Kurzbiographie von
William Kelly
Kapitel
8
Wir sind jetzt bei einem Abschnitt unseres
Evangeliums angekommen, dessen äußere Verfassung dem überlegenden Menschen wie
ein ernster Beweis menschlichen Unglaubens vorkommt, der hier so waghalsig ist,
wie er gewöhnlich zögernd erscheint. Kein Evangelist hat hierbei so viel
gelitten, nicht einmal Markus, dessen Ende von zwei der ältesten Manuskripte
verschwindet. Aber so wie wir sahen, daß der Besuch des Engels, um das Wasser
vom Teich Bethesda zu bewegen, nicht wenigen Abschreibern von Johannes 5
unbequem war, so machte hier wiederum der Unglaube einige abgeneigt, die
Geschichte von der Ehebrecherin wiederzugeben. Dies geht klar aus einigen Kopien
hervor, die eine Lücke lassen - eine ganz unerklärliche Tatsache, wenn der
Schreiber nicht von einem Abschnitt gewußt hätte, der seinem Wissen nach
bestand, aber nach seinem eigenen Ermessen sich dafür eignete, ausgelassen zu
werden. Andere wiederum rückten diesen Bericht an eine andere Stelle, wie die
Kopien 1,19,20,129,135,207,215,301,347,478 etc. an das Ende des Evangeliums; und
13,69,124,346 und 556 schreiben ihn sogar einem anderen Evangelisten zu, obwohl
er dem Ton nach allen außer Johannes fremd ist und es keinen passenden Platz für
ihn außer bei Johannes gibt, wie auch die meisten Autoritäten ihn einräumen.
(Nr. 225 rückt ihn nach Kap. 7,36.) A (wahrscheinlich) B C (wahrscheinlich) T X
mit vielen anderen und alten Versionen lassen den Abschnitt einfach weg; D F
(unvollständig) G H K U T (unvollständig), mehr als 330 Abschriften und viele
Fassungen haben ihn. Er ist in E M S II. etc. mit Sternchen oder Zeichen
vermerkt. Die Variationen der Kopien, die ihn bringen, sind beträchtlich. Der
kurze Überblick über das vorliegende Material mag für den normalen Leser
genügen, da es mehr als genug ist, um die Besonderheit des Falles, äußerlich
gesehen, zu beweisen.
Was die innere Erscheinung betrifft, so haben einige gegen den Abschnitt ins
Feld geführt, daß er sich gänzlich vom übrigen Stil des Evangeliums
unterscheide; und dies nicht bloß in Worten und Redensarten, die Johannes nie
gebraucht, sondern auch in seiner ganzen Stellung und seinem ganzen Charakter,
die mehr nach den synoptischen Evangelien aussehen.
All dies jedoch geht an dem positiven Gewicht der Wahrheit in diesem Abschnitt
vorbei; und daß er gerade an diesem Punkt des Evangeliums so passend steht, ist
für eine Fälschung oder Tradition außerordentlich schlecht denkbar. Der Herr
offenbart das wahre Licht in Seiner Person, als Gegensatz zu anderen, die sich
des Gesetzes rühmten. Wir haben ihre gewissenlose Diskussion im vorhergehenden
Kapitel gesehen.
"Und ein jeder ging nach seinem Hause. Jesus aber ging nach dem Ölberg"
(Kapitel 7,53 bzw. 8,1).
Abseits von der Ungewißheit und Verachtung der Menschen zog sich der Sohn Gottes
zurück, um Sich der Gemeinschaft mit dem Vater zu erfreuen. Von dort kehrt Er
zum Dienst zurück.
"Frühmorgens aber kam er wiederum in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm:
und er setzte sich und lehrte sie" (Vers 2).
Die Gewohnheit des Herrn in dieser Hinsicht, wie sie Lukas (in Kap. 21, 37 u.
38; 22, 39) berichtet, ist ein seltsamer Grund, nicht zu glauben, daß Johannes
dieses besondere Ereignis erwähnt habe. Auch gibt es keinen Grund, in Frage zu
stellen, daß es nicht bloß "die Menge", sondern "das Volk" im weiten Sinne war,
das hier zur Lehre des Herrn im Tempel zusammenströmte.
"Die Schriftgelehrten und die Pharisäer aber bringen ein Weib [zu ihm], im
Ehebruch ergriffen, und stellen sie in die Mitte und sagen zu ihm: Lehrer,
dieses Weib ist im Ehebruch, auf der Tat selbst, ergriffen worden. In dem Gesetz
aber hat uns Moses geboten, solche zu steinigen; du nun, was sagst du? Dies aber
sagten sie, ihn zu versuchen, auf daß sie etwas hätten, um ihn anzuklagen. Jesus
aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde." (Verse 3-6)
So ist der Mensch in seinem besten
Zustand, wenn er Jesus sieht und hört, aber die Gnade und Wahrheit ablehnt, die
durch Ihn geworden sind. Sie waren keine ungelehrten und unwissenden Menschen,
sondern in den Schriften bewandert; sie waren nicht die Volksmenge, die das
Gesetz nicht kannte, sondern sie besaßen den höchsten Ruf für Religiosität. Auch
konnte es hinsichtlich der Schuld und Degradierung der Frau keine Frage geben.
Es wird nicht klar, warum sie die Frau brachten, und nicht ihren Partner. Aber
sie brachten sie in der Hoffnung, nicht nur den Herrn zu verwirren, sondern
Grund zur Anklage gegen Ihn zu finden. Es erschien ihnen als ein Dilemma, aus
dem es keinen Ausweg gab. Moses, sagten sie, hat den Juden befohlen, solche wie
sie zu steinigen. Was sagte Jesus? Wenn Er nur den Beschluß des Gesetzes
bestätigte - wo blieb dann die Gnade, der Er Sich so rühmte? Wenn Er sie laufen
ließ - setzte Er Sich dann nicht offensichtlich in Opposition gegen Jehova,
nicht nur gegen Moses? Wie war ihre Schlechtigkeit doch abgrundtief! Kein
Abscheu vor der Sünde selbst in ihrer dunkelsten Form, sondern eine gefühllose
Verdrehung der Wahrheit bei der ertappten Ehebrecherin, um den Heiligen Gottes
hereinzulegen.
Aber wenn der Herr auf den Boden schrieb, so war das keineswegs so, daß Er sie
nicht hörte. Vielmehr geschah das, um ihnen Zeit zu geben, ihre schuldvolle
Frage abzuwägen und ihr noch Schuldigeres Motiv, während ihre Hoffnung, Ihn zu
versuchen, sie mehr und mehr verriet, sich bloßzustellen, während Er Sich zu
Boden bückte.
"Als sie aber fortfuhren, ihn zu
fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist,
werfe zuerst den Stein auf sie. Und wiederum bückte er sich nieder und schrieb
auf die Erde. Als sie aber dies hörten, gingen sie einer nach dem anderen
hinaus, anfangend von den Ältesten bis zu den Letzten; und Jesus wurde allein
gelassen mit dem Weibe in der Mitte." (Verse 7-9)
So zeigte Sich der Herr Selbst als das
wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet. Sie waren in ihrer Verurteilung von
der Ehebrecherin mit dem Gesetz beschäftigt und versuchten in der Tat noch viel
mehr, den Herrn Selbst zu verdammen. Doch dabei wird von diesen wenigen ernsten
Worten ihre Finsternis bloßgelegt. Gott richtet die Sünde, nicht bloß grobe
Sünden, sondern jede Sünde, sei sie, was sie wolle; und der Richter der
Lebendigen und der Toten war Der, Der sie so durch und durch erforschte. Es ging
für beide jetzt nicht um das Gesetz: sie schreckten beschämt vor dem Licht
zurück, selbst wo Jesus sich doch wieder niederbückte und auf dem Boden schrieb.
