Anmerkungen zu „Warum die Einsetzung von Ältesten (manchmal) abgelehnt wird“
Ein Artikel von Andreas Ebert, Kirchberg

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© SoundWords, online seit: 04.11.2015, aktualisiert: 26.10.2016

Einleitung

Die Frage nach „offiziellen“ Ältesten in der örtlichen Gemeinde/Versammlung wird immer wieder gestellt. Vor allem in den Gemeinden oder Gemeindekreisen, wo man bisher gewohnt war, keine „offiziellen“ Ältesten einzusetzen, wird aktuell diese Frage besprochen. Tatsächlich spricht das Neue Testament an vielen Stellen von Ältesten und dass diese von dem Apostel Paulus oder einem seiner Mitarbeiter, wie Titus, offiziell in ihr Amt eingesetzt wurden. Wir haben auf unserer Internetseite bereits mehrere Artikel zu diesem Thema veröffentlicht und zuletzt auch die Frage nach der Autorität gestellt: Wer ist befugt, Älteste offiziell in ein Amt einzusetzen? Hat heute jemand diese Autorität überhaupt noch? (Siehe dazu unseren Artikel „Offizielle Älteste in der Gemeinde?! Eine Frage der Autorität“.)

Im vorliegenden Artikel soll es allerdings um eine andere Frage gehen. Es wird immer wieder gesagt: Manche Gemeinden begründen ihre Ablehnung, „offizielle“ Älteste einzusetzen, mit althergebrachten und überholten Argumenten. Letztlich führten sie ihre Ansicht auf eine verschrobene Sicht über den Verfall der Kirche von John Nelson Darby zurück.

Zuletzt hat dies Andreas Ebert, Kirchberg, behauptet – wenn er auch den Ausdruck „verschroben“ nicht benutzt –, und zwar in seinem Artikel „Warum die Einsetzung von Ältesten (manchmal) abgelehnt wird – Die Wirkungsgeschichte einer unbiblischen Lehre“ (im Folgenden abgekürzt mit KfG 2/15). Der Artikel erschien in der Zeitschrift Konferenz für Gemeindegründung Nr. 122, 2/15, dessen Herausgeber wir sehr schätzen. Daher haben wir auch Mühe, den Artikel jetzt öffentlich zu kritisieren. Doch weil Eberts Artikel hier und da als Grundlage dient, um eine Entscheidung zur Einführung offizieller Ältester herbeizuführen, und in christlichen Foren begeistert über diesen Artikel berichtet wird, sehen wir uns doch zu einer sachlichen Gegendarstellung veranlasst. Wir haben Bruder Andreas Ebert den vorliegenden Artikel einige Wochen vor der Veröffentlichung zur Verfügung gestellt, aber bis heute leider nichts von ihm gehört. Er hat uns allerdings zu einem früheren Zeitpunkt bereits mitgeteilt, dass er hauptsächlich aus deutschen Quellen geschöpft hat. Das hat er sicherlich im guten Glauben getan, dass diese Artikel auf verlässlicher Recherche in den englischen Originalquellen beruhen. Wir betonen, dass es sich hauptsächlich rein um die Wirkung handelt, die diese Sekundärliteratur erzeugt. Im Großen und Ganzen halten sich nämlich die Autoren dort mit expliziten Aussagen zurück. Wenn jemand allerdings einen, wie er selbst schreibt, „herausragenden Vater der Brüderbewegung“ derart in Verruf bringt und vor allem in der angeblichen Beweiskette nur weitreichende Schlussfolgerungen aus der Sekundärliteratur zieht, dann muss es erlaubt sein, einige Klarstellungen vorzunehmen.

Wir gehen im Folgenden der Frage nach, ob es sich – wie in dem Artikel behauptet – um die „Wirkungsgeschichte einer unbiblischen Lehre“ handelt oder nicht. Wir wollen nicht abstreiten, dass man in Fragen des Gemeindelebens auch einmal zu unterschiedlichen Ansichten gelangen kann. Doch die hier angesprochene Frage hinsichtlich der Einsetzung offizieller Ältester hat schon in manchen Gemeinden zu großen Problemen geführt. Darüber hinaus stellt der Artikel Darbys Lehre vom Verfall der Kirche nicht nur als eine „unbiblische Lehre“ dar, sondern bringt sie sogar mit fundamental Bösem in Verbindung. Sie markiere, so der Autor, „eine Ausnahme“ in Bezug auf den „Glaube[n] an göttliche Inspiration und Unfehlbarkeit der Schrift“ und „die Annahme dieser Lehre“ „verbietet […], ernst zu nehmen, was geschrieben steht“ (S. 29).

Ein solch ernster Vorwurf fordert eine Untersuchung heraus vonseiten derer, die diese Lehre aus der Heiligen Schrift als richtig erkannt haben und ihr tatsächlich noch anhangen – allerdings nicht in der von Andreas Ebert verzerrten Darstellung. Zu Anfang unseres Artikels möchten wir mit einem Zitat von Darby beginnen:

Es ist viel angenehmer, die Reichtümer der Gnade Gottes und die Liebe Christi zu betrachten, als über die Frage von Ämtern und Satzungen zu streiten. Es ist jedoch manchmal nötig, davon zu reden, weil man bereits davon spricht, um die Ruhe der Christen zu stören und ihre Geister zu erregen, als ob ihr Christentum mangelhaft sei, als ob sie in Unordnung wandelten und ihnen vor Gott etwas fehlte. Deshalb, um diese Streitpunkte zu erklären und die Geister der Christen zu beruhigen, werden wir einige Zeilen über die Ämter und Gaben schreiben. Wir wünschen aber von ganzem Herzen, dass ein jeglicher, welcher hierüber wirklich klargeworden ist, sich von diesen Fragen abwende und sie ganz und gar verlasse, um sich mit Christus, mit seiner unerschöpflichen Liebe und seiner unermesslichen Gnade zu beschäftigen. Dieses ernährt und erbaut; durch solche Fragen aber verdorrt die Seele.
(Aus „Über Gaben und Ämter“, Botschafter des Heils in Christo, 1856, S. 61; siehe auch unseren Artikel „Älteste in der Gemeinde“)

Die Lehre vom Verfall der Kirche bei John Nelson Darby

Die Lehre vom Verfall der Kirche bei John Nelson Darby besagt: Die Einheit der Kirche in der Praxis war schon sehr früh durch das Versagen der ersten Christen nicht mehr zu sehen. Dies heißt natürlich nicht, dass es mit der Einheit der Kirche/Gemeinde Gottes vorbei ist oder dass man sich heute nicht mehr als Gemeinde versammeln kann; aber es heißt sehr wohl, dass eben nicht mehr alle Christen nach den Grundsätzen des Wortes Gottes zusammenkommen, denn es ist in unserer Zeit nicht mehr möglich, sich nach dem einfachen Muster der Heiligen Schrift zu versammeln, wie es vor allem in der Apostelgeschichte zu finden ist. Es wäre heute vermessen, sich „die Gemeinde in X“ zu nennen, wenn es nebenbei am Ort Christen gibt, die sich nach anderen Grundsätzen versammeln. Dass es nicht mehr möglich ist, sich nach dem einfachen Muster der Heiligen Schrift zu versammeln, ist auch sehr einfach nachzuweisen:

  1. Zu neutestamentlichen Zeiten bestand eine örtliche Gemeinde/Versammlung aus allen Gläubigen eines Ortes, auch wenn sie sich aus Platzgründen in unterschiedlichen Räumen versammeln mochten. Heutzutage gibt es in einem Ort, in einer Stadt häufig etliche voneinander getrennte Gruppen von Christen, abgesehen davon, dass in diesen auch oft Ungläubige „Mitglieder“ sein können. Keine dieser Gruppen kann für sich in Anspruch nehmen, die Gemeinde an dem betreffenden Ort zu sein. Aber genau dieses Bild vermittelt das Neue Testament und gerade dieses Bild lässt sich heute nicht mehr wiederherstellen.

