|
Anmerkung der Redaktion
Dieser Artikel stammt aus der Zeit vor dem Jahr 2000. Er spiegelt
nicht zwingend die heutige Meinung des Autors wieder, da der Autor seine
Gedanken in den letzten Jahren auf etlichen Gebieten sehr verändert hat,
siehe dazu auch unsere FAQ.
Dennoch haben wir diesen Artikel aufgenommen, da er sehr wohl die Meinung
der Redaktion wiedergibt.
|
Inhalt
Jojakim empört sich
gegen Nebukadnezar (601)
Rekabiter nisten sich ein
Nebukadnezar kommt nach
Jerusalem (598)
Jojakim stirbt
Nachruf Jojakims durch Jeremia
Mögliche Todesursache Jojakims
Sohn Jojakims — Jojakin wird König
Jerusalem
wird eingenommen (597) — Ende der Ära Jojakins
Jojakin und seine Mutter
werden deportiert
Jerusalem wird nicht verwüstet — Gottes letzter Bekehrungsaufruf
Zedekia wird König
Jeremias Botschaft an Zedekia
Zedekias Regierungsbildung
Jeremias Vision für Zedekia
Jeremias (fast) wirkungslose
Predigt
Zedekia gegen
Nebukadnezar (594-593) — Jeremias Warnung
Gegenpropheten — Hananja
Post an die Verbannten
Zedekia bei Nebukadnezar (593)
Zedekias
erneuter Aufstand — Nebukadnezar schlägt zurück
Belagerung Jerusalems (588)
Zedekias erste Gesandtschaft
zu Jeremia
Persönliche Botschaft
Jeremias an Zedekia
Ägypten unterstützt Zedekia
Zedekias zweite
Gesandtschaft an Jeremia
Jeremias Weg zum Erbe führt
ins Gefängnis
Zedekia lässt Jeremia holen
Jeremia predigt vom Gefängnis aus
Jeremia im Brunnen
Ebedmelech — Jeremias Rettung
Jeremia wieder bei Zedekia
Während der
Belagerung — Knechte werden freigelassen
Während der
Belagerung — Jeremia löst Acker seines Neffen
Die Babylonier sind zurück
Der Fall Jerusalems (587)
— Zedekia erblindet nach der Ermordung seiner Söhne
Jeremia und der falsche Überrest
Fragenbeantwortung
Wir machen jetzt mit dem zweiten Teil der Geschichte Jeremias weiter. Zweiter
Teil deswegen, weil ich es in zwei Teile geteilt habe. Das hat nichts mit einer
bestimmten neuen Phase zu tun.
In 2. Könige 24,1 steht, dass Jojakim sich drei Jahre lang dem König
Nebukadnezar unterwarf. Danach empörte er sich gegen ihn. Das verlief so: Im ersten Teil habe ich erzählt, im Jahre 604, als
Nebukadnezar nahe vor der Tür Jerusalems stand und Jojakim fürchterliche Angst
vor ihm hatte, unterwarf er sich heuchlerisch Nebukadnezar. Er tat das
bestimmt nicht von Herzen, so wie das Wort heuchlerisch bereits
klarmacht. Drei Jahre später, im Jahre 601, will Nebukadnezar mehr als nur den König Ägyptens
geschlagen haben, weil Ägypten der große Feind blieb. Er will versuchen, sich
Ägypten mit einem großen Feldzug anzueignen. Wenn er Ägypten überrennen könnte,
würde seine Macht vollständig gefestigt sein. Allerdings hat Nebukadnezar dabei enormes Pech. Er muss einen empfindlichen
Verlust gegenüber dem Pharao erleiden.
Jojakim dachte: Aha, das ist meine Chance! — Als Pharao etwas stärker war und
Nebukadnezar ihm gegenüber Verluste erlitten hatte, fiel Jojakim von ihm ab. Er
empörte sich gegen ihn, so wie das hier in dem ersten Vers steht. Im folgenden
Vers steht dann: „Und der HERR sandte wider ihn Scharen der Chaldäer und
Scharen der Syrer und Scharen der Moabiter und Scharen der Kinder Ammon; er
sandte sie wider Juda, um es zu vernichten, nach dem Wort des HERRN, das er
durch seine Knechte, die Propheten, geredet hatte“ (2Kön 24,2). Hier
steht: „Der HERR sandte.“ Natürlich war es Nebukadnezar, der die
Scharen sandte. Aber der Heilige Geist macht hier klar, dass das die Hand des
Herrn war. Nebukadnezar sandte sofort eine Anzahl Truppen, ohne selbst nach Juda
zu kommen. Er sandte eine Anzahl Truppen zu Jojakim, um ihm sozusagen was hinten
vor zu geben. Straftruppen könnte man sie nennen, die dort hausten, so dass
Jojakim der Schreck wieder einholen würde. Das ging einige Jahre so weiter.
Merkwürdig! In dieser Zeit, da erzählen die Rekabiter, über die ich euch fast
nichts erzählen kann, außer, dass es Menschen waren, die in der Zeit von Jeremia
dem Herrn treu geblieben waren: „Und es geschah, als Nebukadnezar, der König
von Babel, nach diesem Lande heraufzog, da sprachen wir: Kommt und lasst uns
nach Jerusalem ziehen vor dem Heere der Syrer; und so wohnen wir in Jerusalem“
(35,11).
Es war im Land Juda fast nicht auszuhalten. Überall waren dort die
besetzenden Heere, so ungefähr wie die Spanier im 80-jährigen Krieg [1] und die
Deutschen im letzten Weltkrieg, die immer als besetzende Macht der Bevölkerung
große Not bereiteten. Aus diesem Grund kamen auch die Rekabiter nach Jerusalem,
eben um dort zu wohnen. Das jedoch nur nebenbei.
Schließlich taucht Nebukadnezar selbst auf. Im Jahre 598 hat er genug vom
ärgerlichen Jojakim, der eigentlich mit Herz und Nieren ein Bundesgenosse des
Pharao von Ägypten, dem großen Erzrivalen von Nebukadnezar ist. Er denkt: Ich
krieg dich zu fassen.
Das babylonische Heer zieht 598 gegen Jerusalem.
Genau in diesem Monat stirbt Jojakim. Wie, wissen wir nicht. Vermutlich wurde
er von einer Partei des Landes ermordet, die so langsam genug von diesem
Wagehals hatte.
Über sein Lebensende hat Jeremia einiges geschrieben. Kapitel 22,18-19: „Darum
spricht der HERR von Jojakim, dem Sohne Josias, dem König von Juda, also: Man
wird nicht um ihn klagen: Ach, mein Bruder!, und: Ach, Schwester! Man wird nicht
um ihn klagen: Ach, Herr!, und: Ach, seine Herrlichkeit! Mit dem Begräbnis eines
Esels wird er begraben werden; man wird ihn fortschleifen und wegwerfen weit
hinweg von den Toren Jerusalems.“ Schrecklich ist das! Ein Mann, den man wie
einen toten Kadaver einfach wegschmeißt. Das machen wir zwar heute nicht. Damals
tat man das leichter als wir heute. So machten sie das auch mit ihm. Er wurde
genau wie ein Esel begraben, wie ein toter Kadaver, den man einfach wegschmeißt.
In Kapitel 36,30 wird das vorausgesagt: „Er wird niemand haben, der auf
dem Thron Davids sitze; und sein Leichnam wird hingeworfen sein der Hitze bei
Tage und der Kälte bei Nacht.“
Vielleicht ist es so gewesen: Das Heer der Babylonier lagerte um die Stadt,
um Jojakim abzustrafen. Vielleicht haben viele in Jerusalem gedacht, dass
Jojakim die Ursache des ganzen Elends ist. Daraufhin haben sie ihn ermordet, den
Leichnam außerhalb der Stadttore geworfen, vielleicht, um dem König zu zeigen,
dass Jojakim tot ist, in der Hoffnung, dass seine Wut sich legen würde.
Aber Nebukadnezar ließ den Leichnam schön liegen, und seine Wut legte sich
nicht, und er lagerte weiterhin um die Stadt.
Inzwischen benötigte Israel einen König. Komische Zustände: Jerusalem
belagert durch das babylonische Heer, der König ist gestorben, sein Leichnam
verwest draußen in der Hitze — abscheuliches Ende, eines der abscheulichsten
Enden der Könige von Juda.
Sie nehmen dann seinen jungen 18-jährigen Sohn Jojakin, der dreieinhalb Monate
durchgehalten hat. Drei Monate und zehn Tage ist er König gewesen.
Und dann, im Jahr 597, am 16. März — wir wissen das aufgrund der
babylonischen Chroniken so genau — wird Jerusalem eingenommen. Damit kommt auch
ein Ende an die Ära Jojakins.
Es ist merkwürdig: Jeremia hat über diesen König fast nichts geschrieben,
außer in Kapitel 22,20-30 und auch in Jeremia 13,18-19; einfach so zwischen
anderen Worten. Ich sagte schon, dass das das Buch so schwierig macht, weil die
Stücke so durcheinander zu stehen scheinen.
Kapitel 13,18: „Sprich zu dem König und zu der Königin“ (das ist seine
Mutter, die Frau Jojakims). Jojakim war tot. Sein 18-jähriger Sohn war König.
Die Mutter hatte natürlich einen großen Einfluss auf den jungen Mann: „Setzet
euch tief herunter [= auf den letzten Platz]; denn von euren Häuptern ist
herabgesunken die Krone eurer Herrlichkeit. Die Städte des Südens sind
verschlossen, und niemand öffnet; Juda ist weggeführt insgesamt, ist gänzlich
weggeführt.“ Das taten die Babylonier. „Hebet eure Augen auf und sehet
die von Norden Kommenden!“
Kapitel 22,24: „So wahr ich lebe, spricht der HERR, wenn auch Konja [Konja
= Jekonja = Jojakin], der Sohn Jojakims, der König von Juda, ein Siegelring wäre
an meiner rechten Hand, so würde ich dich doch von dannen wegreißen. Und ich
werde dich in die Hand derer geben, welche nach deinem Leben trachten, und in
die Hand derer, vor welchen du dich fürchtest, und in die Hand Nebukadnezars,
des Königs von Babel, und in die Hand der Chaldäer. Und ich werde dich und deine
Mutter“ (jetzt kommt wieder seine Mutter ins Spiel, die Frau Jojakims), „die
dich geboren hat, in ein anderes Land schleudern, wo ihr nicht geboren seid; und
daselbst werdet ihr sterben. Und in das Land, wohin sie sich sehnen
zurückzukehren, dahin werden sie nicht zurückkehren.“
So ist das gelaufen. Als Jerusalem im Jahr 597 eingenommen wird, nimmt
Nebukadrezar den jungen Mann gefangen, der sein ganzes Leben — menschlich
gesprochen — noch vor sich hatte und keine dreieinhalb Monate König gewesen ist. Er
lässt diesen jungen Mann mit seiner Mutter nach Babel deportieren. Dort hat er
Jahrzehnte gewohnt. Merkwürdig ist, dass am Ende von Jeremia die letzten Verse
des Buches diesem jungen Mann gewidmet sind. Genau wie die letzten Verse aus 2.
Könige. Dort steht, dass ein späterer König von Babel diesem Jojakin Gnade
geschenkt hat, ihn aus dem Gefängnis geholt und an seinem Tisch essen ließ. Aber
in das Land seiner Geburt ist Jojakin nie zurückgekehrt.
Viele andere Menschen werden auch nach Babel deportiert. Das war eine
wichtige Lektion. Es ist so herrlich, zu sehen, dass Gott nicht einfach so mit
den Menschen abrechnet. Das ist auch eine gute und wichtige Lektion für uns
heute. Es sind so viele Arten, auf welche Gott zu uns Menschen spricht. Das
passiert in deinem persönlichen Leben. Es passiert auch der Welt gegenüber
heute. Gott spricht auf allerlei Weisen zu
den Herzen der Menschen: durch Plagen, Epidemien und Kriege. Wenn sie nur hören wollen. Und so ist es hier auch.