Sicherlich hörte Er ihre Frage und erkannte ihr schlechtes Ziel, so verschleiert
es auch war; und jetzt hörten sie Ihn und wurden vor Seinen alles
herniederreißenden Worten des Lichtes feige. In ihrem Gewissen überführt, aber
in keiner Weise bußfertig, versuchten sie, sieh davonzustehlen, denn sie
schämten sich, das Angesicht Dessen zu sehen, Der Sich so noch einmal
niederbeugte und ihnen Zeit gab, sich zurückzuziehen, wenn sie sich weigerten,
sich selbst mit gebrochenem Geist und herzensechtem Bekenntnis niederzubeugen.
Es ist jedoch nicht das Ziel des Abschnittes, dies zu illustrieren, sondern die
Erhabenheit des göttlichen Lichtes in Jesus soll herausgestellt werden, wenn Er
Sich auch noch so herabbeugte und in der Gegenwart so stolzer Menschen war. Und
sie gingen einer nach dem anderen hinaus, anfangend von den Ältesten bis zu den
Letzten, anfangend bei denen, die am meisten fürchteten, bloßgestellt zu werden
- ein Bloßstellen, das die Jüngsten, die nur weniger sich ihrer Mitgenossen
schämten als Jesu, Der das Gefühl aufgeweckt hatte, auch nicht ertragen konnten.
Wie schrecklich der Gegensatz zu ihrem eigenen herrlichen Sänger, der trotz
seiner Sünden durch Gnade sagen konnte: "Du bist meine Zuflucht!" - Zuflucht
nehmen bei Gott, nicht fern von Ihm, und vor sich Einen zu haben, der alle
Ungerechtigkeiten bedecken konnte und wollte und sie nicht zurechnen würde.
Unser Versuch, unsere Sünden zu verbergen oder aus Seiner Gegenwart zu fliehen,
sind vergeblich. Aber der Unglaube vertraut auf sich selbst, nicht auf Ihn, und
er verrät den Willen, von Seinem Licht fortzukommen, wie es für eine kleine
Zeit, bis das Gericht kommt, möglich ist. Wie wird es dann sein ? Es wird dann
ihre Aufgabe sein, sich in Schmach und ewiger Verachtung niederzubeugen, wenn
man nicht einen Augenblick entfliehen kann und alles für in alle Ewigkeit
festgelegt ist.
Jesus wurde dann allein gelassen, soweit es die Ihn versuchenden
Schriftgelehrten und Pharisäer und das Weib in der Mitte betraf; denn "alles
Volk" scheint Ihn umgeben zu haben, und Er redet es in einer nachfolgenden Rede
an, die sich auf gerade diesen Zwischenfall zu gründen scheint, da er dafür die
Gelegenheit bot ( siehe Vers 12 ff.).
"Als aber Jesus sich aufrichtete [und
außer dem Weibe niemand sah], sprach er zu ihr: Weib, wo sind jene, [deine
Verkläger]? Hat niemand dich verurteilt? Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus
aber sprach zu ihr: So verurteile auch ich dich nicht; gehe hin und sündige
nicht mehr.]" (Verse 10 u. 11).
Es ist der Fehler von Augustinus, sowie
von anderen in modernen und alten Zeiten, daß wir hier "Elend" in der Gegenwart
von "Mitleid" haben, was bei der Szene am Ende von Lukas 7 mehr der Wahrheit
entspricht.
Hier handelt der Herr als Ich, nicht nur im Bloßstellen Seiner selbstgerechten
und sündigen Gegner, sondern überall. Es gab jedoch keinen Grund für Sein
Aufdecken der Frau, die auf frischer Tat ertappt worden war. Deshalb war die
Unwissenheit der Schriftgelehrten bzw. Schreiber, die die Geschichte ausließen,
ebenso auffallend, wie ihre Unfrömmigkeit unverzeihlich war. Es gibt nicht die
geringste Andeutung von Leichtfertigkeit bei der Behandlung ihrer Sünde. Der
Herr stellt einfach die Tatsache heraus, daß ihre Ankläger sich von dem Licht,
das ihr Gewissen überführte, zurückzogen, als das Gesetz schließlich versagt
hatte, das Licht zu erreichen; und ebenso wie sie sie nicht verurteilen konnten,
weil sie nicht weniger wahr als sie Sünder waren, so wollte Er sie nicht
verurteilen. Es war nicht Seine Aufgabe, Sich mit Kriminalfällen und Fällen
normaler Art abzugeben. Aber wenn die Gnade und Wahrheit durch Ihn geworden
sind, so ist Sr nichtsdestoweniger das wahre Licht; und so bleibt Er es hier. So
wie wir nichts über Buße oder Glauben bei der Frau hören, so haben wir auch
nicht solche Worte von Ihm wie dieses: "Deine Sünden sind dir vergeben", "Dein
Glaube hat dich gerettet," "Gehe hin in Frieden". Er ist noch das Licht und geht
nicht über die Worte "Gehe hin und sündige nicht mehr" hinaus. Später wird Er
als König richten und gerecht urteilen; bei ihrer ebenen Vorführung spricht Er
als "Lehrer", und nicht als Beamter. Und es ging um die Sünde, aber höchst
unerwarteterweise um ihre eigene und um ihre Sünden, wenn sie dem Licht Gottes
gegenübertreten.
Die Worte unseres Herrn werden außerordentlich durch solche herabgesetzt, die
folgern, daß Er für die Ankläger oder die Angeklagte die Sünde auf jene
Verletzung der Reinheit, deren die Frau schuldig war, beschränkt. Er meint jede
und jegliche Sünde: sie ist für Gott, Der Licht ist und in Welchem gar keine
Finsternis ist, unerträglich.
Der Herr setzt Seine Lehre an das Volk fort, aber nicht ohne Anspielung auf den
Zwischenfall, der sich gerade ereignet hatte, oder vielmehr auf den Charakter,
mit dem Er damit umgegangen war. Nichts kann offenbarer sein als das Wahre
Licht, das damals schien und Jeden Menschen erleuchtete. Es ist umso
auffallender, als das Wort "Licht" nicht bei jener Situation auftaucht; aber die
Tatsache ist ganz und gar in Harmonie mit dem, was unmittelbar darauf folgt.
"Wiederum nun redete Jesus zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt;
wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht
des Lebens haben." (Vers 12)
Seine Verwerfung von Seiten der Juden
stellt Ihn in einem noch besseren Charakter des Segens und der Herrlichkeit für
andere heraus. In unserem Kapitel jedoch redet der Geist von dem, was Er
persönlich und unabhängig von allen Umständen und über alle Verfügungen
hinausgehend ist. Er ist "das Licht der Welt". Seine Herrlichkeit und Seine
Gnade konnten nicht auf Israel begrenzt sein. Er ist gekommen, um von Satans
Macht zu befreien und die Freude an Gott und dem Vater zu geben. Wie groß auch
immer die Finsternis der Menschen sein mag - und sie war jetzt unter den Juden
sehr schlimm -, so heißt es: "Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis
wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben". Der Christ ist nicht nur aus
der Finsternis in Gottes wunderbare Licht berufen, sondern er wird auch Licht in
dem Herrn, ein Kind des Lichtes, und er wandelt in dem Licht, da er zu Gott
gebracht ist, Der Licht ist; und in dem Licht haben wir, wie Johannes sagt,
Gemeinschaft untereinander, denn in Ihm ist Leben und Licht; oder, wie Er hier
sagt, wer Ihm nachfolgt, hat "das Licht des Lebens". Er hat Christus, Der beides
ist.
Solch ein kraftvolles Zeugnis erregt den Stolz und die Feindschaft derer, die
zuhörten. Sie mußten empfinden, daß Er von einem Vorrecht und Segen sprach,
dessen sie sich nicht freuen konnten.