  2. Das Neue Testament gibt uns keine historischen Beispiele, die wir heute nachahmen könnten, nach denen wir heute handeln können, denn diese Trennungen, die wir heute überall sehen, gab es damals noch nicht. Schon deshalb können wir keine Gemeinden nach neutestamentlichem Vorbild „gründen“, weil die Ausgangslage heute eine ganz andere ist.

  3. Das ganze Neue Testament zeigt durchgehend ein Handeln in Einheit und Gemeinschaft, und zwar nicht nur in der örtlichen Gemeinde, sondern auch überörtlich (vgl. Apg 15). Auch dieser Punkt ist so unter Kindern Gottes heute nur noch bedingt möglich. Oft handelt die eine Gemeinde so und die andere so. Wenn die Heilige Schrift auch eigenverantwortliche Gemeinden/Versammlungen kennt, so doch keine unabhängigen Gemeinden.

Diese drei Punkte reichen, um deutlich zu machen: Wegen der Trennungen (in der Christenheit) ist ein Versammeln nach dem Muster der Apostelgeschichte nur noch bedingt möglich. Darby nannte diese Misere the public ruin of the church oder zu Deutsch „den öffentlichen Verfall der Kirche“ (siehe dazu auch seinen Artikel „The public ruin of the church“ in The Collected Writings of J.N. Darby, Miscellaneous 1, Bd. 32; auf Deutsch „Der Verfall der Kirche“, Notizen eines Zusammenkommens in London im September 1847).

Viele Christen mögen diesen Niedergang ignorieren und weiterhin Gemeinden nach biblischem Vorbild „gründen“, aber sie werden sicher zugeben, dass sie das neutestamentliche Vorbild nie erreichen können. Denn schon das „Gründen“ einer Gemeinde in Orten/Städten, wo es schon Kinder Gottes gibt, ist der Schrift völlig unbekannt. Christen werden einfach der Versammlung hinzugetan (s. Apg 2,41; 5,14; 11,24), und zwar durch Glaube, Wiedergeburt und das Empfangen des Heiligen Geistes. Wer die Lehre über den Verfall der Kirche aus der Schrift erkannt hat, wird daher nicht einfach so zu tun, als ob nichts geschehen wäre, sondern den Verfall anerkennen und sich vor Gott darunter demütigen und das gemeinsame Versagen bekennen (siehe J.N. Darby, „Der Verfall der Kirche“). Diese Vorgehensweise finden wir im Alten Testament mehrfach vorgeschattet, zum Beispiel in dem Verhalten von Nehemia und Daniel.

Die Lösung ist also nicht, auf Biegen und Brechen den Verfall zu leugnen und so zu tun, als sei er nicht eingetreten, sondern ihn demütig anzuerkennen und zu schauen, was von all den Grundsätzen des Anfangs Gott uns auch heute noch gewähren möchte. Denn natürlich ist nicht alles zerstört, und es bleibt bis zum Ende wahr, dass die Pforten des Hades die Versammlung nicht überwältigen werden (Mt 16,18) und dass der Herr Jesus seine Versammlung nährt und pflegt und sie durch die Waschung mit Wasser durch das Wort reinigt (vgl. Eph 5,29.26). Alle Grundsätze vom Anfang des Christentums, die nicht damit zu tun haben, dass sich alle Kinder Gottes auf einer Grundlage versammeln, lassen sich auch noch heute in die Praxis umsetzen. Es ist nicht so, wie Andreas Ebert auf Seite 29 schreibt:

Zur Zeit der Abfassung des ersten Briefes an Timotheus war das Evangelium von Jesus schon etwa 30 Jahre in Umlauf und in einem weiten Umkreis hatten sich nach dem Vorbild der Apostel Gemeinden gebildet. Wie soll man sich das vorstellen, wenn nach etwa 30 Jahren Mission plötzlich das ganze Konzept des Gemeindebaus nicht mehr gelten soll? Wie wurde ihnen mitgeteilt, dass die apostolische Grundlage nicht mehr gilt und man sich nur noch zum Namen Jesu hin versammeln soll? Auf welche Weise sollten die Christen in aller Welt informiert werden? Oder sollten sie weitere Jahrzehnte nach falschen Regeln arbeiten? (KfG 2/15, S. 29)

Dieses „kirchengeschichtliche Argument“ – wie der Autor es nennt –, das seiner Meinung nach gegen Darbys Verfallslehre spreche, entbehrt unseres Erachtens jeglicher Grundlage. Keiner der frühen „Brüder“ hat jemals gelehrt, dass „das ganze Konzept des Gemeindebaus nicht mehr gelten soll“ – wo hat das jemals einer gesagt oder angedeutet? Auch für diese Behauptung sollte man schon einen Beweis erwarten. Hängt denn das ganze Konzept des Gemeindebaus für den Autor allein an der Frage, ob eine Gemeinde nun Älteste mit offizieller Autorität hat oder Diener Gottes mit moralischer Autorität? Diese Sicht scheint uns doch ein wenig verengt. Die Frage ist doch nicht, ob jemand in einer Gemeinde mit offizieller Autorität ermahnt, ermutigt, zurechtweist oder tröstet oder ob er das mit moralischer Autorität tut. Wichtig in einer gesunden Gemeinde ist doch, dass dieser Dienst getan wird. Im Übrigen richtet sich diese Aufforderung aus 1. Thessalonicher 5,14 ausdrücklich an Brüder im Allgemeinen und nicht nur an solche, die der Gemeinde vorstehen: „Wir ermahnen euch aber, Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, nehmt euch der Schwachen an, seid langmütig zu allen.“ Im 1. Thessalonicherbrief liest man nichts von offiziellen Ältesten, wohl aber davon, dass die Gläubigen solche erkennen sollten, „die unter ihnen arbeiten und ihnen vorstehen im Herrn und sie zurechtweisen“ (1Thes 5,12).

Wieso geht Andreas Ebert davon aus, dass nach dreißig Jahren Mission der weltweiten Gemeinde mitgeteilt werden müsse, dass „man sich nur noch zum Namen Jesu hin versammeln soll“? Hatte man das denn die dreißig Jahre vorher nicht getan? Von den Korinthern heißt es „wenn ihr und mein Geist mit der Kraft unseres Herrn Jesus versammelt seid“ (1Kor 5,4) und in einem der letzten Briefe des Apostels Paulus sollte Timotheus sich zu denen halten, „die den Herrn anrufen aus reinem Herzen“ (2Tim 2,22). Alle neutestamentlichen Schriften zeigen, dass es in Fragen der Ältestenschaft unterschiedliche Vorgehensweisen gab – die einen hatten offizielle Älteste andere nicht.

Wenn es heute bestimmte Praktiken der Anfänge des Christentums nicht mehr gibt, wie das offizielle Anstellen von Ältesten, dann muss uns das nicht überraschen, denn wie bereits erwähnt, finden wir deutliche Vorbilder im Alten Testament, wie Gläubige in Zeiten des Niedergangs und des Verfalls handeln können. So lesen wir in den Büchern Esra und Nehemia nichts davon, dass es nach der babylonischen Gefangenschaft noch Zeichen und Wunder gegeben hätte oder die Bundeslade oder die Urim und Thummim. Auch die erste Herrlichkeit des Hauses Gottes gab es nicht mehr, wohl aber wurde der Altar an seiner Stätte aufgerichtet. Und obwohl die Herrlichkeit Gottes den Tempel in Jerusalem (Hes 10–11) sogar verlassen hatte, ließ Gott durch den Propheten Haggai dem Volk dennoch sagen: „Das Wort, das ich mit euch eingegangen bin, als ihr aus Ägypten zogt, und mein Geist bestehen in eurer Mitte: Fürchtet euch nicht!“ (Hag 2,5). Der Prophet fordert nicht dazu auf, die alte Herrlichkeit wiederherzustellen oder Zeichen und Wunder wieder aufleben zu lassen; auch sollte die Bundeslade nicht gesucht werden. Dagegen sollte Israel anerkennen, dass sie in Zeiten des Niedergangs und des Verfalls lebten, dass Gott aber immer noch bei ihnen sein wollte. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Lehre vom Verfall der Kirche zutiefst ermutigend, denn der Herr Jesus hat nicht aufgehört, in der Mitte derer zu sein, die zu seinem Namen hin zusammenkommen und sich vor dem Wort Gottes beugen, die sich nicht über den Verfall erheben, als wären sie etwas Besseres, sondern ihn anerkennen und vor Gott bekennen.