Eigentlich passiert nämlich ein kleines Wunder. Das kleine Wunder ist, dass
Nebukadnezar Jerusalem nicht verwüstet. Das tat er wohl mit allen anderen
Städten. Das war so die Methode. Eine Stadt wurde verwüstet und damit eigentlich
entehrt, machtlos gemacht. Die Stadt konnte sich nicht mehr gegen ihn empören,
weil sie keine Bollwerke mehr hatte, keine Mauern und keine Festungen mehr. Die
Stadt konnte sich nicht mehr verteidigen. Nun passiert das Wunder. Das war
Gottes Gnade: Jerusalem wird nicht verwüstet.
Daraus hätte das Volk eigentlich
viel lernen müssen, was Jeremia ihnen auch klarmacht. Er macht ihnen deutlich,
dass sie die Gnade Gottes jetzt bekamen, aber dass sie nicht damit rechnen
sollten, dass sie sie immer bekommen würden. Was würden sie jetzt mit diesem
Wunder tun? Würden sie davon profitieren, um nun dem Herrn zu dienen? Es war
eine gewaltige Vorabprüfung für all das Böse, das über sie kommen würde.
Jojakin und seine Mutter und viele Edle waren deportiert; eigentlich alle Besten
des Landes. Vielleicht ist das auch die Zeit — aber das ist eine komplizierte
Geschichte —, in der Daniel und seine Freunde nach Babel weggeführt wurden. Es
kann aber auch sein, dass sie schon vorher weggeführt wurden. Aber die Elite
wurde eigentlich nach Babel gebracht. Und so konnten sie dies lernen: Wenn ihr
so weitermacht, wie ihr tut, wird später ganz Juda nach Babel weggeführt und
Jerusalem wirklich verwüstet werden. Dies ist in der Tat eine letzte Warnung.
Daher machen die letzten elf Jahre der Geschichte Judas einen Großteil des
Buches Jeremia aus.
Nebukadnezar nimmt Jojakin mit und wählt aus der königlichen Familie einen
Mann aus, von dem er sicher sein kann, dass er ihm treu bleibt. Es war ein Onkel
von Jojakin, der allerdings nicht viel älter war als Jojakin selbst. Es war ein
viel jüngerer Bruder von Jojakim: Zedekia. Sein Name bedeutet: Der Herr ist
gerecht. Aus diesem Namen hat er jedoch nicht viel Schönes gemacht.
Zedekia ist ein ganz anderer als Jojakim. Jojakim, wie gesagt, war ein
arroganter, selbstsüchtiger und ehrsüchtiger Angeber. Arrogant, weil er das Wort
des Herrn verachtend und von oben herab neben sich wirft. Ein Mann mit einer
starken Persönlichkeit. Zedekia ist komplett anders, was Nebukadnezar gut gesehen hat. Er hat von ihm
gut Gebrauch gemacht. Zedekia war ein Schwächling. Er hat kein Problem mit
Jeremia gehabt. Eigentlich hat er Jeremia im Herzen sogar Recht gegeben. Wir
werden das gleich sehen. Aber er war nicht stark genug, um davon auch Gebrauch
zu machen und sich wirklich zu bekehren.
Jeremia sagte von Anfang an: Ich habe nur eine Botschaft für dich, König
Zedekia. Wenn du dich wirklich dem König von Babel übergibst, wird es dir gutgehen. Das sagte Jeremia nicht, weil er so
probabylonisch war. Er kündigt in
seinem Buch auch an, dass schlussendlich das Gericht genauso über Nebukadnezar
und Babel kommen wird, weil es gottlose Völker waren. Er war nicht
probabylonisch, aber wusste, dass in diesem Moment für Israel nur ein Ausweg da
ist, nämlich dass sie sich beugen und die Zornrute Gottes und das Gericht
akzeptieren und sich der Macht Babylons übergeben. Das ist die Botschaft an
Zedekia. Der traut sich das aber nicht zu sagen. Denn noch immer gibt es Subströme im Volk, die denken, dass Ägypten sie später wieder aus der Hand der
Babylonier befreien wird, so dass es wieder so schön wird, wie es früher gewesen
ist.
Zedekia schart auch die Minister um sich. Aber ich sagte ja schon, dass die
Elite von Juda bereits deportiert war. Dann bekommt man automatisch die zweite
Wahl. Die zweite Wahl waren unerfahrene Männer, man kann annehmen junge Männer
wie Zedekia selbst — und ehrsüchtige und unvorsichtige junge Waghälse. Darüber
hinaus nationalistisch: Juda, das ist es! Juda darf nicht von Babylonien
unterjocht sein, sondern muss es selbst sein, und sie meinten damit eigentlich,
dass sie der verlängerte Arm Ägyptens sind. Törichte Kerle, törichte
Führungsmitglieder von Zedekia, Menschen, die blind waren und nicht aus der
Nachsicht Nebukadnezars lernten, der Jerusalem noch nicht verwüstet hat.
Außerdem sahen Zedekia und die Seinen auf die Verbannten herab, die
weggeführt worden waren, was natürlich völlig töricht war. Es gibt diese dummen
Menschen: Die Verbannten waren viel besser als sie selbst, es waren die Edlen
des Volkes gewesen. Das ist die Primitivität des Denkens vieler Menschen: Die
sitzen als Verbannte in Babylonien. Sie waren noch da. Sie waren an der Macht.
Also sahen sie automatisch herab.
Am Anfang der Regierung Zedekias kann man lesen, dass Jeremia in Kapitel 24
gegen ihn und seine Männer eine Vision vorbringt. Eine Vision, in der er zwei
Körbe mit Feigen gesehen hat. In dem einen Korb sind wunderschöne und glänzende
Feigen, herrlich zum Essen. Im anderen Korb befinden sich sehr schlechte Feigen,
so schlecht, dass sie schon übel riechen. Verfaulte Feigen. Hier siehst du, was
für herrliche Bilder symbolische Sprache hervorbringt. Der Herr fragt Jeremia,
was er sieht und gibt ihm dann diese sehr klare Botschaft: Die guten Feigen sind die Verbannten, die aus Juda nach Babylonien gegangen
sind. Das sind die Menschen, die der Herr „zum Guten ansieht“, die Er segnen
wird.
(Frage: Wer war z.B. der große Prophet, der sich unter den Weggeführten
befand und der auch in Babylonien gelandet ist? Antwort 1: Daniel, richtig, den
hatten wir gerade schon.
Antwort 2: Der große Prophet war Hesekiel. Ein ganz interessantes Thema an
sich.)
Die Menschen dort werden gesegnet. Sie hatten ihren Kopf unter das Gericht
Gottes gebeugt. Aber sagt Er: Diese Menschen, die hier übriggeblieben sind,
Zedekia und seine Fürsten, sind die schlechten, verfaulten Feigen. Übler Geruch
kommt von ihnen. Diese Männer werden ihrem Gericht nicht entkommen.
Jeremia wusste, dass er noch einige Jahre vor sich hatte, dass es aber
eigentlich eine hoffnungslose Sache war. Er wusste, dass seine Predigt von so
vielen Jahrzehnten — jetzt schon dreißig Jahre, von 627 bis 597 — eigentlich
nichts gebracht hat. Das ist etwas, wenn du dein ganzes Leben für eine Sache einsetzt und siehst,
dass es alles umsonst gewesen ist. Das ist natürlich nicht ganz wahr. Es hat
einige Einzelne im Volk gegeben, die dank der Predigt Jeremias zum Glauben
gekommen sind.
Aber Gott hat ihn auch eine Lektion gelehrt, die manche von uns auch lernen
müssen und die schrecklich schwer zu lernen ist: Trotz scheinbar totalem
Misslingen weiter auf Gott zu vertrauen und weiterzumachen mit etwas, was
vollkommen sinnlos, hoffnungslos und nutzlos zu sein scheint. Das ist sehr
schwierig. Daher haben wir auch gerade in dem Lied gesungen, dass Er eine Jugend
sucht, die auf Ihn vertraut. Das ist einfach gesagt, ist aber eine der großen
Lektionen, die du aus dem Leben Jeremias lernen kannst: durch alles Misslingen
hindurch weiter auf Ihn zu vertrauen. Das ist die wichtige Botschaft aus Kapitel
24: die guten und die schlechten Feigen.
Nach einigen Jahren — im Jahr 594/593 — hat Zedekia zum ersten Mal versucht,
sich gegen Nebukadnezar zu empören. Dummer Junge! Es war sinnlos. Jeremia hat
diesen Versuchen deswegen auch massiv widersprochen. Das ist in Kapitel 27 zu
finden. Wenn du in Vers 3 schaust, siehst du zwischen den Zeilen, was geschehen
ist.
Jeremia erhält den Auftrag: „Mache dir Bande und Jochstäbe, und lege sie
um deinen Hals; und sende sie [die Bande und die Jochstäbe also] an den König
von Edom und an den König von Moab und an den König der Kinder Ammon, und an den
König von Tyrus und an den König von Zidon, durch die Boten, welche nach
Jerusalem zu Zedekia, dem König von Juda, gekommen sind.“ Es kamen also aus
der Umgegend Gesandte zu Zedekia, die sagten: Hör mal! Sollen wir nicht
gemeinsam einen Aufstand versuchen? — Jeremia erfährt das durch ein direktes Wort
des Herrn. Und der Herr sagt: Die Gesandten sind alle in Jerusalem. Nimm Bänder
und Jochstäbe und lege diese um deinen eigenen Hals, und wenn du bei denen bist,
nimm sie dann von deinem Hals und lege sie auf all die Gesandten dort und sag
ihnen: So werdet ihr alle unter das Joch des Königs Nebukadnezar kommen. Ihr
versucht einen Aufstand, der sinnlos ist! Ihr könnt es genauso gut lassen, denn
ihr werdet schließlich sowieso alle völlig an Nebukadnezar, seinem Sohn und auch
seinem Enkel unterworfen sein. Er sagt also: Ihr werdet alle Verbannte werden,
und das wird sogar eine ganz lange Zeit dauern.
Jeremia warnt nicht nur vor dem kommenden Gericht (es geht nicht mehr nur um
Warnungen), er sagt nun genau, was passieren wird. Er sagt, dass das Gericht
unabwendbar kommen wird, der König von Babel wird von diesem Land Besitz
ergreifen, er wird Jerusalem verwüsten, er wird auch die umliegenden Länder in
Besitz nehmen: Ihr werdet alle als Verbannte dorthin kommen, und sagt sogar
genau, dass die Verbannung siebzig Jahre lang dauern wird.
Auch das war nicht einfach. Ich hab schon mal gesagt, dass das Land voll war
von Propheten. Er war nicht der einzige Prophet. Da war z.B. (Kap. 28) eine ganze Schar
von Propheten. Ein wichtiger unter ihnen war der Prophet Hananja. Den findest du
in Jeremia 28. Der wanderte durch’s Land und sagte: Noch zwei Jahre und dann
wird die Verbannung derjenigen enden, die bereits in Babel sind, und dann wird
das Joch des Königs von Babel zerbrochen werden. Innerhalb von zwei Jahren werde
ich alles, was er gestohlen hat, wieder nach Jerusalem zurückbringen lassen. Und
auch Jekonja/Jojakin und all die anderen Weggeführten werden alle an diesen Ort
zurückkehren. — Das verkündete er in der Öffentlichkeit, im Tempel. Das findest du
in Jeremia 28 beschrieben.
In Vers 6 sagt Jeremia fast sarkastisch — er hatte bis dahin ruhig zugehört —,
während alle Menschen drumherum stehen: „Amen, HERR tue also!“ Als ob
er sagen wollte: Ja, das wäre schön. Das ist eine tolle Idee. „Der HERR
bestätige deine Worte, die du geweissagt hast.“ In zwei Jahren sind die
Verbannten alle wieder da, alles Diebesgut zurück, herrlich! Aber, sagt er:
Jetzt werde ich dir erzählen, was wirklich geschehen wird: „Nun höre
doch dieses Wort, welches ich vor deinem Ohren und vor den Ohren des Volkes rede“
(V. 7), und dann sagt er: Das Wort dieses Propheten wird nicht in Erfüllung gehen —
oder, er sagt es eigentlich anders, er sagt: Wenn das Wort in Erfüllung
geht, wird jeder darin deutlich erkennen können, dass ich kein Prophet des Herrn
bin. Danach liest du vom Propheten Hananja (V. 10), dass er das Joch vom Hals
des Propheten Jeremia nahm, welches er als Symbol um den Hals trug, es zerbrach,
„und Hananja redete vor den Ohren des ganzen Volkes und sprach: So spricht
der HERR: Ebenso werde ich binnen zwei Jahren das Joch Nebukadnezars, des Königs
von Babel, zerbrechen vom Halse aller Nationen“. Jeremia hält seinen Mund und geht weg. So steht das da.