"Da sprachen die Pharisäer zu ihm: Du
zeugst von dir selbst, dein Zeugnis ist nicht wahr" (Vers 13)
Sie kehren Seine eigenen Worte in Kapitel
5,31 um gegen Ihn, aber auf eine höchst unfaire Weise. Denn dort sprach Er von
einem menschlichen Zeugnis und dem Zeugnis allein gegeben, so wie es die
Eitelkeit tut; hier hat Er, wie Er fortfährt zu zeigen, die allerhöchste
ureigene Unterstützung Gottes Selbst.
"Jesus antwortete und sprach zu ihnen:
Auch wenn ich von mir selbst zeuge, ist mein Zeugnis wahr, weil ich weiß, woher
ich gekommen bin und wohin ich gehe" (Vers 14).
Sie kannten weder den Vater noch den Sohn
in irgendeiner Weise. Sie dachten niemals an den Himmel. Der Herr lebte in dem
ständigen Bewußtsein der Wahrheit Seiner Person und Seines Auftrages; und Sein
Zeugnis war untrennbar von dem des Vaters. Wie Er anderswo sagt: "Ich und der
Vater sind eins", was bei der göttlichen Natur nicht mehr zutrifft als bei dem
Zeugnis an die Menschen. Er verlor nie für einen Augenblick das Bewußtsein,
woher Er kam und wohin Er ging, wohingegen sie von beidem keine rechte Ahnung
hatten. Sie befanden sich in tiefster Dunkelheit, obwohl das Licht da in Ihm
leuchtete. Wie wahr konnte Er deshalb sagen:
"Wenn ich aber auch richte, so ist mein
Gericht wahr, weil ich nicht allein bin, sondern ich und der Vater, der mich
gesandt hat. Aber auch in eurem Gesetz steht geschrieben, daß das Zeugnis zweier
Menschen wahr ist." (Verse 15 u.16).
Das Ich ist die Quelle und das Ziel aller
fleischlichen Aktivität, nach der die Juden richteten. Christus brachte Liebe
und Licht in die Welt. Er richtete niemand; Er diente allen. Das machte Ihn für
die Selbstgefälligen unerträglich. Und doch soll Er der Richter aller sein. In
Seiner Auferstehung hat Gott das Pfand gegeben, daß Er die Welt richten soll;
denn aufgrund Seiner eigenen Person ist Er der Geeignete zum Richten, weil Er
Sohn des Menschen und Sohn Gottes ist. "Wenn ich aber auch richte, so ist mein
Gericht wahr, weil ich nicht allein bin, sondern ich und der Vater, der mich
gesandt hat". Es war ein anerkanntes Prinzip, daß jede Sache auf dem Mund von
zwei oder drei Zeugen bestehen sollte. Hieran appelliert der Herr hier:
"Aber auch in eurem Gesetz steht
geschrieben, daß das Zeugnis zweier Menschen wahr ist" (Vers 17)
Wieviel mehr ist das bei dem Zeugnis des
Vaters und des Sohnes der Fall!
"Ich bin es, der von mir selbst zeugt,
und der Vater, der mich gesandt hat, zeugt von mir." (Vers 18).
Hiervon hatte der Herr auch schon in
Kapitel 5 gesprochen, aber sie hatten nicht so zugehört, daß sie es aufgenommen
hatten, sondern nur, um Ihn zu verachten.
"Da sprachen sie zu ihm: Wo ist dein
Vater? Jesus antwortete; Ihr kennet weder mich noch meinen Vater; wenn ihr mich
gekannt hättet, so würdet ihr auch meinen Vater gekannt haben" (Vers 19)
Solche Unkenntnis von dem allein wahren
Gott und Jesus, Den Er gesandt hat, ist Tod, ewiger Tod; und das umso ernster,
weil es nicht den Heiden gesagt wurde, sondern Juden, die die Weissagungen
Gottes besaßen. Sie sagten dies, weil sie weder den Vater noch den Sohn kannten;
denn die Stunde würde kommen, wo sie glauben würden, Gott einen Gefallen zu
erweisen, wenn sie Christi Jünger töteten. Ihr Reden und Tun offenbarte ihren
Zustand äußerster Entfremdung von dem Vater und Unkenntnis von Ihm. alles, was
an Verfolgung und Haß folgte, ob für Christus oder für die Versammlung, war nur
die Konsequenz daraus.
"Diese Worte redete er in der
Schatzkammer, lehrend in dem Tempel; und niemand griff ihn, denn seine Stunde
war noch nicht gekommen" (Vers 20)
Ihr Groll war so deutlich und ebenso sehr
tödlich; und er richtete sich gegen den Vater ebenso wie gegen den Sohn.
Aber trotz ihres Willens waren sie machtlos, bis die Zelt gekommen war. Dann
wurde Er ihrer mörderischen Bosheit überantwortet; dann vollendeten sich noch
viel tiefere Ratschlüsse durch Sein Opfer. Wenn Er auf der einen Seite
ausgeschlossen war und nichts von Seinen messianischen Rechten in der Mitte der
Juden im Lande hatte, so sollte Er auf der anderen Seite für Sünden sterben, der
Gerechte für die Ungerechten, um alle, die glauben, zu Gott zu bringen, damit
sie in der Höhe verherrlicht würden, und damit Er eine Braut habe, die mit Ihm
in Seiner Erhabenheit über alle Dinge vereint werde. Aber dies würde uns zu der
Lehre des Apostels Paulus führen. Laßt uns die Linie verfolgen, die Johannes
gegeben ist, wo wir das Fleisch gewordene Wort schauen und Seine göttliche
Herrlichkeit, wie sie durch den Schleier der Erniedrigung hindurchleuchtet, und
zwar in diesem Kapitel besonders: erst als überführendes Licht, dann als das
Licht des Lebens, das die besitzen, die Ihm nachfolgen* Aber wenn auch Seine
Worte verworfen wurden, so war Er doch der Sohn, Der allein freimachen kann, ja,
der ICH BIN, wenn sich auch die Menschen sein Menschsein zunutze machten, um Ihn
zu verachten, zu steinigen und zu kreuzigen, wie es ihnen gefällt.
Die nächste Rede bezieht sich auf die Ankündigung Seines Fortgehens von Seiten
Jesu - eine Wahrheit von höchst ernster Bedeutung, besonders für Israel, das
dafür verantwortlich war, Ihn als ihren Messias anzunehmen.
"Er sprach nun wiederum zu ihnen: Ich gehe hin, und ihr werdet mich suchen
und werdet in eurer Sünde sterben; wo ich hingehe, könnt ihr nicht hinkommen. Da
sagten die Juden: Er will sich doch nicht selbst töten, daß er spricht: Wo ich
hingehe, könnt ihr nicht hinkommen? - Und er sprach zu ihnen: Ihr seid von dem,
was unten ist, ich bin von dem, was oben ist; ihr seid von dieser Welt, ich bin
nicht von dieser Welt. Daher sagte ich euch, daß ihr in euren Sünden sterben
werdet; denn wenn ihr nicht glauben werdet, daß ich es bin, so werdet ihr in
euren Sünden sterben." (Verse 21-24).