Dazu sagte ein Bruder:

Der Gedanke, allein durch Kopieren des neutestamentlichen „Musters“ auf einfache Weise zu einem Zusammenkommen zu gelangen, das auch den göttlichen Grundsätzen entspricht, ist also völlig unhaltbar. Der biblische und einfache Weg ist der, uns vor dem Herrn wegen unseres gemeinsamen Versagens, das das schöne Bild der Apostelgeschichte nach außen hin zerstört hat, tief vor dem Herrn zu beugen. Dann dürfen wir die grundsätzliche Lehre des Neuen Testaments zur Grundlage des Zusammenkommens machen und dabei den beispielhaften Charakter der neutestamentlichen Praxis – soweit diese in der Zeit des Verfalls noch anwendbar ist – gebührend berücksichtigen.

Dem können wir nur beipflichten. Eigentlich müsste auch Andreas Ebert in seinem oben angeführten Artikel diesen Verfall der Kirche auf Schritt und Tritt sehen und dafür nicht einmal einen Beweis aus der Schrift benötigen. Dass er ihn nicht sieht, können wir uns nicht anders erklären, als dass er ein anderes Verständnis von Kirche/Gemeinde hat, als Darby es aus der Heiligen Schrift erkannt hat. Bruder Ebert kann den Verfall nur dann weiterhin leugnen, wenn er annimmt – wie viele andere das tun –, dass jede Gruppe, die sich nach „bibeltreu“ genannten Kriterien versammelt, eine Kirche/Gemeinde nach den Gedanken der Schrift ist. Doch das ist keineswegs der Fall. Ein Zusammenkommen von Gläubigen in einer bestimmten Stadt – und sei dieses Zusammenkommen noch so bibeltreu – ist nicht die Gemeinde Gottes in dieser Stadt. Die Gemeinde Gottes an diesem Ort umfasst nämlich alle Gläubigen des Ortes, mögen sie sich zu diesem noch so bibeltreuen Zusammenkommen halten oder nicht. Zur Gemeinde Gottes an diesem Ort gehören also auch die Gläubigen aus der Freikirche A und der Hausgemeinde B und der evangelischen Kirche und sogar aus der katholischen Kirche. Alle diese Gruppen nennen sich „Kirche“ oder „Gemeinde“ und sind damit doch gerade der Beweis für den Verfall der Kirche und ihre Zersplitterung.

Diese Lehre vom Verfall der Kirche lehnt Ebert offensichtlich ab. Seiner Ansicht nach ist sie der Grund dafür, warum manche Gemeinden keine offiziellen Ältesten anstellen. Für viele Leser wird es wahrscheinlich schwer verständlich sein, wie man auf solch einen Gedanken überhaupt kommen kann. Doch so weit liegen diese beiden Themen (Verfall und Älteste) gar nicht auseinander, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat. Denn wenn der besagte Verfall wirklich eingetreten ist – und wer will daran zweifeln? –, dann stellt sich natürlich die Frage, ob es nach dem Neuen Testament überhaupt noch offizielle Älteste geben kann. Warum? Nun, ein Ältester wurde jemand immer in Bezug auf eine Stadt („in jeder Stadt Älteste anstellen möchtest“; Tit 1,5), nicht in Bezug auf eine Splitterpartei der Christenheit. Ein von Paulus eingesetzter offizieller Ältester hatte Autorität in einer bestimmten Stadt, und zwar für alle Gläubigen an diesem Ort. Doch wenn heutzutage ein Ältester offiziell eingesetzt würde, dann wird er lediglich von einem kleinen Teil der gesamten Gemeinde Gottes in dieser Stadt, die nach dem Wort Gottes aus allen wahren Gläubigen an diesem Ort besteht, anerkannt. Die Schrift kennt keine offiziellen Ältesten für Splittergruppen, die höchstens die Herde bei ihrer Splittergruppe halten können. Und das ist genau die Folge des Verfalls der Kirche. Dieses Argument – den Verfall der Kirche – haben wir in unserem Artikel „Offizielle Älteste in der Gemeinde?!“ überhaupt nicht herangezogen für die Ablehnung von offiziellen Ältesten. Das heißt: Selbst wenn ein Verfall der Kirche nicht eingetreten wäre, gäbe uns die Heilige Schrift dennoch kein Recht für die offizielle Einsetzung von Ältesten.

Der Artikel von Andreas Ebert stellt es jedoch so dar, als sei der Hauptgrund für die Ablehnung von offiziellen Ältesten die oben beschriebene Verfallslehre Darbys. Doch der Hauptgrund liegt nicht in der Verfallslehre, sondern in der Frage nach der Autorität. Das geht aus Darbys Worten, die Ebert auf Seite 28 unten zitiert, deutlich hervor:

Die beiden öffentlichen Ämter, von denen wir gesprochen haben, fehlen uns also jetzt, und niemand kann sie nach der Heiligen Schrift auf eine göttliche Weise wiederherstellen, weil niemand dazu die Autorität besitzt oder den Auftrag von Gott dazu empfangen hat. (KfG 2/15, S. 28; Hervorhebung von SW)
(Aus: J.N. Darby, Gaben und Ämter in der Versammlung (Gemeinde) Gottes, Verlag von R. Brockhaus, 1926, S. 20)

Hierin liegt der eigentliche Hauptgrund für die Ablehnung von offiziellen Ältesten: Wer hat Macht, Befugnis und Autorität, einen Ältesten in ein offizielles Amt einzusetzen? Die Antwort auf diese Frage lautet: Heutzutage niemand, denn nach der Heiligen Schrift konnten dies nur der Apostel Paulus tun und solche, die er dazu beauftragt hatte. Dass es noch dazu in Zeiten von Trennungen – oder anders ausgedrückt in Zeiten von Verfall und Niedergang – ein schwieriges Unterfangen ist, Älteste nach biblischem Vorbild einzusetzen, kommt hier allerhöchstens noch dazu, ist aber keineswegs der Hauptgrund, wie der Autor meint. Auch in der unmittelbaren Folge des obigen Zitates von Darby geht es nicht um den Verfall der Kirche, obwohl es diesen Punkt weiter unten im Artikel (von Darby) sehr wohl gibt. Doch diesen Punkt hat Ebert vermutlich gar nicht gelesen, weil er hauptsächlich die Bruchstücke zitiert, die er in dem Buch Gemeinde Jesu in Knechtsgestalt (Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg, 1965) von E.H. Broadbent gefunden hat (siehe Fußnoten bei Ebert).

Ist „verworfen“ auch „zerstört“?

