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Leitverse: Sprüche: 4,26.27
Spr 4,26.27: Ebne die Bahn deines Fußes, und alle
deine Wege seien gerade; biege nicht ab zur Rechten noch zur Linken, wende
deinen Fuß, ab vom Bösen.
Mit diesem ohne Frage auch für uns heute sehr aktuellen Wort wendet sich der
weise Salomo an seinen Sohn. Der diesen beiden Versen vorangehende Abschnitt
(Spr 4,20–25) redet von verschiedenen Organen des Menschen und zwar vom Ohr,
von den Augen, vom Herzen, vom Mund, von den Lippen, von den Wimpern und
schließlich vom Fuß. Es besteht kein Zweifel daran, dass Gott uns damit
geistlichen Unterricht erteilen will. Es ist Ihm nicht gleichgültig, was und
wie wir hören, sehen, empfinden, reden und natürlich auch nicht, wie wir uns
verhalten. Der Fuß hat mit dem zu tun, was das Neue Testament den „Wandel“
nennt, und das ist nichts anderes als das, was die Menschen (Gläubige und
Ungläubige) an uns sehen, also unser Lebenswandel. Das Verhalten wird
natürlich davon geprägt, was wir hören, sehen, denken und reden. Deshalb wird
wohl der Fuß in diesem Abschnitt am Ende genannt.
Bezogen auf den Fuß sagen unsere Verse nun dreierlei aus: Erstens sollen wir
die Bahn unseres Fußes ebnen, damit unsere Wege gerade sind. Zweitens sollen
wir nicht zur Rechten noch zu Linken ausbiegen. Drittens sollen wir unseren Fuß
vom Bösen abwenden. Unser Weg hat ein Ziel, und es kommt Gott darauf an, dass
unser Verhalten so ist, dass wir dieses Ziel ohne Hindernisse erreichen. Nur
wenn wir unsere Bahn ebnen, nicht abbiegen und unseren Fuß vom Bösen abwenden,
kann dies der Fall sein.
Sehen wir uns den mittleren Punkt einmal etwas näher an. Gott will nicht,
dass wir abweichen von der geraden Bahn, die uns zum Ziel bringt. Unsere Wege
sollen gerade sein, d.h. in die richtige Richtung gehen (siehe Fußnote in
Verbindung mit Hiob 11,13). Jedes Abbiegen ist ein „Umweg“, und jeder „Umweg“
ist nicht der Weg, den Gott uns führen will. Dabei sind grundsätzlich zwei „Umwege“
möglich. Wir können entweder zur Rechten oder zur Linken abbiegen. Beides ist
gleich falsch, denn beides führt uns weg von dem richtigen Weg. In Sprüche
8,20 hören wir die Weisheit wie eine Person sprechen. Sie sagt von sich: „Ich
wandle auf den Pfaden der Gerechtigkeit, mitten auf den Steigen des Rechts.“
Das ist es, was Gott auch von uns erwartet. Wir sollen auf der Mitte des
richtigen Weges gehen.
Stellen wir uns einen schmalen Gebirgspfad vor. Rechts und links sind steile
Abgründe. Was wird der Wanderer tun? Er wird, was seine Füße betrifft,
möglichst in der Mitte gehen, und was seine Augen betrifft, möglichst nach
vorn sehen. Tut er das nicht, riskiert er einen Sturz. Nehmen wir an, der
Wanderer hat Angst, auf der linken Seite zu stürzen. Je krampfhafter er nach
links sieht, um nur ja dort nicht zu stürzen, desto größer ist die Gefahr,
dass er plötzlich in den rechten Abgrund fällt. Umgekehrt kann er leicht links
herunterfallen, wenn er sich nur auf die rechte Seite konzentriert. Deshalb ist
es wichtig, dass er möglichst in der Mitte geht und seine Augen nach vorn
richtet.
Dieses Beispiel lässt sich leicht auf unser geistliches Leben übertragen.
Gott zeigt uns in Seinem Wort einen Weg, den wir gehen sollen. Sowohl für unser
persönliches als auch für unser gemeinschaftliches Leben gibt es einen Weg,
den Weg, den der Herr für uns bestimmt hat. Wenn wir fragen, wo dieser Weg ist,
dann finden wir ihn im Wort Gottes beschrieben. Es ist „ein Pfad der
Gerechtigkeit“, ein Weg also, auf dem wir mit Gott und Seinen Gedanken
übereinstimmen. Nun besteht immer die Gefahr, dass wir von diesem Weg
abweichen, sei es nach rechts, sei es nach links.