Das Fortgehen Jesu nach Seinem Kommen ist
der Umsturz des Judentums und die notwendige Grundlage des Christentums. Wir
müssen uns also nicht wundern, wenn unser Herr immer wieder darauf zu sprechen
kommt und auf seine moralischen Verbindungen und Konsequenzen und vor allem auf
seine Bedeutung für Ihn persönlich, was immer der oberste Gedanke unseres
Evangelisten ist. Er war im Begriff zu gehen, und sie würden Ihn suchen und in
ihren Sünden sterben. Sie suchten falsch und fanden Ihn nicht. Sie suchten einen
Messias, damit sie ihren Ehrgeiz und ihre weltlichen Gelüste befriedigen
könnten; und so ist nicht der Messias Gottes, Der jetzt von solchen gefunden
wird, die Ihn nicht gesucht haben, nachdem Er Seine Hände immerfort nach einem
rebellischen Volk ausgestreckt hat, das alles andere als gut wandelte, nämlich
nach ihren eigenen Gedanken lebte. Aber Gott läßt sich nicht spotten, und wer
auf das Fleisch sät, erntet Verderben; wenn es nicht öffentliches Gericht gibt,
so ist doch nichtsdestoweniger der Lohn des Bösen in der schuldigen Brust. "Ihr
werdet in euren Sünden sterben". Sie verwarfen Christus und hingen an ihrem
eigenen Willen und ihrem eigenen Weg, Es gab keine Gemeinschaft zwischen ihnen
und Ihm. Meine Seele hat sie verabscheut, und ihre Seele hat auch mich
verabscheut". Der Ausgang würde es noch deutlicher machen: "Wo ich hingehe,
könnt ihr nicht hinkommen". Sie konnten Ihm nicht folgen.
Der Herr war im Begriff, in den Himmel zu gehen, zu Seinem Vater. Ihr Schatz war
nicht dort, und deshalb auch nicht ihr Herz, wie bei Ihm. Wie die Gnade das Herz
des Gläubigen zu Christus hin zieht, so folgt also der Glaube Ihm dorthin, wo Er
ist; Er wird kommen und uns zur rechten Zeit dorthin bringen, damit wir auch da
seien, wo Er ist. Der Unglaube haftet an dem Ich, an der Erde und an
gegenwärtigen Dingen; und so war und ist es mit den Juden: "Wo ich hingehe,
könnt ihr nicht hinkommen". Sie verwarfen den Einen, Der von der Erde abbringen
und für den Himmel geeignet machen konnte, Der ihnen in ihrer Sünde begegnete,
damit sie nicht darin sterben sollten, sondern durch Ihn leben sollten. Aber sie
wollten Ihn nicht haben und sind verloren, und sie bewiesen das durch ihre
gänzlich falsche Einschätzung von Ihm und von sich selbst in Gegenwart oder
Vergangenheit, wie wir in dem folgenden sehen. "Da sagten die Juden: Er will
sich doch nicht selbst töten, daß er spricht: Wo ich hingehe, könnt ihr nicht
hinkommen". Es gab nichts, was so böse war, daß sie es Ihm nicht zutrauten, Den
sie mehr und mehr haßten.
Aber Er sagt ihnen noch mehr. "Und er sprach zu ihnen; Ihr seid von dem, was
unten ist, ich bin von dem, was oben ist; ihr seid von dieser Welt..... ich bin
nicht von dieser Welt. Daher sagte ich euch, daß ihr in euren Sünden sterben
werdet". Hier offenbart der Herr ernst die Ursachen der Dinge. Von dieser Welt
zu sein, bedeutet jetzt nicht, bloß von der Erde zu sein, sondern von unten. So
ist der Jude, der Jesus verwirft, Der nicht von dieser Welt, sondern von oben
ist. Deshalb sollten sie in ihren Sünden sterben: ihre Natur war böse wie ihre
Werke, und sie lehnten das einzige Licht des Lebens ab - wie sollten sie anders
enden? "Denn wenn ihr nicht glauben werdet, daß ich es bin, so werdet ihr in
euren Sünden sterben". Die Wahrheit leuchtet voll von einem verworfenen Christus
her - nicht nur Seine persönliche Herrlichkeit, sondern auch ihre Unterwerfung
unter Satan, der sie gebraucht, um Ihn zu verunehren. Aber Seine Verwerfung ist
ihr ewiges Verderben. Sie sterben in ihren Sünden und haben Den als Richter, Dem
sie es ablehnten, zum ewigen Leben zu glauben.
"Da sprachen sie zu ihm; Wer bist du?
Jesus sprach zu ihnen: Durchaus das, was ich auch zu euch rede" (Vers 25).
Jesus ist nicht bloß der Weg und das
Leben, sondern auch die Wahrheit. Er ist im Grunde Seines Seins das, was Er auch
redet. Es konnte keine weniger erwartete Antwort gegeben werden und auch keine,
die ihre Gedanken über sich und über Ihn noch schroffer abfertigte. Er allein
von allen Menschen konnte so viel sagen; und doch war Er der Niedrigste der
Menschen. Sein Handeln und Seine Worte waren in vollkommener Übereinstimmung;
und alles brachte die Absicht Gottes zum Ausdruck. Es ist nicht bloß so, daß Er
tut, was Er sagt, sondern Er ist durch und durch und im wesentlichen das, was Er
auch in der Rede ausdrückt. Die Wahrheit ist die Wirklichkeit von
ausgesprochenen Dingen. Er kann Gott nicht kennen außer durch Ihn Selbst; auch
können wir nicht den Menschen kennen außer durch Ihn. Gutes und Böses wird nur
durch Ihn offenbar gemacht oder entdeckt, und Er macht Sich eins mit Seiner
Rede.
So war der Eine, den die Juden da verwarfen. Sie haben damals und dort die
Wahrheit verloren. Es ist unmöglich, die Wahrheit ohne Jesus zu haben, Der
hinzufügt:
"Vieles habe ich über euch zu reden und
zu richten, aber der mich gesandt hat, ist wahrhaftig; und ich, was ich von ihm
gehört habe, das rede ich zu der Welt." (Vers 26).
Er war ein Diener, wenn Er auch der Sohn
war. Und Er redete, was dem Vater als notwendige Wahrheit auszusprechen gefiel.
Er redete nicht entsprechend dem Überfluß dessen, was Er zu sagen und zu richten
hatte im Hinblick auf die Juden.
Es ist unmöglich, den Vater zu kennen, wenn man den Sohn nicht annimmt; und Ihn
verwarfen sie, wie sie es bis zum Kreuz hin taten.
"Sie erkannten nicht, daß er von dem
Vater zu ihnen sprach. Da sprach Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Sohn des Menschen
erhöht haben werdet, dann werdet ihr erkennen, daß ich es bin, und daß ich
nichts von mir selbst tue, sondern wie der Vater mich gelehrt hat, das rede ich.
Und der mich gesandt hat, ist mit mir; er hat mich nicht allein gelassen, weil
ich allezeit das ihm Wohlgefällige tue." (Verse 27-29)
Es ist die gegenwärtige Wahrheit, die Gott
darbietet, um die Seele zu prüfen. Ein früheres Zeugnis, auch wenn es noch so
wahr ist, reizt nicht in derselben Weise zur Opposition. Oft bedient sich in der
Tat auch der Unglaube selbst der Vergangenheit, um seinen gegenwärtigen Kampf
gegen das, was Gott tut, zu stärken. So bedienen sich die Juden der Einheit
Gottes, um den Sohn und den Vater zu leugnen, denn sie wußten nicht, von Wem
Jesus redete. Sein Kreuz könnte sie nicht göttlich überführen oder ihr Herz für
Gott gewinnen; aber es würde sie der überlegten und absichtlichen Verwerfung des
Messias überführen und beweisen, daß das, was Er redete, von höchster Autorität
her geredet wurde. So wie Er gesandt wurde, so wurde Er gelehrt. Der Vater war
auch bei Ihm, denn Christus tat immer, was Ihm wohlgefällig war. Wenn wir das in
unserem Maß kennen, wieviel voller und unerschütterlicher war es bei Ihm wahr,
Der keine Sünde tat und bei Dem keine Arglist gefunden wurde!