Auf Seite 25 zitiert Ebert J.N. Darby folgendermaßen:

Eine Haushaltung ist wahrhaft verworfen, sobald Menschen gegen sie gesündigt haben. (KfG 2/15, S. 25)
An economy is really rejected as soon as men have sinned against it.
(Aus „What has been acknowledged? Or, the state of the controversy about elders, followed by a short answer to an article of Mons. de Gasparin“, in Collected Writings of J.N. Darby, Bd. 4, Genf 1852, S. 297)

Darby spricht hier von „verworfen“ (im Englischen rejected, was man auch mit „zurückgewiesen, abgelehnt“ übersetzen kann). In seiner Tabelle auf Seite 26 verwandelt Ebert aber nun „verworfen“ (oder „zurückgewiesen“, rejected) sogar noch in „zerstört“. Doch genau von diesem Gedanken der Zerstörung einer Haushaltung distanziert Darby sich noch im selben Absatz, dessen ersten Teil Ebert zitiert. Nur wenige Sätze weiter schreibt Darby:

Die Haushaltung, die auf Bedingungen gegründet ist, wird im Grunde genommen zurückgewiesen/abgelehnt, sobald der Mensch in diesen Bedingungen versagt hat; sie wird erst abgeschafft/weggetan (wegen der geduldigen Güte Gottes), wenn es überhaupt kein Heilmittel mehr gibt.
The economy which is founded on conditions is, at bottom, rejected as soon as man has failed in these conditions; it is only suppressed (on account of the patient goodness of God) when there is no longer any remedy.
(Aus „What has been acknowledged? Or, the state of the controversy about elders, followed by a short answer to an article of Mons. de Gasparin“, in Collected Writings of J.N: Darby, Bd. 4, Genf 1852, S. 297)

Darby besteht also auf einem zeitlichen Unterschied zwischen der Zurückweisung (Verwerfung) und der Abschaffung (Zerstörung). Allein aufgrund dieses Punktes geht Eberts Tabelle an der Fragestellung vorbei, weil sie schon allein in ihrer Struktur etwas beinhaltet, was Darby so nie gelehrt hat.

Ablehnung offizieller Ältester in Verbindung mit der Verfallslehre

Ebert schreibt gleich zu Beginn des Artikels auf Seite 24:

Was man […] verbreitet antrifft, sind bestimmte Auswirkungen dieser Lehre [gemeint ist die Verfallslehre]. Es sind logische Folgen, die in der Vergangenheit zum „Standardlehrgut“ des Brüdertums zählten und eigentlich nur in Verbindung mit der Verfallslehre Sinn machen. (KfG 2/15, S. 24)

Das Ablehnen von offiziellen Ältesten macht nach Meinung des Autors also „eigentlich nur in Verbindung mit der Verfallslehre Sinn“, und gerade das ergibt eben überhaupt keinen Sinn, wie wir oben gezeigt haben. Die „Verfallstheorie“ – wie der Autor Darbys Lehre nennt (S. 24, 25, 28, 29) – unterstützt allerhöchstens das Hauptargument, nämlich das Argument der Frage nach der Autorität. Wenn die Lehre vom Verfall der Kirche das einzige Argument solcher wäre, die offizielle Älteste ablehnen, dann könnten wir ihre Bedenken wenigstens nachvollziehen.

Verfallslehre aufgrund von zu wenig „Liebe zum und Respekt vor dem Wort Gottes“?

Ebert schreibt auf Seite 29:

Die Verfallslehre hat eine Reichweite, die man ihr auf den ersten Blick nicht zutraut. Zu den Schätzen der Brüderbewegung gehört die Liebe zum und der Respekt vor dem Wort Gottes. Der Glaube an göttliche Inspiration und Unfehlbarkeit der Schrift sind fast selbstverständlich. Als Folge unseres Themas treffen wir aber auf eine Ausnahme. Die Lehre vom Kirchenverfall wird im Blick auf die Schriftauslegung zu einer Vorgabe, die die Bibel sortiert nach Texten, die uns gelten und anderen, auf die das nicht zutrifft. (KfG 2/15, S. 29; Hervorhebung von SW)

Dass Ebert hier eine Ausnahme an „Liebe zum und […] Respekt vor dem Wort Gottes“ sehen will, wird dem Tatbestand nicht gerecht. Im Gegenteil: Gerade weil die „Brüder“ das Wort Gottes so sehr liebten, beachteten sie genau, wer bestimmte Dinge tat (im Fall von Apg 6 waren das die Apostel) und wem bestimmte Dinge gesagt wurden. Ebenso zeigten sie Respekt vor dem Wort Gottes und lasen es deshalb sehr genau; und auch Apostelgeschichte 6, auf die Ebert im Folgenden noch eingeht, macht hier keine Ausnahme. Es ist doch sehr bedenklich, anderen Brüdern „Liebe und Respekt vor dem Wort Gottes“ abzusprechen, ohne einen klaren Beweis dafür anzuführen.

Unmittelbar anschließend an das obige Zitat schreibt Ebert weiter auf der gleichen Seite:

Wenn etwa in Apostelgeschichte 6 berichtet wird, dass Diakone berufen worden sind, dann mag das damals Recht gewesen sein – uns aber geht das nichts mehr an. Obwohl im Text selbst keinerlei Einschränkung zu finden ist, verbietet die Annahme der Verfallslehre, ernst zu nehmen, was geschrieben steht. (KfG 2/15, S. 29; Hervorhebung von SW)

Im Hinblick auf diese Aussage fragen wir uns natürlich schon, ob der Autor einmal die Schriften der frühen „Brüder“ gelesen hat. Diese Brüder haben die Praxis von Apostelgeschichte 6 (die Berufung der Diakone) nicht aufgrund der Verfallslehre abgelehnt, sondern weil sie eben sehr genau gelesen und wahrgenommen haben, dass es die Apostel waren, die hier die Hände auflegten, um den Diakonen in Finanz- und Versorgungsangelegenheiten Autorität zu verleihen. Die Brüder fragten sich damals, wer unter den zu ihrer Zeit lebenden Brüdern die Autorität von Gott empfangen hatte, um andere Brüder in ein Amt zu setzen und ihnen somit Autorität in Belangen der Gemeinde zu verleihen, wie wir es in Apostelgeschichte 6 finden.

Verfallslehre wird zu einer „hermeneutischen Brille“?

Ebert schreibt auf Seite 29:

Das erkannte Prinzip [vom Verfall der Kirche] wird zu einer hermeneutischen Brille, die mir vorgibt: Dies gilt, jenes nicht. Alle Texte, die mit Leitung, Ämtern und Organisation zu tun haben, werden auf diese Weise herausgefiltert und dürfen nicht sagen, was sie eigentlich sagen wollen. (KfG 2/15, S. 29)

Wenn man die Schriften der frühen „Brüder“ liest und hinsichtlich dieses Vorwurfs der „hermeneutischen Brille“ untersucht, dann gewinnt man nicht den Eindruck, dass die Heilige Schrift nicht sagen durfte, was sie eigentlich sagen wollte. Diese Brüder schöpften jede dieser Schriftstellen reichlich aus, aber sie legten dort nicht etwas hinein, was nicht darin steht. Kein neutestamentlicher Text, in dem es um Ämter oder Leitung geht, beantwortet die Frage, wie wir heute zu offiziellen Ältesten gelangen können. Die Schrift gibt uns lediglich das Vorbild des von Gott autorisierten Apostels und seiner Mitarbeiter, die Paulus speziell mit der Aufgabe beauftragt hatte, Älteste in den Gemeinden einzusetzen.

Es ist in diesem Zusammenhang sehr interessant, dass sogar ein Bruder wie Alexander Strauch, der in seinem Buch Biblische Ältestenschaft vehement für offizielle Älteste eintritt, mehrfach zugibt, dass das Neue Testament keine Anweisung darüber enthält, wie eine Gemeinde nach dem Tod des Apostels Paulus zu offiziellen Ältesten gelangen kann:

Das Neue Testament bietet nur wenig detaillierte Anweisungen über die offizielle Amtseinsetzung von Ältesten, und das Alte Testament sagt überhaupt nichts darüber.

[…] wissen wir immer noch nicht genau, wie die Ältesten von Galatien für das Weiterbestehen ihres Amtes sorgten, nachdem die Apostel nicht mehr da waren.