Dann kommt der Herr zu ihm und sagt: „Geh und sprich zu Hananja und sage:
So spricht der HERR: Hölzerne Jochstäbe hast du zerbrochen, aber an ihrer Statt
eiserne Jochstäbe gemacht. Denn so spricht der HERR der Heerscharen, der Gott
Israels: Ein eisernes Joch habe ich auf den Hals aller dieser Nationen gelegt,
damit sie Nebukadnezar, dem König von Babel, dienen, und sie werden ihm dienen“
(28,13). Jeremia geht und sagt ihm das: „Höre doch, Hananja! Der HERR hat
dich nicht gesandt, sondern du hast dieses Volk auf eine Lüge vertrauen lassen.
Darum, spricht der HERR: Siehe, ich werfe dich vom Erdboden hinweg; dieses Jahr
wirst du sterben; denn du hast Abfall geredet wider den HERRN“ (28,15-16).
Das war etwas! Hananja sagte: In zwei Jahren kommen alle Weggeführten und alle
Güter zurück. Und jetzt sagt Jeremia zu ihm: Nein, es ist genau umgekehrt: In
diesem Jahr bist du tot. Das nennt man: sich weit vorwagen, riskante Aussprachen
tätigen. Dieser Mann war so erfüllt vom Wort des Herrn, dass er sich nicht
schämte, öffentlich zu ihm zu sagen — gemäß dem Wort des Herrn natürlich, das
war keine Drohung, der Herr hatte es ihm aufgetragen —: Dieses Jahr bist du
eine Leiche. Am Ende des Kapitels steht dann ganz nüchtern da: „Und der
Prophet Hananja starb in demselben Jahr im siebten Monat“ (28,17).
Das hätte doch einen Eindruck beim Volk hinterlassen müssen, tat es aber
leider nicht.
Jeremia hat nicht nur in Juda prophezeit, dass es eine ganz langwierige Sache
werden würde, dass sie sich alle auf eine lange, lange Verbannung einzustellen
hätten, sondern hat das auch den Weggeführten in Babel geschrieben. In Jeremia
29 haben wir einen ganz interessanten Brief, den er den Weggeführten in Babel
geschrieben hat. Darin hat er ihnen genau erzählt, dass es eine lange Sache
werden würde. Vers 10: „Sobald siebzig Jahre für Babel voll sind, werde ich mich euer
annehmen und mein gutes Wort an euch erfüllen, euch an diesen Ort
zurückzubringen. Denn ich weiß ja die Gedanken, die ich über euch denke, spricht
der HERR, Gedanken des Friedens und nicht zum Unglück.“ Gott tut das seinem
Volk zuliebe. Aber es dauert wohl lange: siebzig Jahre. In Vers 14 sagt er dann:
„Und ich werde eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Nationen
und aus allen Orten, wohin ich euch vertrieben habe, spricht der HERR.“ Ein
Brief von Jeremia, der wörtlich in Erfüllung gegangen ist. Später lesen wir,
dass Daniel im Buch von Jeremia gelesen hat, dass es siebzig Jahre dauern würde,
und er hat dann sozusagen auf die Uhr geschaut und gesehen, dass die Zeit bald um
ist. Jeremia hat das alles vorhergesagt, hat aber das Ende der Wegführung selbst
natürlich nicht mehr erlebt.
Aus dem Aufstand, den Zedekia mit seinen Nachbarn plante, ist nichts
geworden. Wie es gewesen ist, wissen wir nicht. Zedekia hat erneut seine
Abhängigkeit von Nebukadnezar erklärt, und vermutlich — wenn du dir Kapitel 51
ansiehst — hat er das, wenn wir den Vers genau lesen, persönlich getan. Er ist
ganz nach Babel gereist. Vermutlich ist Nebukadnezar zu Ohren gekommen, was
Zedekia geplant hatte. Zedekia hat sich fürchterlich erschrocken und ging
persönlich nach Babel, um König Nebukadnezar zu sagen, dass er ein treuer,
ordentlicher, netter und aufmerkender Vasall geworden ist.
Jeremia gibt ihm dann einen Auftrag. Lies Jeremia 51,59: „Das Wort,
welches der Prophet Jeremia Seraja, dem Sohne Nerijas, des Sohnes Machsejas,
gebot, als er mit Zedekia, dem König von Juda, im vierten Jahre seiner Regierung
nach Babel zog.“ Wir sind hier im Jahr 593 .„Und Seraja war
Reisemarschall“,
ein hoher Beamter also, der mit dem König mitreiste, jedoch auf Seiten Jeremias
stand.
Dann passiert Folgendes: Jeremia schreibt all das Unheil, das über Babel
kommen wird, in ein Buch. Siehst du, er prophezeit nicht nur über Juda, er hat
genauso gut über Babel prophezeit, dass es auch keinen Deut besser war und es
auch einmal unter das Gericht Gottes kommen würde. Wir wissen, wie das passiert
ist, nämlich später durch die Meder und Perser.
Nun, Jeremia schreibt all das Unheil, das in Kapitel 51 sehr ausführlich zu
lesen ist, in ein Buch und sagt dann zu Seraja in Vers 61: „Wenn du nach
Babel kommst, so sieh zu und lies alle diese Worte“ — Er musste es lauthals
vorlesen! — „und sprich: HERR, du hast gegen diesen Ort geredet, dass du ihn
ausrotten werdest, so dass kein Bewohner mehr darin sei, weder Mensch noch Vieh,
sondern dass er zu ewigen Wüsteneien werden solle. Und es soll geschehen, wenn
du dieses Buch zu Ende gelesen hast, so binde einen Stein daran und wirf es
mitten in den Euphrat und sprich: Also wird Babel versinken und nicht wieder
emporkommen wegen des Unglücks, welches ich über dasselbe bringe.“
Wundersame Geschichte! Du siehst, wie Seraja mit dem König reist und
öffentlich in Babel erzählt, dass Babel auch einmal das Gericht Gottes zu spüren
bekommen wird. Er liest das aus dem Buch vor, rollt es wieder ein, bindet einen
Stein daran und schmeißt es mitten in den Fluss. Ein Buch des Fluches, dass das
Schicksal von Babel ebenso besiegelt wie das Los Judas.
Zedekia ist lernresistent. Im Jahr 589 beraten sie über einen erneuten Aufstand.
Es gibt einen Punkt im Leben eines Menschen, an dem er für Gottes Warnungen
unerreichbar wird. Gott sagt durch Elihu: Ich spreche zwei- oder dreimal zum
Menschen, um ihn von seiner Torheit abzubringen. — Zu gegebener Zeit kann ein
Mensch sein Herz dermaßen verhärten; das kannst du auch beim Pharao von Ägypten
zur Zeit Moses sehen, und du siehst es hier bei Zedekia. Es hilft alles nichts
mehr. Neue Pläne einer Verschwörung kommen auf. In 2. Könige 24,20 steht: „Zedekia
empörte sich gegen den König von Babel.“ Es steht dort nur ganz kurz und
nüchtern. Übrigens auch in Hesekiel 17 — es wäre zu viel, alle Texte aus
Hesekiel dazu aufzuzählen. Aber diesen einen könnte ich nennen: „Er [Zedekia]
empörte sich wider ihn, indem er seine Boten nach Ägypten sandte.“ Immer
wieder Ägypten. Alle Hoffnung war immer noch auf Ägypten gerichtet. Zedekia
empört sich, verbindet sich mit Ägypten, arbeitet mit Ägypten zusammen, um
gemeinsam mit Ägypten zu versuchen, das Joch von Babel abzuwerfen. Jetzt ist
allerdings wirklich genug. Im Herbst des Jahres 589 kommt das babylonische Heer
nach Juda — definitiv! In Kapitel 52 wird das alles beschrieben. Jeremia 52,3:
„Und
Zedekia empörte sich gegen den König von Babel. Und es geschah im neunten Jahre
seiner Regierung, im zehnten Monat, am zehnten des Monats, da kamen Nebukadrezar,
der König von Babel, er und sein ganzes Heer, wider Jerusalem und lagerten sich
wider dasselbe; und sie bauten Belagerungstürme wieder dasselbe ringsumher.“
Das ist der Beginn der Belagerung. Im Januar 588 beginnt die Belagerung. Die
Babylonier hatten überhaupt keine Eile. Das waren ausgeschlafene Militärs. Die
schlossen die Stadt einfach ein und liefen nicht direkt Sturm gegen die Mauern.
So eine Stadt wurde in Ruhe ausgehungert. Inzwischen waren sie damit
beschäftigt, alle anderen Städte von Juda leidlich aus dem Weg zu räumen.
Jeremia 34,7: „… während das Herr des Königs von Babel wider Jerusalem und
wider alle übrig gebliebenen Städte Judas stritt, wider Lachis und wider Aseka;
denn diese waren als feste Städte unter den Stämmen Judas übrig geblieben.“
Alle diese Städte wurden eine nach der anderen eingenommen. Zwei waren nur noch
übrig. Dann wurde allerdings Aseka auch noch eingenommen, und dann blieb nur noch
Lachis übrig.
Jerusalem war also als eine kleine Insel in einem verwüsteten Land übrig (was
die kleinen Städte betrifft). Es ist einfach eine grausame Tragödie, wenn du
siehst, wie durch die eigene Torheit und Sünde des Volkes Jeremia Schritt für
Schritt alles vorhersagt, was passieren wird und es hilft alles nichts.
Jetzt findest du dasselbe, was auch schon in den Tagen Jojakims passierte.
Das Volk bekommt Angst und hat jetzt den Herrn wieder nötig. In Kapitel 21
siehst du, wie während der Belagerung Jerusalems Zedekia heimlich eine
Gesandtschaft zu Jeremia schickt. Das hätte Jojakim nie getan. Der pfiff auf
Jeremia genauso wie auf den Herrn. Aber Zedekia ist ein Angsthase, ist ein
Zweifler und hat Jeremia nun doch nötig. In Kapitel 21,1-10 steht bei mir als
Überschrift: Zedekias erste Gesandtschaft. Er sagt in Vers 2 mittels des Boten
zu Jeremia: „Befrage doch den HERRN für uns, denn Nebukadrezar, der König von
Babel, streitet wider uns; vielleicht wird der HERR mit uns handeln nach allen
seinen Wundern, dass er von uns abziehe.“
Siehst du, jetzt wird sich auf einmal auf Gottes Wunder berufen. Ja, in der
Tat! Gott ist mächtig, Wunder zu tun und Israel aus der Hand des Königs zu
befreien. Aber dies ist natürlich schon eine scheinheilige Anfrage nach all den
Bosheiten.
Jeremia sagt zu den Boten: Geht zurück zu Zedekia und erzählt ihm genau, was
geschehen wird. Jerusalem wird vernichtet werden und das Volk wird der Macht des
Königs von Babel übergeben werden. Entweder werden sie geschlagen oder ins Exil
gebracht. Vers 8: „So spricht der HERR:“ — er lässt dies durch die Boten
dem König übermitteln — „Siehe, ich lege euch den Weg des Lebens vor und den
Weg des Todes. Wer in dieser Stadt bleibt, wird sterben durch das Schwert und
durch den Hunger und durch die Pest; wer aber hinausgeht und zu den Chaldäern
überläuft, die euch belagern, wird leben.“ Er sagt: Es gibt noch eine Möglichkeit. —
Diese Möglichkeit war sehr
erniedrigend für diese starken Nationalisten. Sie heißt: Geh aus der Stadt und
übergib dich dem König von Babel, denn dann erfährst du Gnade. Ansonsten geht es
unwiderruflich schief, denn das Los der Stadt ist unabwendbar. Vers 10: „Sie wird in die Hand des Königs von Babel gegeben werden, und er wird sie mit
Feuer verbrennen.“
In Kapitel 34,2-7 findest du eine zweite Warnung, die Jeremia Zedekia während
der Belagerung gibt. Dies ist eine ganz persönliche Warnung, die für Zedekia
bestimmt ist.