Beim Lesen des 5. Buches Mose und des Buches Josua fällt uns auf, dass Gott
Sein Volk insgesamt sechsmal auffordert, nicht zur Rechten und nicht zur Linken
abzuweichen (5Mo 5,32; 17,11; 17,20; 28,14; Jos 1,7; 23,6). Diese Aufforderung
steht jeweils in Verbindung mit den Geboten Gottes. Gott hatte dem Volk das
Gesetz gegeben. Seine Gedanken waren klar und eindeutig. An ihnen war es jetzt,
diesen Anordnungen zu folgen. Auch wir kennen die Gedanken und Grundsätze
Gottes für unser Leben. Gott hat sie uns nicht in Form von Gesetzen, in Geboten
und Verboten gegeben. Dennoch ist der Wille Gottes auch für uns nicht weniger
klar und eindeutig. Es ist unsere Aufgabe, diesen Willen Gottes zu erkennen und
in unserem täglichen Leben in die Tat umzusetzen. Dies dürfen wir tun in dem
Bewusstsein, dass der Wille Gottes gut, wohlgefällig und vollkommen ist (vgl.
Röm 12,2).
Was bedeutet es nun konkret für uns heute, nach rechts oder links
abzuweichen? Es ist ein Verlassen der Gedanken und Grundsätze Gottes in Lehre
und/oder Praxis zur einen oder zur anderen Seite, wobei sich rechts und links
wie zwei Pole gegenüberstehen. Die eine Abweichung kann darin bestehen, dass
wir über das Wort Gottes hinausgehen, d.h., wir fügen den Gedanken Gottes
eigene, menschliche Gedanken hinzu und verlangen vielleicht noch von anderen,
dass sie sich diesen menschlichen Anordnungen fügen. Solche menschlichen
Gedanken können im Lauf der Zeit zur Tradition werden, und die Gefahr besteht,
dass wir die Tradition schließlich dem Wort Gottes gleichsetzen. Die Pharisäer
zur Zeit des Herrn Jesus waren dieser Gefahr erlegen. Das Ergebnis eines solchen
Abweichens könnten wir mit Gesetzlichkeit bezeichnen.
Die Gefahr auf der anderen Seite besteht nicht darin, dass wir dem Wort
Gottes etwas hinzufügen, sondern dass wir es reduzieren auf das, was uns
gefällt. Wir entfernen die Dinge aus Gottes Wort, die uns nicht angenehm sind
oder wir biegen sie uns so zurecht, dass sie mit unseren eigenen Gedanken
schließlich übereinstimmen. Das mag sich zunächst in unserem praktischen
Verhalten zeigen, kann aber weitergehen, indem wir sogar lehren, dass bestimmte
bleibende Grundsätze in Gottes Wort nur historisch bedeutsam und somit auf
unsere Tage nicht mehr übertragbar sind oder ähnliches. Das Ergebnis eines
solchen Abweichens könnten wir mit Freizügigkeit und Toleranz bezeichnen.
Ein Abweichen nach rechts oder links kann sich auf unser persönliches Leben,
aber auch auf unser gemeinschaftliches Leben beziehen. Gott hat einen Weg für
jedes seiner Kinder persönlich, Er hat aber auch einen Weg für uns gemeinsam.
Es ist eine traurige Feststellung, dass wir in einer Zeit leben, die durch eine
zunehmende Polarisierung gekennzeichnet wird. Wie sehr wird der Herr dadurch
verunehrt! Dabei tun sich Gegensätze auf, die uns unüberbrückbar erscheinen.
Je größer wir die Gefahr auf der einen Seite sehen, um so mehr wenden wir uns
der anderen Seite zu und um so höher ist das Risiko, dass wir auf der anderen
Seite fallen. Die Polarisierung wird dadurch nur verstärkt. Wollen wir mit den
Fingern auf den einen oder anderen zeigen? Sind wir von der Richtigkeit des
eigenen Standpunktes überzeugt? Oder wollen wir uns selbst — jeder
persönlich — fragen, wo wir die Mitte der Steigen des Rechts vielleicht
verlassen haben und zur Rechten oder zur Linken abgewichen sind?
Der Weg „mitten auf den Steigen des Rechts“ ist dabei niemals ein Weg
fauler Kompromisse. Es geht darum, mit Herzensentschluss bei dem zu bleiben, was
Gott uns in Seinem Wort sagt. Wir wollen nichts hinzufügen, wir wollen aber
auch nichts wegnehmen.
Die Warnungen, die Gott an Sein Volk Israel richtete, sind auch für uns
aktuell. Denken wir nur z.B. an die Abschiedsworte Josuas, der am Ende seines
Lebens zu dem Volk sagte: „So haltet denn sehr fest daran, alles zu beobachten
und zu tun, was in dem Buch des Gesetzes Moses geschrieben ist, dass ihr nicht
davon abweicht zur Rechten noch zur Linken, dass ihr nicht unter diese Nationen
kommt, diese, die bei euch übrig geblieben sind“ (Jos 23,6.7). Es geht nicht
nur darum, etwas festzuhalten, sondern „sehr fest zu halten“. Was uns wenig
wert ist, werden wir nicht verteidigen. Einen kostbaren Schatz aber werden wir
uns nicht so schnell aus den Händen reißen lassen. Wir erleben es bei ganz
kleinen Kindern, die etwas, das sie nicht abgeben wollen, krampfhaft mit ihren
kleinen Fingerchen umklammern. Was sind uns die Gedanken Gottes für unser
persönliches Leben wert? Was sind uns die Gedanken Gottes über die Versammlung
wert? Was sind uns die Gedanken Gottes über das Zusammenkommen wert? Diese
Fragen stellen sich uns, und wir sollten einer Antwort nicht einfach ausweichen.