Obgleich das Neue Testament kein Beispiel für die Einsetzung von Ältesten durch Älteste bringt […].
(Biblische Ältestenschaft, Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg, 3. Aufl. 2010, S. 318, 312, 310)

Auch wenn Alexander Strauch für das offizielle Einsetzen von Ältesten plädiert, ist er sich dennoch bewusst, dass die Heilige Schrift dazu keinen direkten Auftrag erteilt. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass er für das Ordinieren von Ältesten plädiert, obwohl er in seinem Buch zuvor die Ämterordination der Kirchen so streng verurteilt. Wir erwähnen diesen Zusammenhang deshalb, weil ja auch Andreas Ebert offensichtlich der Meinung ist, dass die Schrift in den in Frage kommenden Bibelstellen vom offiziellen Einsetzen von Ältesten – auch in der nachapostolischen Zeit – spricht. Aber gerade das tut die Heilige Schrift nicht, und so blieben die frühen „Brüder“ einfach bei dem stehen, was die Schrift sagt, und gingen nicht darüber hinaus – eben aus „Liebe zum und Respekt vor dem Wort Gottes“.

Wie gesagt, es geht hier nicht darum, dass man in der Auslegung von Apostelgeschichte 6 und anderer Bibelstellen nicht auch zu anderen Auffassungen gelangen könnte, aber die Argumentation des Autors ist nicht schlüssig.

Warum bekommt Timotheus genaue Anweisungen über den Ältestendienst?

Ebert fährt auf Seite 29 fort mit den Worten:

Man hat natürlich kritisch gefragt, warum denn gerade Timotheus genaue Anweisungen über den Ältestendienst bekommt, wenn er aufgehört hat. (KfG 2/15, S. 29)

Diese Frage beantwortet Darby klar und deutlich in dem Artikel „Scriptural views upon the subject of elders, in answer to a tract entitled ‘Are Elders to be Established?’“. Wie uns Bruder Ebert bestätigte, hat er hauptsächlich aus deutscher Literatur geschöpft, da die sprachlichen Barrieren zu groß waren. Für sprachliche Barrieren haben wir zwar großes Verständnis, aber wir persönlich würden es dann niemals wagen, so einen Artikel zu schreiben und die Lehre eines anderen Bruders so anzugreifen, ohne dessen Hauptschriften zu diesem Thema gelesen zu haben. So schreibt Darby in diesem Artikel auf Seite 190:

Ich könnte mit Freuden ihre [der Ältesten] Existenz in der Praxis anerkennen, wenn sie sich selbst dieser Arbeit gewidmet haben und dort das Siegel Gottes empfangen haben. Will man sie nun offiziell anstellen? Dann ist Schluss.
I could have joyfully recognized their existence in practice when they had given themselves up to the work and had received there the seal of God. Will people nominate them? I must stop.
(Aus „Scriptural views upon the subject of elders, in answer to a tract entitled ‘Are Elders to be Established?’“, Genf, 1849, in Collected Writings of J.N. Darby, Bd. 4, S. 183-227)

Weiter schreibt Darby in demselben Artikel auf Seite 208:

Nichtsdestoweniger habe ich immer so viele [Älteste], wie da waren, anerkannt, und wenn die Gelegenheit sich bot, habe ich versucht, diesem „schönen Werk“ [1Tim 3,1] zur Betätigung und Entwicklung zu verhelfen. Mithilfe der Gnade Gottes werde ich das auch weiter tun, und das mit aller Energie, die Er mir dazu schenken wird. An einigen Orten ist das in glücklicher und gesegneter Weise praktiziert worden. In anderen Orten würde es ein großer Segen sein, wenn Gott in seiner Güte das Instrument dafür erwecken würde. Aber wenn man, weil man etwas gegen den Ausdruck Klerus hat, unter dem Deckmantel der Ältesten und dem Vorwand des Gehorsams [dem Wort gegenüber] den Klerus doch wieder einführen will, so lasse ich mich nicht durch Worte täuschen. Wenn mir jemand erzählt, er könne Ältesten weder gehorchen noch sie anerkennen (1Thes 5,12.13), es sei denn, diese seien offiziell durch Menschen eingesetzt, dann kann ich dem nicht trauen.
Nevertheless I have always recognized so much of it as existed, and when the occasion offered, I have sought to give activity and development “to that excellent work.” By the grace of God I will do so still, giving to it all the energy which He may grant me. In certain places it has been in exercise happily and with blessing. In others it would be a great blessing if God in His goodness would raise up the instrument. But if, because the name of clergy yet inspires repugnance, it is wished under the name of elders and under the pretext of obedience to re-establish the clergy, I do not let myself be deceived by words. When I am told that I can neither obey the elders nor recognize them (1 Thess. 5: 12, 13), unless men have officially set them up, I cannot trust it, […]
(Aus „Scriptural views upon the subject of elders, in answer to a tract entitled ‘Are Elders to be Established?’“, Genf, 1849, in Collected Writings of J.N. Darby, Bd. 4, S. 208)

Ja, Darby hat die Ältestennominierung abgelehnt, aber den Ältestendienst hoch geschätzt. Aber das scheint für Andreas Ebert keine Alternative zu sein. Jene Väter der Brüderbewegung haben auch Bibelstellen wie 1. Timotheus 3 voll ausgeschöpft und nicht als überholt beiseitegelegt.

Wird jemand die Gemeinschaft verwehrt, wenn er die Verfallslehre leugnet?

Der Autor zitiert auf Seite 30 Darby:

... dieser Stand der Dinge, wie er uns in Gottes Wort vor Augen tritt, hat zu bestehen aufgehört, und die Frage, die zu lösen ist, kann nur so lauten: Wie soll ein Christ urteilen und handeln, wenn ein Zustand, der uns im Wort vorgestellt wird, nicht mehr besteht? Du wirst sagen, „er soll ihn wiederherstellen“. Deine Antwort selbst ist schon ein Beweis des Bösen. (KfG 2/15, S. 30)
(Zitiert aus Broadbent, S. 364)
[…] this state of things, appearing in God’s word (for it is a fact, not a theory), has ceased to exist, and the question to be solved is no other than this: How ought the Christian to judge and act when a condition of things set before us in the word no longer exists? You will say, he is to restore it. Your answer is itself one proof of the evil.
(Aus „On the Formation of Churches“, um 1840, in Collected Writings of J.N. Darby, Bd. 1, S. 141)

Das kommentiert Ebert mit den Worten:

Wer es nicht so sah, war „Böse“ und tolerierte Böses und das genügte, um die Gemeinschaft zu verweigern. (KfG 2/15, S. 30)

Es ist natürlich wahr, dass Darbys Worte hart klingen, zumindest rückblickend aus der Sicht des weichgespülten Jahrhunderts, in dem wir leben. Und es ist durchaus denkbar, dass es diese verengte Sichtweise, die Ebert in Darbys Aussage (s. obiges Zitat) hineinlegt, hier und da in der Brüderbewegung gegeben hat. Aber Darby jedenfalls hat nie gelehrt, dass jemand, der „es nicht so sah“, „Böse“ war und „Böses tolerierte“, und dass „das genügte, um die Gemeinschaft zu verweigern“. Wir kennen auch keinen anderen Schriftausleger der Brüderbewegung, der sich jemals in dieser Weise geäußert hätte. Auch ist uns kein Fall aus der Praxis bekannt, dass allein eine unterschiedliche Ansicht zu diesem Punkt zur Verweigerung der Gemeinschaft geführt hätte.

Mit seiner Schlussfolgerung, dass jemand zu einem Bösen wurde, wenn er diese Lehre ablehnte, und dass die Gemeinschaft verweigert wurde, geht Andreas Ebert eindeutig zu weit. Die „Brüder“ haben immer einen Unterschied gemacht zwischen kirchlicher Ungerechtigkeit und falscher Lehre, die gegen die Fundamente des Glaubens verstößt oder die Person des Herrn angreift. Auf www.soundwords.de befinden sich etliche Artikel, die das beweisen.