Nebukadnezar lag mit seinem Heer um Jerusalem. Dazu sagt der Herr in Vers 2: „Geh und sprich zu Zedekia, dem König von Juda, und sage ihm: So spricht der
HERR: Siehe, ich gebe diese Stadt in die Hand des Königs von Babel, dass er sie
mit Feuer verbrenne. Und du, du wirst seiner Hand nicht entrinnen, sondern
gewisslich ergriffen und in seine Hand gegeben werden; und deine Augen werden
die Augen des Königs von Babel sehen, und sein Mund wird mit deinem Munde reden,
und du wirst nach Babel kommen. Doch höre das Wort des HERRN, Zedekia, König von
Juda! So spricht der HERR über dich: Du wirst nicht durch das Schwert sterben;
in Frieden wirst du sterben, und gleich Bränden deiner Väter, der früheren
Könige, die vor dir gewesen sind, also wird man dir einen Brand machen, und man
wird über dich klagen.“
Das ist merkwürdig! Warum dies? Es kann sein, dass dies so war, weil Zedekia
einmal in seinem Leben eine Wohltat an Jeremia getan hat, einmal gut zu ihm
gewesen ist. Das ist wieder eine andere Lektion, von denen es so viele in der Geschichte
gibt, dass Gott inmitten all der Gottlosigkeit, wenn noch etwas Gutes für Ihn da
ist, dies zu würdigen und zu belohnen weiß. Das ist eigentlich unglaublich. Wir
würden sagen: Die paar guten Dinge fallen gegenüber all dem schrecklichen Bösen
unter den Tisch. Wir sehen das bei König Ahab: Wenn er ein einziges Mal bereut,
erhält er gleich eine große Belohnung, indem Gott das Gericht hinausschiebt.
Dasselbe siehst du auch bei Zedekia. Wir werden gleich sehen, was diese Wohltat
beinhaltet. Es ist etwas schwierig, hier die chronologische Reihenfolge genau
einzuhalten.
Inzwischen hat Zedekia — wie gesagt — insgeheim Botschafter zum Pharao
geschickt. Und zum Glück hat Jeremia doch nicht Recht. Siehst du, dass doch
noch alles klar geht? Dieser schlechte Kerl mit all den pessimistischen
Warnungen!
Was passiert? Der Pharao Ägyptens, Pharao Hophra, schickt ein Heer. Das
Heer kommt in Juda an. Die Babylonier — in der Tat, das kannst du in Kapitel 37
nachlesen — heben sogar zeitweilig die Belagerung Jerusalems auf, um den
Ägyptern die Stirn zu bieten. In Kapitel 37,5 steht: „Und das Heer des Pharao
war aus Ägypten ausgezogen; und die Chaldäer, welche Jerusalem belagerten,
hatten die Kunde von ihnen vernommen und waren von Jerusalem abgezogen.“
Jeder holte wieder erleichtert Luft. Sie verlachten Jeremia wieder: Siehst
du, dass die Ägypter uns helfen kommen und dass du davon gar nichts weißt?
Danach ist da wieder eine Botschaft zu finden. Zedekia fragt zum zweiten Mal
mittels einer Gesandtschaft: Wie geht’s jetzt weiter? Bete doch, dass die
Babylonier uns in Ruhe lassen. Dann sagt Jeremia durch das Wort des Herrn: „Also
sollt ihr dem König von Juda sagen, der euch zu mir gesandt hat, um mich zu
befragen: Siehe, das Heer des Pharao, welches euch zu Hilfe ausgezogen ist, wird
in sein Land Ägypten zurückkehren. Und die Chaldäer werden wiederkommen und
gegen diese Stadt streiten, und sie werden sie einnehmen und mit Feuer
verbrennen. So spricht der HERR: Täuschet euch nicht selbst, dass ihr sprechet:
Die Chaldäer werden gewisslich von uns wegziehen; denn sie werden nicht
wegziehen. Denn“ — eine schöne osttypische Übertreibung, könnte man sagen,
worin man gleichzeitig das unabwendbare Gericht sieht — „wenn ihr auch das ganze
Heer der Chaldäer schlüget, die wider euch streiten, und es blieben unter ihnen
nur einige durchbohrte [schwer verwundete] Männer übrig, so würden diese ein
jeder in seinem Zelte aufstehen und diese Stadt mit Feuer verbrennen.“ Um es
noch übertriebener zu sagen: Würde nur ein Chaldäer übrigbleiben, würde dieser
dennoch Jerusalem in Brand stecken. Er will damit sagen: Bilde dir nichts ein,
das Böse ist unabwendbar.
Nun, jedenfalls ist die Belagerung aufgehoben. Jeder atmet erleichtert auf. Und
es wird noch etwas gesagt: eine zweite Gesandtschaft — wie gesagt — von Zedekia
zu Jeremia. Das Heer war weggezogen (37,11): „Und geschah, als das Heer der Chaldäer von Jerusalem abgezogen war vor dem Heer des Pharao, da ging Jeremia
aus Jerusalem hinaus, um in das Land Benjamin unter das Volk zu gehen, um seinen
Anteil [ein Erbteil] von dort zu holen.“
Er bekam eine Nachricht, dass jemand ihm ein Erbteil hinterlassen hatte und
wollte dort hingehen. An sich eigentlich etwas Wundersames. Man würde doch
sagen: Welchen Sinn hat das, wenn das Land in Kürze den Babyloniern gehören
wird? Aber dies Buch macht uns deutlich — das werden wir gleich vielleicht noch
sehen —, dass Jeremia sein Auge auf die weite Zukunft gerichtet hat, in der Gott
das Land an sein eigenes Volk wieder zurückgeben wird. Darum ist Jeremia nicht
im vollen Sinn des Wortes ein Pessimist. Ich habe vorhin schon gesagt, dass der
Höhepunkt dieses Buches schlechthin Kapitel 30 und 31 sind, die schlussendlich
erst im Tausendjährigen Reich erfüllt sein werden, in denen Jeremia ankündigt,
dass dann alles in Ordnung kommt.
Deswegen siehst du, dass dieser Mann mit Sicht auf die Zukunft in aller Ruhe ein
Erbteil annehmen will, in dem Land, das zum Untergang verdammt ist. Aber als er
zur Stadttür kommt, steht dort ein Befehlshaber der Wache (37,13) — Jerija
genannt —, hält den Propheten auf und sagt: Hey, wo willst du denn hin? Du willst
sicher zu den Chaldäern überlaufen, nicht wahr? Jeremia sagt: Das stimmt nicht!
Ich will gar nicht überlaufen. Aber das hilft nichts. Jerija hört ihm nicht zu,
ergreift ihn und schleppt ihn zu den Fürsten. Klar, das ist auch wieder
psychologisch verständlich, die Menschen waren bis in die Haarspitzen
angespannt, hypernervös. Sie waren böse auf Jeremia. Sie gaben ihm Schläge und
steckten ihn ins Gefängnis, im Haus des Schreibers Jonathan. Dies hatten sie als
Kerker eingerichtet. So kam Jeremia ins Gefängnis, in die Gewölbe, und blieb dort
lange Zeit. Der einzige Mann in Israel, der noch das Wort des Herrn verkündigte,
saß nun für lange Zeit hinter Schloss und Riegel im Gefängnis; lange Zeit, d.h.
monatelang.
Nun siehst du den Schwächling Zedekia, der in seinem Herzen eigentlich doch gern
getan hätte, was Jeremia zu ihm gesagt hatte. In Kapitel 37,17 steht: „Da
sandte der König hin und ließ ihn holen.“ Der König fragt ihn insgeheim: „Ist
ein Wort da vonseiten des HERRN?“ Wie soll das jetzt alles weitergehen? Ich bin
mit meinem Latein am Ende. Und Jeremia antwortet: Ja. Es gibt ein Wort des
Herrn: „Du wirst in die Hand des Königs von Babel gegeben werden.“ So einfach
ist die Botschaft. Daran gibt es nichts zu ändern. Aber dann hat er noch eine
persönliche Frage: Warum muss ich im Gefängnis sitzen, König? Habe ich dir etwas
getan? Habe ich gegen dich gesündigt? Ich habe dir doch immer nur die Wahrheit
gesagt. Wo sind denn die Propheten, die gesagt haben, dass der König von Babel
nicht gegen uns ziehen wird? Diesen Propheten hast du nie etwas getan. Und sie
haben gelogen! Ich habe die Wahrheit gesprochen. Ich habe dich immer gewarnt,
dass der König von Babel kommt. Warum hast du mich jetzt ins Gefängnis geworfen?
Nur weil ich die Wahrheit gesagt habe? Lass mich doch nicht zum Gefängnis
zurückgehen, damit ich nicht dort sterben muss. — Zedekia gab dann Befehl, und man
versetzte Jeremia in den Gefängnishof. Das war zwar auch ein Gefängnis,
allerdings ein angenehmerer Ort, um sich aufzuhalten. Er bekam dort sogar ein
Brot aus der Bäckerstraße, bis dass alles Brot in der Stadt aufgezehrt war, denn
ich hatte ja schon gesagt, dass die Babylonier damit beschäftigt waren, die
Stadt nach und nach auszuhungern.
Jeremia machte mittels seiner Freunde — oder von mir aus: durch das Fenster des
Gefängnisses — einfach weiter. Der Mann war einfach nicht kleinzukriegen.
Verstehst du, es ist unheimlich wichtig, in dem Buch zu sehen, dass der Mann
seinen Tiefpunkt gehabt hat und manchmal selbst nicht weiter wusste. So richtig
menschlich. Es gibt keinen so menschlichen Propheten, jemanden, der so nah bei
uns ist wie Jeremia. Soeben habe ich dir die Beispiele gegeben, dass er zutiefst
verzweifelt war und dass andererseits das Feuer in ihm brannte und er seinen
Mund nicht halten konnte und einfach weitermachte. Er machte sogar aus dem
Gefängnis heraus weiter. Er sagt in Kapitel 38,2: „So spricht der HERR: Wer in
dieser Stadt bleibt, wird sterben durch das Schwert, durch den Hunger und durch
die Pest; wer aber zu den Chaldäern hinausgeht, wird leben, und seine Seele wird
ihm zur Beute sein, dass er lebe.“ Nun, das ist Hochverrat! Dieser Mann
verkündigte zu Zeiten der Belagerung: Lauf über zum König von Babel, dann wirst
du am Leben bleiben, ansonsten bist du erledigt. „Diese Stadt wird gewisslich in
die Hand des Königs von Babel gegeben werden“, und dann werdet ihr alle dran
glauben müssen, außer den Überläufern.
Darüber werden die Fürsten so böse, dass sie zu Zedekia sagen: Diesen Mann musst
du zu Tode bringen! Das geht so nicht! Den kannst du nicht einfach weitermachen
lassen! Dieser Mann begeht Hochverrat! Und der Schwächling Zedekia, der in
seinem Herzen mit Jeremia sympathisiert, sagt zu ihnen: „Siehe, er ist in eurer
Hand, denn der König vermag nichts neben euch.“ Das ist eigentlich sogar ein
Vorwurf: Ich kann gegen euch sowieso nichts unternehmen. Also los, nehmt ihn
mit. Es ist genau wie bei Daniel, weißt du, wo der König Darius auch nichts
gegen seine Fürsten unternehmen konnte und diese Daniel schließlich in die
Löwengrube warfen. Nun, hier passierte es fast genauso. Sie nahmen Jeremia,
warfen ihn in den Brunnen von Prinz Malkija, der im Gefängnishof war und ließen
ihn an Stricken hinab. „Und in der Grube war kein Wasser, sondern Schlamm, und
Jeremia sank in den Schlamm“ (38,6). Er sank allmählich immer tiefer in den
Schlamm, bis dass er umkommen und im Dreck ersticken würde. Würde Gott seinen
großen Dienstknecht im Stich lassen?
Es gibt dort einen Mann, Ebedmelech (das bedeutet: Knecht des Königs, ein Diener
Gottes), ein Fremdling übrigens, ein Äthiopier, ein Eunuch, der im Haus des
Königs war und das hörte. Wunderbar, dass Gott in so einem Moment von einem
Knecht, einem Fremdling, Gebrauch machen kann, der in diesem Moment als einziger
Mensch Jeremia zur Hilfe kommt.