Sind wir bereit, uns für die Wahrheit Gottes und damit für unseren Herrn
einzusetzen und nicht abzuweichen, weder zur Rechten noch zur Linken? Sind wir
offen für alles, was von Gott ist und verschlossen für alles, was vom Feind
kommt? Wenn nicht, wird die Folge Zerstreuung sein, wie es beim Volk Israel der
Fall war.
Vielleicht kommen jetzt — wenn wir manche Entwicklung im Volk Gottes
unserer Zeit sehen — Gedanken der Resignation auf. Aber das will Gott nicht.
Er will uns aufrütteln, aber Er will uns auch Mut machen. Von den vielen
Männern Gottes im Alten Testament gibt es nur einen, von dem es ausdrücklich
heißt, dass er weder zur Rechten noch zu Linken abwich. Es ist Josia, ein
junger Mann, der in schwerer Zeit lebte und der es sich doch auf die Fahne
geschrieben hatte, nicht von dem abzuweichen, was Gott in Seinem Wort gesagt
hatte (vgl. 2Chr 34,2). Josia hätte leicht resignieren können. Das Volk Gottes
war untreu geworden, das Wort Gottes zählte nicht mehr. Das Gericht Gottes
über Jerusalem, wo der Tempel stand und wo Gott Seinen Namen wohnen lassen
wollte, war ausgesprochen. Das alles war Josia bekannt. Er wusste auch, dass
dieses Gericht unausweichlich war. Und doch begann dieser junge Mann ein
Reformwerk, das seinesgleichen sucht und das Gott mit Seinem Segen begleitete.
Am Ende der Zeit der Könige über Juda schenkte Gott durch diesen jungen König
ein Aufmerken auf Gottes Vorschriften. Auch heute kommt es darauf an, welchen
Wert das Wort Gottes für uns hat und dass wir uns diesem Wort gemäß
ausrichten.
Eine letzte Stelle, die in Verbindung mit unserem Thema Beachtung finden
sollte, findet sich in Jesaja 30,21. Dort lässt Gott Seinem Volk sagen: „Und
wenn ihr zur Rechten oder wenn ihr zur Linken abbiegt, so werden deine Ohren ein
Wort hinter dir her hören: Dies ist der Weg, wandelt darauf.“ Es fällt uns
auf, dass es eine Stimme gibt, die sich an uns richtet, aber die Stimme ist
hinter uns. Dies ist der untrügliche Beweis, dass es sich um einen falschen Weg
handelt. Auf dem richtigen Weg geht der Herr vor uns, auf einem falschen Weg ist
Er hinter uns. Aber die Stimme ist doch da. Gott wendet sich an unsere Ohren. Er
will, dass wir Ihn hören. Auf einem falschen Weg kann der Herr nicht vor uns
hergehen, aber Er lässt uns doch nicht ohne Warnung in die Irre gehen. Er
bemüht Sich bis zum Letzten um uns, auch heute noch. Er hat einen Weg für uns,
und Er sagt: „Dies ist der Weg, wandelt darauf.“ Wir brauchen diesen Weg
nicht neu zu erfinden, weder für unser persönliches noch für unser
gemeinschaftliches Leben. Wir brauchen nicht unsicher zu fragen, wo wir ihn
finden. Es ist kein neuer Weg, kein Weg, der sich unserem Zeitgeist anpasst. Es
ist aber auch genauso wenig ein angestaubter Weg der Traditionen und
Überlieferungen. Es ist der alte Weg, den Gott uns immer wieder neu weist.
Seinem irdischen Volk ließ Gott einmal sagen: „Tretet auf die Wege, und
sehet und fraget nach den Pfaden der Vorzeit, welches der Weg des Guten sei, und
wandelt darauf; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“ (Jer 6,16). Suchen
wir sie nicht alle, die Ruhe für unsere Seelen, gerade in einer Zeit der Unruhe
und des Wechsels?
Diese „Pfade der Vorzeit“ sind auch für uns heute der eine gangbare und
gerade Weg, der Weg des Guten, von dem Gott sagt: „Dies ist der Weg, wandelt
darauf.“ Nur auf diesem Weg gibt es Frieden und wirkliche Ruhe. Darf es uns
nicht eine Freude sein, diesen Weg gemeinsam zu gehen mit allen, „die den
Herrn anrufen aus reinem Herzen“ (2Tim 2,22)?
aus der Monatszeitschrift Ermunterung
und Ermahnung, 1996, S. 239
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