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Leitverse: Johannes 18,16–18.25–27; Johannes 21,1–14
Joh 18,16–18.25–27: Petrus aber stand an der Tür draußen. Da ging der
andere Jünger, der dem Hohepriester bekannt war, hinaus und sprach mit der
Türhüterin und führte Petrus hinein. Da spricht die Magd, die Türhüterin,
zu Petrus: Bist nicht auch du einer von den Jüngern dieses Menschen? Er sagt:
Ich bin’s nicht. Es standen aber die Knechte und die Diener, die ein
Kohlenfeuer gemacht hatten, weil es kalt war, und wärmten sich; Petrus aber
stand auch bei ihnen und wärmte sich. … Simon Petrus aber stand und wärmte
sich. Da sprachen sie zu ihm: Bist nicht auch du einer von seinen Jüngern? Er
leugnete und sprach: Ich bin’s nicht. Es spricht einer von den Knechten des
Hohenpriesters, der ein Verwandter dessen war, welchem Petrus das Ohr abgehauen
hatte: Sah ich dich nicht in dem Garten bei ihm? Da leugnete Petrus wiederum;
und alsbald krähte der Hahn.
Joh 21,1–14: Nach diesem offenbarte Jesus sich wiederum den Jüngern
am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber also: Simon Petrus und Thomas,
genannt Zwilling, und Nathanael, der von Kana in Galiläa war, und die Söhne
des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen. Simon Petrus
spricht zu ihnen: Ich gehe hin fischen. Sie sprechen zu ihm: Auch wir gehen mit
dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Schiff; und in jener Nacht fingen sie
nichts. Als aber schon der frühe Morgen anbrach, stand Jesus am Ufer; doch
wussten die Jünger nicht, dass es Jesus sei. Jesus spricht nun zu ihnen:
Kindlein, habt ihr wohl etwas zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber
sprach zu ihnen: Werfet das Netz auf der rechten Seite des Schiffes aus, und
ihr werdet finden. Da warfen sie es aus und vermochten es vor der Menge der
Fische nicht mehr zu ziehen. Da sagt jener Jünger, welchen Jesus liebte, zu
Petrus: Es ist der Herr. Simon Petrus nun, als er hörte, dass es der Herr sei,
gürtete das Oberkleid um (denn er war nackt) und warf sich in den See. Die
anderen Jünger aber kamen in dem Schifflein, (denn sie waren nicht weit vom
Lande, sondern bei zweihundert Ellen) und zogen das Netz mit den Fischen nach.
Als sie nun ans Land ausstiegen, sehen sie ein Kohlenfeuer liegen und Fisch
darauf liegen und Brot. Jesus spricht zu ihnen: Bringet her von den Fischen,
die ihr jetzt gefangen habt. Da ging Simon Petrus hinauf und zog das Netz voll
großer Fische, hundertdreiundfünfzig, auf das Land; und wiewohl ihrer so
viele waren, zerriss das Netz nicht. Jesus spricht zu ihnen: Kommt her,
frühstücket. Keiner aber von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du?,
da sie wussten, dass es der Herr sei. Jesus kommt und nimmt das Brot und gibt
es ihnen, und gleicherweise den Fisch. Dies ist schon das dritte Mal, dass
Jesus sich den Jüngern offenbarte, nachdem er aus den Toten auferweckt war.
Die beiden Begebenheiten am Kohlenfeuer — einmal im Hof des
hohepriesterlichen Palastes und zum anderen am See von Tiberias — haben von
jeher den Bibelleser zum Vergleichen angeregt, und tatsächlich wird auf diese
Weise vieles besonders deutlich.
Das ist übrigens nicht nur hier so. Andere Beispiele sind die beiden
Fischzüge (Lk 5; Joh 21), die Gleichnisse von den Talenten und den Pfunden (Mt
25; Lk 19), die Gleichnisse vom Schatz im Acker und der Perle (Mt 13) oder auch
manche Stellen in den Sprüchen. Die eigentliche Kraft der Belehrung liegt hier
vielfach in den Gegensätzen oder auch in den oft nur feinen Unterschieden.
Bei den beiden Kohlenfeuern überwiegen allerdings die Gegensätze. Ob wir
uns fragen, wer sie angezündet hat, ob wir sehen, in welcher Gesellschaft
Petrus sich befand und wie sein Herzenszustand war, oder ob wir das Ergebnis
betrachten: nichts als Gegensätze. Und ebenso gegensätzlich ist auch der
Charakter der Fragen, die an den beiden Feuern gestellt werden.
