).
Liebe Freunde! Es war Seine Liebe zu uns, die Ihn in diesen Zustand des
Leidens und des Gehorsams brachte. Sein Gehorsam bis zum Tod ist die Grundlage
unserer Errettung. „Der … obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam
lernte; und, vollendet worden, ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber
ewigen Heils geworden.“ — Wollen wir, die wir durch Seine Leiden und durch
Seinen Gehorsam errettet sind, Ihm nicht gehorchen? Welch einen Wert hat der
Sohn Gottes dem Gehorsam beigemessen! Wie lieblich muss es daher in Seinen Augen
sein, wenn wir denselben Gehorsam offenbaren! Treten wir daher in Seine
Fußstapfen. Wenn wir aufgrund unseres Gehorsams zu leiden haben, nun, dann möge
es uns nicht befremden, und mögen wir uns nicht von dem schmalen Pfade der
Gerechtigkeit abdrängen lassen, um dem Kreuz zu entfliehen! Denken wir an Ihn,
der so großen Widerspruch von Sündern gegen Sich erduldet hat, auf dass wir
nicht ermüden, indem wir in unseren Seelen ermatten. Folgen wir Jesu, der,
„obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam lernte“.
entnommen aus Botschafter des
Heils in Christo — Jahrgang 1870
von der Redaktion sprachlich angepasst
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