Wie ernst ist es, die Wucht der folgenden Worte zu ermessen: "Wenn ihr den Sohn
des Menschen erhöht haben werdet, dann werdet ihr erkennen, daß ich es bin, und
daß ich nichts von mir selbst tue, sondern wie der Vater mich gelehrt hat, das
rede ich". Denn der Sohn des Menschen ist gleicherweise Sein Titel als der
verworfene Messias und als der ernannte Richter der Lebendigen und der Toten. So
wurde Er gekreuzigt, und so kehrt Er zu dem Reich umfassender Herrlichkeit
zurück, wie in Psalm 8 und Daniel 7. Wie schrecklich, dies zu spät zu erkennen,
wenn der Stolz der Buße zum Erkennen der Wahrheit die Tür verschlossen hat!
Es ist eine ermutigende Tatsache, daß eine Zeit ungläubiger Herabsetzung von
Gott gebraucht werden kann, um ausgedehnt in Seelen zu wirken.
"Als er dies redete, glaubten viele an
ihn" (Vers 30).
Aber der Glaube ist, wenn er göttlich
gewirkt ist, nicht trennbar von dem Leben und lebt sich selbst in Freiheit aus
und ist dem Sohn Gottes unterworfen; wo er menschlich ist, wird er bald Seiner
Gegenwart überdrüssig und verläßt Den, Den er nie richtig anerkannt hat, um
entweder in Gedanken oder in Taten sich gegen Ihn aufzulehnen. Deshalb die
Eindringlichkeit des feierlichen Appells von Seiten des Herrn. Fortdauer in und
mit Ihm ist von Gott.
"Jesus sprach nun zu den Juden, welche
ihm geglaubt hatten: Wenn ihr in meinem Worte bleibet, so seid ihr wahrhaft
meine Jünger; und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch
frei machen. Sie antworteten ihm: Wir sind Abrahams Same und sind nie jemandes
Knechte gewesen; wie sagst du: Ihr sollt frei werden? Jesus antwortete ihnen:
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde
Knecht. Der Knecht aber bleibt nicht für immer in dem Hause; der Sohn bleibt für
immer. Wenn nun der Sohn euch frei machen wird, so werdet ihr wirklich frei
sein. Ich weiß, daß ihr Abrahams Same seid; aber ihr suchet mich zu töten, weil
mein Wort nicht Raum in euch findet. Ich rede, was ich bei meinem Vater gesehen
habe, und ihr nun tut, was ihr von eurem Vater gehört habt. Sie antworteten und
sprachen zu ihm: Abraham ist unser Vater. Jesus spricht zu ihnen: Wenn ihr
Abrahams Kinder wäret, so würdet ihr die Werke Abrahams tun; jetzt aber suchet
ihr mich zu töten, einen Menschen, der die Wahrheit zu euch geredet hat, die ich
von Gott gehört habe; das hat Abraham nicht getan. Ihr tut die Werke eures
Vaters. [Da] sprachen sie zu ihm: Wir sind nicht durch Hurerei geboren; wir
haben einen Vater, Gott. Jesus sprach zu ihnen: Wenn Gott euer Vater wäre, so
würdet ihr mich lieben, denn ich bin von Gott ausgegangen und gekommen; denn ich
bin auch nicht von mir selbst gekommen, sondern er hat mich gesandt. Warum
verstehet ihr meine Sprache nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt. Ihr
seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun.
Jener war ein Menschenmörder von Anfang und ist in der Wahrheit nicht bestanden,
weil keine Wahrheit in ihm ist. Wenn er die Lüge redet, so redet er aus seinem
Eigenen, denn er ist ein Lügner und der Vater derselben. Weil ich aber die
Wahrheit sage, glaubet ihr mir nicht. Wer von euch überführt mich der Sünde?
Wenn ich die Wahrheit sage, warum glaubet ihr mir nicht? Wer aus Gott ist, hört
die Worte Gottes. Darum höret ihr nicht, weil ihr nicht aus Gott seid." (Vers
31-47)
In Seinem Wort zu bleiben, ist also die Bedingung, wenn man in Wahrheit Christi
Jünger sein will. Andere mögen sehr interessiert sein, aber sie werden bald müde
oder wenden sich über kurz oder lang anderen Zielen zu. Christi Jünger hängt an
Seinem Wort und findet neue Quellen in dem, was ihn zuerst angezogen hat. Sein
Wort beweist sich als so göttlich, da es der Glaube ist, der darin bleibt, und
die Wahrheit wird also nicht nur gelernt, sondern auch gekannt. Unsicherheit und
Ungewißheit verschwinden, während die Wahrheit, anstelle von ständiger
Knechtschaft, wie das Gesetz, die Seele frei macht, wie auch immer ihre
vorherige Sklaverei aussah. Es gibt Wachstum in der Wahrheit und Freiheit
dadurch. Das Gesetz packt den verdorbenen und stolzen Willen des Menschen, um
ihn zu Gottes Gunsten zu verdammen, wie es auch richtig ist; die Wahrheit macht
die Erkenntnis von Ihm, wie sie in Seinem Wort offenbart wird kund und gibt so
Leben und Freiheit: Vorrechte, die der natürliche Mensch, der die souveräne
Gnade Gottes ebenso sehr haßt, wie er sich selbst erhebt und liebt, während er
andere verachtet und verschmäht, nicht begreifen kann. Des Menschen einziger
Gedanke deshalb, wie man Gerechtigkeit erlangen könne, geht über das Gesetz. Sie
kennen nicht die Kraft der Wahrheit und fürchten die Freiheit, als wenn sie in
Knechtschaft ende; während sie zur gleichen Zeit stolz auf ihre eigene Stellung
sind, als wenn sie unveräußerlich wäre und als wenn Gott ihr Diener wäre, und
nicht sie verpflichtet, Seine Diener zu sein. Deshalb antworteten die Juden
Jesus: "Wir sind Abrahams Same und sind nie jemandes Knechte gewesen. Wie sagst
du; Ihr sollt frei werden?"
Die Wahrheit war weit davon entfernt. Sogar äußerlich, um von der Seele gar
nicht zu sprechen, waren die Juden - und waren es lange gewesen - in der
Abhängigkeit von den Heiden. So bekannte Esra (Kapitel 9) beim Abendopfer: "Von
den Tagen unserer Väter an sind wir in großer Schuld gewesen bis auf diesen Tag;
und um unserer Missetaten willen sind wir, wir, unsere Könige, unsere Priester,
der Hand der Könige der Länder übergeben worden, dem Schwerte, der
Gefangenschaft und dem Raube und der Beschämung des Angesichts, wie es an diesem
Tage ist. Und nun ist uns für einen kleinen Augenblick Gnade von seiten Jehovas,
unseres Gottes, zuteil geworden, indem er uns Entronnene übriggelassen und uns
einen Pflock gegeben hat an seiner heiligen Stätte, damit unser Gott unsere
Augen erleuchte und uns ein wenig aufleben lasse in unserer Knechtschaft. Denn
Knechte sind wir; aber in unserer Knechtschaft hat unser Gott uns nicht
verlassen; und er hat uns Güte zugewandt vor den Königen von Persien...". So
heißt es wiederum bei Nehemia (Kapitel 9): "Und du verzogest mit ihnen viele
Jahre und zeugtest wider sie durch deinen Geist, durch deine Propheten, aber sie
gaben kein Gehör. Da gabst du sie in die Hand der Völker der Länder. ...Siehe,
wir sind heute Knechte; und das Land, welches du unseren Vätern gegeben hast, um
seine Früchte und seine Güter zu genießen, - siehe, wir sind Knechte in
demselben! Und seinen Ertrag mehrt es für die Könige, die du um unserer Sünden
willen über uns gesetzt hast; und sie schalten über unsere Leiber und über unser
Vieh nach ihrem Wohlgefallen, und wir sind in großer Bedrängnis."
