„Zehnmal besser“
Menschliche oder göttliche Erkenntnis?

Frank Binford Hole

© SoundWords, online seit: 17.08.2017, aktualisiert: 20.11.2017

In der heutigen Zeit[1] legt man großen Wert auf Bildung und Wissen. Akademische Ausbildung und akademisches Wissen seien von allergrößter Wichtigkeit, behauptet man, und an den Universitäten und technischen Hochschulen würden nicht genug Wissenschaftler und Forscher ausgebildet, die in der Lage seien, auf den Gebieten menschlichen Wissens und menschlicher Entdeckungen zu arbeiten, die sich in den ersten fünfzig Jahren des 20. Jahrhunderts aufgetan haben.

Die Älteren unter uns können beurteilen, wie gewaltig der Fortschritt gewesen ist, und die Jüngeren, die in eine Welt hineingeboren wurden, wo diese erstaunlichen Erfindungen gewöhnliche Dinge geworden sind, zittern vielleicht bei dem Gedanken daran, was noch auf uns zukommen kann. Böse gesinnte Menschen können nun leicht in gewaltigem Maßstab Leben und Eigentum vernichten. Solche Menschen gab es schon immer in dieser sündigen Welt, und auch heute gibt es sie.

In unserer Bibel[2] kommt das Wort „Wissen“ nur zweimal vor, einmal im Alten und einmal im Neuen Testament; und beide Vorkommen sind sehr lehrreich für uns[3]. Vor 2500 Jahren standen Bildung, Wissen und Erkenntnis im alten Babylon in hohem Ansehen. Das Wissen damals unterschied sich zwar von unserem Wissen heutzutage, doch die Babylonier konnten auf ihren Gebieten große Errungenschaften vorweisen. Ein Freund von mir, der vor einigen Jahren die Ruinen von Babylon besuchte, zeigte uns auf einem Bild, wie die Stadt – laut modernen Architekten, die die Ruinen untersucht haben – ausgesehen haben muss. Danach kann wohl keine Stadt unserer Zeit die Pracht und Herrlichkeit Babylons erreichen.

In dieses prachtvolle Schatzhaus wurden die gefangenen Juden gebracht – unter ihnen Daniel und seine drei Freunde, wie wir in Daniel 1,3-6 lesen. Sie waren auserwählte „Jünglinge, an denen keinerlei Fehl war und die schön von Aussehen und unterwiesen in aller Weisheit und kenntnisreich [AV: understanding science] waren, um im Palast des Königs zu stehen und dass man sie die Schriften und die Sprache der Chaldäer lehre“. Der große König Nebukadnezar beabsichtigte, aus seinen Gefangenen all den Nutzen und Fortschritt herauszuholen, den ihr Wissen und Können hervorbringen konnte. Darin gleicht er den Staatsführern unserer Zeit.

Die Verse in Daniel 1,8-16 zeigen, dass die dreijährige schulische und fachliche Ausbildung auch die Verpflegung der Freunde umfasste: Sie sollten von der Tafel des Königs speisen. Diese Speise war zweifellos mit götzendienerischen Riten verbunden, die der König praktizierte.  Daniel und seine Freunde lehnten deshalb diesen Luxus ab und gaben sich mit der einfachsten Nahrung zufrieden. Gott ehrte ihre Absonderung in dieser Angelegenheit und „gab ihnen Kenntnis und Einsicht in aller Schrift und Weisheit“ (Dan 1,17). Ihr „Wissen“, die „Kenntnis“, die sie besaßen, erhielten sie nicht von Menschen, sondern von Gott.

Der Tag kam, als sie zusammen mit anderen vor den König gebracht wurden, damit ihr Wissen geprüft wurde. Nebukadnezar stellte fest, dass „sie zehnmal allen Wahrsagepriestern und Sterndeutern überlegen waren, die in seinem ganzen Königreich waren“ (Dan 1,29). Vieles von dem „Wissen“ Babylons erlangte man durch verschiedene Künste, wodurch die Menschen mit dämonischen Mächten in Verbindung traten. Daniel und seine Freunde standen also im Wettbewerb mit einer „Kenntnis“, die aus satanischen Quellen stammte oder auch aus der Klugheit des Menschen. Und das Zeugnis über die vier Freunde, das sogar ein heidnischer König ablegte, lautete: Das Wissen und die Erkenntnis und die Weisheit, die von Gott kommen, sind „zehnmal besser“.

Die Kenntnis, das Wissen, das Gott Daniel gegeben hatte, war beträchtlich, wie wir in Daniel 2 lesen. Weil er sein Wissen von Gott empfangen hatte, war er fähig,  dem König nicht nur seinen Traum zu offenbaren, sondern auch dessen Bedeutung. Daniel umreißt den gesamten Verlauf, den die Herrschaft der heidnischen Nationen auf der Erde nehmen würde, sowie ihr katastrophales Ende, wenn der Gott des Himmels sein Königreich aufrichten würde, das niemals zerstört werden wird. In ein solches Wissen wird menschliche Spekulation und Überlegungen niemals eintreten.