Artikel zum Stichwort „Unabhängigkeit
Artikel „Zulassung zum Abendmahl

Bedauerlich, dass der Autor auch hier nur selektiv zitiert und damit dem Leser Darbys Antwort auf die Frage, „wie […] ein Christ urteilen und handeln [soll], wenn ein Zustand, der im Wort vorgestellt wird, nicht mehr besteht“, vorenthält. Darby begründet seine Aussage „Deine Antwort selbst ist schon ein Beweis des Bösen“ (die übrigens an einen fiktiven Leser und nicht an einen konkreten Adressaten gerichtet ist) nämlich sofort, indem er schreibt:

Sie [die Antwort] setzt voraus, dass wir in uns selbst Kraft besitzen. Ich möchte sagen: Höre auf das Wort und gehorche ihm, wo es sich auf diesen Zustand des Verfalls bezieht. Deine Antwort setzt zweierlei als selbstverständlich voraus: 1. dass es dem Willen Gottes entspricht, die Haushaltung, nachdem sie versagt hat, in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuführen; und 2. dass du fähig und auch berechtigt bist, sie wiederherzustellen. Nimmt man damit schriftgemäßen Boden ein?
(Übersetzung [bis auf den letzten Satz] bei Broadbent, S. 364)
It supposes that there is power in ourselves. I would say, Listen to the word and obey it, as it applies to such a state of declension. Your answer takes for granted two things: firstly, that it is according to the will of God to reestablish the economy or dispensation on its original footing after it has failed; and secondly, that you are both able and authorized to restore it. Is this scriptural ground to take?
(Aus „On the Formation of Churches“, um 1840, in Collected Writings of J.N. Darby, Bd. 1, S. 141)

Wir sehen: Darby kann gar nicht anders, als ein Handeln gegen den Willen Gottes – in der hochmütigen Annahme, „dass wir in uns selbst Kraft besitzen“, um den Verfall rückgängig zu machen – als böse zu bezeichnen.

Auf Seite 28 zitiert Ebert aus dem Botschafter des Heils in Christo und geht dabei in seiner Schlussfolgerung erneut viel zu weit:

Für ein demütiges Herz wird die Erinnerung an den Verfall der Kirche stets etwas sein, wodurch er vor Gott betrübt und niedergebeugt wird. […] Eine solche Gesinnung bewahrt uns vor Überhebung, vor einem Zustand, in welchem Gott nicht mit uns sein kann und uns segnen kann. Dann aber finden wir an vielen Stellen des Wortes Gottes die ernste Ermahnung, uns von dem Übel, von den unfruchtbaren Werken der Finsternis und von allen denen, die darin wandeln, zu trennen und fern zu halten. – Wir lesen Römer 16,17: „Ich ermahne euch aber, Brüder, dass ihr auf die Acht habt, welche Zwiespalt und Ärgernisse, entgegen der Lehre, die ihr gelernt habt, anrichten; und wendet euch von ihnen ab. (KfG 2/15, S. 28)
(Aus „Eine Betrachtung nach dem Worte Gottes über den Verfall der Kirche und der Ämter in derselben, so wie über die Anstrengung zu ihrer Wiederherstellung“ in Botschafter des Heils in Christo, 1859, S. 56-57)

Ebert kommentiert das mit den Worten:

Es gab viele Dinge, die man als „Übel“ oder „Böse“ bezeichnen konnte. In diesem Zusammenhang meint es alle benannten christlichen Kirchen und Gemeinden und die Menschen, die in ihnen verkehren. (KfG 2/15, S. 28)

Wir fragen uns, wie Bruder Ebert so etwas behaupten kann. Worauf gründet er seine Aussage? Zum einen macht der Schreiber im Botschafter deutlich, wen er damit meint: nämlich solche, „welche Zwiespalt und Ärgernisse […] anrichten“. Zum anderen wäre Ebert, wenn er diesen Artikel komplett gelesen hätte, deutlich geworden, dass der Schreiber im Botschafter nicht einfach alle Kirchen und Gemeinden meint, denn es heißt in dem besagten Artikel aus dem Botschafter auf Seite 57 weiter:

Ferner 1. Kor. 5, 11: „Nun aber habe ich euch geschrieben: keinen Verkehr zu haben, wenn jemand, der Bruder genannt wird, ein Hurer, oder Geiziger, oder Götzendiener, oder Lästerer, oder Trunkenbold, oder Räuber ist, – mit einem solchen selbst nicht zu essen.“ – Brüder aber wurden von ihnen alle diejenigen genannt, mit denen sie in kirchlicher Gemeinschaft waren. – Wir lesen weiter in 2. Kor. 6, 14. 15: „Seid nicht in einem ungleichen Joch mit den Ungläubigen! Denn welche Genossenschaft hat Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit? Und welche Gemeinschaft hat Licht mit Finsternis? Und welche Übereinstimmung hat Christus mit Belial? Oder welches Teil hat der Gläubige mit dem Ungläubigen?“

Damit ist doch völlig klar, dass der Schreiber im Botschafter nicht einfach alle Kirchen und Gemeinden meint. Er ergänzt sogar noch: „Eine solche Gesinnung bewahrt uns vor Überhebung, vor einem Zustand, in welchem Gott nicht mit uns sein kann und uns segnen kann.“ Und dann soll eben dieser Schreiber mit seinen Ausführungen pauschal alle Kirchen und Gemeinden als „Übel“ oder „Böse“ bezeichnen? Das ist doch völlig abwegig.

Muss man „das große Haus“ verlassen, um sich allein zum Namen Jesu versammeln zu können?

Auf Seite 27 schreibt Ebert und zitiert dabei Darby (in Anführungszeichen):

In 2. Timotheus 2,20.21 […] erscheint sie [die Gemeinde] so von Weltlichkeit durchsetzt, so dass nur noch die Flucht hilft. Heraus aus dieser Kirche, die verworfen ist. So wurde nach Meinung Darbys auch diese Haushaltung noch zu Lebzeiten des Apostels Paulus zerstört. „Als die Kirche gerade in ein großes Haus entartete, verließen sie alle den Apostel (Paulus). Der Apostel, abgerufen von Gott, verlässt sein nicht mehr anwendbares Apostelamt. Er hat den guten Kampf gekämpft …“ [„Remarks on 2 Timothy“ in Collected Writings of J.N. Darby, Bd. 20, S. 370]. Damit ist erwiesen, dass die neutestamentliche Kirche den Weg aller anderen Heilsökonomien gegangen ist. Sie ist zerstört und nicht wieder reparierbar. Die Lösung liegt allein darin, das „große Haus“ zu verlassen und sich allein zum Namen Jesu hin zu versammeln. (KfG 2/15, S. 27)

Wer von den „Brüdern“ hat jemals gelehrt, die Lösung liege allein darin, „das ‚große Haus‘ zu verlassen und sich allein zum Namen Jesu hin zu versammeln“? Es dürfte schwierig sein, für diese Behauptung eine Quelle zu finden. Wir konnten diese Lehre weder bei Darby noch bei den frühen „Brüdern“ finden. Auch kennen wir keine heute noch lebenden Bibellehrer aus der Brüderbewegung, die so etwas lehren. Wer das „große Haus“ des Christentums verlässt, ist damit vom Christentum abgefallen. Niemals kann das die Lösung sein. Sich von den „Gefäßen zur Unehre“ innerhalb dieses Hauses wegzureinigen ist dagegen schriftgemäße Lehre (vgl. 2Tim 2).

Kombiniert Darby eine Haushaltung mit einem Bund?

Kommen wir jetzt zu Eberts Hauptargument, mit dem er beweisen will, dass Darbys Verfallslehre falsch ist. Und auch hier müssen wir wieder vorab sagen: Wenn man so weitreichende Äußerungen macht, wäre es da nicht zwingend erforderlich, die Quellschriften zu kennen?