Er geht zum König und fleht ihn unter Gefahr seines eigenen Lebens an und sagt:
Das sind böse Männer, die dir ins Ohr geflüstert haben, Jeremia in die Grube zu
werfen. Du darfst das nicht tun! Ja, sagt der König, eigentlich hast du Recht,
Ebedmelech, eigentlich ist das ganz schlimm, und ich hatte damit auch viel Mühe.
Hier, nimm schnell drei Leute mit zum Brunnen und zieh ihn heraus, bevor er
stirbt. Sie gehen zum Brunnen mit alten Lumpen, die er unter seine Arme klemmen muss, um den Schmerzen wegen der scheuernden Stricke zu entgehen, dann
muss er
die Stricke unter seine Achseln klemmen und wird so aus dem Dreck gezogen. Das war
eine schwere Arbeit, weil er vielleicht schon bis zum Oberkörper im Schlamm
feststeckte, weshalb diese Lumpen nötig waren.
Aber Jeremia kommt dadurch nicht frei. Er wird wieder ins Gefängnis
zurückgebracht.
Der König lässt ihn wieder zu sich kommen. Er kommt nicht drum herum. Jedes Mal
muss er das Wort des Herrn wieder hören. Er ist eigentlich eine tragische Figur:
dieser Mann, der um das Wort des Herrn nicht herumkommt und den Mut nicht hat,
dem Wort zu folgen. Kennst du das? Erkennst du das? An deinem eigenen Leben
kannst du das vielleicht wieder erkennen. Insbesondere gilt das natürlich für
Ungläubige, die eigentlich wissen, dass sie sich bekehren müssen, aber die Kraft
dazu nicht haben. So kann es auch mit manchen Gläubigen sein, die eigentlich
wissen, dass sie mit dieser oder jener Sünde brechen müssten, sich aber nicht
trauen. Sie können es nicht und eigentlich wollen sie es nicht.
Zedekia lässt Jeremia wieder zu sich kommen.
(Aber — bevor ich es vergesse, möchte ich noch mal eben darauf zurückkommen —
ich sagte, dass Zedekia vorhergesagt bekommt, dass er nicht getötet werden wird,
wenn die Stadt eingenommen wird. Das kam, weil Zedekia eine gute Sache in seinem
Leben getan hat, und das war der Moment, in dem er Ebedmelech Gehör schenkte und
Jeremia aus dem Brunnen holen ließ. Das ist das einzig Schöne, das dieser Mann
in seinem ganzen Leben getan hat. Dieses einzige Gute, das er — soviel wie wir
wissen — getan hat, belohnt Gott damit, dass Zedekia nicht getötet werden wird,
wenn die Stadt eingenommen wird. Siehst du, wie gnädig Gott ist? Wie ist seine
Barmherzigkeit groß, dass Er diesen König wegen der einen guten Tat verschont.)
Nun kommt er wieder zum König (38,14): „Ich will dich um ein Wort fragen,
verhehle mir nichts.“ Jeremia fragt dann: Was hat das alles für Sinn? Wenn ich
dir jetzt erzähle, was alles passieren wird, glaubst du sowieso nicht. Es hat
alles nichts genützt. „Da schwur der König Zedekia dem Jeremia insgeheim und
sprach: So wahr der HERR lebt, der uns diese Seele gemacht hat, wenn ich dich
töten, oder wenn ich dich in die Hand dieser Männer geben werde, die nach deinem
Leben trachten“ (V. 16). Na gut, sagt Jeremia, ich werde dir das Wort des
Herrn geben. Er gibt ihm dann die alte Botschaft: Wenn du dich übergibst, wenn
du nach draußen gehst durch die Pforte — in unserer Sprache würden wir sagen:
mit der weißen Fahne wehend — und du übergibst dich dem König von Babel, wird
dir nichts passieren. Dann wird diese Stadt nicht verbrannt werden. „Und du
wirst am Leben bleiben, du und dein Haus“ (V. 17). Aber wenn du das nicht tust,
wird die Stadt verbrannt werden, und du wirst ein Gefangener des Königs von Babel
werden. Zedekia antwortet darauf: Ich trau mich nicht. „Ich fürchte mich vor den
Juden, die zu den Chaldäern übergelaufen sind, dass man mich in ihre Hand
liefere und sie mich misshandeln“ (V. 19). Jeremia sagt dann: Das werden sie
nicht tun! Bitte, König, höre doch! Tu doch, was ich dir sage, und ich garantiere
dir, dass es dir gutgehen wird. Aber wenn du es nicht tust, wird alles verkehrt
laufen: „Siehe, alle Frauen, die im Hause des Königs von Juda übrig geblieben
sind, werden hinausgeführt werden zu den Fürsten des Königs von Babel“ (38,22).
Dann werden sie alle deine Frauen und Kinder mitnehmen. Deine ganze Familie wird
gefangen genommen werden. Du wirst selbst auch nicht entkommen. Die Stadt wird
mit Feuer verbrannt werden.
Das Einzige, was Zedekia noch antwortet, ist: Lass bitte niemanden wissen, dass
wir zusammen gesprochen haben. Wenn die Fürsten das hören und wissen, werden sie
zu mir kommen. Wenn du sie triffst, musst du ihnen eine Ausrede erzählen.
Erzähle ihnen dann, dass du gefragt hast, aus dem Gefängnis entlassen zu werden.
Jeremia tut dies, um dem König zu Diensten zu sein, um Zedekia, den bösen
Feigling, zu verschonen. Deswegen lassen sie ihn in Ruhe. „Und Jeremia blieb im
Gefängnishof bis zu dem Tag, da Jerusalem eingenommen wurde“ (38,28).
Er war auch immer noch da, als Jerusalem eingenommen wurde. Eigentlich wurde er
erst durch den König von Babel aus dem Gefängnis befreit. Dieser hatte von
Jeremia gehört und festgestellt, dass er in gewissem Sinn ein Bundesgenosse von
ihm war.
Inzwischen gibt es zwei Dinge, auf die ich euch noch kurz hinweisen will, die
während der Haft von Jeremia stattgefunden haben oder in jedem Fall während der
babylonischen Belagerung. Ich nenne das eine nur ganz kurz. Du findest das in
Kapitel 34. Ich hätte das eigentlich etwas eher erwähnen müssen. Ich habe es
überschlagen. In Kapitel 34,8-22, findest du eine äußerst gemeine Sache
beschrieben: Als die Belagerung schwer wurde, sagten alle Juden in Jerusalem:
Lasst uns unsere Knechte freilassen — ab jetzt jeder für sich, die Stadt geht
sowieso unter. Wir lassen besser alle Knechte frei, damit sie noch eine Zeitlang ihr eigenes Glück suchen können, bis dass die Stadt untergeht und wir alle
mit. Verzweiflung! Doch dann kam der König von Ägypten, die Babylonier zogen ab,
und was machten all die Juden? Die sagten zu ihren Sklaven: Sofort zurück, ich
will dich wieder haben! Alle Sklaven wurden wieder unterjocht. Erst haben sie
ihnen die Freiheit gegeben und anschließend einen nach dem anderen wieder
eingesammelt und taten so, als wenn nichts gewesen wäre. Jeremia ist über dieses
Unrecht schrecklich böse geworden. Es war sowieso schon schlimm, dass sie
jüdische Sklaven hielten, und nun taten sie dieses große Unrecht: Sie hatten
diesen Menschen die Freiheit zurückgegeben und hoben diese Freiheit jetzt wieder
auf. Das ist der eine Zwischenfall.
Der andere Zwischenfall wird in Kapitel 32 erwähnt. Jeremia löst — übrigens
während er im Gefängnis sitzt — einen Acker. Es ist der Acker seines Neffen.
Auch das ist eine kurze Geschichte. Man könnte sagen: Den Acker seines Neffen lösen, was hatte das für Sinn?
Das ist das, was ich eben schon erwähnte. Darauf kommen wir jetzt zurück. Das
Land stand kurz davor, durch den König von Babel eingenommen zu werden. Es
würde siebzig Jahre lang brachliegen. Was hatte es dann noch für Sinn, ein Land
für seinen Neffen zu lösen? Aber genau das ist jetzt das Schöne dieses Kapitels.
Darum folgt das auch direkt auf Kapitel 30 und 31, dieses erleichternde Kapitel.
Der Herr sagt: Jeremia, löse das Land. Kaufe den Acker für deinen Neffen und
mache ordnungsgemäß den Kaufvertrag fertig, sehr ordentlich, gemäß aller Regeln.
Einen dieser Kaufverträge musst du versiegeln und ordentlich aufbewahren lassen.
Und warum ist das so? Weil der Herr, der Gott Israels, dieses Land einmal
wiederherstellen und das Volk in dieses Land zurückbringen wird, und dann wird
das Land wieder seinem Volk gehören. Ist das nicht wunderbar? Das ist eine Tat
von so gewaltigem Glauben! Jeremia, der so ein pessimistischer Unheilsprophet
war, sieht über das Unheil hinaus in die weite Zukunft, wenn Gott sein Volk
wieder segnen wird, und führt auf diese Weise eine Glaubenstat durch. Es sieht in
etwa so aus wie — es ist zwar etwas anders —, aber es sieht so aus, wie das, was
Luther sagte: Wenn ich wüsste, dass morgen der Herr zurückkommt, würde ich heute
noch einen Apfelbaum pflanzen.
Auch wir sind in gewisser Hinsicht Unheilspropheten. Wir verkündigen auch, dass
der Herr bald wiederkommt und dass dann das Gericht über diese Welt kommt. Aber
wir sind keine echten Unheilspropheten. Wir zeugen gerade von dem Heil. Wir
zeugen davon, dass Menschen heute noch erlöst werden können. Wir verkündigen
auch, dass, wenn Christus wiederkommt, nicht nur Unheil kommt, sondern dass Er
gerade deswegen kommt, um alle Dinge wiederherzustellen und sein Reich aufzurichten, ein
Reich von Segen und Frieden und Heil. Wir sind keine echten Unheilspropheten,
auch wenn die Menschen der Welt das sagen. Wir sind Heilspropheten, wenn wir’s
richtig machen, weil wir das große Heil, das Gott in dem Herrn Jesus Christus
besorgt hat, verkündigen dürfen.
Nun, es ist schon bald wieder schiefgegangen. Es ist genauso gelaufen, wie
Jeremia vorhergesagt hat. Nach einiger Zeit kamen die Babylonier einfach wieder,
sie vertrieben die Ägypter und belagerten Jerusalem erneut. So hat Jeremia es in
38,19 auch angekündigt.
Die Geschichte geht dann folgendermaßen weiter. Ich muss sie in kurzen Worten
beschreiben:
Im Juli des Jahrs 587 schlagen die Babylonier zum ersten Mal eine Bresche in die
Mauer. Du findest das alles in Kapitel 52 und auch in Kapitel 39 beschrieben. In dieser Nacht verzweifelt Zedekia. Er denkt: Ich muss für meine Flucht sorgen.
Er flüchtet, und es scheint sogar so, dass er es hinkriegt. Aber die Babylonier
jagen ihm nach und in der Ebene Jerichos können sie ihn schnappen. Kapitel 39,5:
„Und sie fingen ihn und führten ihn hinauf zu Nebukadnezar, dem König von Babel,
nach Riba im Lande Hamath; und er sprach das Urteil über ihn.“
Hatte Jeremia es nicht gesagt: Zedekia, du wirst Auge in Auge mit dem König
Nebukadnezar zu stehen kommen? Aber es geht weiter: „Und der König von Babel
schlachtete die Söhne Zedekias in Ribla vor seinen Augen, und der König von
Babel schlachtete alle Edlen von Juda. Und er blendete die Augen Zedekias“
(38,6-7). Was war das für eine schreckliche Rache, die Ermordung der eigenen
Söhne zu sehen und dann blind zu werden, so dass das Letzte, was in die
Erinnerung eingebrannt ist, der Tod der eigenen Söhne ist. Es waren die
Königssöhne. Das sind nicht irgendwelche Söhne. Das sind die Nachfolger. Das ist
die Hoffnung der Zukunft. Damit wird alle Hoffnung für Juda abgeschnitten. Kein
Nachkomme Zedekias wird jemals auf dem Thron sitzen. Alle Fürsten werden
getötet. Die ganze neue Oberschicht, die Zedekia aufgebaut hatte, wird
umgebracht. Und dann ist es aus mit Juda.