So fühlten Menschen mit Gewissen, wenn sie von Eroberern unterjocht wurden, die
noch weit milder waren, als die Römer, die jetzt herrschten. Nicht daß die Juden
heute erleuchtet waren, sondern sie waren so mit dem Joch vertraut geworden, daß
sie es ganz vergaßen und ableugneten. Und wenn es äußerlich wegen Gottes
gerechtem Gericht so war, so schätzten sie innerlich ihren wahren Zustand vor
Gott noch viel weniger richtig ein, wie der Herr es jetzt offenbarte. Ihr
hochmütiger Geist ärgerte sich über Sein Wort, das ihr dem Feind Verfallensein
so bloßlegte. "Wir sind Abrahams Same und sind nie jemandes Knechte gewesen; wie
sagst du; Ihr sollt frei werden?" Jesus brachte mit Seiner Antwort Gottes Licht
herein, für die Ewigkeit wenigstens gewiß, aber auch für die Gegenwart.
"Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde
Knecht". Wie wahr, wie ernst und erniedrigend! Es gibt keine Knechtschaft, die
so wirklich und so herabsetzend ist wie die der Sünde; konnten sie ernsthaft
ableugnen, daß das ihre Knechtschaft war? Wirklich macht der Unglaube dem
moralischen Zustand gegenüber und sogar klaren Tatsachen gegenüber blind. Nur
die Gnade befreit, und zwar durch die Wahrheit, der man glaubt.
Aber der Herr teilt noch mehr mit. Keiner, der unter der Sünde steht, ist
berechtigt von Dauerhaftigkeit zu sprechen. Solch eine existiert nur für die
Duldung bis zum Gericht. Es gab keine Knechtschaft, als Gott alles erschuf und
nach Seinem Plan machte; auch wird es keine Knechtschaft geben, wenn Er alles
neu machen wird. Der Knecht in jedem Sinn gehört nur zur vorübergehenden
Herrschaft der Sünde und des Schmerzes. So sagt der Herr: "Der Knecht aber
bleibt nicht für immer in dem Hause". Eine andere und gegensätzliche Beziehung
paßt zu Gottes Willen: "Der Sohn bleibt für immer". Aber da ist noch unendlich
mehr in Christus. Er ist nicht bloß Sohn, sondern "der Sohn". Er ist der Sohn
mit Seinem eigenen Recht und Anspruch, wie Gott, auch als Mensch, in Zeit und
Ewigkeit. Er ist deshalb nicht nur "frei", wie alle Söhne, sondern Seine
Herrlichkeit ist solcherart, daß Er kraft Seiner Gnade, die zu Ihm allein
gehört, freimachen kann und freimacht. So ist es nicht nur die Wahrheit, die
freimacht, wo Gesetz nur verdammen könnte, sondern der Sohn schenkt und
bestätigt auch denselben Charakter der Freiheit entsprechend Seiner eigenen
Fülle. Es geht um das, was nicht bloß für sie passend ist, sondern für Ihn. Er
konnte die freimachen, die Ihn hören und in Seinem Wort bleiben, und nichts
sonst als frei. Es ist Seiner würdig, von Sünde und Satan zu befreien; und "wenn
nun der Sohn euch frei machen wird, so werdet ihr wirklich frei sein". Er
befreit nach göttlicher Art. Er führt aus der Knechtschaft der Sünde, die der
erste Mensch uns zu unserem traurigen Erbteil machte, in Seinen eigenen
Charakter der Gemeinschaft. Der letzte Adam ist ein lebendig machender Geist und
ein Befreier. Laßt uns fest in Seiner Freiheit stehen und nicht wieder unter
einem Joche der Knechtschaft gehalten werden, wie der Apostel die Galater vor
dem Mißbrauch des Gesetzes warnte, wie auch immer er aussehen mochte.
Abrahams Same zu sein, ist, wie der Herr die Juden wissen läßt, ein trauriger
Schutzwall. Man kann von Abraham stammen und doch der schlimmste Feind Gottes
sein. Das waren nämlich die Juden damals, die Jesus zu töten suchten, weil Sein
Wort bei ihnen nicht einschlug. Jeder handelt seiner Herkunft entsprechend; der
Charakter folgt daraus. So geruht unser Herr zu sagen: "Ich rede, was ich bei
meinem Vater gesehen habe, und ihr nun tut, was ihr von eurem Vater gehört
habt". Von Abraham abzustammen, schützt nicht vor Satan. Den Sohn zu hören und
an Ihn zu glauben, bedeutet, seine Natur von Gott abzuleiten und ewiges Leben zu
haben. Es rühmten sich diejenigen am meisten Abrahams, die noch in der
Finsternis des Unglaubens und in der Macht des Feindes steckten. "Deshalb
antworteten und sprachen sie zu ihm; Abraham ist unser Vater. Jesus spricht zu
ihnen: Wenn ihr Abrahams Kinder wäret, so würdet ihr die Werke Abrahams tun;
jetzt aber suchet ihr mich zu töten, einen Menschen, der die Wahrheit zu euch
geredet hat, die ich von Gott gehört habe; das hat Abraham nicht getan. Ihr tut
die Werke eures Vaters". Es wurde schon eingeräumt, daß sie von dem Vater der
Gläubigen abstammten; aber trugen sie die Familienmerkmale? War es nicht eine
Verschlimmerung ihrer Bosheit, daß sie im Gegensatz tu dem standen, von dem
abzustammen, sie prahlten? Abraham glaubte, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit
gerechnet. Sie glaubten nicht, sondern suchten solchen Menschen, wenn Er auch
der Sohn Gottes war, zu töten, Der ihnen die Wahrheit sagte, die Er von Gott dem
Vater hörte. Wessen Werke waren das? Sicher und gewiß nicht die Abrahams,
sondern die eines ganz anderen Vaters. Sie waren verdorben und schändlich.
Die Juden fühlten, was darin lag, und beriefen sich sofort auf den höchsten
Ursprung.
"Da sprachen sie zu ihm: Wir sind nicht
durch Hurerei geboren; wir haben einen Vater, Gott. Jesus sprach zu ihnen: Wenn
Gott euer Vater wäre, so würdet ihr mich lieben, denn ich bin von Gott
ausgegangen und gekommen; denn ich bin auch nicht von mir selbst gekommen,
sondern er hat mich gesandt. Warum verstehet ihr meine Sprache nicht? Weil ihr
mein Wort nicht hören könnt. Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die
Begierden eures Vaters wollt ihr tun. Jener war ein Menschenmörder von Anfang
und ist in der Wahrheit nicht bestanden, weil keine Wahrheit in ihm ist. Wenn er
die Lüge redet, so redet er aus seinem Eigenen, denn er ist ein Lügner und der
Vater derselben. Weil ich aber die Wahrheit sage, glaubet ihr mir nicht. Wer von
euch überführt mich der Sünde? Wenn ich die Wahrheit sage, warum glaubet ihr mir
nicht? Wer aus Gott ist, hört die Worte Gottes. Darum höret ihr nicht, weil ihr
nicht aus Gott seid." (Verse 41-47)
Der Fall wird hinsichtlich der Juden so
abgeschlossen. Sie waren ohne Zweifel von dem Teufel, wie dieses ernste
Streitgespräch bewies. Es ist wirklich die Haltung des Menschen gegen Christus
in jedem Land, in jeder Sprache, zu jeder Zeit. Er schält sich als nicht anders
heraus, wenn er von der Wahrheit, von dem Sohn, ins Licht gerückt wird; wie
verschieden auch die Verhältnisse sein mögen, dies ist der Ausgang; und es zeigt
sich dort das Schlimmste, wo es am schönsten aussah. Wenn es auf Erden ein Volk
gab, das am weitesten von der Unreinheit entfernt zu sein schien, so waren es
die Juden; wenn irgendwelche für sich in Anspruch nehmen konnten, Gott als ihren
Vater zu haben, dann sie am meisten. Aber Jesus ist der Prüfstein; und sie
erweisen sich dabei als Feinde Gottes, nicht als Seine Kinder; sonst würden sie
Den geliebt haben, Der von Gott herabgekommen ist und zu der Zeit in ihrer Mitte
weilte, Der nicht aus Seiner eigenen Veranlassung heraus gekommen war, sondern
Den Gott gesandt hatte. Er kam und war in einer Liebe gesandt, die menschliches
Denken und Fassungsvermögen übersteigt; und sie erhoben sich wider Ihn in Haß
und suchten, Ihn zu töten.