Petrus befand sich im „Hof des Hohenpriesters“ am falschen Platz. Er, der
seinem impulsiven Gefühl nach bereit gewesen war, mit dem Herrn „auch ins
Gefängnis und in den Tod zu gehen“ (Lk 22,33), war mit den anderen Jüngern
geflohen, als der Herr sich von seinen Feinden binden ließ. Später folgte er
dem Herrn „von ferne …, um das Ende zu sehen“ (Mt 26,58). Schließlich
vermittelte ihm der „andere Jünger“ kraft seiner Beziehungen zu dem
Hohepriester Zugang zu dem Hof, der dann der Ort des tiefen Falles für ihn
wurde.
Mit Recht stellen wir fest, dass „der andere Jünger“ ja auch im Hof des
Hohenpriesters war, aber den Herrn nicht verleugnet hat. Das lässt das
Verhalten von Petrus noch ernster erscheinen und zeigt uns seine
Unvorsichtigkeit, denn offenbar hat sich „der andere Jünger“ nicht am
Kohlenfeuer niedergelassen, trotz der kalten Nacht. Oder war es vielleicht nur
seine Bekanntschaft mit dem Hohepriester, die ihn an diesem Ort nicht so
auffallen ließ wie Petrus? Wir wissen es nicht, denn das Wort Gottes schweigt
darüber. Nur das wissen wir, dass „der andere Jünger“ bewahrt geblieben
ist und Petrus nicht.
Lasst uns dieses bedenken: Es kann sein, dass ich mich frei fühle, an einen
bestimmten Ort zu gehen oder etwas Bestimmtes zu tun, und dass es mir auch nicht
zum Schaden ist. Aber wenn ich einem anderen dazu verhelfe, das Gleiche zu tun,
kann es ihm zum Fallstrick werden. Wie sorgfältig sollten wir deshalb darauf
bedacht sein, andere Gläubige, vor allem junge, nie in Situationen zu bringen,
denen ihr Glaube nicht gewachsen sein könnte!
Wir können nicht umhin, in „dem anderen Jünger“ den Apostel Johannes zu
erkennen, wenn er uns auch hier kein Vorbild ist wie sonst. Um so mehr erfreut
es uns zu sehen, dass dieser Vorfall keinen Schatten auf das Verhältnis der
beiden Jünger zueinander geworfen hat. Am Auferstehungsmorgen treffen wir beide
an der Gruft; in der letzten Szene des Johannesevangeliums finden wir sie
gemeinsam in der Nähe des Herrn, und in der Apostelgeschichte sehen wir sie
wiederholt einmütig und in der vollen Kraft des Geistes für ihren Herrn zeugen
und wirken. — Wie nachahmenswert für uns, die wir so gern von der Mitschuld
anderer sprechen, wenn es um unser eigenes Versagen geht!
Ja, Petrus war am falschen Platz. Das Kohlenfeuer der Welt verspricht Wärme,
aber es entlässt den, der sie sucht, am Ende weinend in die Kälte. Wer sich
wie Petrus daran niederlässt, muss sich Fragen gefallen lassen, Fragen, die
eigentlich Gelegenheit zu einem klaren Zeugnis für den Herrn sein könnten,
aber in dieser Umgebung nur zersetzend wirken, weil der Gläubige am falschen
Platz keine Kraft zu einem Zeugnis hat. So geht es mit Petrus Schritt für
Schritt abwärts. Drei Anläufe unternimmt der Feind, dann ist Petrus so weit,
dass er „anfing, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne diesen
Menschen nicht, von welchem ihr redet“ (Mk 14,71).
Wir leben in einer Zeit, in der es zum täglichen Leben gehört, alles
Bestehende zu „hinterfragen“. Die schnellen Veränderungen auf allen
Gebieten des heutigen Lebens bringen es mit sich, dass man Regeln und
Anschauungen, die gestern als bewährt und richtig galten, heute in Frage
stellt. Das mag im allgemeinen Leben durchaus seine Berechtigung haben, denn die
Voraussetzungen, die zu dem Früheren geführt haben, bestehen vielfach nicht
mehr.