Wir lesen dann — in Kapitel 52 wird das ausführlicher beschrieben —, dass im
August 587 die Stadt definitiv eingenommen wird, der königliche Palast und die
Häuser des Volkes werden verbrannt, die Mauer wird umgelegt. Den Rest des
Volkes, der in der Stadt verblieben war und die Überläufer, die zum König von
Babel übergelaufen waren, führte Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, in die
Verbannung nach Babel (52,15). Mit Juda ist es aus, aber die Geschichte Jeremias
ist noch nicht zu Ende.
Eigentlich bleibt eine der übelsten und traurigsten Geschichten noch zu erzählen
übrig. Du findest diese in Kapitel 40-44. Endlich ist das Buch mal ordentlich
chronologisch. Kapitel 40-44 formt eine zusammenhängende Geschichte. In Kürze
steht dies darin:
Als die Stadt eingenommen wird, lässt Nebukadnezar Jeremia aus dem Gefängnis
befreien. Sie haben eigentlich großen Respekt vor diesem Mann, der immerhin
ständig erzählte, dass Juda zu den Babyloniern überlaufen sollte. Er erhält die
Freiheit, um in Ruhe im Land zu bleiben. Er braucht nicht mit nach Babel. Er
kann gehen, wohin er will. Er kann mit nach Babel kommen, wenn er will. Wenn er
im Land bleiben will, kann er im Land bleiben.
Die Babylonier haben einen Großteil der Bevölkerung nach Babel mitgenommen. Was
sie im Land zurücklassen, ist eigentlich die arme „Flachlandbevölkerung“, die
für den König keine Gefahr bedeutet. Die Gefahr lag für ihn in den befestigten
Städten. Die arme Bevölkerung des Landes konnte ruhig dort bleiben. Es ist also
nicht so, dass alle Juden nach Babylon weggeführt wurden.
Über die zurückgebliebenen Juden stellt der König Gedalja an, eine Art
Statthalter. Jerusalem ist komplett verwüstet. Es gibt dort nichts mehr zu
erleben. Die neue Residenz befindet sich in Mizpa, von wo aus Gedalja als
Statthalter über das armselige Völkchen, das in Juda übrig geblieben war,
regierte. Dort wohnte auch Jeremia. Nun, Pardon, aber die Geschichte endet sehr
traurig.
Es befinden sich dort allerlei Truppenteile des Königs von Juda, die noch
umherschweifen, die nicht durch den König Nebukadnezar gefangen werden konnten.
Einer dieser Truppenanführer — eigentlich jemand aus dem königlichen Haus, ein
gewisser Ismael, der es überhaupt nicht gut findet, dass Gedalja Statthalter
geworden ist — meint, dass er als königliches Familienmitglied ein Anrecht
darauf hat. Er führt einen gemeinen Mord an Gedalja und vielen Menschen, die bei
ihm sind, aus. Einer der Menschen in der Nähe Gedaljas ist ein gewisser
Jochanan,
der Sohn Kareachs, der sehr böse auf Ismael ist und ihm nachsetzt, um Rache zu
versuchen. An vielen hat er Rache genommen. Ismael entkommt allerdings. Das ist
alles sehr ausführlich in Kapitel 40 und 41 beschrieben.
Jochanan kommt dann zurück, kratzt sich am Kopf und denkt: Kerl, was sollen wir
jetzt weitermachen? Wenn der König Nebukadnezar das hört, was für ein
Durcheinander hier ist und dass Gedalja ermordet ist, dann kommt er, nimmt auch
Rache, und wir müssen alle nach Babel.
Sie gehen zu Jeremia, der zwischen dem ganzen Gesindel wohnt. Sie sagen zu ihm —
wieder an so einem Tiefpunkt der Geschichte —: Was müssen wir tun, Jeremia? Bitte,
würdest du für uns zum Herrn beten und fragen, was wir tun müssen? Was immer der
Herr sagt, das tun wir. Diese Menschen gibt es schon mal, und das kennst du
selbst auch: Was der Herr sagt, das tun wir — zumindest, wenn Er sagt, was wir
gern wollen, natürlich. Du kennst das. Wir sind alle bereit, dem
Herrn zu gehorchen, solange der Herr das von uns will, was wir auch gern wollen.
Jochanan und seine Männer sind so überzeugt von dem, was Jeremia ihnen sagen
wird, dass sie dieses Risiko gelassen in Kauf nehmen. Jeremia, frag ruhig den
Herrn; was immer Er sagt, wir tun es.
Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder wir bleiben hier und dann besteht die
Chance, dass der König von Babel kommt und Rache an uns nimmt und wir auch nach
Babel müssen. Das will natürlich keiner von uns. Es ist also klar, dass die
beste Möglichkeit die ist, dass wir so schnell wie möglich verschwinden.
Natürlich wieder nach Ägypten. Davon kommen sie nicht los: Lasst uns so schnell
wie möglich nach Ägypten gehen. Es ist also eigentlich klar, Jeremia, was du uns
empfehlen musst. Aber, na ja, ein kleines Gebet kann nicht schaden. Frage ruhig
den Herrn.
So machen wir das eigentlich auch, nicht wahr? Wir haben unsere Entscheidung so
gut wie schon gefällt, aber lasst uns doch noch eben dafür beten. Hast du schon
dafür gebetet? Ach nee, stimmt, dafür müssen wir mal eben noch beten. Erkennst
du das wieder? Wenn du ehrlich bist, hast du die Entscheidung eigentlich schon
gefällt. Und dann betest du hinterher um eine Genehmigung, um sozusagen einen
königlichen Segen zu erhalten, eine nachträgliche Billigung des Herrn.
Jeremia betet, und dann steht da (42,7), dass er nach zehn Tagen die Antwort vom
Herrn erhält. So lange haben sie alle gewartet. Sie wurden natürlich immer
nervöser: Kommt noch etwas? Endlich erhält Jeremia Antwort vom Herrn. Die
Antwort ist eigentlich schon klar, sofern ihr die Geschichte bis hierhin
verstanden habt. Die Antwort lautet: Nicht nach Ägypten, nie nach Ägypten. Beuge dich unter das
Urteil Gottes. Füge dich unter die Autorität des Königs von Babel. Das bedeutet:
Bleib hier. Hier bist du zu Hause. Nicht in Ägypten. Das erzählt Jeremia ihnen
ausführlich.
Was wurden die Männer da böse! So war das nicht gemeint! Du kannst zwar den
Herrn befragen, aber du musst wohl das antworten, was wir gern wollen! In 43,2
sagt Jochanan zu Jeremia: „Du redest Lügen! Der HERR, unser Gott hat dich nicht
gesandt und gesagt: Ihr sollt nicht nach Ägypten ziehen.“ Das hast du dir selbst
ausgedacht! Das sind nur üble politische Ziele von dir. Du willst uns nur an die
Macht der Chaldäer überliefern. Wir haben das schon verstanden! Wir werden dir,
Jeremia, genau sagen, was wir tun werden: Wir gehen sehr wohl nach Ägypten und
du gehst schön mit uns mit. Und Jeremia — deswegen sagte ich, dass sein Leben
eigentlich so schrecklich trist verläuft —, Jeremia wird zusammen mit Baruk
mitgeschleppt. Der ganze Tross Leute geht nach Ägypten. Jeremia muss gegen
seinen Willen mit, wiewohl er weiß, dass das Volk in regelrechtem Ungehorsam dem
Herrn gegenüber ist.
Als sie in Ägypten ankommen, erhält Jeremia die Botschaft, dass sie gar nicht
entkommen sind. Sie denken zwar, dass sie dem König von Babel entkommen sind,
weil sie die Lektion immer noch nicht verstanden haben, weil sie nicht wissen,
dass Ägypten Babel auch zur Beute werden wird. Nebukadnezar wird nicht viel
später auch Ägypten erobern und dann sind sie immer noch die Dummen […]
entkommen nicht dem Gericht Gottes.
Dann — in Kapitel 44 — ist das Ende, wieder ein Tiefpunkt. Auf einmal sagen die Leute zueinander: Jetzt wissen wir, warum es uns die ganze
Zeit so schlecht ging; jetzt wissen wir auf einmal, warum Jerusalem erobert
wurde und warum wir all das Unheil erfahren mussten. Wisst ihr, woher das kommt?
Wir haben ganz vergessen, der Königin des Himmels, der Oberkönigin der
Babylonier zu dienen! Erkennst du den Tiefpunkt? Jetzt sitzen die da in Ägypten
und haben sich so lange schlagen können. Vierzig Jahre lang hat Jeremia jetzt
verkündigt, dass all das Böse wegen des Götzendienstes, ihrer geistlichen
Hurerei und all der Unordnung über sie gekommen ist. Jetzt hätten sie endlich
die Lektion lernen können, dass das Gericht wegen ihrer Missetaten über sie kam,
da bekommen sie einen klugen Gedanken: Wir haben ganz vergessen, die Hauptgöttin der Babylonier zu verehren. Deswegen ist all das Elend über uns
gekommen.
Jeremia sagt: Ihr stellt die ganze Sache auf den Kopf. Es ist genau anders
herum. Weil ihr den Herrn verlassen habt, ist das Gericht gekommen. Sein Leben endet in kompletter Verzweiflung. Sogar diese Menschen haben die
Lektion nicht gelernt und fallen in Ägypten wieder in den alten Götzendienst.
Dort endet die Geschichte von Jeremia.
Es gibt eine altchristliche Legende, die uns sagt, dass Jeremia nicht lange
danach durch diese Menschen gesteinigt wurde. Ob es wahr ist, wissen wir nicht.
Es kann ganz gut sein. Dieser Mann war für sie ja ein Topfgucker, ein lästiger
Mann,
der ihnen immer gegen den Strich ging. Es gibt diese lästigen Menschen, die
immer nur widerspenstig sind. Es kann ganz gut sein, dass er schließlich
gesteinigt wurde. Wenn du dann die Bilanz seines Lebens ziehst, dann sagst du dir: Es war alles
umsonst. Wer hat denn zugehört?
Die letzte Lektion, die ich euch vorstellen möchte, ist die: Erstelle keine
eigene Bilanz deines Lebens, und stelle sie auch nicht für andere auf! Die Bilanz
für das Leben Jeremias wird im Himmel erstellt. Allein Gott weiß, was das Leben
Jeremias bewirkt hat. Nur Gott weiß von all den Einzelnen des Volkes, die
Jeremia Gehör geschenkt haben und seiner Botschaft gehorcht haben. Nur Gott
kennt die Früchte von Jeremias Dienst für die Ewigkeit und was Jeremia wirklich
bewirkt hat.
Sein Buch ist eine der größten aller Prophetien, und sein Name ist in Israel als
größter Prophet bewahrt geblieben. Gott vergisst nie, was seine Knechte für Ihn
getan haben, wie sinnlos das Werk auch erschienen ist.
Es scheint mir gut, die Kassette von Hans mit Fragen zu dem Thema voll zu
machen. Ich habe die Jeremia-Fragen herausgefischt und andere Fragen habe ich
für den zweiten Teil verwahrt.
1. Als Erstes zwei Fragen zu dem Buch der Klagelieder:
a) Wann wurden die Klagelieder geschrieben?
b) Beim letzten Wochenende wurde versprochen, dass etwas mehr über
die Klagelieder gesagt wird. Geht das noch? Danke!
Das ist möglich.
Derjenige, der die erste Frage vorbrachte „Wann wurden die Klagelieder
geschrieben?“ wird vermutlich etwas anderes gemeint haben. Das klingt komisch.