Die Juden erkannten nicht einmal Seine Rede; so außerordentlich waren sie Ihm
und Dem, Der durch Ihn redete, nämlich Gott, fremd. Der Grund ist sehr ernst:
sie konnten Sein Wort nicht hören. Dadurch daß man das Denken, den Bereich und
die Absicht der Person, die spricht, versteht, kennt man die Redeweise, und
nicht umgekehrt. Wenn die innere Absicht nicht erfaßt wird, bleibt die äußere
Form unerkannt. So war es bei Jesus, wo Er zu den Juden redete; so ist es
besonders auch in dem Zeugnis in den Schriften des Johannes jetzt. Die Leute
beklagen sich über den Mystizismus in der Ausdrucksweise, weil sie die
beabsichtigte Wahrheit nicht begreifen. Das Hindernis liegt in der blind
machenden Macht des Teufels, der die Quelle ihres Denkens und Fühlens ist,
ebenso sicher wie er der Feind Christi ist. Die Beurteilungen der Menschen
entstammen ihrem Willen und ihren Gefühlen, und diese unterliegen der Macht
Seines Feindes. Und so wie er die Menschen, besonders diejenigen, die am meisten
verantwortlich wären, sich Christus zu beugen, wie die Juden damals, antreibt,
die Gelüste ihres Vaters zu tun, so folgt Gemeinheit ebenso natürlich wie
Falschheit. Denn Satan war ein Menschenmörder von Anfang an, und er besteht
nicht in der Wahrheit, weil keine Wahrheit in ihm ist. Er ist der große
persönliche Gegenspieler des Sohnes.
Jesus allein von allen Menschen ist die Wahrheit; Er ist nicht nur Gott, sondern
der Eine, Der Gott den Menschen offenbart. In Ihm ist keine Sünde, auch hat Er
keine Sünde getan, und es wurde keine List in Seinem Munde gefunden. Er war in
jeder Hinsicht das deutliche Gegenteil des Teufels, der, wann immer er lügt, aus
seinem eigenen Schatz heraus spricht, weil er ein Lügner ist und der Vater
derselben. Jesus ist die Wahrheit und macht sie denen bekannt, die sie sonst
nicht erkennen könnten. "Weil ich aber die Wahrheit sage, glaubet_ihr mir
nicht". Wie schrecklich, und doch wie richtig ist Gottes Urteil über solche
Menschen! Denn wir sind sicher, daß Gottes Gericht der Wahrheit entspricht; und
was kann das Ende davon sein außer Tod und Gericht?
Endlich geht der Herr dazu über, sie herauszufordern, um ihre bodenlose Bosheit
bloßzulegen. "Wer von euch überführt mich der Sünde? Wenn ich die Wahrheit sage,
warum glaubet ihr mir nicht? Wer aus Gott ist, hört die Worte Gottes. Darum
höret ihr nicht, weil ihr nicht aus Gott seid" . Er war der Heilige nicht
weniger als die Wahrheit, und sicher gehören beide Attribute zusammen. Und so
wurden sie überführt, daß sie in Wort und Tat, in Denken und Fühlen ganz von
Gott entfremdet waren und rebellisch gegen Gott waren. Sie waren nicht von Gott,
außer in ihrer hochmütigen Anmaßung, die ihre Entfernung von Ihm und Opposition
gegen Ihn noch deutlicher machte. Anstatt Christus der Sünde zu überführen,
waren sie selbst Knechte der Sünde; anstatt die Wahrheit zu reden, verwarfen sie
Den, Der die Wahrheit ist; anstatt die Worte Gottes zu hören, hassten sie Den,
der sie redete, weil sie nicht von Gott, sondern von dem Teufel waren. Ein
schreckliches Bild, das da das unbeirrbare Licht nicht versäumte, von Seinen
Gegnern zu entwerfen und unverwischbar stehen zu lassen! Nicht von Gott zu sein,
bedeutet, ganz ohne Gutes zu sein und im Bösen zu stecken und dessen Folgen
ausgeliefert zu sein entsprechend dem Gericht Dessen, Der Seinen Abscheu davor
nicht dämpfen wird und kann. So waren und sind diejenigen, die Jesus verwerfen.
Nichts läßt ein Mensch so widerstrebend zu wie das Böse in sich selbst; nichts
nimmt er so sehr übel, als wenn ein anderer etwas Böses von ihm sagt und ihm
kein Schlupfloch zum Entwischen läßt. So war es jetzt auch bei den Juden, denen
der Herr absprach, von Gott zu stammen, da sie Seine Worte nicht hörten. Niemals
vorher war ihre Selbstgefälligkeit so angegriffen worden. Die Verachtung der
Heiden war nichts im Vergleich mit solch einer Schmähung, die hart im Verhältnis
zu ihrer augenscheinlichen Wahrheit war. Denn die angenommene Grundlage war
unbestreitbar. Wer konnte bezweifeln, daß der, der von Gott ist, die Worte
Gottes hört? Wie ernst ist es dann, sieh die Tatsache vor Augen zu halten, daß
Einer, Der redete wie keiner jemals vorher, mit heiliger Ruhe erklärte, daß sie
deshalb nicht hörten, well sie nicht von Gott waren! Das Gewissen mochte
schlagen, aber man lehnte ab, sich zu beugen. Der Eigenwille und der böse Wille
offenbarte sich, allerdings war er wirklich von unten angeregt.
"Die Juden antworteten und sprachen zu
ihm: Sagen wir nicht recht, daß du ein Samariter bist und einen Dämon hast?
Jesus antwortete: Ich habe keinen Dämon, sondern ich ehre meinen Vater, und ihr
verunehret mich. Ich aber suche nicht meine Ehre: es ist einer, der sie sucht,
und der richtet. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn jemand mein Wort
bewahren wird, so wird er den Tod nicht sehen ewiglich." (Verse 48-51 ).
Von jetzt an nehmen die Juden, die nicht
in der Lage sind, Jesus zu widerlegen, und nicht bereit sind, die Wahrheit zu
bekennen, ihre Zuflucht zu frecher Gegenrede und Spott, Sie rechtfertigen und
wiederholen offen ihre Anwendung eines "Samariters" auf Ihn; denn was konnte in
ihren Augen die Feindschaft mehr beweisen, als daß ihr Anspruch, herausragend
Gottes Volk zu sein, abgelehnt wurde? Wenn Er erklärte, daß sie von ihrem Vater,
dem Teufel, seien, so hatten sie keine Skrupel zu erwidern, daß Er einen Dämon
habe. Er stehe, so wagten sie es zu behaupten, außerhalb des Israels Gottes und
fern von dem Gott Israels. Doch war Er das wahre Israel und der wahre Gott. Kein
Christ hat jemals Schlimmeres in dieser Art der Verunehrung erlebt als Christus.
Der Jünger ist nicht über seinem Herrn und kann keine Ausnahme erwarten. Und
diejenigen neigen am meisten dazu, andere falsch zu verdächtigen, die selbst
wirklich Sklaven des Feindes sind. Aber laßt uns von Dem lernen, Der sanftmütig
und von Herzen demütig ist und jetzt ruhig verachtet, daß sie Ihm einen Dämon
zusprechen. Nicht so, sondern Er ehrte Seinen Vater, und sie verunehrten Ihn.