Auf Seite 25 führt Andreas Ebert eine Tabelle mit den Haushaltungen auf. Die eine Spalte listet die Haushaltungen auf, wie Darby sie angeblich einteile, die andere Spalte listet die Haushaltungen auf, wie sie in dem Buch Grundzüge biblischer Offenbarungen (Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg) eingeteilt werden und wie man sie in der heutigen Zeit meistens einteilt.

Diese Tabelle zeigt Bruder Eberts Missverständnis in Bezug auf das, was Darby wirklich gelehrt hat. Zum einen nennt Darby die Zeit von Adam und Eva überhaupt nicht Haushaltung. Er schreibt vielmehr:

Der paradiesische Zustand kann vielleicht nicht passenderweise als Haushaltung im Sinne des Wortes bezeichnet werden; aber im Hinblick auf das allgemeine Versagen des Menschen ist er ein bedeutendes Beispiel.
The paradisaical state cannot properly perhaps be called a dispensation in this sense of the word; but as regards the universal failure of man, it is a most important instance.
(Aus „The Apostasy of the Successive Dispensations“, in Collected Writings of J.N. Darby, Bd. 1, S. 125)

Selbst die Zeitperiode der Gemeinde hält Darby nicht für eine Haushaltung im klassischen Sinn.

Die Gemeinde ist im eigentlichen Sinn keine Haushaltung.
The church is not, properly so called, a dispensation.
(Aus „Notes on the Apocalypse gleaned at lectures in Geneva, 1842“, in Collected Writings of J.N. Darby, Bd. 5, S. 15)

Genau genommen ist die Gemeinde, der Leib Christi keine Haushaltung. Sie gehört nicht zur Erde; es gibt allerdings eine Ordnung von Dingen, die damit in Verbindung steht, während sie hier auf der Erde weilt – eine Ordnung, deren Existenz mit der Verantwortlichkeit der Gemeinde in Verbindung steht.
The Church, properly speaking, the body of Christ, is not a dispensation, it does not belong to the earth; but there is an order of things connected with it during its sojourning here below—an order of things whose existence is linked with the Church's responsibility.
(Aus „An appeal to the conscience of those who take the title of "Elders of the Evangelical Church at Geneva"; and a reply to one of them “, in Collected Writings of J.N. Darby, Bd. 4, S. 328)

Des Weiteren findet man in Darbys Schriften nichts darüber, dass er eine Haushaltung mit einem Bund mit Noah, Abraham oder am Sinai verbindet. Auf diesen Zusammenhang ist jedoch der ganze Artikel von Andreas Ebert aufgebaut. Wird dieser Punkt widerlegt, greift die ganze Argumentation des Artikels ins Leere. Eine Haushaltung, so wie Darby sie verstand, wird nicht durch einen Bund bestimmt, sondern durch gewisse Verhaltensweisen, nach denen Gott in den jeweiligen Haushaltungen mit den Menschen handeln wollte. Das war bei Noah die in die Hände des Menschen gelegte Regierung, bei Abraham souveräne Berufung und bei Israel das Gesetz. Darby zeigt, dass der Mensch schon kurze Zeit nachdem Gott solch einen Grundsatz aufgerichtet hatte, versagte. Wir haben nahezu alle englischen Schriften von Darby digital durchsucht und einen Zusammenhang von Bund und Haushaltung nicht finden können. Wir können nur vermuten, dass Andreas Ebert seine Schlussfolgerungen aus dem gezogen hat, was andere über Darbys Lehre geschrieben haben, zum Beispiel Joachim Orth in der Zeitschrift Die Botschaft. Denn Ebert schreibt auf Seite 25:

Darby ordnete die Heilsepochen anders, als es heute üblich ist. Er orientierte sich hauptsächlich an den Bundesschlüssen und nahm eine entsprechende Einteilung vor. (KfG 2/15, S. 25)

Hier verweist Ebert in der Fußnote auf Broadbent und auf die Zeitschrift Die Botschaft aus dem Jahr 1977. In dieser Zeitschrift schreibt Orth in seinem Artikel „John Nelson Darby: Seine Sonderlehren und deren Folgen“ unter anderem:

Er [Darby] ging davon aus, dass die Heilsgeschichte in verschiedene Epochen bzw. „Haushaltungen“ oder „Ökonomien“ eingeteilt werden kann. Wie nun das Versagen des Menschen durch den Sündenfall die Zerstörung jener ersten Haushaltung nach sich zog, so sei dieser Verfall in jeder nachfolgenden Epoche eingetreten: in der Haushaltung des Noahbundes, des Abrahambundes, des Bundesschlusses am Sinai und in der seit Pfingsten bestehenden christlichen Kirche.

Wenn auch Darby selbst die Haushaltungen nicht mit den Bundesschlüssen verknüpft hat, so formuliert selbst Orth viel allgemeiner als Ebert: Er verbindet die Haushaltungen zwar selbst mit den verschiedenen Bundesschlüssen, behauptet aber nicht, dass Darby dies so getan habe, und spricht, anders als Bruder Ebert in seinem Artikel, auch nicht davon, dass ein Bund „zerstört“ worden sei.

Broadbent beschreibt in seinem Buch Gemeinde Jesu in Knechtsgestalt (The Pilgrim Church) Darbys Lehre vom Versagen des Menschen in den Haushaltungen, ohne diese Haushaltungen in irgendeiner Weise mit einem Bund zu verknüpfen:

Beispiele für dieses Versagen am Anfang der Haushaltungen sind Noahs Trunkenheit, Abrams Hinabgehen nach Ägypten und seine Verleugnung Saras, die Aufstellung des Goldenen Kalbes durch das Volk. (S. 363)

Andreas Ebert behauptet also, dass nach Darby der Bund mit Noah, der Bund mit Abraham und der Bund vom Sinai „zerstört“ worden seien; doch solch eine Aussage liest man bei Darby nirgends. Wir fragen uns dann schon, wie man einem – wie Ebert selbst schreibt – „herausragenden Vater der Brüderbewegung“ so eine falsche Lehre in den Mund legen kann.

Dass Darby eine Haushaltung nicht mit einem Bund verknüpft und schon gar nicht sagt, dass jener Bund durch das Versagen des Menschen „zerstört“ oder „aufgehoben“ worden sei, wollen wir am Beispiel Noahs deutlich machen. Darby argumentiert wie folgt (vgl. z.B. Collected Writings of J.N. Darby, Bd. 1, „The Apostasy of the Successive Dispensations“, S. 125; Bd. 19, „Abram“, S. 122): Die Bedingungen der Regierung waren Noah mitgeteilt worden in den Worten: „Und wahrlich, euer Blut, nach euren Seelen, werde ich fordern; von jedem Tier werde ich es fordern, und von der Hand des Menschen, von der Hand eines jeden, seines Bruders, werde ich die Seele des Menschen fordern. Wer Menschenblut vergießt, durch den Menschen soll sein Blut vergossen werden; denn im Bild Gottes hat er den Menschen gemacht“ (1Mo 9,5.6). Böses sollte also vom Menschen geurteilt werden, damit es im Zaum gehalten und so das Ausufern des Bösen, wie es sich vor der Sintflut entwickelt hatte, verhindert würde. Doch der Mann, dem es zunächst in die Hand gegeben worden war, diese Regierung zu übernehmen, konnte noch nicht einmal sich selbst regieren, und die Folge war das Verderben in seiner eigenen Nachkommenschaft. Um zu zeigen, dass diese Haushaltung völlig im Götzendienst endete, weist Darby auf Josua 24,2 hin, wo wir diesen Gedanken bestätigt finden: „Und Josua sprach zum ganzen Volk: So spricht der HERR, der Gott Israels: Eure Väter wohnten vor alters jenseits des Stromes, Tarah, der Vater Abrahams und der Vater Nahors, und sie dienten anderen Göttern.“ Auch Ebert wird sicher nicht leugnen können, dass diese Haushaltung im völligen Verfall endete, so dass Gott allein Abraham, „den Einen“ aus der ganzen Masse, auserwählte, damit er Träger des Zeugnisses Gottes auf der Erde würde (vgl. Jes 51,2).