Dennoch geht die [geistliche] Erkenntnis, die heute dem einfachsten Christen frei zugänglich ist, weit hinaus über das, was Gott damals dem Daniel offenbarte. Wir haben diese Erkenntnis in und durch unseren Herrn Jesus Christus. In Ihm haben wir ein Wissen, eine Kenntnis der höchsten und himmlischen Art, die wir als Frucht göttlicher Offenbarung haben und nicht als Frucht menschlicher Erforschung: eine Erkenntnis, die unermessliche Segnungen geistlicher Art verleiht, so wie der Apostel Petrus schreibt: „Gnade und Friede sei euch vermehrt in der Erkenntnis Gottes und Jesu, unseres Herrn“ (2Pet 1,2). Der Psalmdichter konnte sagen: „Mehr Einsicht habe ich als die Alten [AV: ‚als alle meine Lehrer‘], denn deine Zeugnisse sind mein Sinnen“ (Ps 119,99). Wenn dies damals für den Psalmisten galt, wie viel mehr gilt es in unseren Tagen denen, die über die neutestamentlichen Schriften nachsinnen.

Im Neuen Testament kommt das Wort „Wissen“ im Zusammenhang mit einer Ermahnung vor. Sobald die wahre Kenntnis über Gott offenbart worden war, begann der Feind sogleich damit, sie zu verderben. Deshalb sagt der Apostel Paulus dem Timotheus, er solle „das anvertraute Gut bewahren, indem du dich von den ungöttlichen, leeren Geschwätzen und Widersprüchen der fälschlich sogenannten Kenntnis wegwendest“ (1Tim 6,20). Das griechische Wort gnosis, das hier mit „Kenntnis“ [in der AV mit science] übersetzt wird, ist das übliche Wort für „Kenntnis“, „Wissen“. Der Apostel Johannes bezieht sich in seinen Briefen ganz besonders auf die sogenannten Gnostiker. Dieses Wort bedeutet „die Wissenden“, da ihre Bezeichnung von dem Wort gnosis [„Wissen, Erkenntnis“] abgeleitet war. Die Gnostiker waren die Ersten, die den Glauben zerstörten.

In jenen Tagen gab es natürlich eine „Erkenntnis“ nach der Art der Athener, wie wir in Apostelgeschichte 17 lesen. Sie waren stets auf der Suche nach „etwas Neuem“ (Apg 17,21) und ergänzten oder änderten dann ihre eigenen Philosophien je nach dem „Neuen“ ab. Das, was Paulus mit von Gott gegebener Zusicherung predigte, war „zehnmal besser“ als alles, was die Athener Philosophen vorweisen konnten. Doch Timotheus wurde vor einer noch verführerischeren Art von „Kenntnis“ gewarnt. Die damaligen Gnostiker kamen unter dem Deckmantel eines christlichen Bekenntnisses. Die Apostel unseres Herrn, so wie Petrus und Johannes, waren „ungelehrte und ungebildete Leute“ (Apg 4,13). Deshalb konnten die Gnostiker behaupten, dass sie selbst eine verfeinerte und gebildetere Version des christlichen Glaubens anzubieten hatten und dass das, was sie vertraten, tatsächlich etwas „Gelehrtes“ war.

Warum sollten wir über solche Dinge überhaupt nachdenken? Weil „Wissen“, „Kenntnis“ einer falschen Art heutzutage sehr modern ist, und ihr Ausmaß ist zehnmal größer als zu Daniels Zeiten. Natürlich gibt es heute viel Wissen und Kenntnis, die gesund und nachweislich richtig und wahr ist. Von dieser Kenntnis reden wir hier nicht, sondern wir reden von einer anderen Kenntnis, die nichts anderes ist als spekulative, erdachte Philosophie. Und viele religiöse Sekten sind abgekommen von dem, „was von Anfang an war“ (1Joh 1,1) und was die Apostel bezeugt haben.

Der Überrest der Juden, der nach Jerusalem zurückgekehrt war, erhielt von dem Propheten Haggai die Zusage, dass Gottes Wort und sein Geist in ihrer Mitte blieb. Dies lesen wir in Haggai 2,5. Heute ist es – Dank sei Gott – dasselbe, nur in einem viel größerem Maß. Möchten alle Leser mit neuem Eifer die Heilige Schrift lesen und studieren und auch vermehrt empfinden, dass sie abhängig sind von der Belehrung des Heiligen Geistes, der heute in ihnen wohnt.

Wenn wir dies tun, werden wir entdecken, dass wir Einsicht und wahre Erkenntnis besitzen werden, die „zehnmal besser“ ist als all die Erkenntnis, die wir aus anderen Quellen schöpfen.

 

Anmerkungen d. Üb.:

[1] Der Artikel stammt aus der Mitte der 1950er Jahre.

[2] Gemeint ist die Authorized Version (AV) der King James Bible.

[3] Hole bezieht sich hier auf das Wort science, das in Daniel 1,4 (understanding science) und in 1. Timotheus 6,20 vorkommt. Das englische Wort science kann sowohl „Bildung“, „(akademisches) Wissen“ als auch „(Natur-)Wissenschaft“ bedeuten. In der Elberfelder Übersetzung (CSV) steht im Buch Daniel „kenntnisreich“, im Timotheusbrief „Kenntnis“ (in der Fußnote „Wissen“).


Originaltitel: „Ten Times better“
aus Scripture Truth, Bd. 39, 1956–8, S. 197-199


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