Doch gab es keinen persönlichen Groll wie bei solch einem Menschen, der jetzt
seine eigene Ehre sucht oder der versucht, solche zu beschimpfen, die ihn
beleidigen. "Ich aber suche nicht meine Ehre; es ist einer, der sie sucht, und
der richtet". Er überläßt alles Seinem Vater. Er Selbst ist damit zufrieden zu
dienen, und Er ist fähig und bereit, zu retten. "Wahrlich, wahrlich, ich sage
euch: wenn jemand" - und sei es der Verruchteste Seiner Feinde - " mein Wort
bewahren wird, so wird er den Tod nicht sehen ewiglich". Solch eine Äußerung ist
jede feierliche Betonung Seinerseits wert, und sie verdient ihrerseits volle
Akzeptierung.
"[Da] sprachen die Juden zu ihm: Jetzt
erkennen wir, daß du einen Dämon hast. Abraham ist gestorben und die Propheten,
und du sagst: Wenn jemand mein Wort bewahren wird, so wird er den Tod nicht
schmecken ewiglich. Bist du etwa größer als unser Vater Abraham, der gestorben
ist? Und die Propheten sind gestorben. Was machst du aus dir selbst? Jesus
antwortete: Wenn ich mich selbst ehre, so ist meine Ehre nichts; mein Vater ist
es, der mich ehrt, von welchem ihr saget: Er ist unser Gott. Und ihr habt ihn
nicht erkannt, ich aber kenne ihn; und wenn ich sagte: Ich kenne ihn nicht, so
würde ich euch gleich sein, ein Lügner. Aber ich kenne ihn, und ich bewahre sein
Wort. Abraham, euer Vater, frohlockte, daß er meinen Tag sehen sollte, und er
sah ihn und freute sich. Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht
fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen? Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich,
wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham ward, bin ich. Da hoben sie Steine auf,
damit sie auf ihn würfen. Jesus aber verbarg sich und ging aus dem Tempel
hinaus." (Verse 52-59).
Der Unglaube urteilt nach seinem eigenen
Denken und ist nie so zuversichtlich, wie wenn er vollständig irrt. So benutzen
die Juden, die die glaubensvollen Aussagen des Herrn Jesus falsch deuten, diese
als triumphierenden Beweis dafür, daß Abraham und die Propheten mit Seiner Lehre
nichts zu tun haben konnten. Denn sie waren unbestreitbar schon tot« Er mußte
deshalb besessen sein, daß Er so etwas redete. Maßte Er Sich an, größer als sie
zu sein ? Was machte Er aus Sich ? Ach! hier sind Juden und Heiden gleicherweise
blind. Jesus machte nichts aus Sich, Er erniedrigte Sich Selbst und nahm
Knechtsgestalt an und wurde ein Mensch, obwohl Er Gott über alles, gepriesen in
Ewigkeit war; und als der erniedrigte Mensch erhöhte Ihn Gott der Vater. Wenn
das Auge einfältig ist, so ist der ganze Leib voll Licht. So war es bei Ihm, Der
herabkam und Mensch wurde, um den Willen Gottes zu tun, auf Den Er trauen konnte
und traute, um Ihn zu verherrlichen. Sein Weg war der einer ununterbrochenen
Gemeinschaft und eines ungetrübten Gehorsams. Er suchte nie Seine eigene Ehre,
Er bewahrte immer das Wort Seines Vaters; Er konnte von Anfang bis Ende sagen:
Ich kenne Ihn; Er hinterließ uns in allen Dingen ein Beispiel, daß wir Seinen
Fußstapfen folgen sollten. Wir können von Ihm lernen, daß, wenn es die größte
Anmaßung für Weltmenschen ist, die Kenntnis von Gott dem Vater zu erheucheln, es
das größte Unrecht bei einem Kind Gottes ist, diese Kenntnis abzuleugnen. "Wenn
ich sagte: Ich kenne ihn nicht, so würde ich euch gleich sein - ein Lügner".
Aber Er, Der für Sich in Anspruch nimmt, Ihn zu kennen, hält Sein Wort und gibt
hierin das Zeugnis für die Wirklichkeit im Zusammenhang mit diesem Anspruch. Der
Geist der Wahrheit ist der Heilige Geist, und wo Er die Wahrheit kundtut, wirkt
Er auch erfolgreich in Heiligkeit gemäß dem Willen Gottes.
Aber der Herr zögerte nicht, auf ihre Herausforderung in Bezug auf Abraham
einzugehen, und Er läßt die Juden wissen, daß der Vater der Gläubigen
frohlockte, daß er Seinen Tag (ich nehme an, Sein Erscheinen in Herrlichkeit)
sehen sollte, und daß er ihn sah und sich freute. Das geschah natürlich im
Glauben, genau wie das Nicht-Sehen oder Nicht-Schmecken des Todes in diesem
Zusammenhang; aber die Juden faßten alles bloß körperlich auf. Und als sie Sein
verhältnismäßig jugendliches Alter für die Leugnung, daß Abraham Ihn sah,
einsetzten, kommt es zu der noch tiefer gehenden Aussage: "Wahrlich, wahrlich,
ich sage euch: Ehe Abraham ward, bin ich", Er, der ewig Bestehende.
Es war gesagt: das gute Bekenntnis vor den Juden, die Wahrheit der Wahrheiten,
das unendliche Geheimnis Seiner Person, das zu kennen, den wahren Gott und das
ewige Leben zu kennen bedeutet, da Er beides ist. So war Er und so ist Er von
Ewigkeit zu Ewigkeit. Die Inkarnation stellte das in keiner Weise in Frage,
sondern gab vielmehr Gelegenheit für seine Offenbarung im Menschen an die
Menschen. Er, Der Gott war, ist Mensch geworden, und so wie Er nicht aufhören
kann, Gott zu sein, so wird Er auch nicht aufhören, Mensch zu sein. Er ist der
Ewige, auch als Mensch, und Er hat die Menschenart mit Sich, dem Sohn, dem Wort,
vereint, nicht mit Gott allein, sondern auch mit Gott. "Ehe Abraham ward, bin
ich". Abraham wurde ins Leben gerufen. Jesus ist Gott, und Gott ist. "Ich bin"
ist der Ausdruck des ewigen Bestehens, der Ausdruck der Gottheit. Er hätte
ebenso gut sagen können: Ehe Adam ward, bin ich; aber es ging um Abraham; und Er
sagt das mit der ruhigen Würde, die niemals mehr als die notwendige Wahrheit
ausspricht; aber was Er sagt, könnte nicht wahr sein, wenn Er nicht der immer
Gegenwärtige und Unwandelbare wäre, der ICH BIN, vor Adam, vor den Engeln und
vor allen Dingen; denn in der Tat, Er war ja Der, Der sie erschaffen hat. Alles
wurde durch Ihn geschaffen, und ohne Ihn ist nichts geschaffen, das geschaffen
ist.
Ihn nicht zu kennen, ist der schicksalhafte Irrtum der Welt; Ihn zu leugnen, ist
die ungläubige Lüge der Juden und aller, die sich anmaßen, Gott unabhängig zu
kennen, was Seine göttliche Herrlichkeit ausschließt. Und es bedeutet Tod,
während sie noch leben, ewiger Tod, der bald der zweite Tod sein soll, nicht
Auslöschung, sondern Strafe in dem Feuersee. In der Zwischenzeit kann der
Unglaube ungestraft seinen Haß zeigen. "Da hoben sie Steine auf, damit sie auf
ihn würfen. Jesus aber verbarg sich und ging aus dem Tempel hinaus". Die letzten
Worte sind wahrscheinlich aus Luk. 4,30, entnommen, wenn auch viele Zeugen (A C
E L X K. etc. mit einigen sehr alten Fassungen) sie einsetzen.
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