Er oder sie wird vermutlich gemeint haben, wann die Klagelieder komponiert
wurden? Wann sind sie gedichtet, ausgesprochen worden, denn es kann gut sein,
dass das Aufschreiben geraume Zeit später passiert ist. So ist es auch — wir
kommen gleich in einem anderen Zusammenhang darauf zurück — mit dem Buch
Jeremia. Das Stattfinden der Ereignisse ist die eine Sache, aber wann die
Ereignisse aufgeschrieben wurden, ist eine andere Frage. Also fasse ich diese
Frage nun erst einmal so auf: Wann sind diese Klagelieder entstanden? Wann
wurden sie gedichtet? Und dann denke ich, dass der Inhalt des Buches, wenn wir
jetzt ganz kurz danach sehen, darüber keine Frage unbeantwortet lässt. Der Grund
zum Schreiben der Klagelieder ist der Fall Jerusalems. Du weißt, in Klammern
dazu gesagt, in 2. Chronika 36 lasen wir dies, dass Jeremia schon früher
Klagelieder gemacht hatte, die aber ganz andere Klagelieder sind. In 2. Chronika
35,26 steht: „Und Jeremia stimmte ein Klagelied über Josia an.“ Aber das ist
viele Jahre früher gewesen. Das war im Jahr 609, und wir reden jetzt über das
Jahr 587. Das ist 22 Jahre später. Das Buch der Klagelieder könnte man als
Anhängsel an das Buch Jeremia besehen. Übrigens, viele Teile — das kannst du im
Niederländischen leider gar nicht sehen —, große Teile des Buches Jeremia sind
eigentlich auch in poetischer Sprache verfasst, in Dichtung.
(Wir warten dringend auf die Bibelübersetzung, die dies tatsächlich zeigt.
Vielleicht wird die „Groot-Nieuws“-Bijbel [„Gute-Nachricht“-Bibel] [2] das sein. Das weiß ich nicht
auswendig.)
So ist das im ganzen Buch der Klagelieder auch der Fall.
Wenn du in Kapitel 1 schaust, steht in meiner Übersetzung über Kapitel 1: Erstes
Klagelied — Jerusalem zerstört. Der Grund für das Schreiben dieses Buches ist
der Fall Jerusalems. Eine der wichtigsten Dinge, die wir aus diesem Buch lernen,
ist das, was ich soeben schon andeutete: dass Jeremia dem Gericht gegenüber ganz
anders eingestellt war als Jona. Jona sagte: In vierzig Tagen wird der Herr
Ninive umkehren. Er setzte sich dann auf einen Berg und rieb sich die Hände
wegen des herrlichen Schauspiels, das sich in Kürze vor seinem Auge entfalten
würde. Umso größer war die Enttäuschung, als die Vorstellung nicht stattfand.
Ich meinte: Jona hat Spaß an dem, was er ankündigte. Nun war Ninive natürlich
eine schreckliche Stadt, die weit von seinem Zuhause entfernt war. Jerusalem war
dagegen die Stadt, die die große Liebe Jeremias war. Und das bedeutet demnach
auch, dass er, obwohl er so viele Jahre den Untergang der Stadt angekündigt hat,
als es passierte, dies ein schrecklicher Grund zur Traurigkeit für ihn war. Er
hat es selbst angekündigt, aber nicht mit Vergnügen. Wir haben vorhin auch im
Buch Jeremia gesehen, wie er ab und zu den Auftrag an Gott zurückgeben wollte,
mit der schrecklichen Predigt einfach nicht mehr weitermachen wollte und total
keine Lust mehr hatte. Er verabscheute, was er verkündigen musste, weil es
unabwendbar war. Aber es ging ihm sehr zu Herzen.
Und das ist der erste wichtige Grund. In den Klageliedern sehen wir, wie
wenigstens ein Mann, ein Gläubiger, den Untergang der Stadt erfahren hat: „Wie
sitzt einsam die volkreiche Stadt, ist einer Witwe gleich geworden die Große
unter den Nationen“ (Kap. 1). Kapitel 1 handelt von der Stadt. Ich habe das
seinerzeit über das Kapitel geschrieben: Kapitel 1, erstes Klagelied, der
Untergang der Stadt. Zum Beispiel in Vers 5 am Ende: „Vor dem Bedränger her
sind ihre Kinder in Gefangenschaft gezogen.“ Hier wird also eine Situation
beschrieben, in der die Bevölkerung von Jerusalem in Gefangenschaft gezogen ist
und wo nur noch eine Handvoll übriggeblieben sind. Die Stadt liegt dort
verwüstet. Ein abscheulicher Anblick. Denk an das hervorragende Gemälde von
Rembrandt, in dem Jeremia in dieser Haltung, in dieser Geisteshaltung
dargestellt wird; wenn er so über die Stadt hinwegsieht, die da verwüstet liegt
und er seinen traurigen Gesang ausspricht.
Im zweiten Kapitel bzw. zweiten Klagelied — so wie es darüber steht —, geht es
mehr um die Bevölkerung der Stadt und das Los, das diese Bevölkerung erleben
musste.
Im dritten Kapitel hast du das Elend, welches der Einzelne erleben musste. Erst
die ganze Bevölkerung und nun eine Person, eine Ich-Figur, mit der das dritte
Kapitel anfängt: „Ich bin der Mann, der Elend gesehen durch die Rute seines
Grimmes.“ Einer aus dem Volk, übrigens ein Gläubiger, der beschreibt, wie das
ganze Elend von Gottes Gericht durch ihn persönlich erfahren wird, der aber auch
in dem allen (V. 22-33; das sind ganz bekannte Verse, wahrscheinlich die
bekanntesten Verse aus dem Buch) doch Gottes Gütigkeit und Gottes Barmherzigkeit
erkennt, die nie aufhören. Jeden Morgen sind Gottes Erbarmungen neu, „deine
Treue ist groß“. Und auch Vers 25: „Gütig ist der HERR gegen die, welche auf ihn
harren, gegen die Seele, die nach ihm trachtet.“ Vers 31-33: „Denn der Herr
verstößt nicht ewiglich; sondern wenn er betrübt hat, erbarmt er sich nach der
Menge seiner Gütigkeiten. Denn nicht von Herzen plagt und betrübt er die
Menschenkinder.“ Das ist ein Lichtpunkt in dem auch wieder so dunklen Buch. Ein
sehr schöner Lichtpunkt.
Im vierten Kapitel, dem vierten Klagelied: das vierte Thema, nämlich das
Gericht, so wie Gott es ausgesprochen hat. Das Gericht Gottes ist der Grund für
das Elend, in das die Stadt gestürzt ist.
Aber dann, im fünften Kapitel, im fünften Klagelied, die Erlösung, die Rettung,
auch die Gebete für Erlösung. Das Bekenntnis der Sünde in Vers 7: „Unsere Väter
haben gesündigt, sie sind nicht mehr; wir, wir tragen ihre Missetaten. Knechte
herrschen über uns; da ist niemand, der uns aus ihrer Hand reiße.“ Vers 16:
„Gefallen ist die Krone unseres Hauptes. Wehe uns! denn wir haben gesündigt.“
Dann das Gebet in Vers 21: „HERR, bringe uns zu dir zurück, dass wir umkehren
(oder, wie die alte Übersetzung lautet: Bekehre uns Herr, dann werden wir
bekehrt sein.); erneuere unsere Tage wie vor alters! Oder solltest du uns
gänzlich verworfen haben, gar zu sehr auf uns zürnen?“
Wenn du genau hinsiehst, stellst du fest, dass all die Kapitel aus 22 Versen
bestehen, außer Kapitel 3, das aus 66 Versen besteht, was aber genau 3 x 22
ist, und die NBG-Übersetzung [3]verbindet auch immer drei Verse
miteinander. Das kommt daher, weil das hebräische Alphabet 22 Buchstaben hat. Das ist
merkwürdig, etwas humoristisch sogar, dass jemand, der sich so tief im Elend
befindet, ein Gedicht macht und diesem Gedicht eine ganz exakte Struktur gibt.
Jede Strophe des Gedichtes beginnt mit dem nächsten Buchstaben des Alphabets.
Daher haben alle Kapitel zweiundzwanzig Verse oder ein Vielfaches davon. […]
Gut, das war die Frage bzgl. der Klagelieder. Vielen Dank für diese Frage.
Dadurch haben wir hier noch etwas weiter darauf eingehen können.
2. Frage: Jeremia wird gegen Gottes Willen mitgenommen nach Ägypten
Wie kann es sein, dass Jeremia gegen Gottes Willen nach Ägypten mitgenommen
wird?
Die Frage kann ich sehr gut verstehen. Geh noch mal eben mit mir zurück nach
Jeremia 43,4: „Und so hörten Jochanan, der Sohn Kareachs, und alle Heerobersten
und das ganze Volk nicht auf die Stimme des HERRN, im Lande Juda zu bleiben. Und
Jochanan, der Sohn Kareachs, und alle Heerobersten nahmen den ganzen Überrest
von Juda, welche aus allen Nationen, wohin sie vertrieben wurden, zurückgekehrt
waren, um sich im Lande Juda aufzuhalten: die Männer und die Frauen und die
Kinder und die Königstöchter, und alle Seelen, welche Nebusaradan, der Oberste
der Leibwache, bei Gedalja, dem Sohne Achikams, des Sohnes Schaphans,
zurückgelassen hatte, und auch den Propheten Jeremia und Baruk, den Sohn
Nerijas;
und sie zogen nach Ägypten, denn sie hörten nicht auf die Stimme des HERRN.“
Nun, wie kann es sein, dass er einfach mitgenommen wurde? Als Erstes ist die
einfachste Antwort die, dass er nichts zu melden hatte. Er war inzwischen ein
relativ alter Mann geworden. Nach unserer Berechnung: Wenn er 645 geboren
wurde, war er 587 also achtundfünfzig. Es kann eine unbestimmte Anzahl Jahre später
gewesen sein. Er war also nicht mehr ein so junger Mann, der sich einfach
widersetzen konnte. Darüber hinaus: Die ganze Masse der Bevölkerung, die in
Palästina zurückgeblieben war, beschloss, nach Ägypten zu ziehen. Es gab
sozusagen keine Wahl für Jeremia. Er konnte als Einzelner nicht im Land
zurückbleiben.
Nun, eigentlich hatte er nichts zu melden und wurde einfach im Schlepptau
mitgenommen. Genauso gut wie er nichts dafür konnte, ins Gefängnis geworfen zu
werden, so konnte er auch nichts dafür, dass er nach Ägypten mitgeschleppt
wurde. Aber selbst, wenn noch ein Maß an Freiwilligkeit enthalten ist, was nicht
auszuschließen ist, will das nicht heißen, dass Jeremia ungehorsam war. Er hatte
dem Volk deutlich gesagt: Ihr müsst hierbleiben. Das ist der Wille des Herrn.
Aber dann sah es so aus, dass sie doch alle gehen wollten, da ist möglich, dass
sie ihn gegen seinen Willen mitnahmen, und es ist auch möglich, dass er gesagt
hat: Wenn es denn nicht anders geht; ich will in jedem Fall beim Volk bleiben,
um es zu warnen und ihnen auch weiterhin das Wort des Herrn zukommen zu lassen.
Das hat er auch getan, so wie du das in Kapitel 44 siehst, wo er sie warnt, der
Himmelskönigin, der weiblichen Göttin der Babylonier, zu dienen. Also, von ihm
aus war es kein Ungehorsam, er hatte sie gewarnt, dass sie nicht gehen dürfen.
Als sie dennoch gehen wollten, wollte er bei ihnen sein, um dem Volk auch
weiterhin zu dienen und die Folgen von dem, was sie taten, mitzubekommen — von
der Tat ihres Ungehorsams. Aber das Einfachste ist natürlich, zu sagen, dass er
keine andere Wahl hatte. Er wurde einfach mitgenommen.
3. Frage: Chronologie in Jeremia
Du sagtest, dass die Geschichte Jeremias chronologisch durcheinander beschrieben
ist. Gibt es einen Grund dafür, wenn ja, welchen?
Diese Frage ist eine wirklich schwierige Frage. In gewissem Sinn hätte ich
gewollt, diese vermeiden zu können, denn ich habe gesagt: Eigentlich geht meine
Geschichte nicht so sehr über das Buch als solches, sondern es geht um das Leben
von Jeremia, das wir aus dem Buch und aus verschiedenen anderen Büchern, Könige
und Chronika, rekonstruieren können. Dabei habe ich ein paarmal die
Schwierigkeit genannt, und das Risiko war groß, dass mich jemand danach fragen
würde, diese Schwierigkeit aufzulösen.
Ich bin doch froh, dass die Frage gestellt wird, weil die Frage ein
Missverständnis enthält, das ich so auch nicht stehenlassen will. Es ist nicht
so, dass die Geschichte Jeremias durcheinander beschrieben ist. Ich denke, dass
wir hierbei etwas länger verweilen können, und ich sagte es eben schon, als ich
Antwort gab auf die Frage, wann die Klagelieder geschrieben wurden, ja wann sie
aufgeschrieben wurden, dass das eine separate Frage ist. Sie wurden aufgrund des
Falls von Jerusalem gedichtet. Aber wann sie aufgeschrieben wurden, ist eine
andere Frage. So ist es hier auch.