Die Gefahr für uns als Gläubige besteht aber darin, dass dieser Geist des
„Hinterfragens“ auch auf das Gebiet des Glaubens übergreift. Gott und sein
Wort verändern sich nicht, und was gestern wahr war, ist es auch heute und
bleibt es morgen. Wer sich aber am „Kohlenfeuer“ der Welt niederlässt,
indem er nicht den nötigen Abstand wahrt zu ihren geistigen und sittlichen
Einflüssen, der wird es erfahren, dass die Welt so lange mit ihren Fragen auf
ihn eindringt, bis er jeden Boden unter den Füßen verloren und, „was den
Glauben betrifft, Schiffbruch gelitten“ hat (1Tim 1,19). Es fehlt heute nicht
an Stimmen, die sagen, es sei an der Zeit, auch in Bezug auf den Weg des
Glaubens einmal alles in Frage zu stellen. Aber was mit dem Wort Gottes
übereinstimmt — und allein darauf kommt es an —, braucht nicht in Frage
gestellt zu werden; es ist und bleibt gut, auch wenn es bereits „Tradition“
geworden ist.
Wie ganz anders war es doch mit Daniel! Wohl kaum jemand hat in jungen Jahren
in so engem Kontakt mit der Welt und ihrer Weisheit leben müssen und noch dazu
so abhängig von ihr wie er und seine Freunde. Und doch fand Daniel den Mut,
gleich zu Anfang dem höchsten Hofbeamten gegenüber klar für seinen Glauben
einzutreten (Dan 1,8.9). Worin bestand der Unterschied? Allein darin, dass
Daniel an dem Platz war, an den Gott ihn gestellt hatte. Das mag allen von uns
zum Trost und zur Ermunterung sein, die sich in der Wahl ihres Berufs und ihrer
Ausbildung von diesem Problem bedrängt sehen. Wo das aufrichtige Bedürfnis
besteht, in Abhängigkeit vom Herrn und in seiner Gemeinschaft zu leben, da
braucht man sich nicht zu fürchten. Hüten wir uns aber davor, der menschlichen
Natur zu folgen, die am Kohlenfeuer der Welt etwas zu ihrer Befriedigung und
für ihren Ehrgeiz zu finden sucht, und meiden wir die Gefahr, wo irgend wir
können!
Der Herr Jesus ließ Petrus in seiner trostlosen Lage nicht fallen. Er wandte
sich um und blickte ihn an. Dieser Blick traf sein Gewissen und wurde der
Anknüpfungspunkt für das Werk der Wiederherstellung, das der Herr sogleich
nach seiner Auferstehung fortsetzte (1Kor 15,5; Lk 24,34) und dann am See
Tiberias besiegelte (Joh 21,15–19). — Wenn ein Gläubiger sich so weit in
die Welt verstrickt hat, dass er die Stimme des Herrn nicht mehr hört, dann
bleibt doch sein Blick auf ihn gerichtet. Aber man muss hinsehen, den Blick des
Herrn wahrnehmen, sein Gewissen öffnen, auch wenn es Tränen kostet. Anders
kann es keine Heilung geben.
Wenden wir uns nun der Szene am See von Tiberias zu, dann sehen wir den Herrn
nicht länger im Hintergrund, sondern als Mittelpunkt des Geschehens. Noch
während sich die Jünger in vergeblichem, eigenem Wirken abmühen, steht Er
bereit. Dasselbe Herz, das in jener Nacht der Verleugnung für Petrus schlug und
ihn nicht aufgab, schlug auch in dieser Nacht des eigenen Bemühens für seine
geliebten Jünger. Doch nun dringt seine Frage an ihr Ohr: „Kindlein, habt ihr
wohl etwas zu essen?“ Segensreiche Frage, die dem Herzen bewusst werden
lässt, dass wir in uns selbst nichts haben und aus uns selbst nichts schaffen
können; liebevolle Frage, die den Weg bahnt für den reichen Segen, den Er
bereithält — welch ein Gegensatz zu den zersetzenden, alles zerstörenden
Fragen der Welt!
Was mögen sie wohl empfunden haben, als sie dem merkwürdigen „Fremden“
ihr „Nein“ bekennen mussten? Es war ja keine Glaubenstat gewesen, dieser
Fischzug, den Petrus unternommen hatte mit den Worten „Ich gehe hin fischen“.