Um noch einmal auf Noah zurückzukommen: Ebert will das, was er selbst „Vollrausch“ nennt (S. 26), nicht als klare Sünde bezeichnen – nur weil Noahs Verhalten an dieser Stelle nicht von Gott gerügt oder getadelt wird. Aber auch wenn Gott das Verhalten von Noah an dieser Stelle in der Schrift nicht verurteilt, so verurteilt Er doch das Verhalten seiner Söhne. Und beachten wir: Der Bund wurde nicht allein mit Noah geschlossen, sondern mit „Noah und seinen Söhnen“ (1Mo 9,8.9). Dass Gott die Sünde der Söhne verurteilte, gesteht Ebert ein, wenn er schreibt: „Mit Gericht belegt wird nur der taktlose Umgang des Sohnes mit der Nacktheit des Vaters“ (S. 26). Demnach müsste er auch konsequenterweise in seiner Tabelle auf Seite 26 bei der Haushaltung unter Noah ebenfalls ein „Ja“ eintragen (bei „Bestätigung der Sünde“), wenn er die Haushaltungen unbedingt mit einem Bund verbinden möchte.

Die gleiche Herangehensweise findet man dann auch bei dem Bund mit Abraham und dem Bund vom Sinai:

  • Zu der Haushaltung, die mit Abraham eingeführt wurde:
    Bei Abraham argumentiert Ebert ebenso, wie er bei Noah argumentiert: Weil Abraham nicht unmittelbar von Gott getadelt wird, dürfe seine Lüge nicht als Sünde bezeichnet werden. Und weil Ebert behauptet, eine Haushaltung sei (nach Darby) dadurch gekennzeichnet, dass sie mit einem Bund verknüpft ist und dass dieser zerstört wird, will er auch hier beweisen, dass dieser Bund nicht zerstört wird und dass Darby also Unrecht habe – als hätte Darby den Römerbrief und insbesondere den Galaterbrief, wo wir ja lesen können, dass dieser Bund nicht zerstört ist, nicht gelesen.
    Andreas Ebert hat sich vermutlich gar nicht die Mühe gemacht, zu lesen, wie Darby begründet, dass Abraham gegenüber den Bedingungen der Haushaltung, die mit ihm begonnen hat, versagt. Die Bedingungen der Haushaltung damals waren Abrahams souveräne Berufung durch Gott, der sich dafür verbürgt hatte, für den Segen Abrahams zu sorgen. Gott hatte gesagt: „Ich werde, … ich will, … ich will …“ Abraham seinerseits sollte sein völliges Vertrauen auf Gott setzen; er versagt jedoch darin und sagt quasi: Mein Leben hängt von Sara ab (1Mo 12,13). Die direkte Folge war: Statt dass Gottes Verheißung sich erfüllt – „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf der Erde!“ (1Mo 12,3) –, werden die Geschlechter der Erde jetzt „mit großen Plagen“ geschlagen (1Mo 12,17). Das alles geschah, lange bevor Gott einen Bund mit Abraham schloss.

  • Zu der Haushaltung, die mit dem Gesetz eingeführt wurde:
    Ebert schreibt auf Seite 27: „In den Bund war der Umgang mit Sünde eingewoben.“ Das ist völlig falsch. In diesem Bund, den Gott in 2. Mose 20 mit seinem Volk geschlossen hatte, war keine Hilfe/Lösung/Sühnung für Sünde vorgesehen. Das Leben hing von dem Halten des Gesetzes ab. Erst nach dem Fall des Volkes beim goldenen Kalb ließ Gott sich herab, in Barmherzigkeit sein Volk doch nach Kanaan zu führen. Aber selbst das hatte nichts mit dem Bund zu tun.
    Aber auch hier gilt wieder, dass Darby gar nichts an dem Bund festmacht. Vielmehr geht es um den Grundsatz „Gehorsam gegenüber dem Gesetz“ als Voraussetzung für das Leben. Diesen Grundsatz hatten die Israeliten schon gebrochen, bevor Mose mit den Einzelheiten des Gesetzes vom Berg wieder herunterkam. Was die Dauer dieser Epoche angeht, so schreibt Darby: „Thus failed the law—thus failed the priesthood, as all else, however God might carry it on in patience and mercy for a time, ‘till there was no remedy.“ (So versagte das Gesetz – so versagte das Priestertum, wie alles andere, doch Gott würde es eine Zeitlang weiter tragen würde in Geduld und Barmherzigkeit, ‚bis dass keine Heilung mehr war‘ [2Chr 36,16]). Darby schreibt also von dem Gegenteil eines sofortigen Endes.

Wir müssen leider sagen, dass hier vielleicht unbewusst – das wollen wir Bruder Ebert zugutehalten – ein Pappkamerad nach dem anderen aufgebaut wird, den man anschließend mit Leichtigkeit abschießen kann. Jeder, der einmal Schriften von Darby gelesen hat, fragt sich, wie ein Lehrbruder vom Format eines John Nelson Darby so einen Unsinn lehren konnte. Die Auswirkungen sind derart, dass damit ein Bruder in Verruf gebracht und das Vertrauen in weitere Schriften von ihm zerstört wird.

Schlussgedanken

Wir könnten noch andere Ungereimtheiten in Bruder Eberts Artikel aufzählen, aber wir belassen es bei dieser Zusammenstellung. Wir haben versucht, möglichst sachlich nachzuweisen, dass Eberts Herangehensweise nicht trägt. Außerdem weist der Artikel einen Mangel an notwendigen Recherchen auf, wenn man scheinbar falsche Lehre von Brüdern aufdecken möchte. Und zudem werden Lehren in den Mund von Brüdern und einer ganzen Bewegung gelegt, die so nie gesagt worden sind – zumindest nicht von namhaften Vertretern dieser Bewegung. Wir wollen es noch einmal wiederholen: Sicher kann man zu bestimmten lehrmäßigen Fragen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, aber biblische Lehren mit aus der Luft gegriffenen Argumenten zu leugnen und „herausragende Väter der Brüderbewegung“ in Verruf zu bringen, empfinden wir nicht als fair.

In der Vergangenheit hat man uns öfter vorgeworfen, wir wären die Rechtsanwälte von John Nelson Darby. Das sind wir sicherlich nicht, wir haben nur sehr oft entdeckt, dass man diesem Diener Gottes die ganze heutige Misere der Brüderbewegung anlasten möchte. John Nelson Darby war sicherlich nicht vollkommen und der eine oder andere Punkt mag auch einen Einfluss auf die heutigen Probleme haben. Dennoch geht man häufig mit der Kritik zu weit, versteht Darbys Schriften nicht, hat sie nicht einmal gelesen oder redet Dinge nach, die andere über ihn verbreitet haben, ohne sie zu überprüfen. Oft fällt es schwer, die Lehre eines Bruders zu widerlegen, und so beschränkt man sich darauf, den Bruder selbst in Verruf zu bringen. Das ist in der Welt gang und gäbe, aber als Christen sollten wir uns daran nicht beteiligen.

Dennoch möchten wir darauf hinweisen, dass wir diesen Artikel nicht schreiben, weil wir einen Bruder verteidigen möchten, dessen Schriften und Wandel wir sehr schätzen. Vielmehr geht es darum, dass aus unserer Sicht in dem Artikel von Andreas Ebert schriftgemäße biblische Lehre (das Wesen der Gemeinde, der Verfall der Gemeinde und die Aufrechterhaltung der Ordnung in der Gemeinde) verwässert und falsche Wegweisung gegeben wird. Unsere Sorge ist, dass aufgrund derartiger Artikel, wie von Bruder Ebert, andere Christen oder Gemeinden weitreichende Konsequenzen ziehen, die dem entgegenwirken, was der Herr sich für seine Gemeinde vorgenommen hat.

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