Ich vermute, dass es allzu naiv und zu einfach ist zu schlussfolgern, dass das
Buch Jeremias durch Jeremia aufgeschrieben wurde. Man könnte sich fragen, wann
Jeremia das getan hat? Hat er sein ganzes Leben jedes Mal ein Stückchen dazu
verfasst? Ja, dann ist die Frage vollkommen unklar. Denn recht früh im Buch
findest du Dinge, die sehr spät stattgefunden haben, und recht spät im Buch
findest du Dinge, die sehr früh stattgefunden haben. Es ist unmöglich, dass
Jeremia das Buch wie ein Tagebuch weitergestrickt hat, bis es fertig war. Das
geht nicht, denn das Buch ist chronologisch durcheinander — das klingt etwas
unehrfürchtig, aber chronologisch ist das Buch mit Sicherheit nicht. Das gibt
dies bereits an: Die Struktur, die ich auf die Tafel gebracht habe, hat den
Sinn, etwas Ordnung zu schaffen. So kann das Buch Jeremia nicht entstanden sein. Es muss eine andere Weise geben,
auf die das Buch entstanden ist. Das ist sehr kompliziert. Es wurden darüber
allerlei Theorien entwickelt.
Ich habe hier bei mir die sogenannte „Korte Verklaring“, eine Betrachtung über
alle Bibelbücher, die größtenteils vor dem Krieg geschrieben wurde und bei Kok
in Kampen erschienen ist. Ich werde dir zeigen, wie Professor Alders (?)
formuliert. Das ist dann erst eine Art, die Sache zu besehen, aber gut, er ist
auch nicht irgendwer. Er sagt: Ich stelle mir die Entstehung des Buches Jeremia folgendermaßen vor. Er sagt
das als Zusammenfassung und hat vorher seitenweise dargelegt, warum er denkt,
dass es so gewesen ist. Er geht von der Schriftrolle Jeremias aus dem Jahr 604
aus, die er auf Befehl des Herrn geschrieben hat und die eine Zusammenfassung
der Predigt seiner vielen Predigtjahre enthält. Die Rolle wurde zwar durch Jojakim zerstört —
ich erzählte ja, dass er jedes Mal
eine Spalte abschnitt und ins Feuer warf —, aber unmittelbar danach musste Baruk
eine neue Rolle schreiben. Eine Kopie der vorherigen sozusagen.
Jetzt ist enorm viel über die Frage spekuliert worden, was wohl in der Rolle
gestanden hat. Dieser Autor — ich gebe dir das als eine Möglichkeit, es ist eine äußerst
schwierige Angelegenheit, aber dann hast du zumindest einen Vorschlag —, dieser
Autor Alders behauptet, dass die Rolle aus den ersten zehn Kapiteln des Buches
Jeremia bestand. Das sind also, so wie ich dir das schon vorher erzählt hatte,
die Abschnitte — und das gilt mit Sicherheit für Kapitel 1 bis 6 (Predigt zur
Zeit Josias) und Kapitel 7-20. Da steht: Predigt hauptsächlich aus den ersten
Jahren Jojakims. Das passt also genau bis zum Jahr 604. Das geht dann noch
weiter. Aber dieser Autor unterstellt, dass die ersten zehn Kapitel ursprünglich ein
Ganzes geformt haben, und dieses Ganze ist ursprünglich die Rolle gewesen.
Nachfolgend hat Jeremia die Kapitel 11-17 daran hinzugefügt und auch selbst
geschrieben. Die Kapitel 11-17 nehmen auch Bezug auf dieselbe Periode.
Aber ich sagte schon, in Kapitel 13 befindet sich ein kleines Stück über Jojakim.
Also, die Kapitel beschreiben eine Periode, die bis zum Jahr 597 geht, bis zum
Tod Jojakims. Sagt dieser. Nachfolgend hat Jeremia die Überschrift darüber
gesetzt, was du in Kapitel 1,1-3 findest, hat es sozusagen herausgegeben, hat
die Rolle das Licht erblicken lassen, d.h. vorgelesen, unter dem Volk
verbreitet, Baruk hat sie gelesen, und diese umfasst dann also Kapitel 1-17 plus
eine Anzahl loser Teile, teilweise von Jeremia selbst, teilweise durch Baruk
aufgeschrieben, z.T. von beiden zusammen, und dazu hat der Teil Jeremia 18-35
gehört und die Prophezeiungen über Völker, die du hier findest (6. auf der
Tafel) in Kapitel 46-51.
In einer noch späteren Phase wurde die ganze Geschichte von Zedekia hinzugefügt.
Das ist dann vor allem Kapitel 36-45. Das ist der spätere Teil von der Regierung
des Königs Zedekia und auch das, was danach passierte, als sie die Flucht nach
Ägypten unternahmen. Die sind zwischen Kapitel 35 und 46 aufgenommen. Und
schließlich, in einer noch späteren Ausgabe, hat man Kapitel 52 als eine Art
Anhang hinzugefügt, denn Kapitel 52 findest du genauso am Ende des zweiten
Buches der Könige wieder. Also, in einer späteren Redaktion des Buches ist der historische Teil aus dem
Buch der Könige dort hinzugefügt worden, sozusagen als eine Art Erklärung der
Geschichte, die im Buch Jeremia geschrieben steht. Dadurch ist das Buch also
nicht ein systematisch gebautes Ganzes geworden.
Ich will euch die letzten Zeilen der Beschreibung Alders gern vorlesen: „Wir
sehen hierdurch, dass das Buch in seiner Gänze sicher nicht als ein systematisch
gebautes Ganzes betrachtet werden kann und dass der Gedanke, der womöglich bei
vielen lebt, als ob unsere prophetischen Bücher alle durch die Propheten selbst,
anhand eines bestimmten Planes, in die Form gebracht wurden, in welcher wir sie
besitzen, vollständig falsch ist. Wohl gibt es zweifellos einige, für die dieses
gilt [d.h. bei einigen Propheten wird das wohl so gewesen sein], jedoch nicht
für das Buch Jeremia. Wir haben dabei allerdings wohl zu bedenken, dass nicht
nur die Inspiration des Heiligen Geistes den Propheten und seinen Helfer Baruk
beim Aufschreiben dessen leiteten, was den Inhalt dieses Buches ausmacht,
sondern dass auch dieselbe Leitung des Geistes anzunehmen ist bei der
Zusammenstellungsarbeit, wobei die durch sie geschriebenen Stücke zu dem Ganzen
wurden, das wir vor uns liegen haben. Dadurch hat Gott Sorge getragen, dass uns
von Jeremias prophetischer Arbeit all das zugekommen ist, was für uns zur
Unterweisung zur Seligkeit nötig ist. Dadurch ist das Buch Jeremia ein
unentbehrlicher Bestandteil des einen unfehlbaren Wortes Gottes, das uns in der
Heiligen Schrift des Alten und Neuen Testamentes geschenkt ist.“
Kurzum: Das Buch Jeremia besteht aus verschiedenen kleinen Büchern, aus
verschiedenen Teilen, die wiederum nicht mit diesem Schema übereinstimmen — da
sind natürlich allerlei Theorien, das musst du versuchen, aus dem Buch selbst
nachzuvollziehen —, und später sind diese zusammengefügt worden, wodurch das
schlussendliche Ergebnis nicht mehr ein exakt chronologisches Ganzes formt.
Schließlich noch eine Sache dazu, denn schlussendlich ist das auch nicht
zwingend nötig: Das Buch Jeremia ist uns schließlich nicht geschrieben, um uns
einen Geschichtsunterricht zu geben. Das Buch Jeremia ist geschrieben worden,
damit die prophetische Botschaft des Buches zu uns durchdringt. Dazu ist die
chronologische Reihenfolge des Buches keine wesentliche Bedingung.
4. Frage: Was für ein Charaktertyp ist Jeremia?
(Zwei letzte Fragen auf einem Blatt, nein, eine letzte Frage über Jeremia. Schön!)
Hesekiel ist vom Charakter her ein Melancholiker, aber welchen Charaktertyp hat
Jeremia ungefähr?
Ja, meine deutliche Frage würde ich gern ganz unterwürfig an den Fragesteller
stellen wollen: Lieber Fragesteller: Du scheinst mehr davon zu wissen als ich,
denn ich habe noch nie gehört, dass Hesekiel ein Melancholiker ist. Kurzum, du
bist schon weiter fortgeschritten als ich. Denn wenn ich nicht weiß, dass
Hesekiel ein Melancholiker war, wie soll ich wissen, was Jeremia war? Zwischenfrage: Was ist ein Melancholiker?
Antwort: Zum Glück ist das nicht die Frage.
Ich weiß, dass es Bücher von Tim LaHaye gibt, die die Temperamente
analysieren, und das ist auch noch in Ordnung. Dabei hat Tim LaHaye aber auch
viele Beispiele aus der Bibel aufgezählt, bei denen er genau angibt, welches
Temperament diese Menschen hatten. Nun, sorry, wenn ich das lese, kann ich mir
ein Lächeln nicht verkneifen. Ich denke, dass viele von euch nicht mal wissen,
welches Temperament ihr selbst habt, geschweige denn, welches der Nachbar oder
die Nachbarin hat, geschweige denn, was Menschen in der Bibel haben, über deren
Charakter wir eigentlich doch schrecklich wenig informiert werden. Ich weiß
nicht einmal, welches Temperament meine Frau hat, geschweige denn, welches
Jeremia hat.
Ich denke, dass das nicht sehr wertvoll ist. Sieh, ich kann mir gut vorstellen,
warum Hesekiel als Melancholiker angedeutet wird. Die Menschen lebten nun einmal
in sehr traurigen Zeiten, und wenn jemand in sehr traurigen Zeiten einen sehr
traurigen Eindruck macht, wird er schon schnell als Trauergeist wahrgenommen,
was aber gar nicht richtig sein muss. Selbst die fröhlichste Figur, wenn sie nur
von Leid, Traurigkeit und Elend umgeben sein würde, würde notwendigerweise
ständig betrübt sein, ohne dass dies etwas über ihren Charakter aussagt. Daher
denke ich, dass das Gerede über die Temperamente biblischer Personen von null
und keinerlei Wert ist. Wenn jemand immer in so traurigen Umständen ist wie
Jeremia, ein Mann, der ausdrücklich sagt, dass er den Kreis der Spaßmacher
gemieden hat, über so jemanden kannst du wirklich keine Charakterbeschreibung
geben. Es ist sogar möglich, dass er von Haus aus eine sehr fröhliche Natur
gehabt hat und dass er darum nachdrücklich schreibt, dass er aufgrund des
Ernstes der Botschaft den Kreis der Spaßmacher absichtlich gemieden hat. Wer
soll das wissen? Das sagt überhaupt nichts aus. Sein Leben ist ein trübes Elend
gewesen, und er war deshalb ein Mann, der mit einer großen Traurigkeit erfüllt
war. Aber wie willst du daraus nachvollziehen, was sein normaler Charakter unter
normalen Umständen gewesen wäre?
Ich denke, dass das nicht so viel Sinn hat, wenn du dich damit beschäftigst. Wir
wissen zwar viel über den Charakter, aber es ist zu vereinfacht und naiv, um das
mit einem bestimmten Namen eines Temperamentes anzudeuten.
Gut, das ist das, was die Fragen über Jeremia betrifft.
______________________________
Anmerkungen
[1] Gemeint ist der Unabhängigkeitskrieg der Niederlande
gegen die spanische Herrschaft in den Jahren 1568-1648.
[2] Niederländische Bibelübersetzung in moderner
Umgangssprache, 1996 von der niederländischen Bibelgesellschaft in
Zusammenarbeit mit der Katholischen Bibelstiftung herausgegeben vor allem für
nichtkirchliche Leser.
[3] Niederländische Bibelübersetzung, 1951 von der niederländischen
Bibelgesellschaft herausgegeben, die meistverbreitete Bibelübersetzung unter evangelischen Christen.
übersetzt von: S. Winterhoff
|