War da nicht schon wieder dieser Hang zur Unabhängigkeit, so kurz nach all dem
Erlebten? — Ja, so sind wir, und wie manches Mal müssen auch wir enttäuscht
über uns selbst erkennen, dass wir immer noch nicht dazugelernt haben. Aber der
Herr überlässt uns nicht unserer Enttäuschung. Zu seiner Zeit greift Er ein.
Hier ließ Er das Boot mit sieben Mann, meist erfahrene Fischer, die ganze
Nacht hindurch nicht einen Fisch fangen. Dann aber führt Er sie Schritt für
Schritt zu dem von Ihm geplanten Segen. Auch für unser Leben kennt Er den
richtigen Augenblick zum Eingreifen.
Wie gesegnet ist aber auch die Antwort der Jünger, dieses einfache,
aufrichtige „Nein“! Da gibt es kein Suchen nach Begründung für den
Fehlschlag, keine Entschuldigungen und Ausreden, und deshalb hindert auch nichts
den Herrn daran, sofort zu segnen. — Auch wir müssen gewiss manches Mal dem
Herrn unsere innere Leere und Armut bekennen. Lasst es uns aufrichtig und ohne
Beschönigung tun und dann auf sein Wort hören. Er wird auch uns den Weg zu
neuem, vermehrtem Segen öffnen. Nie sollten wir den Fragen, die der Herr durch sein
Wort an unser Herz richtet, ausweichen, auch wenn wir etwas Beschämendes zu
bekennen haben und uns das schwerfallen will. Er will segnen, will uns an sein
„Kohlenfeuer“ führen, wo Wärme, Geborgenheit und Nahrung ist!
Der Herr schenkt jetzt den Jüngern Gelingen auf einem neuen Fischzug,
entgegen allen Regeln der Fischerei. Johannes erkennt Ihn. Darauf wirft sich
Petrus in den See, um zu Ihm zu schwimmen. Dieser Mann kann nicht abwarten, bis
das Boot die zweihundert Ellen ans Land gefahren ist! Nichts hält ihn zurück,
denn sein Gewissen ist befreit seit jener früheren Begegnung mit dem Herrn. Ja,
nur ein beschwertes Gewissen kann uns von Ihm zurückhalten (Joh 20,4), nicht
aber ein Misserfolg. — Und dann kommt das Schönste: Das Kohlenfeuer des Herrn
Jesus brennt schon, und sein Segen liegt bereit.
Ihre Nahrung ist das, was Er bereitet hat, noch bevor sie ihren Fang
eingebracht haben. Die wohlige Wärme seines Kohlenfeuers durchströmt sie, und seine
Hand reicht ihnen das Brot und den Fisch. Ist es bei uns nicht ebenso? So groß
und wertvoll es auch ist, wenn der Herr Gelingen gibt zu unserem Tun, unsere
Nahrung kann doch nur das sein, was Er uns aus seiner Hand gibt. „Kommet her,
frühstücket“, sagt der Herr auch zu uns. Tun wir es? Welch ein Vorrecht, aus
der durchgrabenen Hand die Nahrung zu empfangen, und welch eine liebliche
Gemeinschaft mit Ihm!
Vom Kohlenfeuer der Welt zum Kohlenfeuer des Herrn Jesus, das ist der Weg,
den Petrus nahm. Mit Trauer müssen wir aber auch an so viele denken, die den
umgekehrten Weg gegangen sind! Jahrelang haben sie mit anderen den Platz am „Kohlenfeuer“
des Herrn geteilt, vielleicht als Kinder gläubiger Eltern, und sind Teilhaber
des Segens gewesen, den Er gab. Aber eines Tages wollten sie seine
herzerforschenden Fragen nicht mehr ertragen. Sie zogen sich aus seinem Licht
zurück und gingen auf die Welt zu, zunächst nur ein wenig. Hier glaubten sie
diese unbequemen Fragen los zu sein. Aber dann kam die Welt auf sie zu und „hinterfragte“
alles, bis ihnen auch nichts mehr blieb. Die meisten fanden nie den Weg zurück.
Es ist kaum damit zu rechnen, dass solche diese Zeilen lesen. Und doch —
wenn es nur einer wäre, der umkehrt, wie würde es das Herz des Herrn erfreuen!
aus der Monatszeitschrift Ermunterung
und Ermahnung, 1989, S. 35
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